In den kommenden Wochen möchten wir Ihnen die einzelnen Kategorien des Reporterpreises vorstellen - auch anhand von besonders gelungenen Texten, die uns im Lauf des Jahres aufgefallen sind. Kategorie Nummer drei: das Interview.
In den letzten Jahren haben Reporter neue Formen des Interviews entwickelt. Sie kombinieren beschreibende, erzählerische Passagen mit Interview-Teilen, sie pflegen wieder das lange Gespräch, das wie ein Portrait wirkt, oder sie kommentieren Antworten des Gesprächspartners, ordnen sie ein.
So sind Interviewformen entstanden, die beispielhaft sind: Stephan Maus im Gespräch mit dem Terroristen Carlos in "Verräter töten wir", Moritz von Uslar stellt "99 Fragen an Hans Magnus Enzensberger", Andreas Fanizadeh spricht in "Du schaust immer, ob jemand hinter dir ist" mit zwei RAF-Terroristen, die im Untergrund leben.

In deutschen Feuilletons wird viel besprochen, gedacht, erörtert, verworfen, selten wird erzählt, die Entstehung kultureller Leistungen erzählerisch durchleuchtet, der Reiz des kulturellen Erlebnisses in Form einer Geschichte beschrieben. Aber: Es gibt interessante neue Beispiele für spannende Kulturreportagen, für ein Erzählen, das Beobachten mit Betrachten so mischt, dass eine neue Art von Text entsteht.
Drei Beispiele, die uns aufgefallen sind:
Tobias Kniebe und Alexander Gorkow trafen für ihre Reportage "Junge Nummer eins" den Münchner Regisseur Klaus Lemke. In "Die Stille hinter den Mauern" erinnert sich Paul Ingendaay an seine Kindheit in einem katholischen Internat. Ulrich Greiner schließlich porträtiert in "Warum Uwe Timm 'Schwaan' mit zwei a schrieb" den Schriftsteller zu dessen 70. Geburtstag.
Die politische Reportage hat eine große Tradition in Deutschland, die durch Reporter wie Hans Ulrich Kempski, Herbert Riehl-Heyse, Jürgen Leinemann und Kurt Kister begründet wurde. Sie haben politische Vorgänge verständlich und Politiker durchschaubar gemacht. In den letzten Jahren spielt die Reportage in den Politikteilen der Tageszeitungen und Wochenblätter eine immer geringere Rolle, darum will das Reporterforum mit dem Preis für die beste politische Reportage junge Reporter motivieren, über den Politikbetrieb wieder mehr durch Reportagen zu berichten.
Und hier drei Beispiele: Britta Stuff begleitet in „Alles nur geträumt“ die Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen – nach der Kür Christian Wulffs zum Unionskandidaten für die Bundespräsidenten-Wahl; Renate Meinhof porträtiert in „Die Linkshaberin“ die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht; und in „Der Andersdenkende“ stellt Holger Schmale den CSU-Politiker Peter Gauweiler vor als einen Menschen, der politischen Freunden und Feinden das Leben schwer macht.

Die diesjährige Jury des Reporterpreises setzt sich zusammen aus Journalisten, Publizisten und professionellen Lesern, die auf sehr unterschiedliche Weise Experten sind für die Beurteilung von Reportagen, Essays und Interviews.
Axel Hacke und Angelika Overath haben beide den Egon-Erwin-Kisch-Preis gewonnen und sich inzwischen als Kolumnist bzw. Romanautorin einen Namen gemacht. Erwin Koch und Sabine Rückert, auch sie Kisch-Preis-Gewinner, stehen beide für einen unverkennbaren Reportagestil.
Stefan Niggemeier ist der gefürchtetste Medienblogger der Republik; Nils Minkmar hat eine eigene journalistische Form gefunden, Beobachtung und Betrachtung zu Texten zu verbinden, die zwischen Reportage und Essay schweben.
Kathrin Passig, im Jahr 2006 Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin, steht auch als Sachbuchautorin und Bloggerin für originelle Texte. Monika Maron war Journalistin, bevor sie Schriftstellerin wurde; die mit zahlreichen Preisen gewürdigte Autorin ist wegen ihrer haarscharf über der Wirklichkeit schwebenden Texte ein Vorbild junger Reporter.
Die Autorin, Regisseurin und Produzentin Doris Dörrie, ausgezeichnet mit Journalisten-, Buch- und Filmpreisen, wechselt gekonnt zwischen vielen Erzählformen und lehrt Filmdramaturgie. Als Regisseur ist Matthias Hartmann ein auffälliger theatralischer Erzähler, er inszeniert die Klassiker gleichermaßen eigen wie die Texte junger Autoren; nach erfolgreicher Leitung der Schauspielhäuser in Bochum und Zürich ist er jetzt Intendant an der begehrtesten deutschsprachigen Bühne, dem Wiener Burgtheater.
Manfred Bissinger, erfahrenster Blattmacher der Republik, hat u.a. beim Stern, bei Konkret, Natur und Die Woche seinen Blick für gute Texte geschult. Die Verlegerin Antje Kunstmann beweist immer wieder Gespür für das literarische Talent von Journalisten, sie macht sie zu Buchautoren und verlegt zudem bemerkenswerte Reportagebücher.
Claus Kleber ist der profilierteste Journalist des deutschen Fernsehens und zeigt als Anchorman und mit großen TV-Reportagen, wie man heutzutage auf intelligente Weise einem Massenpublikum schwierige Themen nahe bringt.
Für jeden Reporter, Essayisten, Interviewer ist Harald Schmidt der ideale Juror, der vielfach ausgezeichnete Autor und Moderator ist dank seiner scharfen Intelligenz und Kompromisslosigkeit so etwas wie der Scharfrichter des deutschen Journalismus, seinem Urteil unterwirft sich jeder gern, auch dann, wenn es weh tut.
Der sechzehnte Juror ist der große Unbekannte – er/sie wird im Namen der 240 Teilnehmer des Reporterforums votieren. Die Forumsteilnehmer stimmen per Internet über die beste Reportage des Jahres ab; unter denen, die sich für die Reportage mit den meisten Stimmen entschieden haben, wird der Juror per Los bestimmt.
Auch 2010 wollen wir ein möglichst breites Spektrum unterschiedlich guter Texte herausheben und zur Diskussion stellen. Und wir wollen möglichst viele Journalisten motivieren, solchen Texten nachzueifern und besonders dort Anreize schaffen, wo gute Texte unter schwierigen Bedingungen entstehen. Deshalb vergibt das Reporterforum den Reporterpreis 2010 in folgenden acht Kategorien:
Die beste politische Reportage
Es gibt eine große Tradition der politischen Reportage in Deutschland, die durch Reporter wie Hans Ulrich Kempski, Herbert Riehl-Heyse, Jürgen Leinemann und Kurt Kister begründet wurde. Sie haben politische Vorgänge verständlich und Politiker durchschaubar gemacht. In den letzten Jahren spielt die Reportage in den Politikteilen der Tageszeitungen und Wochenblätter eine immer geringere Rolle, darum will das Reporterforum mit dem Preis für die beste politische Reportage junge Reporter motivieren, über den Politikbetrieb wieder mehr durch Reportagen zu berichten.
Die beste Lokalreportage
Reporter in Lokalredaktionen arbeiten unter besonders schwierigen Bedingungen, sie stehen unter Zeit-, Platz- und Kostendruck; sie müssen sich ihre Reportagen erkämpfen gegen widrige Umstände. Um so bemerkenswerter ist die Qualität vieler dieser Reportagen, sie zeigen, dass die Reportagen gerade in den Lokalteilen der Tageszeitungen unverzichtbar sind, weil sie nah dran sind am Leben der Leser und es widerspiegeln.
Die beste Kulturreportage
In deutschen Feuilletons wird viel besprochen, gedacht, erörtert, verworfen, selten wird erzählt, die Entstehung kultureller Leistungen durchleuchtet, der Reiz des kulturellen Erlebnisses beschrieben. Es gibt interessante neue Beispiele für spannende Kulturreportagen, für ein Erzählen, das Beobachten mit Betrachten so mischt, dass eine neue Art von Text entsteht. Die wollen wir herausstellen.
Der beste Essay
Oft ist das Erzählerische, die Reportage, eine zu szenische, zu gedankenarme, zu unintelligente journalistische Form, um über die Wirklichkeit und ihre Widerspiegelung im Überbau zu berichten. Zunehmend schreiben Reporter deshalb essayistische Reportagen, Texte, die irgendwo in der Wirklichkeit beginnen, aber dann lieber dem Gedanken folgen als der Erzählung. So entstehen beispielhaft gute Texte, die immer weniger Reportagen sind und immer mehr Essays und deshalb verdienen, mit einem Preis gewürdigt zu werden.
Das beste Interview
In den letzten Jahren haben Reporter neue Formen des Interviews entwickelt. Sie kombinieren beschreibende, erzählerische Passagen mit Interview-Teilen, sie pflegen wieder das lange Gespräch, das wie ein Portrait wirkt, oder sie kommentieren Antworten des Gesprächspartners, ordnen sie ein. So sind Interviewformen entstanden, die beispielhaft sind.
Die beste Webreportage
Reporter im Netz erzählen auf neue Weise, sie kombinieren Text, Fotos und Sound zu Reportagen, die so nur im Web funktionieren. Wir wollen diese Experimente fördern und viele Reporter ermuntern, sich dieser neuen Art des Erzählens zuzuwenden.
Die beste Reportage
Auch in großen Redaktionen überregionaler Blätter wird der Platz und der Spielraum der Reporter beschnitten, der Preis für die beste Reportage des Jahres soll Ansporn sein für Reporter und Redaktionen, die große Reportage zu recherchieren und zu schreiben, immer wieder neu unerzählte Geschichten zu entdecken und sie auf ungewöhnliche Art zu erzählen.
Der beste freie Reporter
Immer mehr Reporter arbeiten nicht mehr in Redaktionen, der wirtschaftliche Druck hat viele Zeitungen und Zeitschriften veranlasst, kostenaufwendige journalistische Formen auf Freie auszulagern. Sie tragen nun das Risiko aufwendiger Recherche und akribischer Textarbeit, viele von ihnen können sich Reportagen nicht mehr leisten. Sie wollen wir mit dem Preis für den besten freien Reporter ermuntern, weiter an Texten zu arbeiten, die ihnen wichtig sind, auch wenn sie sich vielleicht nicht mehr rechnen.

Eingereicht werden können alle deutschsprachigen Texte, die zwischen dem 1. Oktober 2009 und dem 30. September 2010 in einer Zeitung, einem Magazin oder auf einer Website erschienen sind. Jeder kann Vorschläge einreichen. Pro Autor können maximal 2 Texte pro Kategorie berücksichtigt werden; werden mehr Texte eines Autors eingereicht, halten wir Rücksprache mit ihm oder ihr und wählen gemeinsam mit dem Autor/der Autorin zwei Stücke aus. Bitte mailen Sie Ihre Texte formlos bis zum 30. September an:
reporterpreis@reporter-forum.de
Idealerweise als Word- oder Nur-Text-Datei. Und, ganz wichtig: Bitte geben Sie die Kategorie an, für die Sie das Stück nominieren.