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31.01.15

Deutscher Reporterpreis 2014 in Berlin verliehen

(v.l.n.r.) Henning Sußebach, Martin Spiewak, Christoph Dorner, Moritz Klack, Paula Scheidt, Julius Tröger, Uta Keseling, Sven Michaelsen, Max Boenke (es fehlen Takis Würger, Marlene Halser, David Wendler)


In Berlin ist am 1. Dezember der Deutsche Reporterpreis vergeben worden - der Preis von Journalisten für Journalisten. Zwei prominent besetzte Jurys hatten am gleichen Tag über die 60 nominierten Texte debattiert, ehe der Preis am Abend vor 300 Gästen im Meistersaal am Potsdamer Platz verliehen wurde. Die Gewinner:

Beste Reportage
Der Deutsche Reporterpreis für die „Beste Reportage“ 2014 geht an den „Zeit“-Redakteur Henning Sußebach für seine Geschichte „Herr Hibbe macht zu“. Er beschreibt darin die Insolvenz eines 115 Jahre alten Provinz-Kaufhauses – und den parallelen Aufstieg eines Internet-Shops für Herrensocken. Die Jury lobte die Präzision, mit der er den Strukturwandel beleuchtet, die hochauflösenden Details, die das Geschehen transparent machen, und seine Unparteilichkeit. Er schaue nicht wehmütig zurück, sondern warmherzig auf das Jetzt. Und es sei ein „saukomischer“ Text, urteilte die Jury.

Bester Essay
„Zeit“-Redakteur Martin Spiewak erhält den Preis für den besten Essay. Sein Stück „Wir sind keine Sorgenkinder“ räumt mit dem in Ratgebern, Artikeln und TV-Sendungen verbreiteten Mythos einer Erziehungskatastrophe auf. Die Realität, weist Spiewak glänzend recherchiert nach, ist eine andere: Deutschlands Kindern gehe es immer besser. Sein facettenreiches Stück ist so gesehen auch ein Stück Medienkritik: gegen das vorschnelle Nachplappern vermeintlicher Wahrheiten.

Beste politische Reportage
Takis Würger vom „Spiegel“ erhält den Preis für die „Beste politische Reportage“. Sein Stück „Fünf Mann und eine Revolution“ beschreibt eine Gruppe junger Männer, die einen Baumarkt in der Ukraine blockieren, der angeblich zum Firmenimperium der Präsidentenfamilie gehört - ihr Beitrag zum Aufstand. Würger gelingt es, eine ungewöhnliche Nähe zu den Protagonisten aufzubauen, er begleitet sie nach Hause und vermag es, dem Geschehen eine Alltäglichkeit abzugewinnen, die den schier unüberschaubaren Konflikt verständlich macht. Sein Text steche aus den zahlreichen Ukraine-Berichten hervor, sagte die Jury.

Beste Lokalreportage
In der Kategorie „Beste Lokalreportage“ zeichnet die Jury in diesem Jahr Christoph Franz Dorner von der Zeitenspiegel-Reportageschule aus, für seinen Text „Die verblühenden Gärten von Hoywoy“. Darin porträtiert er die Bewohner einer Kleingartenkolonie am Rand von Hoyerswerda. Erfolgreich umschiffe er die üblichen Klischees der Ost-Berichterstattung, sagte die Jury. Stattdessen beschreibe er eine Insel voll menschlicher Wärme, die Trost spendet für die Einwohner einer Stadt, die man seit langem abgeschrieben hat.
 
Bester freier Reporter
In der Kategorie „Bester freier Reporter“ gewinnt Paula Scheidt mit ihrer Reportage „Der Zapfenstreit“, erschienen in der „Zeit“. Es geht darin um Weihnachtsbäume, genauer: um den gigantischen, verwinkelten Markt für Nordmann-Tannen, der seinen Anfang nimmt bei den Zapfenpflückern in Georgien. Er habe gerade einen dicken Familienroman über Georgien gelesen, sagte Laudator Denis Scheck; in dem Text von Paula Scheidt habe er wesentlich mehr über das Land erfahren.

Beste Webreportage
Der Preis für die „Beste Webreportage“ geht an ein Team der „Berliner Morgenpost“. Uta Keseling, Julius Tröger, Max Boenke, Moritz Klack und David Wendler sind für die Multimedia-Geschichte „Die Narbe der Stadt“ dem 167 Kilometer langen ehemaligen Mauerstreifen um Berlin gefolgt. Karten, Filme, Fotos, Texte - geschickt nutzen sie die interaktiven Möglichkeiten des Internet, um an das „banalste aller monströsen Bauwerke“ zu erinnern, so Laudator Sascha Lobo. Lobend erwähnte die Jury, dass es eine Lokalzeitung war, die eine Reporterin zehn Tage lang für eine solche Reportage freistellte. Das sei beispielhaft.

Bestes Interview
Sven Michaelsen erhält den Preis für das „Beste Interview“. Er war mit gleich zwei Arbeiten nominiert, beide im SZ-Magazin erschienen: zum einen das Stück „Es gab zu viele Verwundungen“, ein Gespräch mit dem Feuilletonisten und Romancier Fritz J. Raddatz; zum anderen mit einem Interview mit Niklas Frank, Sohn eines bekannten Nazi-Politikers. In beiden Texten besticht Michaelsen durch seine elegante Gesprächsführung, durch seine minutiöse Vorbereitung und die Fähigkeit, ganz genau hinzuhören, nachzufragen – und so die Selbstinszenierungen der Befragten zu unterlaufen.

Freistil
In der Kategorie „Freistil“ gewinnt die Ich-Erzählung „Bitte, Papa“, von Marlene Halser, erschienen in der „taz“. Halser beschreibt darin ihre Hilflosigkeit im Umgang mit ihrem zunehmend pflegebedürftigen Vater. Und stellt - sehr persönlich - die Frage: Was ist, wenn man irgendwann für seine Eltern sorgen muss – sie das aber nicht wollen? Der Text bietet keine Lösung an, sondern lässt den Leser mit vielen Fragen zurück. Genau das sei es, was diesen Text auszeichne, urteilte die Jury.


"ReporterLAB" für innovativen Journalismus


Sind wir so schlecht, wie die Zahlen vermuten lassen? Der Print-Journalismus in Deutschland verliert Leser, Vertriebserlöse und Anzeigenerlöse und damit auf Dauer die Mittel, die nötig sind, um unabhängigen Journalismus zu finanzieren. Die ersten Zeitungen sind eingestellt, andere verkauft, wieder andere werden zusammengelegt. In vielen Redaktionen folgt eine Sparrunde auf die andere, journalistische Arbeitsplätze gehen auf Dauer verloren.

Es ist höchste Zeit, dass wir Journalisten die Zukunft unserer Branche nicht Verlagen überlassen, die zu lange an überkommenen Geschäftsmodellen und publizistischen Konzepten festhalten, die bisher keine überzeugenden Lösungen für bezahlten Journalismus im Netz gefunden haben. Wir müssen Einfluss nehmen darauf, was mit unseren Zeitungen, Zeitschriften und Websites passiert.

Indem wir
- neue Ideen für ungewöhnliche journalistische Formen entwickeln,
- stärker crossmedial denken und arbeiten,
- uns an der Entwicklung von neuen digitalen Medien beteiligen,
- journalistische Projekte auch außerhalb der Verlage wagen.


Um diesen Prozess der journalistischen Erneuerung anzuregen und zu begleiten, wird das Reporter-Forum mit dem "ReporterLAB" Beispiele für innovativen Journalismus im In- und Ausland, Analysen über Gegenwart und Zukunft der Branche, besorgniserregende wie ermutigende Nachrichten kontinuierlich zusammentragen. Das "ReporterLAB" soll vor allem eine Plattform werden für all das, was innerhalb und außerhalb von Redaktionen an Neuem und Ungewöhnlichem gewagt wird. Und so zur Nachahmung anregen.

Wir wollen Partner gewinnen für beispielhafte journalistische Projekte: Die "Masterclass Zukunft des Wissenschaftsjournalismus", die wir zusammen mit der Robert Bosch Stiftung einrichten, um 15 Stipendiaten konzeptionelle und finanzielle Unterstützung zu geben, ist ein erstes Beispiel. Nicht nur Stiftungen, auch Firmen sollen gewonnen werden, ebenso private Geldgeber: Dirk Kurbjuweit und Claus Kleber haben es mit ihrem Seminyak-Stipendium schon vorgemacht.


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Reportagen der Woche


Aktualisiert jeden Freitag, 12 Uhr

Stockrahm, Schadwinkel, Lüdemann: "Flug MH17" (Zeit Online · 22.1.2015 · 30 Minuten Lesezeit) Es war an einem Mittwoch im Mai, als ihr Frauenarzt anrief und sagte: “Es ist ein Junge und er hat Trisomie 21.” So begann Lisa Erdingers Leiden. Zehn Tage lang schliefen sie und ihr Mann kaum, sie weinten viel. Abtreibung? Ja oder nein? Sie wussten es nicht; sie wussten nur, dass ihr Sohn “Luca” heißen sollte…

Uwe Buse: "Opel ohne Popel" (Der Spiegel · 15.12.2014, jetzt online · 20 Minuten Lesezeit) Ihre Vorgänger waren alle an der Aufgabe gescheitert, es schien aussichtslos: Wie um alles in der Welt sollte man Opel, dieser großen, alten deutschen Firma nur ein neues Image verpassen? Tina Müller, gelernte Kosmetikmanagerin, hat es trotzdem versucht. Ihre ungewöhnlichen Methoden könnten funktionieren…

Alard von Kittlitz: "Ausgekocht" (Neon · 10/2014, jetzt online · 15 Minuten Lesezeit) Ein Paket aus Kalifornien. Sieben Beutel. Darin ein blassgelbes Pulver namens “Soylent”, von dem es heißt, es könnte den Hunger auf der Welt beenden. Reporter Alard von Kittlitz probiert es eine Woche lang aus: Nur Wasser, Kaffee und “Soylent”. Und irgendwie beginnt sein Körper, sich fremd anzufühlen…

Hier geht es zum Archiv.

 


Publikumsjurorin beim Reporterpreis 2014


In jedem Jahr stimmen die Teilnehmer des Reporter-Workshops mit ab über die "Beste Reportage". Dieses Mal vertrat Cornelia Gerlach ihr Votum in der Jury. Sie hatte, wie die Mehrzahl, für die Reportage von Wolfgang Bauer gestimmt - konnte sich mit diesem Votum aber in der Hauptjury nicht durchsetzen. Am Ende gewann dort der Text von Henning Sußebach.

Ein klassischer Vorwurf an Preis-Jurys lautet, das hinter verschlossenen Türen die vorderen Plätze ausgekungelt werden. Um zu zeigen, dass dieser Vorwurf nicht stimmt, ist die Sitzung der Reporterpreis-Jury stets öffentlich.

Bitte finden Sie hier den Bericht von Cornelia Gerlach, die als freie Autorin in Berlin arbeitet und vor allem Reportagen und Porträts für brandeins, Brigitte und Die Zeit schreibt.


Preisverleihung 2014


Die Jurysitzung 2014


Reader: Reporterpreis 2014


Der Reader zum Reporterpreis 2014. Viel Spaß beim Lesen!


Termine 2015

Anfang Juni
Reporter-Workshop in Hamburg
Ende Oktober
Bekanntgabe der Nominierten des Reporterpreises
Montag, 7. Dezember:
Verleihung Deutscher Reporterpreis




Workshop 2013 - die Videos



 

Kontakt: Reporter Forum e.V. | Sierichstr. 171 | 22299 Hamburg