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Nominiert für den Deutschen Reporterpreis 2010.
„Jetzt
bloß keine Hexenjagd“
Über
Pädophilie
Von
Josef Haslinger,Die Literarische Welt, 13.03.2010
Immer
wenn in Österreich bekannt wird, dass katholische Priester wieder
einmal ihren Sexualtrieb nicht in Zaum halten konnten, klingelt bei
mir das Telefon. Das hat mittlerweile Tradition. Man tut so, als wäre
ich Experte in Fragen der Pädophilie und der Pädosexualität. Ich
habe als Kind auf diesem Gebiet Erfahrungen gesammelt, und ich habe
darüber geschrieben. Aber ich kann kein Experte sein, denn ich habe
früher darüber anders geschrieben als jetzt.
Ich
war 12 Jahre alt, als erstmals ein Priester, mein damaliger
Religionslehrer, sich für meinen kleinen Penis interessierte und
dabei ganz offensichtlich in Erregung geriet. Ein Zustand, den man
als Zwölfjähriger eigentlich nicht kennt, wenn man nicht das Pech
hatte, von seinen Eltern mit deren Sexualität belästigt worden zu
sein. Es hat eine Weile gedauert, bis mein Religionslehrer sich die
intime Annäherung traute. Als er merkte, dass ich es zuließ, suchte
er nach Gelegenheiten, das Spielchen zu wiederholen und, wenn
möglich, ein wenig auszuweiten. Ich ging mehrere Etappen der
Ausweitung dieser Spielchen mit. Es kam mir nicht in den Sinn,
ernsthaft dagegen etwas zu unternehmen. Und deshalb war ich auch
nicht in der Lage, sie abzustellen.
Diese
Kontakte haben mich verstört, wie man so sagt, ich wusste einfach
nicht, was ich davon halten sollte, und ich habe lange Zeit darüber
mit niemandem gesprochen. Andere konnten darüber sprechen. Und so
kam mir mein erster sakraler Erotikpartner, wenn ich das so
ausdrücken darf, noch in der Klosterschule abhanden. Er wurde in ein
anderes Kloster, in dem es keine Zöglinge gab, zwangsversetzt.
Dass
dieser Mitschüler den Eltern von seinen Erlebnissen erzählte, fand
ich mutig. Ein wenig hielt ich es auch für einen Verrat. Aber von da
an habe ich natürlich gewusst, dass ich mit meinen Erlebnissen
diejenigen, die sie verursachten, erpressen konnte; dass ich ein
Mittel der Gegenwehr in der Hand hielt. Und ich habe auch gesehen,
wie einfach das ist. Man redet darüber, und der Mann zieht den
Kürzeren. Als Kind, insbesondere als Internatsschüler, entwickelt
man einen strategischen Sinn. Man kann fies sein gegen jemanden. Ich
kannte dieses Mittel, ich habe es oft eingesetzt. Aber nicht gegen
die Priester, die mit mir sexuelle Spiele veranstalteten.
Der
Skandal hielt sich damals in Grenzen. Ein Priester musste das Kloster
wechseln. Warum, das hat die Gemeinde nie erfahren. In der Zeitung
war darüber nichts zu lesen. Und was meine langsam erwachende
Sexualität betraf, so gab es bald andere, die an die frei gewordene
Stelle nachrückten. In mir hatten sie die richtige Wahl getroffen.
Ich schwieg beharrlich.
Fünfzehn
Jahre später, in den frühen achtziger Jahren, veröffentlichte ich
eine Kurzgeschichte mit dem Titel „Die plötzlichen Geschenke des
Himmels“. Darin berichtet ein Ich-Erzähler, dass er als
Klosterzögling von seinem Religionslehrer, einem gewissen Pater G.,
vergewaltigt wurde. Wörtlich heißt es: „Er legte mir sein
wulstiges Fleischstück wie eine geweihte Hostie auf die Zunge,
lächelte mich an dabei, sagte, na, mach schon, trau dich nur. Ein
schaler, nichtssagender Geschmack, ein wenig Ekel. Da stieß es mit
einem Mal in meinen Mund hinein, zuckte hin und her, ich konnte ihm
nicht mehr entkommen. Mein Kopf wurde von hinten gegen das
Haarbüschel gepresst, es reckte mich, wenn der Religionslehrer auf
meinen Gaumen stieß, die Speiseröhre hinabschlüpfen wollte ...“
Das
formulierte ich wohl zu einer Zeit, als ich schon Pornofilme kannte.
Gerade diese Szene, die sich sozusagen ins Zentrum drängt, weicht am
weitesten von der Realität ab. Aber sie hatte sicher auch damit zu
tun, dass ich in Wirklichkeit auch Ekelgefühle empfand. In der
Folge, so die Geschichte, sei der Ich-Erzähler aus dem
Klosterinternat abgehauen, ohne jemandem die Gründe dafür plausibel
machen zu können, warum er ins Kloster nicht mehr zurückkehren
wolle. Moralisch einwandfreie Fiktion. Würde gut in die heutige
Debatte passen. Und gerade darum ist sie schlecht.
Pater
G. war eine Zusammenführung von drei Personen, mit denen ich im
Alter von 12 bis 14 Jahren sexuelle Kontakte hatte. Darüber hinaus
gab es noch eine vierte Lehrperson, die allerdings aus dem Rahmen
fiel, weil sie mich lehrte, dass eine Frau und eine erstaunlich große
Kinderschar den Herrn Papa nicht unbedingt davon abhalten, sich für
erotische Spielchen mit fremden Knaben zu interessieren. Ich bin, im
Gegensatz zu meinem Protagonisten in der Kurzgeschichte, aus dem
Klosterkonvikt nie abgehauen, sondern ich habe immer nur geträumt
davon. Aber nicht wegen der sexuellen Vorkommnisse.
Die
Kurzgeschichte war eine moralische Anklage, nein, eine Entladung. Ich
hatte mittlerweile mit der Kirche gebrochen und wollte es ihnen
zurückzahlen, so drastisch wie möglich. Heute denke ich, es war vor
allem das ständige Erniedrigtwerden bis hin zur allgegenwärtigen
körperlichen Züchtigung, das im Nachhinein meine Hassgefühle hat
wachsen lassen. In den Jahren, in denen außerhalb der Klostermauern
über antiautoritäre Erziehung gesprochen wurde, wurden wir von den
Protagonisten der Religion der Liebe, auf arabische Art, könnte man
sagen, mit dem Stock geschlagen. Die Pädophilen waren in dieser
Sphäre von klösterlicher Gewalt eine Oase der Zärtlichkeit. Das
Kloster war ein Exzess in dieser und jener Richtung.
Ich
muss mir heute eingestehen, dass es viele Möglichkeiten gegeben
hätte, die damaligen sexuellen Kontakte abzuwehren und zu
unterbinden. Ich habe diese Möglichkeiten nicht genutzt. Ich habe
mich nicht gerade angeboten, dazu war ich zu schüchtern, aber ich
habe, nach den ersten unerwarteten Annäherungen, schnell gesehen,
wer aus einer bestimmten Neigung heraus sich umschaute. Und ich bin
solchen Annäherungen nicht ausgewichen, sondern ich habe sie in
gewisser Weise als Auszeichnung empfunden.
Ich
wurde in die geheime, aufregende Welt der Sexualität eingeführt.
Ein Penis, der ejakuliert. Wenn man zwölf Jahre alt ist, will man
das endlich einmal sehen. Dass es katholische Priester waren, die mir
diese Welt eröffneten, mag ungewöhnlich sein. Aber sie waren ja
nicht die einzigen. Ich hatte zu Gleichaltrigen und Älteren
dieselben Kontakte wie andere auch. Ich war kein sozial gestörtes
Kind, das hilflos dem Triebleben sakraler Päderasten ausgeliefert
war. Ich war verstört, weil ich zu dieser Zeit ja auch noch ein sehr
religiöser Mensch war und selbst Priester werden wollte. Die
moralische Verstörung war weitaus übler als die erotische
Konfusion.
Es
liegt mir daran, in einem Moment, in dem alle Welt sich plötzlich
über solche Vorgänge entrüstet, als hätten sie keine Tradition,
nicht nur über die Verstörung, sondern über alle Gefühle Auskunft
zu geben. Gefühle, die man gehabt hat, sollte man im nachhinein
nicht einfach zugunsten einer moralischen Entrüstung abschütteln,
als hätte es sie nicht gegeben. Es war nicht nur eine Last, ein
solches Geheimnis zu haben, es war auch etwas Besonderes.
Neulich,
beim Durchstöbern alter Fotos, fiel mir ein Brief aus dem Kloster in
die Hände, ein schüchterner Liebesbrief, der mir, dem damals
Zwölfjährigen, von einem Ordenspriester geschrieben wurde. Und er
hatte ein Foto von sich beigelegt. So erstaunlich, wie ich das heute
finde, habe ich das damals gar nicht gefunden. Ich habe mich meiner
Mutter gegenüber gebrüstet, dass ein Ordenspriester so vertraut mit
mir war, und habe ihr das Foto gezeigt. Sie hat keinen Verdacht
geschöpft. Und als mich der zudringliche Pater in den Ferien ins
Kloster einlud, bin ich hingefahren.
Ich
verstehe, dass die Gesellschaft Pädophilen keinen Freibrief
ausstellen kann. Aber ich weiß auch, dass sie zärtlich sind,
fürsorglich, liebevoll und weitaus weniger egoistisch als man sich
das gemeinhin vorstellt. Sie hätten das auch gar nicht nötig, weil
es Kinder gibt, die sich mit Neugier darauf einlassen.
Ich
wurde von diesen Erwachsenen sicherlich ausgenutzt, aber ich fühlte
mich auch ernst genommen. Wir sprachen ja nicht nur über Sexualität.
Einer der drei schrieb Gedichte. Ich kann heute noch eines seiner
Gedichte auswendig. Und einmal sprachen wir über das Thema eines
Schulaufsatzes, den ich zu schreiben hatte. Als wir uns das nächste
Mal trafen, übergab er mir ein mit der Maschine geschriebenes Blatt,
auf dem er sich Gedanken zu diesem Thema gemacht hatte. Es waren die
Gedanken eines Erwachsenen. Ich baute sie in den Schulaufsatz ein,
und da wurden sie plötzlich meine eigenen Gedanken. Sie brachten
mich weiter. Der Mann hat später geheiratet und Kinder bekommen. Von
meinem ersten Partner, jenem, der später in ein anderes Kloster
versetzt wurde, kann ich mit ziemlicher Sicherheit behaupten, dass er
zu Ehe und Familie gar nicht in der Lage gewesen wäre.
Nachdem
ich neulich im Zuge der Missbrauchsdiskussionen im österreichischen
Fernsehen über meine Klostererlebnisse berichtet hatte, bekam ich
eine E-Mail, in der mir eine Frau erzählte, ein Verwandter von ihr,
ein Lehrer, habe sich gerade umgebracht. Er war (zu Recht)
beschuldigt worden, einen Schüler unsittlich berührt zu haben.
Passen
wir bloß auf, dass wir jetzt keine Hexenjagd inszenieren. Die Kinder
sind zu schützen, keine Frage. Und die Opfer haben ein Recht, gehört
zu werden. Aber was machen wir nur mit den Tätern? Es hat einen
guten Sinn, warum es im Gesetz Verjährungsfristen gibt. Da hat es
einmal ein Rechtsempfinden dafür gegeben. Das Hauptaugenmerk kann
doch nicht Tätern gelten, deren Straftaten verjährt sind. Alle
Menschen sollen eine Chance haben zu lernen, wie man mit seinen
Verhaltensweisen innerhalb des gesetzlichen Rahmens bleiben kann. Und
wenn sie es gelernt haben, dann haben sie sich mehr angestrengt als
so mancher, der jetzt den moralisch Entrüsteten spielt, obwohl er
die Fallen einer solchen Neigung nicht einmal ansatzweise kennt.
Das
Hauptbestreben der derzeitigen Thematisierung von Pädophilie und
Pädosexualität muss es sein, derzeitige Fälle aufzudecken und
künftige zu verhindern. Die Aufarbeitung der Geschichte ist für die
Opfer von Bedeutung. Sie haben einen uneingeschränkten Anspruch
darauf. Aber die Gesellschaft? Immerhin wird der Intimbereich von
Menschen berührt. Von Opfern und von Tätern. Egal wie er beschaffen
ist, er steht unter dem Schutz unserer gesellschaftlichen Verfassung.
Ich will diese Leute nicht am Pranger vorgeführt bekommen.
Am
besten schützt man die Kinder, indem man den Pädophilen hilft, mit
ihrer gesellschaftlich nicht gut integrierbaren Neigung auf eine
Weise zurande zu kommen, die nicht das Strafgesetz berührt. Aber die
derzeitige Kriminalisierungskampagne geht in eine ganz andere
Richtung und ist damit nicht hilfreich. Es muss doch möglich sein,
einem Menschen, der es offensichtlich nicht aus eigener Kraft
schafft, sein Verhalten in den Griff zu bekommen, eine Form von Hilfe
anzubieten, die ihm nicht gleich die Menschenrechte abspricht.
Medienaufgeregte
Politiker überschlagen sich mit Vorschlägen, wie man das Strafrecht
verschärfen und Verjährungsfristen aufheben könnte. Wenn wir
Pädophile mit Kinderschändern und Sexualattentätern gleichsetzen,
haben wir zwar ein größeres Medienspektakel, aber es geht uns jeder
Maßstab für sinnvolle Maßnahmen verloren. In meinen juristisch
ungeschulten Augen sind das unterschiedliche Paragraphen.
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