
Beste Reportage
Geschlossene Wohngruppen gelten als letzter Ausweg in der Jugendhilfe. Doch was passiert hinter Panzerglastüren, die sich nur von außen öffnen lassen? Julia Kopatzki vom SPIEGEL erzählt in „Darf ich raus?“ vom Alltag in der Niefernburg, einem Ort für Mädchen, die zu gefährlich für sich selbst sind – und für ihr Umfeld. Maya, Charlotte, Emilia: Jugendliche zwischen 13 und 16, die fliehen, kämpfen, abstürzen und sich fragen: Was stimmt nicht mit mir? Und kann man jemandem wie mir überhaupt helfen? Julia Kopatzki hat sie über ein halbes Jahr begleitet, kam, bevor sie aufwachten und ging, nachdem die Erzieher:innen sie zu Bett schickten. Sie sprach mit ihnen allein und mit ihren Therapeuten. „Ich wollte verstehen, wie der Alltag der Mädchen aussieht. Ob ihnen dort geholfen wird, wie das geht“, sagt Julia Kopatzki. “Leicht und humorvoll” habe Julia Kopatzki dieses "schwere Thema" erzählt, lobte die Jury.
Beste Lokalreportage
Was darf man noch sagen – vor allem, wenn es rechte Narrative bedient? Das fragt sich Manuela Müller in ihrem Text “Die dunkle Seite des Schenkens” für die Freie Presse. Müller erzählt von einer Geschenkaktion der Zwickauer Tafel. Sie beschreibt den Frust der Ehrenamtlichen über mangelnde Wertschätzung, auch durch Tafelgäste mit Migrationsgeschichte, und fragt: Müssen Beschenkte grundsätzlich dankbar sein? Sie spricht aus, wovor sich viele andere scheuen und macht aus einer winzigen Geschichte eine große – die perfekte Lokalreportage. Feine Recherche, angemessen dosierte Reflexionselemente, brüllend komisch aufgeschrieben innerhalb einer knappen Woche: Manuela Müller ist eine Reporterin mit Klasse.
Bester Newcomer-Text
In “Das Dorf der Unbeugsamen” erzählt Jonas Waack für die taz von der Ortschaft Kieve in Mecklenburg-Vorpommern. Anders als im Umland ist die AfD dort bei der Bundestagswahl nicht stärkste Kraft geworden. Viele sehen das als Verdienst der Bürgermeisterin, die Umwelt- und Kulturprojekte organisiert und den Austausch im Ort fördert. Der Text macht das Dorf verständlich. Das in nur zwei Tagen Recherche zu schaffen, ist echtes Talent. An Haustüren zu klingeln, ohne zu wissen, wer sich dahinter verbirgt, erfordert Mut. Zusätzlich sendet der Text durch die beschriebene politische Widerstandskraft von Kieve ein wichtiges politisches Signal: Es gibt noch Hoffnung da draußen.
Bester Podcast
In “Irma. Das Kind aus Srebrenica” (ZEIT) von Simone Gaul und Bastian Berbner werden Chaos und Schrecken des Krieges plastisch. Irma wurde als Baby im Bosnienkrieg ihrem Vater entrissen. Anhand ihrer Geschichte wird erlebbar, was Krieg mit Menschen macht. Der Podcast mutet den Hörern moralische Dilemmata zu - in einer Situation, in der es nur Verlierer gibt. Durch die multiperspektivische Erzählweise setzt er schnellen Urteilen menschliche Tiefenschärfe entgegen. So ermöglicht er Empathie, ohne dass aus den Augen gerät, welche Grausamkeiten verübt wurden. Durch seine hohe emotionale Bindung entfaltet der Podcast eine tiefe Intensität. Transparent, klar und glaubhaft erzählen die Autoren Irmas Geschichte.
Bestes Interview
Ein Präsident, der gewohnt ist, die Bühne zu dominieren. Ein Journalist, der hartnäckig bleibt. Und ein Gespräch, das sich zu einem Schlagabtausch entwickelt: Michael Martens’ Interview mit dem serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić „Das habe ich nie gesagt“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zeigt, wie sorgfältige Vorbereitung und konsequentes Nachfragen populistische Widersprüche sichtbar machen können. Die Jury diskutierte das ungewöhnliche Setting: Vučić hatte sich nach kritischer Berichterstattung selbst zu dem Gespräch eingeladen und stellte die Frage, wie viel Bühne man einem populistischen Staatschef geben sollte. Überzeugt hat die herausragende Reporterleistung: Martens’ Expertise in der Region, sein Mut, ein solches Gespräch trotz möglicher Repressionen zu führen, und seine präzisen, teils ironischen Nachfragen. Die Jury sieht in dem Interview einen Moment journalistischer Ermächtigung mit Vorbildcharakter.
Datenjournalismus/Multimedia
Wenn journalistische Aufklärung an fehlenden Daten scheitert, entstehen blinde Flecken. Einen solchen machen Elisabeth Raether, Annick Ehmann, Tamara Fleisch und Dana Hajek sichtbar. Ihr ZEIT-Projekt „Und dann malt er ein Herz aus ihrem Blut ans Fenster“ erschließt erstmals eine belastbare Datengrundlage zu Femiziden in Deutschland, die Motiv, Tathergang und Tatwaffe zu einem präzisen Gesamtbild zusammenführt. Die Jury überzeugte die sachliche, genaue Erzählweise, deren bewusst gesetzte Nüchternheit schmerzt – und schmerzen soll. Gerade der Verzicht auf jede Dramatisierung verleiht dem Projekt enorme Kraft. Die multimediale Umsetzung verstärkt diese Wirkung, indem sie Leser Schritt für Schritt durch die Fälle führt und der aufwändigen Recherche eine eindringliche, verantwortungsvolle Form gibt.
Beste Investigation
Eine Truppe aus Agenten und Hobbytauchern zerstört 2022 die Nord-Stream-Pipelines. Ein gigantischer Sabotageakt, dem ein Team des SPIEGEL akribisch hinterher recherchierte: Jörg Diehl, Roman Höfner, Martin Knobbe, Roman Lehberger, Fidelius Schmid, Thomas Schulz, Wolf Wiedmann-Schmidt und Anika Zeller. Nach zwei Jahren konnte das Recherche-Team die ukrainischen Verantwortlichen identifizieren. Der Angriff auf Nord-Stream ist ein Thema, das jeder kennt, doch nie wurde die Geschichte so genau und minutiös nacherzählt – drehbuchartig, packend wie ein Krimi. Der Text ”Wie ein ukrainisches Geheimkommando Nord Stream sprengte” ist laut Jury “eine wahnsinnige Leistung”, eine Geschichte, die nachhallen wird.
Beste Wissenschaftsreportage
Der Berg über einem Schweizer Dorf wankt, weil mit dem Klimawandel der Permafrost taut. Wasser dringt ins Innere der Alpen und sprengt Felswände. Die Dorfbewohner unterhalb des Berges streiten, ob sie die Gefahr ignorieren oder ihre Heimat aufgeben sollen. Sprachgewaltig hat Matthias Thome für GEO mit „Das Bersten der Berge“ vorbildhaften Klimajournalismus gemacht, meint die Jury. Eine beeindruckende und präzise Erzählung über viele Kubikmeter Felsmasse und die Frage, wie der Mensch mit Risiken umgeht.
Beste freie Reportage
Weit im Norden, im Arktischen Ozean, tobt ein neuer kalter Krieg. Aufgrund eines Sonderrechts durfte die Sowjetunion Ortschaften auf dem Gebiet des Nato-Staates Norwegen errichten, über Jahrzehnte wurde Spitzbergen zu einer Insel der Völkerverständigung. In „Spitzbergen ist der nördlichste Ort der Welt, an dem Menschen wohnen“ zeigt Nik Afanasjew, wie Norweger und Russen sich dort seit dem Krieg in der Ukraine immer weiter voneinander entfernen. Für DIE ZEIT fuhr Afanasjew als freier Reporter zwei Mal vorbei an polarblau schimmernden Eisschollen und wurde Zeuge, wie Misstrauen einstige Orte des Miteinanders zerfrisst. Die Jury lobte die Wahl des überraschenden Ortes, an dem große Politik auf kleiner Bühne ausgetragen wird und die Fähigkeit des Autors, anhand von Details wie dem Streit um ein russisch-orthodoxes Holzkreuz eine packende Geschichte zu erzählen.
Beste Kulturreportage
Philipp Daum zeigt in seinem Text in DIE ZEIT, was wir von einem vor Tausenden Jahren ausgestorbenen Volk über unsere Gegenwart lernen können. Die Hethiter entdeckte er bei seiner Recherche zu Studiengängen, die abgeschafft werden sollen. „Wer sich mit ihnen auseinandersetzt, lernt Demut", schreibt Daum. So waren es die Hethiter, die den ersten überlieferten Friedensvertrag verhandelten. Die Reportage “Sie erlaubten Scheidungen und liebten gutes Brot“ blickt inmitten der aktuellen Krisen zurück, um angesichts der sich wiederholenden Geschichte Gelassenheit zu finden. Die Jury lobte die genauen Beobachtungen und den liebevollen Blick auf die Protagonisten. Es sei ein Kunststück, eine Nische auf so unterhaltsame Weise zu durchdringen.
Bestes Essay
Der Autor Elia Blülle beschäftigt sich in seinem Essay „Wo es wehtut“ mit dem viel diskutierten Rechtsruck junger Männer. Im Schweizer Onlinemagazin Republik schreibt er: „Wir reden über diese vermeintlich abgehängten, verblendeten und ach so toxischen Jungs, als wären sie gelbgrüne Aliens“, um sich dann zu fragen: Was hat das mit mir zu tun? Sein Text handelt von seiner Jugend in der Schweiz der Nullerjahre, von Mitäufertum, Einschüchterung und toxischen Männlichkeitsbildern. Der Jury imponierte besonders der Perspektivwechsel auf ein Thema, das zumeist aus der Außenperspektive behandelt werde. Statt mit Entsetzen auf das Phänomen zu blicken, gelinge es dem Autor, den zugrundeliegenden Gedanken- und Gefühlskomplex mitfühlend aufzuschließen: Mutig, nötig und großartig geschrieben, urteilte die Jury.
Seit 2009 verleihen wir am ersten Montag im Dezember den Reporter:innen-Preis - aktuell in zwölf Kategorien, von Reportage bis Investigation, von Essay bis Datenjournalismus. Inzwischen ist der schwere Messingstift - er erinnert an einen vielfach angespitzten Bleistift - eine begehrte Trophäe im deutschsprachigen Journalismus.
Ein Journalistenpreis kann nur so gut sein wie seine Jury. Wer über die besten Texte des Jahres urteilen will, braucht ein feines Ohr. Und das haben unsere Jurorinnen und Juroren. Einige entstammen dem Printjournalismus, aber es sind auch Fernsehleute dabei, Schauspieler, Wissenschafterinnen, Unternehmer.