Deutscher Reporterpreis 2020

2020, das Corona-Jahr. Das Zoom-Jahr. Alles ist plötzlich virtuell. Was tun? 

Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht - und so intensiv mit den Preisträgerinnen und Preisträgern diskutiert wie nie zuvor. Auf der Bühne im Tipi fallen in der Regel nur einige Worte des Dankes. Hier erzählen die Reporterinnen und Reporter ausführlich, wie sie arbeiten und recherchieren, wie sie ihre Daten auswerten und ihre Storys schreiben. 15, 20, manchmal 30 Minuten lang sprechen sie mit den Laudator:innen über ihr journalistisches Handwerk, mit Anja Reschke und Claus Kleber, Helge Malchow und Sascha Lobo und vielen anderen.

Film ab - für die Preisträgerinnen und Preisträger des Deutschen Reporterpreises 2020.

Beste Reportage

Eine junge Frau aus der Gegend von Shanghai fängt in einem Seniorenheim nahe Hannover als Pflegerin an. Es ist ein deutsch-chinesisches Experiment, geboren aus der Not: Deutschland braucht dringend Arbeitskräfte – und das vergreisende China will lernen, wie die Altenpflege funktioniert. Kann Wu Feifei die Erwartungen erfüllen? Dieser Frage geht "Zeit"-Korrespondentin Xifan Yang in ihrer preisgekrönten Reportage "Die Gesandte des Konfuzius" nach - und spricht mit Laudator Sascha Lobo über das Making-Of der Geschichte.

Bester Essay

Die Erderhitzung ist eine Gefahr, die sich von allen anderen unterscheidet. Sie erfordert neues Denken, neue Antworten – aber natürlich keine Ökodiktatur. Welche außergewöhnlichen Lösungen müssen für das Problem gefunden werden? Auf t-online.de machte sich Jonas Schaible in seinem preisgekrönten Essay „Wer von Ökodiktatur spricht, hat das Problem nicht verstanden“ über diese Frage Gedanken und bespricht seine Herangehensweise mit Laudatorin Vera Schroeder.

Investigation

Roland Berger ist Deutschlands bekanntester Unternehmensberater. Seine Stiftung tut viel Gutes und vergibt einen Preis für Menschenwürde. Die Auszeichnung soll auch an Bergers Vater erinnern, den  der Junior lange zum Nazi-Opfer stilisierte. In Wahrheit war Georg Berger früh NSDAP-Mitglied, hoher Funktionär in der Hitler-Jugend und Profiteur von Arisierungen. Jetzt stellt sich Roland  Berger der Wahrheit. Mit seinem Team beim "Handelsblatt" hat Sönke Iwersen in dem prämierten Text "Rolands Berger späte Reue" exemplarisch die Bereitschaft vieler Deutschen, die eigene Geschichte zu verdrängen, aufgearbeitet. Mit Anja Reschke spricht er darüber, wie er mit seinem Team in dieser Recherche vorgegangen ist.

Sport

Es war die grösste Überraschung in der Geschichte des Sports: Buster Douglas besiegt den unbezwingbaren Mike Tyson. Und zerstört damit zwei Leben. Das von Tyson und sein eigenes. Christof Gertsch und Mikael Krogerus schildern in ihrer Geschichte „Der Boxer, der keiner sein wollte“, die im Magazin des "Tagesanzeiger" erschien, wie sich ein junger Mann Anfang der 90er Jahre an die Weltspitze boxt – und sich letztlich selbst besiegt. Mit Laudator Michael Ebert sprechen die Autoren über das Making-Of dieser Geschichte.

Lokalreportage

Covid-19 fand seinen Weg auf die sensiblen Krebsstationen des UKE und tötete elf Menschen. Die Angehörigen suchen ein Leben nach dem Unglück und fordern Antworten. Was geschah in  Hamburgs renommiertester Klinik? Dieser Fragen gingen die "Hamburger Abendblatt"-Reporter Christoph Heinemann und Jens Meyer-Wellmann in ihrem prämierten Text "Der Ausbruch" nach. Mit der Laudatorin Jessy Wellmer sprechen die Autoren über Hürden und Schwierigkeiten ihrer Recherche.

Interview

1993 berichtete der „Spiegel“ über eine vermeintliche „Hinrichtung“ des RAF-Terroristen Wolfgang Grams durch Polizisten. Der verantwortliche Reporter: Hans Leyendecker. Ein Gespräch über seine geheime Quelle, einen anonymen Anrufer und Fehler im Journalismus. Für die „Zeit“ sprachen die beiden Journalisten Holger Stark und Heinrich Wefing mit dem renommierten Investigativ-Reporter Leyendecker und  suchten eine Antwort auf die Frage: „Herr Leyendecker, haben Sie einen Informanten erfunden und damit eine Staatsaffäre ausgelöst?“ Wie dieses preiswürdige Interview entstand, bespricht Laudator Helge Malchow mit Holger Stark.

Wissenschaft

In der Virtuellen Realität (VR) bauen sich schon heute einige Menschen ein alternatives Leben auf. Sie leben lieber dort als in der materiellen Realität. VR-Reporterin Eva Wolfangel hat vier von ihnen begleitet, in Virtuellen Welten ebenso wie in Kuwait, Israel und den USA. Sie hat gesehen: es kann gute Gründe geben, die "Matrix" vorzuziehen. In der ausgezeichneten Reportage „Reality Sucks“, die bei Riffreporter erschienen, stellt Wolfangel unser Verständnis von Realität auf den Kopf. Wie ihr das gelingt, bespricht sie mit Laudator Claus Kleber.

Frei:e Reporter:in

Es war einer der wärmsten Sommer in Grönland. 320 Gigatonnen Eis wurden zu Wasser. In dem Dorf Ilulissat erleben die Menschen die Folgen des Klimawandels vor der Haustür. Und die Inuit erfinden ein neues Wort: Uggianaqtuq - sich seltsam verhalten. Das Gletscherschmelzen ist nicht neu. Eine Reportage, wie Marius Buhl sie geschrieben hat, dagegen schon. In „Alles schmilzt“ ezählt er für den "Tagesspiegel" auf anschauliche Weise, was der Klimawandel wirklich bedeutet. Über das Making-Of des Textes spricht er mit Laudatorin Franziska Augstein.

Kulturreportage

Sergei Polunin ist ein Superstar des Balletts. Auf der Bühne bewegt er sich so ausdrucksstark wie kaum jemand – im echten Leben lässt er sich den russischen Präsidenten auf die Brust tätowieren und provoziert Minderheiten. In dem preiswürdigen Text "Putins Tänzer" porträtiert Jana Simon Polunin für die „Zeit“ und widmet sich einer hochaktuellen Frage: Lassen sich Werk und Person voneinander trennen? Darüber spricht Laudatorin Gesine Cukrowski mt der Autorin.

Multimedia

Alle reden über die Klimakrise, aber kaum einer versteht sie. Über ihre Ursachen und wie unsere Zukunft aussieht - bei 1,5 bis vier Grad. Für SZ.de hat Sabrina Ebitsch mit ihrem Team die preisgekrönte Multimedia-Reportage „Anatomie einer Katastrophe” erarbeitet. Wie das Team die Spuren des menschengemachten Klimawandels verfolgt hat, bespricht Ebitsch mit Laudator Marcus Enger.

Podcast

Ein Parkplatz in der Schweiz und ein Koffer mit einer Million Deutsche Mark – diese Begegnung zwischen einem Waffenhändler und dem Schatzmeister der CDU trat in den 90ern eine Lawine los, die Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl fast sein Vermächtnis kostete. In „Affäre Deutschland“, erschienen auf der neuen Podast-Plattform „For Your Ears Only“, geht es um die Geheimkonten der CDU und damit um einen der großen Parteienskandale der alten Bundesrepublik. Cornelia Neumeyer, die mit einem großen Team an diesem Podcast gearbeitet hat, gibt der Laudatorin Pauline Tillmann einen Blick hinter die Kulissen dieser preisgekrönten Arbeit.

Datenjournalismus

Beim Messengerdienst Telegram vernetzen sich Corona-Kritiker. Aber Verschwörer und Rechtsradikale nutzen die Pandemie für ihre Zwecke – wie am ersten Augustwochenende in Berlin. Mit ihrem Team dokumentiert Martina Schories in „Die digitale Infektion“ den Prozess der Selbstradikalisierung von zwei Protagonistinnen der Münchener Corona-Rebellen. Wie es den Autor:innen gelungen ist, das klassische Reporter-Handwerk mit hervorragendem Datenjournalismus zu verbinden, darüber sprechen Martina Schories und Lisa Schnell mit Laudator Richard Gutjahr.