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30.07.14

Jonathan Stock „"Oft ist einfach gar nichts passiert, das war frustrierend"

Lieber Jonathan Stock, Sie haben den Reporterpreis 2011 in der Kategorie “Bester freier Reporter” gewonnen. Herzlichen Glückwunsch! Um was geht es in Ihrem Stück “Peters Traum”?

Es geht um die Widersprüche eines jungen Hamburger Dschihadisten: ein Mann der Überraschungseier an Kinder verteilt und gleichzeitig bereit ist, zu töten.

Wie ist die Idee zu der Reportage entstanden?

Im Herbst 2009 tauchten Videos von Bekkay Harrach und Abu Askar im Internet auf. Harrach, im Konfirmantenanzug und blauer Krawatte, kündigte  Deutschland "ein böses Erwachen" an. Die Drohungen hat man damals vor der Bundestagswahl sehr ernst genommen. Auf dem Oktoberfest und im Hamburger Bahnhof patroullierten Polizisten mit Maschinenpistolen. Es wurde viel über Dschihadisten geschrieben, aber keiner hat mit einem gesprochen. Die Grundnarrative war: Das sind Versager. Ich habe mich gefragt, ob das stimmt.

Bei der Preisverleihung haben Sie erzählt, dass Sie zunächst ein ganzes Jahr verdeckt recherchiert haben?

Ich hatte am Anfang mit drei Monaten gerechnet, aber danach hätte ich die Geschichte noch nicht schreiben können. Letztendlich hat es dann von September 2009 bis Mai 2011 gedauert. Ich war jede Woche ein- bis zweimal in der Moschee, später habe ich dann auch am Kampftraining und an privaten Treffen teilgenommen.

Um Ihrem Protagonisten möglichst nahe zu kommen, sind Sie sogar zum Islam konvertiert. Wie lebt es sich als Moslem?

Ich habe nur eine sehr extreme Form des Islam kennengelernt, deshalb kann ich das nicht verallgemeinern. Die Gruppe, die ich traf, empfand ich als Mischung aus Kleingärtnerverein und LSD-Trip. Einerseits sehr rigide Alltagsvorschriften, wo mit dem Kompass bis auf einen halben Grad gemessen wurde, in welche Richtung man betet, andererseits Jenseitsvorstellungen in den buntesten Farben. Oft haben meine Erlebnisse nicht meinen Erwartungen entsprochen. Ich habe zum Beispiel viel Arroganz und Haß erwartet, stattdessen viel Demut und Freundschaft erlebt. Auch viel Ruhe. Im Prinzip haben diese Menschen für sich ja eine Frage beantwortet, die viele stellen: Was will ich mit meinem Leben anfangen?

Verdeckte Recherchen findet man höchst selten im deutschen Journalismus. Warum eigentlich?

Im Fernsehen gibt es die schon häufiger. Im Print ist es selten, weil es dort alle Leitmedien ablehnen. Warum, weiß ich auch nicht. Vielleicht aus der Haltung heraus, dass man das nicht braucht, vielleicht weil Undercover-Recherchen immer so ein leicht schmuddeliges Image anhaftet. Im Ausland ist das anders. Die BBC hat eigene Sendeplätze dafür, auch die New York Times recherchiert Undercover. Wir haben mit Günter Wallraff eine Form dieser Recherche kennen gelernt, die im Prinzip bis heute kopiert wurde, nämlich die Geschichte des Reporters in der Rolle des Anderen. Vielleicht muss man aber die Recherche eher als Zugang begreifen, um an die eigentliche Geschichte zu kommen, die sonst nicht möglich gewesen wäre.

War es gefährlich, in dem Islamisten-Milieu zu recherchieren?

Nein. Oft ist einfach gar nichts passiert, das war frustrierend, gerade zu Weihnachten oder am letzten Tag der Fußball-WM.

Wie sind Sie aus der Rolle des Freundes heraus- und in die Rolle des Journalisten hineingetreten?

Ich war nie sein Freund, deshalb hat sich diese Schwierigkeit für mich nicht ergeben.

Ihr Protagonist ist ein Mensch, der seit jeher mit dem Gesetz im Konflikt steht. Ist der Dschihad nur ein moralisches Deckmäntelchen für seine kriminellen Handlungen?

Nein, der glaubt wirklich daran, sonst hätte er mit seiner Reise in die Ausbildungscamps Waziristans nicht sein Leben auf's Spiel gesetzt.  

Wie gefährlich sind die deutschen Dschihadisten?

Im internationalen Vergleich eher ungefährlich. Aber Hamburg bleibt durch seine Nähe zum 11. September ein Ort der Radikalisierung. Und schwer zu überwachende Einzelgänger wie Anders Behring Breivik gibt es auch unter Dschihadisten.

Hatten Sie nach der Veröffentlichung Ihrer Reportage noch einmal Kontakt mit dem Mann, der im Stück Peter heißt?

Nein.

War 2011 ein gutes Jahr für Sie?

Es war mein erstes Jahr draußen als Journalist. Ich muss noch viel lernen.

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Jonathan Stock


Geboren 1983. Trampreise von Eutin nach Indien. Geschichtsstudium in Berlin, Edinburgh und London. Henri-Nannen-Journalistenschule. Redakteur bei Geo Epoche und Spiegel Online. Mitbegründer des Arrabbiata-Preises, der den besten ersten Satz mit drei Tellern Nudeln prämiert.
Links
Peters Traum

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 24.01.2012

 

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