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Mit dieser Reportage gewann Michael Gleich den Egon-Erwin-Kisch-Preis 1988.
Michael Gleich
Rodeo ist dem Chilenen in die Seele geschrieben. In dem Volkssport kämpfen Hoffnung und Verzweiflung, Ohnmacht und Stolz. Das wilde Reiterspiel eint und trennt die Chilenen: Alle lieben sie die Freiheit, und als freie Caballeros wollen sie herrschen. Doch die Herrschaft teilt unten und oben. So ist der alljährliche Wettkampf in Rancagua - das Campeonato Nacional - auch ein Symbol der Militärmacht Pinochets.
"Pi-no-chet! Pi-no-chet!" Viertausend Zuschauer in Rancagua jubeln, als plötzlich ein Kampfhubschrauber die Arena überfliegt. Die erste Reihe der Ehrentribüne ist leer, doch offensichtlich reserviert. Bunte Chamantos, die kurzen Ponchos der chilenischen Rodeoreiter, werden vor den Ehrenplätzen über die Brüstung gehängt. Ihre Muster, in Schwarz, Weiß und Grün, erinnern an Waffenstandarten einstiger Eroberer. Auch der letzte Zuschauer ist sich in diesem Moment sicher: Gleich, in wenigen Sekunden, das erste Mal in der Geschichte des Rodeos, besucht ein chilenischer Staatspräsident das Campeonato Nacional, die Landesmeisterschaft in der sechsten chilenischen Region.
"Pinochet hat das Rodeo gerettet!" Dem jungen Capitán des Heeres, der statt in der Kaserne in der Provinzverwaltung von Rancagua seinen Dienst verrichtet, ist der knappe Befehlston auch gegenüber Zivilisten in Fleisch und Blut übergegangen. "Unser Nationalsport! Vollendeter Ausdruck unseres Chilenentums! Nicht zu verwechseln mit dem fußlahmen Rodeo der Gringos!" Der Capitán spricht verächtlich von den Amerikanern.
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