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29.06.16

Making of...

Stefan Schomann „Jan Stage - Schlachtenbummler

Es gibt Autoren, die ihr Leben lang dem Wirken der Zeit nachforschen. Und es gibt andere, die zieht es ins Lager der Gewalt. Sie sind die Pyromanen der Geschichte. Ob im Geiste oder gar leibhaftig, sie wollen dorthin, wo es lichterloh brennt.
Bis vor einigen Jahren hätten sie dort dann unweigerlich Jan Stage getroffen. Der dänische Autor und Reporter, 1937 geboren und 2003 gestorben, war Stammgast in den Höllen auf Erden. Stefan Schomann über Jan Stage, den Schlachtenbummler.

Ein Göttinger Physikprofessor war es, ein buckliger Freigeist, Georg Christoph Lichtenberg, welcher der Geschichte schließlich auf die Schliche kam. Sie kenne in Wahrheit nur zwei Mittel, um Veränderungen hervorzubringen: die Zeit und die Gewalt.

Es gibt Autoren, die ihr Leben lang dem Wirken der Zeit nachforschen. Und es gibt andere, die zieht es ins Lager der Gewalt. Sie sind die Pyromanen der Geschichte. Ob im Geiste oder gar leibhaftig, sie wollen dorthin, wo es lichterloh brennt.

Bis vor einigen Jahren hätten sie dort dann unweigerlich Jan Stage getroffen. Der dänische Autor und Reporter, 1937 geboren und 2003 gestorben, war Stammgast in den Höllen auf Erden. Und vermutlich lungert er auch jetzt nicht im Himmel herum – Urlaub war seine Sache nie –, sondern hat sich längst um ein Höllenfahrtskommando bemüht: „Ein Hintergrundgespräch mit dem Teufel – das wär‘ noch was!“ In der Unterwelt wird er sich, nicht anders als früher, in eine behaglich morbide Hotelbar setzen und so tun, als ginge ihn alles nichts an. Aber er wird auf der Lauer liegen. Und tatsächlich, nach kurzer Zeit schon wird sich eine zwielichtige Gestalt zu ihm gesellen, ein Handlanger des Fürsten der Finsternis, und ihn wenig später ins Hauptquartier geleiten. Wie er das immer anstellte, dass die Gegenseite auf ihn zukam statt er auf sie? Stage hatte dieses seltene Talent, im rechten Moment die falschen Leute zu treffen, insofern es dann regelmäßig brenzlig wurde für ihn.

Zu weit zu gehen und doch mit heiler Haut davonzukommen – das war seine Leidenschaft. Er versteckte sich, um entdeckt zu werden, oder aber er setzte sich der Bedrohung aus in dem verwegenen Glauben, nicht erwischt zu werden. Es schien fast, als hätte er es darauf angelegt, verlustig zu gehen – und so gesehen war er über vierzig Jahre lang mit seinem Begehren gescheitert, wenn auch mehrfach nur sehr knapp. Angefangen vom Algerienkrieg, hatte er einen ganzen Katalog von Kriegen und Krisen miterlebt. Wenn er jedesmal einen dieser wappenähnlichen Aufkleber mitgebracht hätte, wie pedantische Touristen sie sich an die Windschutzscheibe kleben, so wäre eine einzigartige Sammlung zusammengekommen. Eine Heraldik der Hölle: vom Libanon bis Bosnien, vom Kongo bis zum Kosovo, von Chiapas bis Afghanistan. Aber wahrscheinlich brachte er von seinen Reisezielen nur selten Souvenirs mit, dort gab es ja noch nicht einmal Ansichtskarten. Sein kostbarstes Mitbringsel war jedesmal das gleiche: das eigene Leben.

Stage war ein Großmeister in der Kunst der Reportage. Ein Söldner im Dienste der Erkenntnis, ein Agent der Aufklärung. In herrlich langen, ausgeklügelt montierten, genau und lakonisch erzählten Geschichten führte er vor, was Worte noch können und Bildschirme nicht. Auch wenn ihm das Image des Haudegens anhing, in seinen Texten pflegte er ein Pathos der Behutsamkeit und der Sensibilität –unter Umständen, die diese Sensibilität zugleich steigerten wie unmöglich machten.

(...)

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Stefan Schomann


Stefan Schomann, geboren 1962 in München, lebt in Berlin. Schreibt überwiegend Reportagen, vor allem für GEO, auch für MERIAN, DIE ZEIT und die Frankfurter Rundschau. Soeben erschien bei Heyne sein Buch "Letzte Zuflucht Schanghai" über eine ungewöhnliche Liebe in bewegter Zeit.
Dokumente
Jan Stage - Schlachtenbummler (pdf)

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 14.04.2008

 

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