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19.06.13
Rubrik: Prämierte Texte
Henri-Nannen-Preis 2009: Beste Reportage

Katja Thimm
Rolf, ich und Alzheimer

Vor dem Haus für alte demente Menschen steigt im Januar 2007 eine Dame aus einem silberfarbenen Audi. Der Fahrer, ein Herr mit Hut und Einstecktuch, reicht ihr den Arm. Sie blickt kurz auf; dann schiebt sie seinen Arm zur Seite. Die Dame lässt sich nicht gern helfen, schon gar nicht von ihrem Mann.  mehr...


Henri-Nannen-Preis 2009: Die Nominierten Texte

Lorenz Wagner
Die Unbekannte

Ein Herbstabend in Hamburg, draußen Wind und Elbwellen, drinnen Lüster und bodenlange Tischdecken. Unternehmer und Gründer in seltener Abendrunde. Alle essen Ente, nur eine Frau isst vegetarisch, Suppe, Reis, Gemüse. Sie hat einen empfindlichen Magen. Dünn ist sie, die Wangenknochen liegen hoch in ihrem Gesicht.  mehr...


Jochen-Martin Gutsch
Ein tödlicher Text

Er kann vier, fünf Schritte vor gehen und zurück und drei zur Seite. Außer dem metallenen Doppelstockbett, dem Tisch, dem Stuhl und einem hölzernen Regal befinden sich in seiner Zelle noch ein Klo zum Hocken und eine Dusche, von der sich schwer sagen lässt, ob sie funktioniert. Es ist eine gute Zelle für afghanische Verhältnisse. Die Zelle für einen besonderen Gefangenen.  mehr...


Henri-Nannen-Preis 2009: Die Vornominierten Texte

Ullrich Fichtner
Der Krieger aus Spandau

Lange bevor Jeffrey Jamaleldine in irakischer Nacht bei Ramadi von einer Gewehrkugel ins Gesicht getroffen wurde, durchstreifte er West-Berlin und wollte Fußballprofi werden wie so viele deutsche Kinder. Er spielte erst bei Blau-Weiß Spandau, beim SC Gatow, später A-Jugend bei Schwarz-Weiß, dann Senioren beim SC Staaken. Meist stand er im Tor, oft gewann er seinem Team die Spiele, aber er konnte Tore nicht nur verhindern, er konnte sie auch schießen, konnte Bälle verteilen, er hatte das Auge, und er hatte die gezähmte Kraft. Es hätte, in seinem Leben, bei seinen Talenten, auch alles ganz anders kommen können. mehr...


Constanze von Bullion
Im Zweifel allein

Es gibt eine Welt, die Johanna Ziegler nur betritt, wenn keiner sie dabei beobachtet. Sie ist dann bei ihrem Sohn, er ist noch sehr klein, zwei Handvoll Mensch in einer Pergamenthaut, die rot ist und ein bisschen wund von der Geburt. Die Augen hat er geschlossen, so als würde er schlafen, und weil sie nicht befürchten muss, ihn zu stören, spricht sie mit ihm und versucht zu erklären, warum sie ihn hat gehen lassen.  mehr...


Ralf Hoppe
Der Warhol der Geldfälscher

Euskirchen bei Köln, der Wind biegt die Alleebäume, von den Feldern steigen Krähen auf. Der Mann ist aus dem Wagen gestiegen, steht vor dem Gefängniseingang, in schiefer Haltung, er starrt auf die vergitterten Fenster, liest das Schild "Einfahrt nur nach Anmeldung beim Pfortenbeamten". Er lässt die schwere Tasche zu Boden gleiten, Wäsche, Bücher, Tabak, CDs, schaut auf seine Armbanduhr: eine letzte Zigarette in Freiheit.  mehr...


Kuno Kruse
Der Mann ohne Gedächtnis

Er riecht Rasierwasser, streicht sich über das glatte Kinn. Sein Blick gleitet die Knopfleiste hinunter. Weißes Hemd, blaue Krawatte, Blazer in gedecktem Blau, dazu Jeans. Der Duft ist ihm zuwider. Warum sitzt er auf der Parkbank? Er steht auf, geht ein paar Schritte, denkt: "Komisch, ganz fremde Gegend." Weiße Stühle, ein Café. Er setzt sich. Es ist frisch, aber die Sonne wärmt.  mehr...


Josef Seitz
Uwe Herold sagt: Ich will

Eine Wespe. Hier? Dieses Surren. Und wie es ans Fenster tockt. Ausgerechnet im Krankenzimmer. Zu sehen ist sie nicht, wie auch. Der Kopf, er liegt starr geradeaus gerichtet, so, wie der Pfleger ihn gebettet hat. Das Surren löst sich vom Fenster, es kommt näher. Was, wenn sich die Wespe auf die Nase setzt, krabbelt? Wenn sie sticht?  mehr...


Marcus Jauer
Über Tage

Wenn es noch wäre, wie es war, dann würden sie jetzt zur Schicht kommen. Sie würden den schmalen Weg durch den Wald nehmen und den Berg hinauffahren, auf dem der Förderturm steht. Sie würden durch das Drehkreuz laufen und in die Waschkaue hinein, einen großen, gekachelten Saal, in dem es zwei Seiten gibt. Auf der einen würden sie sich ausziehen und in Badelatschen an den Duschen vorbei zur anderen gehen, um sich dort wieder anzuziehen.  mehr...


Alexander Osang
Der Fluch der Teppiche

Das Kamel ist mondbezogen, das Pferd dagegen ist sonnenbezogen", sagt Eberhart Herrmann und beugt sich über den kaukasischen Läufer, den er eben ausgerollt hat. Es ist nicht ganz klar, worauf sich die Bemerkung bezieht, denn auf dem Teppich sind weder Kamele noch Pferde zu erkennen. Herrmann aber scheint sie zu sehen, die Pferde und auch die Kamele, seine Hand fährt über den alten Läufer wie die Hand des Wettermanns über die Wetterkarte.  mehr...


Klaus Brinkbäumer
Der Ehrenmann

Es muss einfach sein, George Clooney zu spielen. Ein Vergnügen natürlich auch. Du fliegst nach Como oder New York im eigenen Jet, du lächelst im Licht der Scheinwerfer und sagst einen schlauen Satz, und schon kreischen sie wieder.  mehr...


Juan Moreno / Dialika Krahe
Das Traumschiff

Das erste richtige Gespräch, das Blessing Okunorobo in Europa führte, war eigentlich kein Gespräch, denn für Gespräche braucht man Worte. Sie hatte ihr dunkelblaues Klapptelefon, sie hatte die Handynummer im Kopf, und sie hatte die Pflicht, ihren Mann anzurufen und ihm zu sagen, wo sie war. Und wo seine Söhne waren. Drei Tage hatte Blessing den Anruf hinausgezögert.  mehr...


Hauke Goos
Das Leben nach dem Tod

Sie waren wieder da, wie jedes Jahr am 7. Juni. Sie trafen sich morgens um zehn, auf einer Wiese in der Kaserne. Ein paar von ihnen trugen Uniform, ein paar waren in Zivil gekommen. Sie hatten einen Kranz mitgebracht, auf der Schleife stand: "In stillem Gedenken - Kameraden des EloKaBtl 932".  mehr...


Evelyn Roll
Immer im Dienst

Es ist schwer, Gedanken zu beschreiben, wenn diese Gedanken, genau besehen, Gefühle sind, Respekt, Hochachtung, Bewunderung. Und Rührung, das auch. Es ist kurz vor zwölf. Helmut Schmidt geht von seinem Büro am anderen Ende dieses endlos langen Ganges im sechsten Stock des Hamburger Pressehauses zum Kleinen Konferenzsaal. Wie immer freitags um diese Zeit, seit 25 Jahren. Wie immer pünktlich.  mehr...


Karin Steinberger
Die Reise der Rose

Lex Voorn sagt, sobald eine Rose geschnitten wird, beginnt sie zu sterben. Und sie gerät in Panik, in Fortpflanzungspanik. Dann legt sie los, pumpt alles, was sie hat, hinein in ihre Blüte, verschwenderisch, todesverachtend, viel zu früh, viel zu schnell. Ausgerechnet dann, wenn sie eigentlich Ruhe geben sollte, weil das Schneiden ja erst der Anfang eines langen Weges ist - hin zum Kunden. Das alles muss man wissen, auch, dass eine Blume ein launiges Ding ist, sonst kann man es gleich bleiben lassen, das Rosenzüchten.  mehr...


Marian Blasberg / Anita Blasberg
Abschiebeflug FHE 6842

Der Abend senkt sich über den Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel, als die Maschine der Schweizer Charter-Airline Hello endlich auf dem Rollfeld eintrifft. Ein halbes Jahr hat Udo Radtke* auf diesen Moment hingearbeitet, und jetzt spürt er, wie das Adrenalin durch seinen Körper pumpt. Radtke, ein leitender Angestellter der Hamburger Ausländerbehörde, durchmisst mit eiligen Schritten den alten Terminal 1, der sonst nur noch als Abfertigungshalle für Urlaubsflüge dient.  mehr...


Ulrich Ladurner
Die Freiheit der Mörder

Der Tod war immer ein Teil von Hamzehs Leben gewesen, nicht als Schrecken, sondern als Erlösung, als Feier und eigentliche Bestimmung des Gläubigen. Hamzeh wäre gern einen Märtyrertod gestorben, im Kampf gegen den Schah oder auf dem Schlachtfeld des Iranisch-Irakischen Krieges. Doch die Gelegenheit bot sich ihm nicht, da er zu spät geboren wurde. Fünf Menschen haben dafür mit dem Leben bezahlt.  mehr...


Erwin Koch
Sein ist die Rache

Kalojew ist fort. Heute Morgen kurz vor acht, silbergraue Sportschuhe an den Füßen, schwarze Hose, schwarzes Hemd, setzte er sich ins Auto, einen Dienstwagen des Bauministeriums der russischen Republik Nordossetien, Kennzeichen A928MK 15 RUS, und fuhr in den Krieg.  mehr...


Niklas Maak
Die Rückkehr

Gerald Hass landet mit der Nachmittagsmaschine aus London in Berlin-Tegel. Es ist Sonntag, der 29. Juni 2008, Deutschland stand im Finale der Europameisterschaft. Am Flughafen laufen Männer mit Deutschlandfahnen an ihren Rollkoffern herum, und auf dem Parkplatz singen ein paar Leute "Deutsch-Laaand, Deutsch-Laand" zu einer Phantasiemelodie; sie waren gerade gelandet und sehr betrunken.  mehr...


Susanne Krieg
Braut wider Willen

Eine Braut muss mürbe werden, sagt man im Dorf, damit sie sich in der Hochzeitsnacht nicht wehrt. Deshalb darf Leywalem Mucha nichts essen, kein Fleisch, kein Brot. Seit Tagen zählt ihre Mutter unermüdlich Gebote auf, die eine gute Ehefrau zu beachten hat. "Weine nicht und lerne Demut!", oder: "Schweig und stelle keine Fragen!" Reglos hockt die Braut am Hochzeitsmorgen in ihrem Elternhaus, einer runden Strohhütte ohne Fenster unter einem knorrigen Affenbrotbaum. An der Wand hängt eine gelbe Plastiktüte, gepackt mit Leywalems Habseligkeiten. Noch nie hat die 14-Jährige ihr Dorf Wonberma im Hochland von Äthiopien verlassen. Nun wird ein fremder Mann sie mitnehmen.  mehr...


Andrea Jeska
Mutter und Kind

Das Herz aus Lebkuchen hat sie ihm auf dem Hamburger Dom gekauft. Sie hat es an einen Nagel an der Wand über dem Sofa gehängt, wo es verloren auf der kahlen Fläche baumelt. "Ich werde dich immer lieben." Sie meint es ernst. Das ist das Schlimme. Andere hätten eine unverbindlichere Botschaft. Andere in ihrem Alter zumindest.  mehr...


Guido Mingels
Die Geschichte des Mörders Rolf Hagen

Der Thorberg ist ein Hügel aus Sandstein am Rande der Gemeinde Krauchthal, nahe Bern. Eine Strasse voller Kurven führt hinauf. Aus der Ferne sieht das Gefängnis aus wie eine mittelalterliche Burg. Die alten Mauern von neuen umgeben, alles mit Nato-Draht bewehrt. Ein erstes stählernes Gitter, eine Gegensprechanlage, bitte in die Kamera blicken. Mit einem Surren springt die mächtige Tür auf.  mehr...


Annabel Wahba
Meine Putzfrau kehrt heim

Maria erwacht aus einer traumlosen Nacht. Es ist sechs Uhr morgens, sie hat wenig geschlafen, doch ihre Müdigkeit scheint sie jetzt nicht zu spüren. Draußen vor dem Busfenster zieht ihre Vergangenheit vorbei. Maria beugt ihren Kopf ganz nah an die Scheibe, ihre Nasenspitze berührt fast das Glas. Sie schaut zur Konservenfabrik, in der sie bis vor sechs Jahren gearbeitet hat, kein Arbeiter ist zu sehen, die Fenster sind zerborsten, der Wind bläst den Staub über den verlassenen Hof. Die Molkerei nebenan ist auch geschlossen, genau wie die Tierfutterfabrik gegenüber. "Katastrophe", sagt Maria und wiegt langsam den Kopf hin und her. Dabei ist sie nicht ganz unschuldig daran, dass es so gekommen ist.  mehr...


Erwin Koch
Ihr Glück hielt drei Tage

Ein Mann sitzt im Edelweiß und redet wenig, Leo ist kein Schwätzer, Leo sei ein Lieber, sagt die Chefin. Und Melanie bringt ihm Bier, Leo schaut nicht auf. Das wär doch einer, flüstert die Chefin.  mehr...


Carolin Reintjes
Meine gelben Flipflops - Erinnerung an Julie

Unendliche Weiten, vom Leben gezeichnete Menschen. Hügelland bis zum Horizont und eine Sonne, die das Gras verbrennt. Bondoc ist so wildromantisch als wäre es der Wilde Westen der Philippinen. Das umkämpfte Land, auf dem die Menschen unversöhnlich scheinen, die Halbinsel, auf der die Kokospalmen in den Himmel wachsen und das Recht mit Füßen getreten wird, die drei Hektar, die Julies Leben waren. Augenblicke mit Julie.  mehr...


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