Reporter:innen-Preis: Das sind die Preisträgerinnen des Jahres 2020

Von "Zeit" bis Riffreporter, von "Hamburger Abendblatt" bis t-online.de: Diese 12 Reportagen, Interviews und Digitalprojekte hat die Jury prämiert.

Alle prämierten Arbeiten findest du im Reader zum Reporterpreis 2020.

Beste Reportage: Xifan Yang für „Die Zeit“

Der Preis für die „Beste Reportage“ geht an Xifan Yang, die „Zeit“ -Korrespondentin in Peking. In „Die Gesandte des Konfuzius“ erzählt sie, wie sich eine junge Chinesin nach Deutschland aufmacht, um in einem Seniorenheim bei Hannover zu arbeiten. Sie soll den deutschen Pflegenotstand lindern helfen und findet sich alsbald in einer serbisch-mazedonisch-slowenischen Mitarbeiter-WG wieder. Das Verwirrspiel der kulturellen Missverständnisse beginnt. Die Reportage erzähle meisterhaft von den Chancen und den Abgründen der Globalisierung, lobte die Jury, leichthändig, präzise und mit gutem Blick auch für die humorvollen Details nähere sich Xifan Yang einem Welt-Thema: Wie werden alternde Gesellschaften leben, in West und Ost?

 

Bester Essay: Jonas Schaible für t-online.de

Lange und leidenschaftlich hat die Jury diskutiert. Am Ende setzte sich Jonas Schaible durch, mit seinem Essay „Wer von Ökodiktatur spricht, hat das Problem nicht verstanden“, erschienen auf dem Nachrichtenportal t-online.de. Punktgenau und präzise analysiere Schaible das Dilemma der Demokratie in der Klimakrise – wie rasch umsteuern, wenn alle mitreden? Oder, in den Worten von Laudatorin Vera Schroeder: „Wie soll es im Rahmen demokratischer Prozesse mit ihrem Wesensmerkmal Kompromiss möglich sein, so schnell und auch radikal zu handeln, wie es für den Kampf gegen die Klimakrise akut nötig ist?“

 

Investigation:  Sönke Iwersen, Marina Cveljo, Andrea Rexer, Hans-Peter Siebenhaar, Thomas Tuma, Isabelle Wermke für das „Handelsblatt“

Jahreland hat Roland Berger, Deutschlands bekanntester Unternehmensberater, seinen Vater Georg Berger der Öffentlichkeit als ein Opfer des Nazi-Regimes präsentiert, als einen moralisch integren Gewissensmenschen. Doch das war eine Lüge. In einer akribischen Recherche deckten die „Handelsblatt“-Autoren auf, dass Georg Berger tatsächlich 13 Jahre lang NSDAP-Mitglied war, Finanzchef der Hitler-Jugend und in einer „arisierten“ jüdischen Villa wohnte. Eine überraschende Recherche, lobte Laudatorin Anja Reschke, die weit über den Fall Berger hinausweise: Jahrelang hätten auch wir Journalisten allzugern Roland Berger geglaubt und nicht nachgehakt, wenn er das Rührstück von seinem Vater erzählte. Eine Recherche, die zudem daran erinnere, wie viele deutsche Unternehmer ihren Erfolg auch darauf gründeten, dass Juden verfolgt, umgebracht und ihres Eigentums beraubt wurden.

 

Beste Sportreportage: Christof Gertsch und Mikael Krogerus für „Das Magazin“

Den ersten Platz erschrieben haben sich in diesem Jahr Christof Gertsch und Mikael Krogerus. In ihrer Geschichte „Der Boxer, der keiner sein wollte“, erschienen im Magazin des „Tagesanzeiger“, zeichnen sie nach, wie sich ein junger Mann Anfang der 90er Jahre an die Weltspitze boxt – und sich letztlich selbst besiegt. Sie brechen mit dem Klischee vom bitterarmen Straßenschläger, der über Leichen geht, sondern zeigen einen sensiblen Mann, der in dieser rauen Männerwelt eigentlich nichts verloren hat, der sich sehnt nach Anerkennung, Glück und der Liebe seines Vaters. Ein Stück, das berührt, das ausgeht vom Boxen, vom Sport, und am Ende bei den ganz großen Fragen landet.

 

Beste Lokalreportage: Christoph Heinemann und Jens Meyer-Wellmann für das „Hamburger Abendblatt“

Der Preis für die beste Lokalreportage geht in diesem Jahr an Christoph Heinemann und Jens Meyer-Wellmann vom „Hamburger Abendblatt“. Mit ihrer monumentalen Reportage „Der Ausbruch“ ist den beiden im Alleingang gelungen, wofür andere ganze Reporterteams brauchen. In monatelanger Kleinarbeit rekonstruieren sie akribisch, wie drei Menschen am Corona-Virus starben, Menschen, die vielleicht hätten überleben können. Präzise beschreiben die Reporter ihr Leiden und sind zugleich immer auch nah bei den Angehörigen. Ohne Zeigefinger, ohne Übertreibung zeigen sie, wie gnadenlos das Virus zuschlägt, wie ignorant seine Verharmlosung ist. Eine „kraftvolle, wichtige Reportage“, urteilte die Jury.

 

Bestes Interview: Holger Stark und Heinrich Wefing für „Die Zeit“

„Herr Leyendecker, haben Sie einen Informanten erfunden und damit eine Staatsaffäre ausgelöst?“, fragten die „Zeit“-Redakteure Holger Stark und Heinrich Wefing – und führten aus Sicht der Jury das Interview des Jahres. 1993 hatte der „Spiegel“ über die vermeintliche Hinrichtung des RAF-Terroristen Wolfgang  Grams durch GSG 9-Beamte berichtet. Der Fall löste eine Staatsaffäre aus. Doch ob es den Augenzeugen gab, auf den sich Investigativreporter Hans Leyendecker damals stützte, ist bis heute strittig. „Die Journalisten haben mit großem handwerklichen Können und großer Unerbittlichkeit Aufklärung betrieben – und es geschafft, dabei gleichzeitig die Würde und den Respekt Herrn Leyendecker gegenüber jederzeit aufrecht zu erhalten“, lobte Laudator Helge Malchow.


Beste Wissenschaftsreportage: Eva Wolfangel für Riffreporter

Ausgezeichnet wird die Reportage „Reality Sucks“ von Eva Wolfangel, erschienen bei der Riffreporter-Genossenschaft. Es geht darin um Ben aus Atlanta und Shoo aus Shanghai, die sich in der Virtual Reality verlobt haben, es geht um Chris in Jerusalem, der seine kanadische Familie im virtuellen Bangladesh trifft, um Sana in Kuweit, die ihre religiösen Mauern sprengt und Männer aus der ganzen Welt trifft – um Menschen, für die sich der virtuelle Raum längst echter anfühlt als das reale Leben. Eva Wolfangel skizziert eine alternative Welt ohne Grenzen, ohne Zwischenräume, nicht berührbar, aber so real, dass sie das „wahre Leben“ längst in den Schatten stellt. Und fragt: Was ist überhaupt real? Was Illusion? „Reality Sucks“ hebe Decartes philosophische Frage aus dem 17. Jahrhundert in die heutige Zeit, lobte die Jury, hier werde erzählt „mit tiefer Empathie, fundiertem Sachverstand und größtmöglicher Differenziertheit“.

 

Bester Freier Reporter: Marius Buhl für den „Tagesspiegel“

Dass auf Grönland die Gletscher schmelzen, ist nicht neu. Dass sich kein Ort der Erde schneller erwärmt als die Arktis, haben wir viele Male gelesen. Und doch gelingt es Reporter Marius Buhl, eine besondere Geschichte über den Klimawandel zu erzählen. Für „Alles schmilzt“ ist er nach Grönland gereist, wo der Boden den Menschen unter den Häusern wegtaut, taucht ein in ihren Alltag und fragt: Wie kommen sie, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind, mit dem Wandel zurecht? Eine lesenswerte, exzellent geschriebene Reportage, recherchiert mit kleinstmöglichem Budget. Auch das ist eine Leistung.

 

Beste Kulturreportage: Jana Simon für „Die Zeit“

Sergei Polunin ist ein Superstar des Balletts - hoch begabt, aber auch hoch umstritten. Die Tanzwelt verzaubert er mit seiner Hingabe, den Rest der Welt provoziert er mit sexistischen Äußerungen oder dem Konterfei des russischen Präsidenten, das er sich auf seine Brust tätowiert hat. Jana Simon porträtiert Polunin für die „Zeit“ und schreibt damit aus Sicht der Jury die beste Kulturreportage. Sie stelle darin gewichtige Fragen: Wie umgehen mit Kunstschaffenden, deren Werk beachtlich ist, deren Ansichten man jedoch nicht teilt oder gar verurteilt? Lassen sich Werk und Person voneinander trennen? Jana Simon sei ein vielschichtiger Text von großer gesellschaftlicher Relevanz gelungen, lobte die Jury, der auch vom Verhältnis zwischen Ost und West erzähle und von der Macht sozialer Medien.


Multimedia: Sabrina Ebitsch, Hennes Elbert, Christian Endt, Verena Gehrig, Michael Hörz, Dalila Keller, Stefan Kloiber, Markus C. Schulte von Drach, Marlene Weiß für sueddeutsche.de

Der Reporterpreis in der Kategorie Multimedia geht an „Anatomie einer Katastrophe” – auch das eine packende Geschichte über den menschengemachten Klimawandel, veröffentlicht auf der Website der „Süddeutschen Zeitung“. Hier werden die Gründe für den Klimawandel erlebbar, vom kleinsten Molekül zur großen Politik, und je weiter man sich scrollt, desto roter, desto heißer wird es. Hier wird nachvollziehbar gemacht, wie sich das Klima in den nächsten Jahren verändern wird, in einem beeindruckenden, trotz seiner Nüchternheit bedrückendem und viele Tausend Male geklicktem Multimedia-Stück, glänzend recherchiert, flüssig programmiert und überzeugend gestaltet.


Bester Podcast: Constanze Radnoti, Marion Härtel, Cornelia Neumeyer, Birgit Frank, Christine Auerbach, Reinhard Röde, Maria Christoph, Vera Weidenbach, Lorenz Schuster, Maria Wölfle, Monika Preischl, Niklas Gramann für „For Your Ears Only“

Ausgezeichnet wird ein Podcast, der im vergangenen Jahr viele Zuhörerinnen und Zuhörer in seinen Bann geschlagen hat. In „Affäre Deutschland“, erschienen auf der neuen Podast-Plattform „For Your Ears Only“, geht es um die Geheimkonten der CDU und damit um einen der großen Parteienskandale der alten Bundesrepublik. Ein komplexes Thema, so dicht und spannend erzählt, dass man acht Folgen lang dranbleiben muss, mitfiebert und dabei immer klüger wird. Auch wenn die Zusammmenhänge komplex sind und der Stoff zwei Jahrzehnte alt ist - der Sog dieser Story ist gewaltig. „Affäre Deutschland ist eine journalistische Glanzleistung“, urteilte die Jury.

 

Datenjournalismus: Sabrina Ebitsch, Lea Gardner, Christian Helten, Malte Hornbergs, Stefan Kloiber, Hannes Munzinger, Antonie Rietzschel, Lisa Schell, Martina Schories, Vanessa Wormer für die „Süddeutsche Zeitung“

Auch der Preis in der Kategorie Datenjournalismus geht in diesem Jahr an ein Team der „Süddeutschen Zeitung“. In „Die digitale Infektion“ begleiten die Reporterinnen, Programmierer und Webdesignerinnen zwei Corona-Rebellinnen und zeigen an ihnen exemplarisch, wie sich Menschen in den Echokammern des Netzes radikalisieren – in diesem digitalen Paralleluniversum, in dem sich Reichsbürger, Neonazis und Esoteriker:innen anstacheln zu immer extremeren Ansichten. Die Jury war begeistert und lobte: Hier treffe klassisches Reporterhandwerk auf hervorragenden Datenjournalismus.