In eigener Sache: Unzweifelhafte Verleihung des Reporterpreises

"Michael Wolffsohn"/boellstiftung/CC BY-SA 2.0

"Michael Wolffsohn"/boellstiftung/CC BY-SA 2.0

Mit haltlosen Argumenten kritisierte Michael Wolffsohn die Verleihung des Reporterpreises an das "Handelsblatt"-Team. Eine Richtigstellung.

Großes Gepolter am vergangenen Freitag in der „Welt“. Auf einer ganzen Seite donnerte der Historiker Michael Wolffsohn in einem Gastkommentar gegen den Reporterpreis und das „Handelsblatt“. Ein Team um Sönke Iwersen hatte aufgedeckt, dass der Unternehmensberater Roland Berger die Nazi-Vergangenheit seines Vaters jahrelang umgedeutet hatte in eine Opfergeschichte. Eine überraschende Recherche – die von der Jury des Reporterpreises ausgezeichnet wurde mit dem Preis für die Beste Investigation.

Historiker Wolffsohn war damit überhaupt nicht einverstanden. „Auch Journalistenpreis-Jurys müssen historische Fakten prüfen“, war sein Gastkommentar überschrieben, „zu Unrecht“ habe das „Handelsblatt“ den Preis gewonnen, es gebe im prämierten Text „14 zum Teil krasse Fehler, schwere methodische Mängel sowie eine zu schmale Quellenbasis“. Und riet: „Bevor eine Jury Investigationspreise vergibt, sollte sie selbst die Qualität und Solidität der nominierten Texte prüfen.“

Nun haben Gastkommentare einen Vorteil: Die Gastautoren dürfen in der Regel schreiben, was sie wollen. Die Redaktion nimmt an, dass der Experte sich mit dem Thema nicht verhebt. Wobei, und das zeigt dieses Beispiel: Das kann auch gründlich schiefgehen.

Zumal Wolffsohn eines verschweigt: Er urteilte nicht als neutraler, unabhängiger Historiker. Roland Berger hatte ihn im vergangenen Jahr beauftragt, die Rolle seines Vaters in der NS-Zeit zu klären. Wolffsohn veröffentlichte dazu im Mai 2020 ein Gutachten. Wir haben Anfang der Woche bei ihm nachgefragt, was genau sein Mandat war, wieviel Geld von Roland Berger an ihn geflossen ist oder noch fließt. Wolffsohn wollte sich hierzu nicht äußern.   

Seit dem vergangenen Jahr unterzieht das Reporter-Forum alle prämierten Texte einem Faktencheck. Auch in diesem Jahr haben wir damit Günther Garde beauftragt, einen verdienten Gruner+Jahr-Dokumentar, seit einigen Jahren im Ruhestand. Er prüfte die „Handelsblatt“-Story, wobei er auch das Wolffsohn-Gutachten einbezog und sich einlas in die schon im Mai erhobenen Vorwürfe.

Am 26. November 2020 schrieb Günther Garde an Sönke Iwersen, den Leiter des „Handelsblatt“-Teams: „Nachdem ich Ihre Geschichte, die dazu erschienen Artikel sowie die Stellungnahme des Historikers gelesen habe, muss ich konstatieren, dass es geradezu vermessen wäre, wollte ich auch noch etwas dazu bemerken. Meine Hochachtung für Ihre Leistung und herzliche Glückwünsche zu Ihrem Preis.“

Wir haben Garde gebeten, er ist selbst Historiker, sich im Licht von Wolffsohns Tirade den Text noch einmal anzusehen. Sein erneutes Urteil: „Die Vorwürfe Wolffsohns schmälern die Leistung des ,Handelsblatt‘-Teams überhaupt nicht. Das ,Handelsblatt‘-Team hat den Preis verdient.“

Auch das „Handelsblatt“ bekräftigte, man stehe zu seiner Recherche. Ja, in einem Detail (die Kriegsgefangenschaft von Vater Berger) habe man sich geirrt, in einem zweiten Detail (Dachau, siehe unten) unscharf formuliert. „In allen anderen Punkten bleibt die Redaktion bei ihrer Darstellung.“ Bereits im Mai hatte Thomas Tuma, stellvertretender Chefredakteur beim „Handelsblatt“, in einem Kommentar auf die Vorwürfe Wolffsohns geantwortet.

Auch die Jury des Reporterpreises bleibt dabei: Das „Handelsblatt“-Team hat korrekt gearbeitet und wird mit dem Preis für die Beste Investigation ausgezeichnet.

Im Namen des Reporter-Forums sagte Ariel Hauptmeier: „Wir wundern uns über die PR-Nebelkerzen die der Historiker Michael Wolffsohn unter dem Deckmantel vermeintlich sauberer Geschichtswissenschaft hier abfeuert. Besonders erschüttert hat uns, wie der Historiker den ,Handelsblatt‘-Rechercheuren Behauptungen unterstellt, die sie gar nicht gemacht haben, um sie dann pompös zu widerlegen. Sönke Iwersen und seinen Kollegen gebührt der Preis für die beste Investigation des Jahres.“

So merkwürdig Michael Wolffsohns Gastkommentar in der „Welt“ ist, so merkwürdig ist das von ihm im Mai 2020 im Auftrag von Roland Berger erstellte Gutachten. Wir haben es uns noch einmal angeschaut:

- Es trägt den Titel: „Aufklärung oder Rufmord? Roland Berger, sein Vater und das Handelsblatt“. Ging es nicht um die Aufarbeitung der Rolle von Vater Georg Berger in der NS-Zeit?

- Ein Unterkapitel heißt: „NS-Profiteure als Namensgeber deutscher Medienpreise“. Das Argument, vereinfacht: Henri Nannen war Nazi, wer den Nannen Preis gewonnen hat, wie Sönke Iwersen, dem ist nicht zu trauen.

- Ein anderes Kapitel lautet: „Die Nazi-Keule“. Darin der Satz: „Auch Kindern und Kindeskindern von Tätern bleiben NS­Vorwürfe nicht erspart.“

- Vorwurf von Wolffsohn: Das „Handelsblatt“ habe Georg Berger als Täter bezeichnet – dabei kommt das Wort in dem Artikel gar nicht vor.

- Das „Handelsblatt“ habe einen Entlastungszeugen für Georg Berger fälschlicherweise als dessen Schwiegervater bezeichnet. Auch das Wort „Schwiegervater“ kommt im Text nicht vor.

- Das „Handelsblatt“ habe bestritten, dass Georg Berger je von der NS-Justiz belangt worden sei. Tatsächlich kreist rund ein Fünftel des Artikels genau darum.

- Wolffsohn: „Georg Berger zu unterstellen, er hätte jene Villa arisiert, also direkte Schuld auf sich geladen, wäre daher als Schuld-Konstrukt Glasperlenspielerei.“ Allein: Es gab diese Unterstellung nicht. Tatsächlich schreibt das „Handelsblatt“: „Dann machten ihm (Georg Berger) die Nazis eine Villa frei.“

- Wolffsohn: Georg Berger habe „kein Blut an den Händen“ gehabt. Und: „Georg Berger hatte definitiv kein Blut an den Händen und war, so gesehen, auch deshalb kein Täter.“ Freilich, auch das hat das „Handelsblatt“ nie behauptet.

So gnädig Vater Berger beurteilt wird, so gnädig wird Sohn Berger beurteilt. Um 2005 erhielt Roland Berger die Akten seines Vaters aus dem Entnazifizierungsverfahren und konnte nachlesen: Sein Vater habe „die NSDAP durch seine Tätigkeit wesentlich gefördert.“

Trotzdem urteilt Wolffsohn: „Es gab keine Informationen, geschweige denn Fakten, die bei Roland Berger Zweifel an seiner eigenen Wahrnehmung bzw. Erinnerung oder an den väterlichen Erzählungen hätten wecken müssen.“

Roland Berger behauptete 15 Jahre lang, sein Vater Georg sei Opfer der Nazis gewesen. „Er ist 1933 in die Partei eingetreten, weil ihm Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht gesagt hat, er solle als erfolgreicher Unternehmer doch mitmachen, um das Land wiederaufzubauen“, sagte er in einem Interview. Nach der „Reichskristallnacht“ 1938 sei sein Vater aus Protest aus der NSDAP ausgetreten. Sohn Berger: „Danach hatten wir alle sechs bis acht Wochen die Gestapo im Haus.“ Sein Vater sei wegen „Verschwörung gegen die NSDAP“ verhaftet worden, wegen seines Widerstands gegen den NS-Staat hätten ihn die Nazis schließlich ins Konzentrationslager Dachau gesteckt.

Das „Handelsblatt“ recherchierte die Fakten, und die zeichnen ein gänzlich anderes Bild. Tatsächlich trat Georg Berger bereits 1931 in die NSDAP ein, und er trat nicht 1938 aus. Er war Finanzchef der Hitler-Jugend, wurde 1937 von Adolf Hitler zum Ministerialrat ernannt, leitete später als Generaldirektor ein „arisiertes“ Unternehmen in Wien und wohnte in einer von ihren jüdischen Eigentümern beschlagnahmten Villa. 1942 begann ein Verfahren gegen Berger wegen Kriegswirtschaftsverbrechen, 1944 wurde er aus der NSDAP ausgeschlossen. 1947 wurde Georg Berger in einem Entnazifizierungsverfahren als „Minderbelasteter“ in der NS-Zeit verurteilt.

Als das „Handelsblatt“ Roland Berger im Herbst 2019 mit seinen Falschbehauptungen über seinen Vater konfrontierte, sagte er: „Jetzt will ich es natürlich genau wissen. Und deshalb bat ich nach dem ersten Hinweis des Handelsblatts auch die Historiker Michael Wolffsohn und Sönke Neitzel, reinen Tisch zu machen und alles aufzuklären, was aufzuklären ist. Das soll in den nächsten Monaten lückenlos dokumentiert werden. Ich will die Wahrheit wissen - und dann auch mein Vaterbild verändern und meine früheren Äußerungen zurücknehmen, falls das nötig ist. ... Wenn sich herausstellen sollte, dass ich falsche Dinge behauptet habe, bereue ich das aufrichtig - und werde es öffentlich richtigstellen.“

Das hat er bis heute nicht getan.

Michael Wolffsohn scheint nicht an Aufklärung gelegen. Er verdreht Worte und Tatsachen. Um seinen Auftraggeber zu entschuldigen und ihn in ein milderes Licht zu rücken? Letztes, besonders perfides Beispiel:

Sohn Roland Berger hatte jahrelang behauptet, sein Vater sei Häftling im KZ Dachau gewesen.

Das „Handelsblatt“ fand dafür keinerlei Beleg und schrieb: Er war nicht in Dachau.

Fehler!, rief Michael Wolffsohn, Vater Berger war sehr wohl in Dachau! Und zwar 1946, in einem Internierungslager der Amerikaner.

Kommentar unseres Dokumentars: „Man muss schon sehr geschichtsblind oder in diesem Fall vielleicht einem Auftraggeber willfährig sein, wenn man den Unterschied zwischen dem KZ Dachau und dem Internierungslager Dachau herunterspielt.“

Inzwischen ist die Debatte vollends verrutscht. Seit einigen Tagen verlinkt Michael Wolffsohn auf seiner Internetseite auf einen Artikel aus „Tichys Einblick“, einer AfD-nahen Plattform. In dem – ohne eigene Faktenprüfung – aus dem Gutachten abgeschrieben wird.

Welch merkwürdige Gesellschaft.