Viele glückliche Gewinner:innen und eine fiese Attacke

Der Newsletter für den Monat Dezember.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

viele haben uns nach dem Reporterpreis geschrieben, dass ihnen die virtuelle Verleihung gefallen hat – die ausgeruhten Gespräche mit den Preisträgerinnen, die Konzentration aufs Handwerk. Danke. Hat uns echt gefreut. Es spornt uns an, euch nächstes Jahr wieder zu überraschen.

Wer nicht dabei war:

Hier alle Preisträgerinnen und Preisträger - und warum sie gewonnen haben.
Hier die Preisverleihung zum Nachschauen.
Hier ein Reader mit den preisgekrönten Arbeiten.
Hier erzählen die Reporterinnen und Reporter ausführlich, wie sie arbeiten und recherchieren, wie sie ihre Daten auswerten und ihre Storys schreiben. 15, 20, manchmal 30 Minuten lang sprechen sie mit den Laudatorinnen über ihr journalistisches Handwerk.

Unter den Laudatoren war in diesem Jahr Finanzminister Olaf Scholz. Das hat nicht allen gefallen. Wir finden weiter: Scholz hat ein starkes Signal gesendet, gerade auch nach innen, in die von ihm beaufsichtigten Behörden hinein, die so dämlich waren, den nun mit dem Reporterpreis ausgezeichneten FT-Journalisten Dan McCrum vor Gericht zerren zu wollen. Hier ist eine Medienschau, die die Debatte nachzeichnet – darunter ein Interview mit Timm Klotzek, der ausführlich erläutert, warum wir den Finanzminister eingeladen haben.

Eine runde Sache, der Reporterpreis 2020 – wäre da nicht die Attacke des Historikers Michael Wolffsohn in der "Welt" gewesen. Auf einer ganzen Seite donnerte er in einem Gastkommentar gegen das "Handelsblatt". Ein Team um Sönke Iwersen hatte aufgedeckt, dass der Unternehmensberater Roland Berger die Nazi-Vergangenheit seines Vaters jahrelang umgedeutet hatte in eine Opfergeschichte. Eine überraschende Recherche – die von der Jury des Reporterpreises
ausgezeichnet wurde mit dem Preis für die beste Investigation.

Historiker Wolffsohn war damit überhaupt nicht einverstanden. "Auch Journalistenpreis-Jurys müssen historische Fakten prüfen", war sein Gastkommentar überschrieben, "zu Unrecht" habe das "Handelsblatt" den Preis gewonnen, es gebe im prämierten Text "14 zum Teil krasse Fehler, schwere methodische Mängel sowie eine zu schmale Quellenbasis". Und riet: "Bevor eine Jury Investigationspreise vergibt, sollte sie selbst
die Qualität und Solidität der nominierten Texte prüfen." In aller Kürze – das ist grober Quatsch. Das "Handelsblatt" hat sauber gearbeitet und sich exakt in einem Detail geirrt – während das Auftrags-Gutachten, das Historiker Wolffsohn erstellte, vor Fehlern und falschen Unterstellungen nur so wimmelt.

Hier unsere ausführliche Antwort. Darin kommt auch unser Dokumentar zu Wort. Denn, ihr wisst es, seit dem vergangenen Jahr unterziehen wir alle prämierten Texte einem Faktencheck. Auch in diesem Jahr entdeckte  er einige Ungenauigkeiten, einige kleinere Fehler. Aber nichts, was die Preiswürdigkeit der Texte in Frage gestellt hätte.

Übermedien hat inzwischen über "Michael Wolffsohns bizarren Kampf für Roland Bergers Familienehre" berichtet. Fazit auch dort: Wolffsohns Gutachten "erfüllt inhaltlich, formal und stilistisch kaum die Anforderungen an eine Erstsemester-Hausarbeit."

Also, noch mal in aller Form, Sönke Iwersen, Marina Cveljo, Andrea Rexer, Hans-Peter Siebenhaar, Thomas Tuma, Isabelle Wermke vom „Handelsblatt“ – wir gratulieren zum Gewinn des Reporterpreises in der Kategorie Investigation für eure wegweisende Recherche "Roland Bergers späte Reue".

Und nun verabschieden wir uns. Nächstes Jahr wird hoffentlich vieles besser. Das hoffen wir von Herzen.

Bis dahin!

Euer Reporter-Forum