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Was
darf ein Reporter, was nicht? Seit die Jury des Henri Nannen Preises
einem der Gewinner den Sieg wieder aberkannt hat, gibt es Streit.
Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der "Zeit" und
Jury-Mitglied, spricht im "stern" über die umstrittene Entscheidung und die tägliche
Versuchung, eine Geschichte auszuschmücken.
Florian Gless / Kuno Kruse / Giovanni di Lorenzo
Der
Henri Nannen Preis ist der wichtigste deutsche Journalistenpreis. Als
er in diesem Jahr am 6. Mai vergeben wurde, löste eine naheliegende
Frage der Moderatorin Katrin Bauerfeind einen Eklat aus. Sie fragte
den Preisträger in der Kategorie Reportage, den "Spiegel"-Reporter
René Pfister, wie er in den Keller zur Modelleisenbahn von Horst
Seehofer gekommen sei, über die er geschrieben hatte. Völlig
unbefangen antwortete Pfister, dort sei er nie gewesen.
Seitdem
ist eine Debatte entfacht, wie es sie im deutschen Print-Journalismus
lange nicht gegeben hat: Darf der Reporter etwas beschreiben, was er
nicht selbst erlebt hat - ohne es deutlich zu machen? Die Mehrheit
der Jury des Nannen Preises ist der Meinung: Nein. Nach einer
Telefonkonferenz drei Tage nach der Verleihung erkannte sie Pfister
den Preis wieder ab. Einer der sieben Befürworter dieser
Entscheidung ist der Chefredakteur der "Zeit", Giovanni di
Lorenzo.
?:Herr
di Lorenzo, was war Ihr erster Gedanke, als René Pfister auf der
Bühne so offenherzig verriet, dass er nie im Keller von Horst
Seehofer gewesen war?
!:Mir
ging es wie den meisten, die da saßen - gerade jenen, die nicht aus
der schreibenden Zunft kamen. Ich
habe gestutzt.
?:Hatten
Sie zuvor für Pfister gestimmt?
!:In
beiden Jurysitzungen habe ich mich für diese Geschichte
starkgemacht. Es
gab den Einwand, dass das altbekannte Tatsachen seien, olle Kamellen.
Dagegen haben wir argumentiert: Wenn zum Beispiel die Modelleisenbahn
im Keller so bekannt ist, warum hat sie bislang niemand so gut
beschrieben? Mir
ging es nicht nur darum, einen brillanten Autor auszuzeichnen, den
ich sehr schätze, sondern auch darum, dem Genre des politischen
Porträts Mut zu machen, einem Genre, das manchmal etwas ausgelaugt
wirkt. Insofern war ich sehr happy über Pfisters Ge- schichte. Und
natürlich war dann die Enttäuschung groß, dass gerade die
entscheidende Szene rekonstruiert worden war.
?:Dass
Reporter über Dinge schreiben, die sie nur vom Hörensagen wissen,
ist nicht ungewöhnlich. Warum
jetzt diese Aufregung?
!:Es
geht um den Einstieg. René Pfister beschreibt Horst Seehofer im
Keller seines Ferienhauses an einer Modelleisenbahn: Seehofer habe
ein Foto von Angela Merkel kleinkopiert, auf eine Plastikfigur
geklebt und in eine Lok gesetzt. Das
ist eine Szene, die sich als Metapher durch die ganze Geschichte
zieht, bis hin zur Überschrift "Am Stellpult". Sie
entfaltet das vermeintlich psychologische Grundmuster zum Verständnis
der Figur Horst Seehofer.
?:Ja,
und?
!:Der
springende Punkt ist nicht: Hat
René Pfister gelogen? Das hat er nicht, Seehofer selbst und auch
"Spiegel"Kollegen haben ihm davon erzählt, es gibt diese
Eisenbahn. Der
springende Punkt ist: Es
waren nicht irgendwelche Absätze in diesem Porträt, es waren die
drei entscheidenden Absätze, aufgrund derer er den Preis bekommen
hat. Hätte die Jury gewusst, dass gerade diese zentrale Szene
rekonstruiert war, eine Szene, die alle so begeistert hat, wäre
dieser Preis nie an Pfister gegangen. Eine andere sehr gute Reportage
hätte ihn bekommen, der Autor dieses Textes ist um den Lohn seiner
Mühe gebracht worden.
?:Warum
hat die Nähe, die Pfister suggeriert, die Jury so fasziniert?
!:Die
Nähe macht den Unterschied zwischen einer sehr guten und einer guten
Reportage, aber Nähe darf nicht vorgetäuscht werden.
?:Hat
die Jury nie daran gezweifelt, dass Pfister im Keller war?
!:Es
war unmöglich, das zu erkennen. Es
sitzen Leute in dieser Jury, die jahrelang nichts anderes gemacht
haben, als Reportagen zu redigieren. Niemand von uns wäre auf den
Gedanken gekommen, dass er nicht im Keller war. Es
steht ja in der Szene sogar explizit drin: "auch jetzt im
Sommer" - der Artikel erschien im August.
?:Nun
ist Pfister den Preis los, sein Name wird für immer mit diesem Eklat
verbunden bleiben.
!:Natürlich
tut mir René Pfister leid, dass es ausgerechnet ihn getroffen hat,
einen noch jungen Preisträger. Kein Journalist möchte erleben, was
er jetzt durchmachen muss. Dass nun, wie manche fürchten, seine
Existenz vernichtet oder gefährdet wird, das ist Gott sei Dank nicht
der Fall. Er hat einen wunderbaren Job beim "Spiegel",
seine Chefredaktion steht uneingeschränkt zu ihm, und ich sage: Ich
wäre auch nach der Aberkennung froh, wenn ich René Pfister in der
Redaktion der "Zeit" hätte.
?:Der
Jury wird vorgeworfen, dass sie den Autor vor der Aberkennung nicht
gehört hat.
!:Den
Vorwurf muss sich die Jury gefallen lassen. Aber es gab vor der
Entscheidung schon drei Tage hitzigster Debatten, und eine Rolle mag
auch gespielt haben, dass die ersten Äußerungen von René Pfister
gegenüber Journalisten etwas enttäuschend waren: kein Wort darüber,
dass hier ein Fehler gemacht worden war. Ich will gar nicht sagen:
kein Wort des Bedauerns.
Da
ist der Eindruck entstanden, da sei von Pfister keine Einsicht zu
erwarten.
?:Was
waren die Argumente der Gegner dieser Aberkennung?
!:Rücksicht
auf den Autor, der jung ist, der das ohne Vorsatz getan hat. Es gab
auch den Vorhalt, das seien doch nur wenige Zeilen in einer sehr
langen Geschichte. Und:
Das beschädige die Jury. Das ist das Argument, in dem ich mich am
wenigsten wiederfinde, da es doch um Glaubwürdigkeit und Transparenz
geht. Die Jury hat mit ihrer Entscheidung auch gezeigt, dass nicht
stimmt, was ihr gelegentlich vorgeworfen worden ist: dass hier
nämlich ein Klüngel von Hamburger Journalisten einander auszeichnet
und sich gegenseitig deckt. Dennoch habe ich Respekt vor den
Kollegen, die gegen die Aberkennung gestimmt haben. Ganz besonders
gilt das für den "Geo"Chefredakteur Peter-Matthias Gaede,
der in der Jurysitzung ein entschiedener Gegner dieser Auszeichnung
war und sich trotzdem danach mit großer Vehemenz gegen die
Aberkennung ausgesprochen hat. Ich
bin allerdings anderer Meinung.
?:Der
Flurschaden ist nun groß.
!:Es
war alles andere als eine bequeme Entscheidung. Aber jetzt gibt es
auch eine Chance, das ohne Selbstgerechtigkeit und Selbstgefälligkeit
abzuschließen, und die sollten wir nutzen. Vor allem sollte niemand
die Sache benutzen, um ganz anderes auszutragen.
?:Was
meinen Sie?
!:Es
fällt schwer, sich vorzustellen, dass die liebevolle Begleitung der
"Märklin-Affäre" durch die "Bild"-Zeitung
nichts zu tun hat mit einer kritischen Titelgeschichte im "Spiegel"
vor wenigen Wochen über die "Bild"-Zeitung.
?:Pfister
hat sich bei der Preisverleihung ganz arglos geäußert. Zeugt das
nicht davon, dass er sich einer Methode bedient hat, die
branchenüblich ist?
!:Ja,
sicher. Umso mehr müssen wir die Debatte schnell wegbekommen von
René Pfister und dem "Spiegel" hin zu einer Debatte, die
redaktionsintern bei jedem Blatt geführt werden muss und nach diesem
Eklat mit Sicherheit auch geführt werden wird: Was darf eine
Reportage, und was sollte sie tunlichst unterlassen? Ich
sitze hier nicht als der Vertreter einer moralisch besseren Anstalt:
Das sind Fragen, die wir alle kennen!
?:Sie
auch?
!:Natürlich.
Sicherlich kann man bei einem Mord, bei dem man nicht dabei ist, wie
jeder nachvollziehen kann, nicht auf die Rekonstruktion verzichten.
Ich würde sogar sagen: Die Mehrzahl der Geschichten sind heute
Rekonstruktionen. Wir
haben ja auch eine ausgezeichnet beim diesjährigen Henri Nannen
Preis: die hervorragende "Spiegel"-Dokumentation über das
Bombardement nahe Kundus. Auch hier gab es Vorbehalte. So werden
immer wieder Details beschrieben, die können die Autoren nicht
erlebt haben, und nach Meinung der Kritiker ist es relativ
unwahrscheinlich, dass Zeugen den Reportern geschildert haben, dass
etwa ein Kinn zittert oder jemand müde nickt. Aber trotzdem haben
wir gesagt: Diese Recherche ist so brillant, sie stellt einen Dienst
an der Weltöffentlichkeit da. Dennoch bleibt die Frage: Wie viel
muss man kenntlich machen?
?:Wäre
es besser gewesen, wenn Pfister geschrieben hätte, "so erzählt
es Seehofer jedem gern"?
!:Natürlich
hätte man diese Geschichte anfangen können - Herr Pfister würde
das besser ausdrücken - mit dem Satz: "Immer, wenn Horst
Seehofer besonders entspannt ist, erzählt er die Geschichte von
seiner Modelleisenbahn." Punkt. Absatz. Und dann geht es so los
wie im Text geschrieben. Warum
steht das da nicht? Weil es da womöglich den einen oder anderen
Kollegen gibt, der sagt: "Komm, das macht die Geschichte nur
langsamer, das wirkt auch uncool." Und dann ist die Versuchung
da, einen Eindruck von Authentizität herzustellen, die gar nicht
gegeben ist.
?:Jeder
von uns kennt diese Versuchung.
!:Oh
ja. Ich war 21 oder 22 Jahre alt und hatte ein Interview mit Sergio
Corbucci geführt, einem Großmeister des Italo-Westerns. In
einem Anflug von Größenwahn bot ich dieses Gespräch dem deutschen
Ableger des Magazins "Interview" an. Da meldete sich der
Chefredakteur, übrigens ein ehemaliger stern- Kollege, und sagte:
Liest sich ganz gut, aber wir brauchen als Vorspann noch ein bisschen
Atmosphäre. Das
war für mich schwierig, denn ich hatte dieses Gespräch nur am
Telefon geführt. Ich
hatte keinen Schimmer, wie es bei Corbucci zu Hause zugeht, hatte
aber begriffen, was die Kollegen gerne lesen wollten: In dem kurzen
Vorspann klapperten dann die Kochtöpfe, es roch buchstäblich nach
gebratenem Knoblauch und Rosmarin, so wie man sich das Zuhause eines
Italieners vorstellt. Es meldete sich dann der Chef und sagte: "Jetzt
ist die Geschichte richtig gut." Das geht natürlich gar nicht,
aber ich weiß noch genau, wie ich das Gefühl hatte: Alles richtig
gemacht! Das war ein ganz unerhebliches Detail, es wurde aber zur
Voraussetzung dafür, dass die Geschichte gedruckt wurde.
?:Ist
die Empörung auch deswegen so groß, weil sich viele Journalisten
ertappt fühlen?
!:Ich
stelle jedenfalls fest: Beim Einstecken von Kritik sind unsere
Fähigkeiten eher unterentwickelt. Wenn
zu unserem Beruf gehört, Schwächen, Vertuschungen, Fehler anderer
aufzudecken, dann gehört es auch zu unserer Glaubwürdigkeit zu
sagen, hier gibt es Fehlentwicklungen: die Vernebelung der
Quellenlage, Ausschmückung, Rekonstruktion von Szenen mit Details,
die so nicht beobachtet worden sein können. Wir können übrigens
aus einer Position der Stärke heraus Selbstkritik üben: In den
deutschen Medien gibt es inzwischen eine fantastische Kultur der
Reportage, und daran hat der "Spiegel" einigen Anteil.
?:Was
schlagen Sie vor?
!:Es
gibt keine allgemeingültigen Regeln, die man jetzt als Kodex
verabschieden könnte. Jede Geschichte ist anders, und an jede
Geschichte stellen sich andere Fragen - man muss sie nur diskutieren. Aber
ich kann auch nicht jede Geschichte zerstören, indem ich jedes Mal
nach drei, vier Sätzen hineinschreibe, wer wo was gesagt hat. Das
geht nicht. Das weiß jeder, der Geschichten schreibt. Man muss doch
auch dem Autor vertrauen können. Der bürgt mit seinem Namen dafür,
dass die Geschichte stimmt.
?:Im
Wettbewerb - zum Beispiel zu Internet-Blogs, in denen jeder schreiben
kann, was er will - ist die Glaubwürdigkeit das höchste Gut der
Journalisten ...
!:Schon der reine Selbsterhaltungstrieb verlangt von uns
Glaubwürdigkeit. Die Menschen, die uns noch in großer Zahl lesen,
müssen uns vertrauen können. Das
ist die ganze Geschichte.
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