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26.09.16

Ariel Hauptmeier / Rene Pfister „Kisch-Debatte: Interview mit René Pfister

Lieber René Pfister, gestern wurde Ihnen der Henri-Nannen-Preis für die “beste Reportage” aberkannt. Wie kommentieren Sie diese Entscheidung?

Ich halte die Entscheidung für falsch und ungerecht.

Die Jury des Nannen-Preise hat erklärt: “Die Glaubwürdigkeit einer Reportage erfordert aber, dass erkennbar ist, ob Schilderungen durch die eigene Beobachtung des Verfassers zustande gekommen sind, oder sich auf eine andere Quelle stützen, die dann benannt werden muss.” Hätten Sie deutlich machen müssen, dass die Einstiegspassage eine Rekonstruktion ist und nicht auf eigener Beobachtung beruht?

Zuerst einmal: Die Fakten des Textes sind unbestritten, das sagt auch die Jury. Ich habe in meinem Einstieg Seehofers Modelleisenbahn beschrieben und sie als Metapher für den Machtwillen dieses Mannes benutzt. Ich habe niemals behauptet, dass ich mit Seehofer im Keller war. Und wenn man den Einstieg liest, wird man leicht erkennen, dass ich nicht versuche, diesen Eindruck zu erwecken. Ich verfolge ihn nicht mit dem Reporterauge, wie er in den Keller steigt, dort das Licht anknipst, sich erst mal einen Schluck Kaffee genehmigt und so weiter. Ich benutze gerade nicht die klassischen Mittel eines szenischen Einstieges. Sondern ich schildere abstrakt und ohne Ausschmückung Seehofers Eisenbahn.

Gibt es etwas, das Sie sich vorwerfen?

Nein. Dass man aus Erfragtem, Erzähltem und Gelesenem eine Schilderung macht, ist absolut übliches journalistisches Handwerk. Wenn man die Kisch-Preise der vergangenen Jahre durchgeht, findet man etliche Beispiele, bei denen genauso verfahren wird. Meine Schilderung des Kellers stützt sich auf mehrere Quellen. Wir haben im SPIEGEL-Archiv Fotos von Seehofers Eisenbahn. Ich habe mich mit zwei Kollegen unterhalten, die in Seehofers Keller waren. Ich habe mit Mitarbeitern von Seehofer über seine Eisenbahn geredet. Und nicht zuletzt habe ich mit Seehofer viele Male gesprochen. Ich beobachte ihn seit 2004 für den SPIEGEL. Jetzt wird diskutiert, ob man im Einstieg mit einem Satz noch deutlicher hätte machen können, dass die Schilderung auf Recherche beruht. Das ist in Ordnung. Aber mir wegen dieser Frage den Preis abzuerkennen, ist schlicht unverhältnismäßig.

Warum haben Sie diesen Halbsatz „... erzählt Seehofer“ nicht eingefügt?

Weil meine Schilderung nicht nur auf den Aussagen Seehofers beruht, sondern auf mehreren Quellen.

Können Sie nachvollziehen, dass offenbar die meisten Leser denken, Sie seien im Keller gewesen?

Wie gesagt, ich habe in meinem Einstieg nicht den Eindruck erweckt, ich sei mit Seehofer in den Keller gestiegen. Die entscheidende Frage ist doch, ob meine Schilderung zutreffend ist. Und daran hat niemand Zweifel geäußert.

Der “Spiegel” moniert: “Die Jury hat mehrheitlich entschieden, René Pfister den Preis abzuerkennen, ohne ihn selbst anzuhören oder Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben. Ein solcher Umgang mit einem untadeligen Kollegen widerspricht den Regeln der Fairness.” Wären Sie angehört worden, was hätten Sie der Jury gesagt?

Das, was ich gerade darlege. Die Jury hat sich am vergangenen Freitag entschieden, mir die größte Ehre zukommen zu lassen, die in Deutschland einem Reporter zukommen kann. Dann wurde der Preis in eine Strafe verwandelt, und die Jury hat es nicht einmal für nötig erachtet, mich anzuhören. Kurz bevor die Entscheidung der Jury bekannt gegeben wurde, meldete sich ihr Sekretär bei mir und bot mir an, der Aberkennung zuvorzukommen, indem ich den Preis freiwillig zurückgebe. Meine Bitte, mich persönlich vor dem Gremium äußern und verteidigen zu dürfen, wurde abgeschlagen. Das widerspricht allen Regeln der Fairness.

Lassen Sie uns doch noch einmal ganz vorn beginnen – wie ist der Einstieg zu Ihrem Seehofer-Porträt entstanden?

Mein Text ist ein Porträt Seehofers. Und weil Seehofer immer selbst gesagt hat, dass die Eisenbahn ein Nachbau seines Lebens ist, erschien sie mir als der beste Einstieg für den Text.

Wäre es für Sie nicht leicht gewesen, Horst Seehofer daheim zu besuchen und die Modelleisenbahn selbst in Augenschein zu nehmen?

Seehofers Eisenbahn steht in seinem Ferienhaus in Schamhaupten. Und obgleich ich in den Monaten der Recherche im Frühjahr 2010 viel mit ihm unterwegs war, gab es zu diesem Zeitpunkt keine Möglichkeit, ihn dort zu besuchen.

Als die Reportage nominiert war – haben Sie da daran gedacht, die Jury auf die Rekonstruktion hinzuweisen?

Die Jury hat mich nicht gefragt. Wenn Sie es getan hätte, wäre ich völlig offen damit umgegangen.

Bei der Entgegennahme des Preises haben Sie mit großer Natürlichkeit erklärt, nicht selbst im Keller gewesen zu sein. Haben Sie erwartet, dass diese Antwort eine solche Sprengkraft haben könnte?

Nein, das habe ich nicht erwartet.


Die Fragen stellte Ariel Hauptmeier per E-Mail.

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Ariel Hauptmeier


Ariel Hauptmeier ist Redakteur bei "Geo" und einer der Gründer des Reporter-Forums. Er hat Germanistik und Philosophie studiert, die Henri-Nannen-Schule besucht und fünf Jahre lang als freier Autor die Welt durchstreift, ehe er 2005 zu "Geo" ging. Er gibt leidenschaftlich gern Schreibseminare, an den Unis Berlin, Hildesheim, Hamburg und anderswo.

Rene Pfister


René Pfister, geboren 1974 in Müllheim/Baden. Nach dem Abitur Politikstudium in München, daneben Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule. Im Jahr 2000 Umzug nach Berlin, dort Reporter bei den Nachrichtenagenturen ddp und Reuters. Seit 2004 Korrespondent im Hauptstadtbüro des SPIEGEL.
erschienen in:
Reporter-Forum,
am 10.05.2011

 

Kommentare

Rhold, 15.12.2014, 10:27 Uhr:

Actually, first, second and third will be jguedd by Parker and me. Only one prize is awarded based upon people's choice. The rest we'll decide. Don't be discouraged if another photo has more votes since that won't matter for the main judging.

Eliza, 23.01.2014, 13:40 Uhr:

No quseiton this is the place to get this info, thanks y'all.

Andreas, 15.06.2011, 23:18 Uhr:

Ach, lieber René Pfister, arme beleidigte Wurst! Wenn ein bestimmter Eindruck entsteht, dann ist DAS die Realität, der sich auch ein SPIEGEL-Reporter nicht verschließen sollte. Was üblich ist, muss nicht richtig sein. Nicht gefragt worden zu sein, ist eine lächerliche Ausrede. Es ging bei der Preiskategorie ja gerade um die Reportage! Da hätte es doch sofort klingeln müssen, da das gute Stück doch keine Reportage gewesen sein sollte. Wenn man eine Reportage einreicht, dann wird nun mal erwartet, dass der Reporter nicht einfach schreibt, was andere wissen, er aber nie selbst gesehen hat, es sei denn, er nutzt dieses Nicht-Gesehen-Haben-Aber-Dennoch-Wissen gezielt ein. Das wäre die hohe Kunst gewesen... Nun denn: Im nächsten Reporter-Leben vielleicht. Einfach mal ein bisschen üben.

Daniel, 13.05.2011, 13:00 Uhr:

...traurig, wenn einzelne Redakteure zum Bauernopfer im Konkurrenzkampf der Verlage werden. Geld und Auflage - auf der Strecke bleiben Autoren und Leser.

Andreas Perl, 13.05.2011, 10:52 Uhr:

Toll... Die Journalistische Vielfalt und investigative Berichterstattung in diesem Land ist unter aller Sau..Der Spiegel und Springer machen in zukunft wohl eine Zeitung???

Gina, 12.05.2011, 13:50 Uhr:

Wer - außer Medienwissenschaftlern und miesgelaunte Kollegen - hinterfragt Formulierungen, die vielleicht missverständlich sein könnten, auf den Inhalt aber keinerlei Auswirkungen haben? Eine Reportage ist kein Bericht, sondern eine Geschichte. Ich bin sehr kritisch in Bezug auf die BILDung durch die Medien, aber hier hätte selbst ich keinen Gedanken an hätte, wenn und aber sowie sollte verschwendet.

Klaus, 12.05.2011, 12:46 Uhr:

Ach, Gregor K, weil Sie's erwähnen: Auch der Kisch war ja bei seinen "Reportagen" nicht immer dabei. Schon seinen ersten Report über einen Mühlenbrand... aber das wissen Sie sicher besser als ich.
Und deshalb passt der Preis doch, äh, ja, "irgendwie" auch auf diesen jungen Schreibtischtäter.

Klaus, 12.05.2011, 12:41 Uhr:

Achjottchen, der arme Mann. Pöse pöse Jury. Hat ihn vorher nicht gefragt, ...ob er den Preis haben will und dann wieder nicht, als hinterher rauskam, dass er ihn nicht verdient hat.
...
Euer Code ist ja wirklich eine Zumutung: ehe man einen davon entziffern kann, muss man zig mal klicken, will sagen: man kann's auch übertreiben.

Sven, 12.05.2011, 11:07 Uhr:

Eine hervorragende Chuzpe. Erst einen falschen Eindruck erwecken und in eine Arbeit einfügen um Zeit und Aufwand zu sparen und wenn ich dann erwischt werde, habe ich Begründungen parat, die jeder Vernunft spotten.

War die dann folgende Handlung schlechter Stil der Jury? Bestimmt, das Verhalten seitens René Pfister und des Spiegels (analog zur fast gesamten deutschen Presse) ist beschämend und unterstreicht die Entscheidung der Jury aber nachträglich.

Am Rande: Das nach den vielen politischen Skandalen um das Thema Integrität und Ehrlichkeit (zu Guttenberg, Koch-Mehrin) ist es sehr tragisch zu beobachten, dass sich die deutsche Presselandschaft und ihre Vertreter (die Mehrzahl) diesem Trend anschließen.

Gregor Keuschnig, 12.05.2011, 10:06 Uhr:

Der Preis wurde vom legendären Egon-Erwin Kisch umbenannt und trägt nun den Namen des Mannes, der auf die Hitler-Tagebücher hereingefallen ist. Es muß nicht schlimm sein, einen solchen Preis nicht zu erhalten, auch wenn die Umstände des Entzugs lächerlich sind.

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