Reporter Forum Logo
28.03.15

"Knockout" - Reporter sammeln Geschichten übers Boxen


"Knockout" -  so heißt das Buch, in dem SPIEGEL-Reporter Takis Würger 20 Geschichten über das Boxen - und das Leben als Kampf versammelt. 20 Geschichten - und eine Frage: Ist Boxen doch mehr als ein Sport?

Das Besondere: Das Buch ist in Zusammenarbeit mit 18 preisgekrönten Autoren und Reportern entstanden, viele von ihnen sind Mitglied des Reporter-Forum e.V., unter anderem Cordt Schnibben, Ullrich Fichtner, Jonathan Stock, Amrai Coen oder Holger Gertz.

Das Buch erscheint am 19.3.2015 im Ankerherz Verlag.
ISBN: 978-3-940138-94-1 / € 29,90

Neugierig?

Hier gibt's das Vorwort:

"Für dieses Buch haben wir 20 Boxer getroffen, wir haben mit ihnen geredet, gelacht und uns geschlagen. Dann haben wir die Geschichten ihres Lebens aufgeschrieben. Dies ist ein Buch übers Kämpfen. Dies ist ein Buch übers Leben.

Für dieses Buch zog sich einer von uns Handschuhe an und ließ sich die Nase blutig schlagen. Eine von uns trieb sich in Schwulenclubs rum, um ihrem Boxer näher zu kommen. Einer von uns flog nach Russland und trampte weiter nach Grosny, um einen Kampf zu sehen. Einer von uns schaute sich das Musical “Rocky” dreimal hintereinander an und erkannte dann seine Schönheit. Eine stieg das erste Mal in einen Boxring und fühlte nichts. Einer klaute zusammen mit dem Boxer Benzin aus einem staatlichen Bus, damit dessen Auto weiter fahren konnte. Dann flirtete er mit der Tochter des Boxers und wurde von ihm zur Strafe mit einem Leberhaken ausgeknockt.

Für dieses Buch reisten wir nach Las Vegas, nach Auschwitz, nach New York, nach Tschetschenien, nach Los Angeles, nach Israel, nach Tübingen, nach Zürich, nach Buffalo, nach Kuba, in die Vergangenheit und nach Oberhausen.

Wir schliefen mit den Boxern in einem Zimmer. Wir tranken Mai Tais mit ihnen und Rotwein und Bourbon aus Tennessee. Wir wurden Freunde. Wir haben sie bewundert und verachtet. Sie ließen uns sitzen und weinten vor uns. Wir folgten ihnen durch die dreckigsten Gassen Londons. Eine ging mit ihrem Boxer Glitzerschuhe kaufen. Wir sahen die Boxer nackt. Einer von uns hielt einem der Boxer den Eisbeutel in den Nacken, als er kämpfte. Einer von uns bekam kurz Angst, dass der Boxer erschossen werden könnte. Eine von uns wollte den Boxer mögen, doch schaffte es nicht. Einer von uns überlegte, ob er aufhört mit dem Schreiben und sich von dem Boxer trainieren lässt. Einer erweckte einen Toten zum Leben.

Dann haben wir die Boxer verlassen und uns gezwungen, wahre Geschichten über sie zu schreiben. Es gibt keinen Helden in diesem Buch. Es gibt Ehebrecher, Schläger, Steuerhinterzieher, Betrüger, Trinker, Schleuser, Kokser und einen Letzten seiner Zunft. Es gibt auch Familienväter, Gläubige, Vorbilder, Flüchtlinge, Schwule, Maulwurfjäger, Väter, Prinzenfreunde, Söhne, Abenteurer, Muhammad Ali und einen Auschwitz-Überlebenden. Für manche von uns war es ein Genuss, die Texte zu schreiben. Manche haben sich damit geplagt und viele Versionen geschrieben, bevor eine gut genug war, damit sie erscheint. Einer von uns ist an seinem Thema gescheitert, der Text steht nicht in diesem Buch.

Dieses Buch ist entstanden, weil uns das Boxen fasziniert. Wir sind uns uneinig über die Fragen: Ist Boxen Sport? Oder etwas Größeres? Vielleicht helfen unsere Geschichten dabei, Antworten zu finden."


Deutscher Reporterpreis 2014 in Berlin verliehen

(v.l.n.r.) Henning Sußebach, Martin Spiewak, Christoph Dorner, Moritz Klack, Paula Scheidt, Julius Tröger, Uta Keseling, Sven Michaelsen, Max Boenke (es fehlen Takis Würger, Marlene Halser, David Wendler)


In Berlin ist am 1. Dezember der Deutsche Reporterpreis vergeben worden - der Preis von Journalisten für Journalisten. Zwei prominent besetzte Jurys hatten am gleichen Tag über die 60 nominierten Texte debattiert, ehe der Preis am Abend vor 300 Gästen im Meistersaal am Potsdamer Platz verliehen wurde. Die Gewinner:

Beste Reportage
Der Deutsche Reporterpreis für die „Beste Reportage“ 2014 geht an den „Zeit“-Redakteur Henning Sußebach für seine Geschichte „Herr Hibbe macht zu“. Er beschreibt darin die Insolvenz eines 115 Jahre alten Provinz-Kaufhauses – und den parallelen Aufstieg eines Internet-Shops für Herrensocken. Die Jury lobte die Präzision, mit der er den Strukturwandel beleuchtet, die hochauflösenden Details, die das Geschehen transparent machen, und seine Unparteilichkeit. Er schaue nicht wehmütig zurück, sondern warmherzig auf das Jetzt. Und es sei ein „saukomischer“ Text, urteilte die Jury.

Bester Essay
„Zeit“-Redakteur Martin Spiewak erhält den Preis für den besten Essay. Sein Stück „Wir sind keine Sorgenkinder“ räumt mit dem in Ratgebern, Artikeln und TV-Sendungen verbreiteten Mythos einer Erziehungskatastrophe auf. Die Realität, weist Spiewak glänzend recherchiert nach, ist eine andere: Deutschlands Kindern gehe es immer besser. Sein facettenreiches Stück ist so gesehen auch ein Stück Medienkritik: gegen das vorschnelle Nachplappern vermeintlicher Wahrheiten.

Beste politische Reportage
Takis Würger vom „Spiegel“ erhält den Preis für die „Beste politische Reportage“. Sein Stück „Fünf Mann und eine Revolution“ beschreibt eine Gruppe junger Männer, die einen Baumarkt in der Ukraine blockieren, der angeblich zum Firmenimperium der Präsidentenfamilie gehört - ihr Beitrag zum Aufstand. Würger gelingt es, eine ungewöhnliche Nähe zu den Protagonisten aufzubauen, er begleitet sie nach Hause und vermag es, dem Geschehen eine Alltäglichkeit abzugewinnen, die den schier unüberschaubaren Konflikt verständlich macht. Sein Text steche aus den zahlreichen Ukraine-Berichten hervor, sagte die Jury.

Beste Lokalreportage
In der Kategorie „Beste Lokalreportage“ zeichnet die Jury in diesem Jahr Christoph Franz Dorner von der Zeitenspiegel-Reportageschule aus, für seinen Text „Die verblühenden Gärten von Hoywoy“. Darin porträtiert er die Bewohner einer Kleingartenkolonie am Rand von Hoyerswerda. Erfolgreich umschiffe er die üblichen Klischees der Ost-Berichterstattung, sagte die Jury. Stattdessen beschreibe er eine Insel voll menschlicher Wärme, die Trost spendet für die Einwohner einer Stadt, die man seit langem abgeschrieben hat.
 
Bester freier Reporter
In der Kategorie „Bester freier Reporter“ gewinnt Paula Scheidt mit ihrer Reportage „Der Zapfenstreit“, erschienen in der „Zeit“. Es geht darin um Weihnachtsbäume, genauer: um den gigantischen, verwinkelten Markt für Nordmann-Tannen, der seinen Anfang nimmt bei den Zapfenpflückern in Georgien. Er habe gerade einen dicken Familienroman über Georgien gelesen, sagte Laudator Denis Scheck; in dem Text von Paula Scheidt habe er wesentlich mehr über das Land erfahren.

Beste Webreportage
Der Preis für die „Beste Webreportage“ geht an ein Team der „Berliner Morgenpost“. Uta Keseling, Julius Tröger, Max Boenke, Moritz Klack und David Wendler sind für die Multimedia-Geschichte „Die Narbe der Stadt“ dem 167 Kilometer langen ehemaligen Mauerstreifen um Berlin gefolgt. Karten, Filme, Fotos, Texte - geschickt nutzen sie die interaktiven Möglichkeiten des Internet, um an das „banalste aller monströsen Bauwerke“ zu erinnern, so Laudator Sascha Lobo. Lobend erwähnte die Jury, dass es eine Lokalzeitung war, die eine Reporterin zehn Tage lang für eine solche Reportage freistellte. Das sei beispielhaft.

Bestes Interview
Sven Michaelsen erhält den Preis für das „Beste Interview“. Er war mit gleich zwei Arbeiten nominiert, beide im SZ-Magazin erschienen: zum einen das Stück „Es gab zu viele Verwundungen“, ein Gespräch mit dem Feuilletonisten und Romancier Fritz J. Raddatz; zum anderen mit einem Interview mit Niklas Frank, Sohn eines bekannten Nazi-Politikers. In beiden Texten besticht Michaelsen durch seine elegante Gesprächsführung, durch seine minutiöse Vorbereitung und die Fähigkeit, ganz genau hinzuhören, nachzufragen – und so die Selbstinszenierungen der Befragten zu unterlaufen.

Freistil
In der Kategorie „Freistil“ gewinnt die Ich-Erzählung „Bitte, Papa“, von Marlene Halser, erschienen in der „taz“. Halser beschreibt darin ihre Hilflosigkeit im Umgang mit ihrem zunehmend pflegebedürftigen Vater. Und stellt - sehr persönlich - die Frage: Was ist, wenn man irgendwann für seine Eltern sorgen muss – sie das aber nicht wollen? Der Text bietet keine Lösung an, sondern lässt den Leser mit vielen Fragen zurück. Genau das sei es, was diesen Text auszeichne, urteilte die Jury.


"ReporterLAB" für innovativen Journalismus


Sind wir so schlecht, wie die Zahlen vermuten lassen? Der Print-Journalismus in Deutschland verliert Leser, Vertriebserlöse und Anzeigenerlöse und damit auf Dauer die Mittel, die nötig sind, um unabhängigen Journalismus zu finanzieren. Die ersten Zeitungen sind eingestellt, andere verkauft, wieder andere werden zusammengelegt. In vielen Redaktionen folgt eine Sparrunde auf die andere, journalistische Arbeitsplätze gehen auf Dauer verloren.

Es ist höchste Zeit, dass wir Journalisten die Zukunft unserer Branche nicht Verlagen überlassen, die zu lange an überkommenen Geschäftsmodellen und publizistischen Konzepten festhalten, die bisher keine überzeugenden Lösungen für bezahlten Journalismus im Netz gefunden haben. Wir müssen Einfluss nehmen darauf, was mit unseren Zeitungen, Zeitschriften und Websites passiert.

Indem wir
- neue Ideen für ungewöhnliche journalistische Formen entwickeln,
- stärker crossmedial denken und arbeiten,
- uns an der Entwicklung von neuen digitalen Medien beteiligen,
- journalistische Projekte auch außerhalb der Verlage wagen.


Um diesen Prozess der journalistischen Erneuerung anzuregen und zu begleiten, wird das Reporter-Forum mit dem "ReporterLAB" Beispiele für innovativen Journalismus im In- und Ausland, Analysen über Gegenwart und Zukunft der Branche, besorgniserregende wie ermutigende Nachrichten kontinuierlich zusammentragen. Das "ReporterLAB" soll vor allem eine Plattform werden für all das, was innerhalb und außerhalb von Redaktionen an Neuem und Ungewöhnlichem gewagt wird. Und so zur Nachahmung anregen.

Wir wollen Partner gewinnen für beispielhafte journalistische Projekte: Die "Masterclass Zukunft des Wissenschaftsjournalismus", die wir zusammen mit der Robert Bosch Stiftung einrichten, um 15 Stipendiaten konzeptionelle und finanzielle Unterstützung zu geben, ist ein erstes Beispiel. Nicht nur Stiftungen, auch Firmen sollen gewonnen werden, ebenso private Geldgeber: Dirk Kurbjuweit und Claus Kleber haben es mit ihrem Seminyak-Stipendium schon vorgemacht.


@reporterforum auf twitter folgen


Das Reporter-Forum ist eine Bürgerinitiative für guten Journalismus. mehr




Reportagen der Woche


Aktualisiert jeden Freitag, 12 Uhr

Claas Relotius: "Gottes Diener" (Der Spiegel · 7.2.2015, jetzt online · 10 Minuten Lesezeit) Es gab Zeiten, da wurden Männer wie Willie Parker in Mississippi auf offener Straße erschossen. In dem US-Bundesstaat ist Parker der letzte Arzt, der noch Abtreibungen durchführt. Eine Todsünde im erzkonservativen Süden der USA. Auch Parker dachte mal so. Bis die Sache mit George passierte…

Lena Niethammer: "Familienbande" (SZ-Magazin · 6.3.2015 · 10 Minuten Lesezeit) Tagelang berieten sich Aninas Mutter und ihr Bruder, dann verkündeten sie Anina, dass sie heiraten müsse. Anina erinnerte sich vage an den Cousin in Albanien, blond, 16 Jahre alt. „Niemals“, sagte Anina. Ihr Bruder stellte ihr ein Ultimatum: Heiraten oder sterben…

Bilal Sarwary: "Die Gesetzeshüterin" (Vice · 11.03.2015 · 8 Minuten Lesezeit) In Sistani widersetzt sich niemand Firozas Anordnungen. Nicht einmal die Taliban. Seit drei Jahren ist die 53-jährige Großmutter die einzige weibliche Polizeikommandantin in ganz Afghanistan. Sie überlebte bereits ein Dutzend Mordanschläge – und wenn ihr einer Ärger macht, gibt’s was mit dem Gürtel….

Hier geht es zum Archiv.

 


Termine 2015


Anfang Juni
Reporter-Workshop in Hamburg
Anfang September
Ausschreibung des Reporterpreises
Ende Oktober
Bekanntgabe der Nominierten des Reporterpreises
Montag, 7. Dezember:
Verleihung Deutscher Reporterpreis




Workshop 2013 - die Videos



 

Kontakt: Reporter Forum e.V. | Sierichstr. 171 | 22299 Hamburg