
Foto: Norman Conrad
Was, wenn die größte berufliche Schwäche gleichzeitig eine Stärke sein kann?
Immer mehr Journalistinnen und Journalisten erhalten erst als Erwachsene eine ADHS-Diagnose, oft nach Jahren voller Selbstzweifel, chaotischer Deadlines, schlafloser Nächte und dem Gefühl, nie so zu arbeiten wie alle anderen. Stephan Seiler war 41 Jahre alt, mitten im Jobwechsel, als er verstand, warum sein Gehirn ihn sein Leben lang gleichzeitig gebremst und angetrieben hat. Plötzlich ergab die ganze Widersprüchlichkeit für ihn Sinn.
Dieser Workshop soll natürlich kein medizinischer Vortrag sein. Er ist ein offener Erfahrungsaustausch über das journalistische Arbeiten mit ADHS. Und darüber, wie Diagnose, Behandlung und ein bewusster Umgang den journalistischen Berufsalltag von Menschen mit ADHS verändern können.
Gemeinsam gehen wir Fragen nach wie:
Ist ADHS mehr Fluch oder mehr Superpower?
Macht ADHS kreativer – oder ist das nur ein Mythos?
Warum schreiben Betroffene mal in drei Stunden ein Meisterstück, schaffen es aber tagelang nicht, eine einfache E-Mail zu beantworten?
Arbeiten Menschen mit ADHS schneller oder langsamer?
Sind freie Journalist:innen mit ADHS oft besser aufgehoben als Festangestellte?
Welche Kanäle (Text, Podcast, Newsletter, Social etc.), Recherche- und Erzählformen profitieren besonders von einem ADHS-Gehirn?
Und welche Strategien helfen wirklich gegen Aufschieberitis, Chaos im Kopf und den Kampf mit der nächsten Deadline?
Der Workshop lebt von den Erfahrungen der Teilnehmenden. Wir werden diskutieren, über Pannen und Erfolge sprechen, hoffentlich dabei auch lachen und einige Aha-Momente erleben (unabhängig davon, ob ihr selbst ADHS habt, euch wiedererkennt oder einfach Kolleginnen und Kollegen besser verstehen möchtet).
In dem Workshop geht es nicht um die Frage, ob ADHS gut oder schlecht ist. Sondern darum, wie wir unsere neurountypischen Eigenheiten besser verstehen, mit ihnen produktiver arbeiten und unsere besonderen Stärken im Journalismus gezielt einsetzen können.
Frei zu sein ist toll. Man kann am Strand arbeiten, während die festangestellten Kolleg:innen an ihren großstädtischen Schreibtischen die Launen nerviger Vorgesetzter ertragen müssen. Aber mit der Freiheit kommen auch Unsicherheit, Stress und allerlei Fettnäpfchen, in die man treten kann, gerade am Anfang der Karriere.
Stephan Seiler war lange Redakteur und ist heute erfolgreicher Freelancer. Er hat eine Kolumne, einen Podcast und genug Aufträge renommierter Medien. Robert Hofmann arbeitet seit anderthalb Jahren frei, ist Co-Vorsitzender von Freischreiber, dem Berufsverband freier Journalist:innen und kennt die Probleme der Branche.
In diesem Workshop werden sie ihre Expertise und verschiedenen Perspektiven zusammenkippen, um euch zu zeigen, welche Fehler ihr am Anfang vermeiden solltet und wie ihr euch langfristig so positioniert, dass man euch ernstnimmt. Und im besten Fall trotzdem Ferien haben könnt.
Stephan Seiler, 1980 in der zweitkleinsten Kreisstadt Deutschlands geboren, berichtet über gesellschaftliche und popkulturelle Phänomene sowie über Obskures und Absurdes. Er ist Arthur-F.-Burns-Fellow und schrieb unter anderem für „Süddeutsche Zeitung“, „Welt am Sonntag“, „Bild am Sonntag“, „Neon“, „GQ“, „Playboy“ und den „Diabetes Ratgeber“. Acht Jahre lang leitete er als Chefredakteur das Magazin „DB MOBIL“. Im Jahr 2021 wechselte er zum stern, wo er als Redakteur für besondere Aufgaben im Kulturressort arbeitete. Sein Essay „Immer auf die Kleinen“ über Bodyshaming gegenüber Männern mit kleinen oder krummen Penissen war 2024 für den Reporterpreis nominiert. Außerdem ist er seit 18 Jahren Autor der monatlichen Kolumne Seilers Zucker im Diabetes Ratgeber.