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25.10.14

Deutscher Reporterpreis 2011

Die Sieger (v. l.): Marian Blasberg, Wolfgang Uchatius, Nadine Ahr, Eugen Sorg, Ulrike Demmer, Ariane Bemmer, Konstantin Richter, Uwe H. Martin, Jonathan Stock



In Berlin ist am 4. Dezember der Deutsche Reporterpreis vergeben worden, der Preis von Journalisten für Journalisten. Zwei prominent besetzte Jurys hatten am gleichen Tag etliche Stunden über die gut 90 Texte beraten, ehe die begehrte Auszeichnung am Abend vor 300 Gästen im Umspannwerk Kreuzberg übergeben wurde. Hier die Preisträger - und die Begründung der Jury.


Beste Reportage


Wolfgang Uchatius
hat den Preis für die beste Reportage 2011 gewonnen – mit seinem Text „Die Riester-Bombe“, erschienen im Dossier der „Zeit“. Es ist ein Erklärstück, das mit einem alltäglichen Vorgang beginnt – dem Abschluss einer fondsbasierten Riester-Rente – und mit der Erkenntnis endet, dass dieser Fonds auch in Firmen investiert, die völkerrechtlich geächtete Streubomben herstellen. Die Recherche beginnt bei deutschen Vermögensverwaltern und führt über die Waffenmesse in Abu Dhabi, auf der die schrecklichen Instrumente der Kriegsführung eloquent feilgeboten werden, zu einem Palästinenser, der durch eine Streubombe sein Bein verlor: Eine glänzend recherchierte, unaufgeregt geschriebene Reportage, die üblicherweise verborgene Finanzströme offenlegt. Eine lobende Erwähnung erhält Jennifer Wilton für ihre Reportage „Frau Zimmermann zieht um“, erschienen in der „Welt am Sonntag“.


Beste Lokalreportage


Den Preis für die beste Lokalreportage erhält Ariane Bemmer vom „Tagesspiegel“. „Flüstern oder Schreien“ heißt ihr Text über das Jugendamt in Berlin-Spandau, in dem sie, erzählerisch gekonnt, den Alltag einer überforderten Behörde beschreibt. Eindrucksvoll schildert sie die Trostlosigkeit des bürokratischen Apparates, dem in manchen Hochhäusern am Rand von Berlin jede Familie bekannt ist – und begegnet Mitarbeitern dieser Behörde, die sich in einem fort gegen das Elend stemmen, zugleich voller Sympathie.


Beste politische Reportage


Auch Ulrike Demmer hat sich in den Dschungel der Bürokratie begeben: In ihrer Reportage „Die Ritter der Drachenburg“, im „Spiegel“ erschienen, beschreibt sie die kafkaesken Vorgänge im deutschen Verteidigungsministerium, in dem es Jahre dauert, einen Bagger zu bestellen, und Monate, dringend in Afghanistan benötigte Fahrzeuge bereit zu stellen. Einzeln betrachtet mögen die unzähligen Dienstvorschriften sinnvoll sein, schreibt Frau Demmer, „zusammengenommen legen sie das Ministerium lahm“. Lobende Erwähnung fand der Text "Herr Schröder will es allen zeigen", den Britta Stuff in der "Welt am Sonntag" veröffentlicht hat; sowie Jan Grossarths Stück "Die Putenministerin", erschienen in der "F.A.Z.".


Bester freier Reporter


Der Preis für den besten freien Reporter wird in diesem an zwei Kollegen verliehen: An Nadine Ahr und Jonathan Stock. Nadine Ahr hat in der „Zeit“ unter dem Titel "Das Versprechen" die unendlich anrührende Liebesgeschichte ihrer Großeltern erzählt, die erst jahrzehntelang nicht zueinander finden, sich dann schwören, nie mehr auseinanderzugehen, und dann von der Demenzerkrankung der Großmutter brutal entzweit werden. Jonathan Stock hat in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ in "Peters Traum" einen deutschen Dschihadisten beschrieben, einen vom Verfassungsschutz beobachteten „Gefährder“. Anderthalb Jahre lang dauerte die Recherche, während der Stock selbst zum Islam konvertierte.


Bestes Interview


In seinem Interview "Ein Rebell bin ich erst heute", erschienen im Zeit-Magazin, ist es Marian Blasberg gelungen, den Enkel Erich und Margot Honeckers in Chile zu treffen und in einem Gespräch zu porträtieren. Die Jury war beeindruckt von der spektakulären Entdeckung des Honecker-Enkels, der den Leser als unbekannte Figur der Zeitgeschichte noch lange nach der Lektüre beschäftigt. In dem Interview zeichnet Blasberg einen Teil der deutschen Vergangenheit nach. Der Leser lernt das Land aus einer Perspektive kennen, die bis dahin unentdeckt geblieben war.


Beste Webreportage


Uwe H. Martin schildert mit seiner Web-Reportage "Texas Blues" in stillen, großen Bildern das harte Arbeitsleben texanischer Baumwollfarmer in Lubbock, Texas, der Baumwoll-Hauptstadt der Welt. Martin gelingt es, den staubigen Alltag der Farmer einzufangen, die sowohl unter dem wachsenden Einfluss des Saatgutkonzerns Monsanto, als auch den schwankenden Baumwollpreisen leiden. "Texas Blues" ist nach Ansicht der Jury eine kompakte Collage von O-Tönen, Fotos und Filmschnipseln, die die erzählerischen Möglichkeiten des Internets hervorragend nutzt.


Beste Kulturreportage


Konstantin Richter hat für die "Zeit" über ein halbes Jahr hinweg den Überlebenskampf des Opernhauses Flensburg begleitet. Und auch wenn das Landestheater Schleswig-Holstein im Zentrum des Textes steht, geht es doch um viel mehr: Seine Reportage lässt den Leser tief in die Welt des subventionsgestützen deutschen Hochkulturbetriebes blicken. Richter recherchiert sorgfältig und ausgewogen, er schreibt unterhaltsam und wahrhaftig; auch deshalb zeichnet die Jury seinen Text "Der Kulturkampf" einstimmig als "Kulturreportage des Jahres" aus.


Beste Kulturreportage


Eugen Sorg diskutiert in seinem Essay "Die Lust am Bösen" für "Das Magazin" des Schweizer „Tagesanzeiger“ die Frage, warum Menschen andere Menschen töten, wie das Böse in die Welt kommt. Sorg gibt sich jedoch nicht mit der naheliegenden Antwort zufrieden, es gebe stets gesellschaftliche Umstände hinter Morden, sondern plädiert dafür, das Böse als schlichtweg böse zu verstehen, nicht als unausweichliche Reaktion auf soziale Missstände. Die Jury würdigt den überraschenden Blick des Autors auf die Welt, seine klare Argumentation und die sprachliche Kraft dieses Essays.



„Mich nervt die Wollsockigkeit“

Pollmer (2.v.l.) während der Jurysitzung im Soho House Berlin

"Jede Jurysitzung ist ein eigentlich unzulässiges Experiment: Eine Gruppe von Menschen versucht durch den Austausch vieler subjektiver Betrachtungen zu einem möglichst objektiven Ergebnis zu kommen." Cornelius Pollmer, Volontär bei der Süddeutschen Zeitung, saß als Vertreter des Reporter-Forums in der Jury des Reporterpreises (2. v. l.). Hier sein Bericht. mehr...



Beste Reportage - die Nominierten


Nominiert in der Kategorie Beste Reportage:

Nicola Abé
, Gefangen in Freiheit; Wolfgang Bauer, Verhextes Land; Uwe Buse, Der Elektriker von Reaktor 3; Carolin Emcke, Der lange Weg zur Gerechtigkeit; Matthias Geyer, Müllers verdammtes Leben; Angelika Hala, Giuseppe di Grazia, Anuschka Tomat, Das zweite Gesicht; Uli Hauser, Das Leben und Sterben von sexy Cora; Malte Henk, Im Herz der Finsternis; Wiebke Hollersen, Der letzte Wille; Felix Hutt, Verbotene Liebe, Michael Obert, Die dunkle Seite der digitalen Welt; Alexander Osang, Made in Japan; Christoph Reuter, Auftrag: Töten; Mathieu von Rohr, Mohammeds Früchte; Katja Thimm, Vaters Zeit; Wolfgang Uchatius; Die Riester-Bombe; Annabel Wahba, Wir lassen uns die Revolution nicht stehlen; Gerhard Waldherr, Der Goldjunge und die fehlenden Millionen; Jennifer Wilton, Frau Zimmermann zieht um; Markus Wolff, Das Sterne-Camp.

Alle Texte finden sich in unserem Reader.




Bester freier Reporter - die Nominierten


Nominiert in der Kategorie Bester freier Reporter:

Nadine Ahr, Das Versprechen; Bernhard Bartsch, Erzählen Sie, dass unser Volk glücklich ist!; Philipp Kohlhöfer, Die harte Tour; Dorit Kowitz, Süßes Leben, fette Not; Anne-Dore Krohn, Entgleist; Kirsten Küppers, Als Lore den DFB besiegte; Kristina Maroldt, Ich habe meinen Sohn umgebracht; Fritz Schaap, Grundkurs Islamismus; Jonathan Stock, Peters Traum; Claas Tatje, Heile Welt

Den Reader mit den Texten findet ihr hier.




Beste politische Reportage - die Nominierten


Nominiert als Beste politische Reportage:

Jochen Arntz
, Papa, ist das Leben schön?; Ulrike Demmer, Die Ritter der Drachenburg; Markus Feldenkirchen, Mutti gegen Goliath; Jan Grossarth, Putenministerin; Marc Neller, Die Privatisierer; Julia Prosinger, Plädoyer für den Teufel; Mathieu von Rohr, Der Erfolg der Madame Wut; Alexandros Stefanidis, Ende einer Dienstreise; Britta Stuff, Herr Schröder will es allen zeigen; Barbara Supp, Der Sprung

Der Reader für diese Kategorie: hier.




Bestes Interview - die Nominierten


Die Nominierten in der Kategorie Bestes Interview:

Hatice Akyün, "Mit Heirat war ja nicht zu rechnen"; Andreas Austilat/Barbara Nolte, "Ich hasse es, Blut zu sehen"; Marian Blasberg, "Ein Rebell bin ich erst heute"; Dirk Böttcher, "Mein größter Freiraum ist mein Kopf"; Kerstin Greiner, Tobias Haberl, Wolfgang Luef, Dominik Stawski, Gabriela Herpell, "Man müsste mal über Köln sprechen"; Arno Luik, "Gibt es am Ende nur einen Schrei?"; Jana Petersen/Martin Reichert/Khalid El Kaoutit, "Müllkippen werden zu Moscheen"; Karin Steinberger, Gefangenschaft; Britta Stuff, Die Geschichte unserer Tochter; Moritz von Uslar, 99 Fragen an Klaus Wowereit

Der Reader mit allen Texten ist hier.




Beste Webreportage - die Nominierten


Nominiert als Beste Webreportage:

Lela Ahmadzai/2470media, Die ersten auf dem Platz; Fabian Biasio/Jackie Blackwood/Michael Hagedorn, Wir jungen Leute; David Eniskat/Mike Wolff: Nachaufnahme Berlin - Der Optiker; Andreas Geipel/Shooresh Fezoni/Franz Sickinger: Die Bierbrauer aus Quilmes; Roman Hagenbrock/Eva Schulz: Waidmanns Heil; Holger Jacoby/Jörg Volland/Rupert Warren: Innere Saiten; Anna Jockisch: Dügün heißt Hochzeit; Jannis Keil/Kay Meseberg/Plutonia Plarre/2470media: Berlin Folgen - Der Obdachlose; Uwe H. Martin: Texas Blues; Jörn Neumann/Ismene Poulakos/Hannah Schneider: Summerjam - Ein Gefühl namens Festival

Hier de Links zu Beiträgen.




Beste Lokalreportage - die Nominierten


Nominiert als Beste Lokalreportage:

Katrin Bischoff/Jens Blankennagel
, Lebenslänglich; Ariane Bemmer, Flüstern oder Schreien; Christoph Classen, Der langsame Tod des einst so stolzen Dorfes; Tobias Großekemper, Im Nachhinein war das falsch; Volker ter Haseborg, Das letzte Wort; Moritz Honert, Hass lass nach; Miriam Keilbach, Ausstieg im letzten Moment; Sören Kittel, Für ihn ändert sich nicht, für mich hat sich alles verändert“; Christine Kröger, Thomas P. Wünscht die Engel zur Hölle; Dietmar Telser, Wann ist ein Mann ein Mann?

Der Reader mit den Texten - ist hier.




Bester Essay - die Nominierten


Nominiert als Bester Essay sind in diesem Jahr:

Miriam Meckel, Weltkurzsichtigkeit; Roman Pletter, Die große Sprachlosigkeit; Anuschka Roshani, Lauter Bluffer; Ferdinand von Schirach, Du bist, wer du bist; Frank Schirrmacher, Die neun Gemeinplätze des Atomfreunds; Frank Schirrmacher, Wir brauchen eine europäische Suchmaschine; Dieter Schnaas, Die schwarze Messe der Geldschöpfung; Eugen Sorg, Die Lust am Bösen; Malte Welding, Nerv‘ mich doch!; Willi Winkler, Stopp!

Der Reader mit den Texten dieser Kategorie ist hier.




Beste Kulturreportage - die Nominierten


Nominiert als Beste Kulturreportage sind in diesem Jahr:

Jörg Burger
, Unter Strom; Gesa Gottschalk, Die Heimat der Bescheidenen; Renate Meinhof, Blut ist dicker als Wasser, Philipp Oehmke, Tolstoi in Baltimore; Heribert Prantl, Verfassungsänderung; Nora Reinhardt, Das Wiehern der Pferde; Konstantin Richter, Der Kulturkampf; Nicolas Richter/Stefan Ulrich, Der Tod und seine Komplizen; Jonathan Stock, Wien; Benjamin von Stuckrad-Barre, Das bringen wir groß!

Findet bitte hier den Reader mit allen Texten.



Diaschau: Preisverleihung


Diaschau: Die Jurysitzung


Presseschau


Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt:
"Jedem, der sich über Jahre erfolglos um einen Journalistenpreis beworben hat, stellt sich irgendwann die Frage, ob da tatsächlich die besten Texte gewinnen. In den ersten Jahren, in denen man vor einer Verleihung noch genauso aufrichtig hofft, wie man danach enttäuscht ist, fragt man sich das nur im Vergleich zu seinen eigenen Texten. Später, wenn man gelernt hat, dass so ein Preis keine Abstimmung über einen selbst ist, fragt man es sich im Vergleich zu allen Texten überhaupt."  (..)


Die Berliner Zeitung schreibt:
Die Jurysitzung dauert schon fast zwei Stunden. Gerade scheinen sich die acht Menschen an dem langen Holztisch einig zu werden, dass der Text über die Bürokratie im Verteidigungsministerium den Deutschen Reporterpreis für die „Beste politische Reportage“ verdient hat, als jemand die gefährliche Frage stellt: Diese eine Szene, eine Art Krisentreffen von Offizieren – war die Autorin eigentlich dabei oder liest sich ihr Text nur so, als sei sie dabei gewesen? Jurymitglied Jörg Thadeusz hat plötzlich ein erwartungsfrohes Grinsen im Gesicht: „Aha, der René-Pfister-Moment“. (...)


Die Vorjury


Vielen Dank an die Vorjuroren: Bernhard Borgeest (Focus), Peter Brors (Handelsblatt), Silke Burmester (frei), Finn Canonica (Das Magazin), Matthias Eberl (rufposten.de), Carolin Emcke (frei), Ania Faas (frei), Joachim Fahrun (Berliner Morgenpost), Jochen Förster (Hamburger Abendblatt), Volker ter Haseborg (Hamburger Abendblatt), Ariel Hauptmeier (Geo), Jan Heidtmann (SZ-Magazin), Stefan Heijnk (FH Hannover), Steffi Kammerer (frei), Roland Kirbach (Zeit), Timm Klotzek (SZ-Magazin), Christoph Kucklick (frei), Holger Liebs (Monopol), Christian Litz (Impulse), Heinrich Löbbers (Sächsische Zeitung), Georg Löwisch (sonntaz), Arno Makowsky (Münchner Abendzeitung), Philipp Mausshardt (Zeitenspiegel), Georg Meck (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung), Christine Meffert (ZEITmagazin), Helmut Monkenbusch (Financial Times Deutschland), Barbara Nolte (Tagesspiegel), Albert Ostermaier (frei), Ismene Poulakos (Kölner Stadt-Anzeiger), Anja Reich (Berliner Zeitung), Christoph Scheuermann (Der Spiegel), Holger Schmale (Dumont-Redaktionsgemeinschaft), Rainer Schmidt (Rolling Stone), Inka Schneider (NDR), Jens Schröder (Geo), Michael Streck (Stern), Simone Wendler (Lausitzer Rundschau), Stefan Willeke (Zeit), Martina Wimmer (frei)


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