|
Mit dieser Reportage gewann Bartholomäus Grill 2006 den Henri-Nannen-Preis, Kategorie Reportage (Egon-Erwin-Kisch-Preis).
Urban ist 46, ihn erwartet ein qualvoller Tod. Er wählt die Sterbehilfe und läßt sich nach Zürich fahren. In den letzten Stunden gibt er den Geschwistern Kraft und bittet sie, seine Geschichte aufzuschreiben
Es ist der Moment, den die Mutter am meisten gefürchtet hat. Der Moment, der die Kraft einer jeden Mutter übersteigt. Gleich wird ihr Sohn aufstehen von dem Platz unter dem Kruzifix am Küchentisch, an dem er immer sitzt. Er wird zu ihr sagen: Du warst die beste Mutter der Welt, ich danke dir für alles. Aber jetzt muss ich gehen.
Dann tritt er zum letzten Mal aus der Küche mit dem böhmischen Gewölbe hinaus. Die Mutter begleitet ihn diesmal nicht. Zum ersten Mal bleibt sie sitzen auf dem Platz in der Küche, an dem sie immer sitzt, und hört seine Schritte im Hausflur verhallen.
Urban steht noch einen Augenblick in der Hofeinfahrt, ein warmer, bernsteingelb leuchtender Spätherbsttag, er trägt seinen schwarzen Ledermantel und hat seine Sonnenbrille auf. Er schaut sich noch einmal um. Das Bauernhaus. Der Obstanger. Der Hühnerstall. Der Getreidespeicher mit dem leeren Storchennest auf dem Dachfirst. Dann steigt er ins Auto.
Seine letzte Reise beginnt, die Reise in den Tod, von Oberbayern in die Schweiz, nach Zürich, zu den Sterbehelfern von Dignitas.
(...)
Zurück |
Kommentar hinzufügen