Ich möchte mich bedanken für den Preis für meine Reportage aus Liberia, den ich nicht selbst entgegennehmen kann. Da ich dies schreibe, bin ich mit Packen beschäftigt. Am Tag der Preisverleihung werde ich auf Recherche im Inneren von Papua Neuguinea sein.
Mit diesen Recherchen auf schwierigen Untergrund ist es eine merkwürdige, eine problematische Sache.
Die klassische Darstellung meines Aufenthalts in Liberia beispielsweise würde so lauten:
Mehrere Wochen lang hat die Geo-Redakteurin Gabriele Riedle für ihre Reportage über den Neuanfang im westafrikanischen Liberia nach einem schier endlos langen Bürgerkrieg recherchiert.
Sie schlug sich durch die Slums der Hauptstadt Monrovia und durch die unwegsamsten Gebiete im tropischen Regenwald. Sie fuhr mit schrottreifen Autos und Motorrädern über zerstörte Straßen und schlammige Pisten und flog mit russischen Militärhubschraubern und Blauhelmen der Vereinten Nationen in sonst unerreichbare Winkel des Landes – und jederzeit mußte sie gefaßt sein auf einen der vielen Ausbrüche von Gewalt und auf spontane Aggressionen in diesem vollständig traumatisierten Land.
Sie traf ehemalige Kindersoldaten und Dorfälteste, die Massaker erlebt hatten, ging mit UN-Polizisten auf nächtliche Patrouille und ließ sich von der gewesenen Gattin des Kriegsherrn Charles Taylor deren Weltsicht erläutern. Sie erkündete Goldminengebiete und tanzte auf dörflichen Festen, sie watete durch Müll und Exkremente und machte sich fein für stilvolle Abendunterhaltungen mit internationalen Diplomaten – und schließlich auch für den Besuch bei Ellen Johnson-Sirleaf, des ersten weiblichen Staatsoberhaupts des afrikanischen Kontinents.
So stellt man sich die heldinnenhafte Reporterin vor. Da bin ich sogar selbst von mir beeindruckt.
Alles wahr, kein Wort erfunden – und dennoch auf merkwürdige Weise gleichzeitig unwahr. Eben weil die Geschichte so erzählt ist, wie so viele andere auch: Der Reporter und mittlerweile auch die Reporterin an der Krisenfront, der Kriegsfotograf und auch die Kriegsfotografin – Figuren, die selbst zu Heldinnen und Helden werden.
Figuren letztlich der Unterhaltungsindustrie.
Zum Nutzen der eigenen Eitelkeit und zur Freude des dankbaren Publikums.
Oft genug wirkt sich das dann auch auf die Reportagen beziehungsweise auf die Photos aus. Die heldische Reporterin und der heldische Kriegsfotograf werden, bewusst oder unbewusst, die Erfahrungen, die sie gemacht haben, anders erzählen, andere Episoden auswählen, eine andere Bildsprache verwenden. Im Zweifelsfall werden sie einfach zusätzlich dramatisieren – wir erleben das, so finde ich, in zunehmendem Maße.
Also wie war es nun wirklich in Liberia? Ja, es war sehr heiß, sehr schmutzig, sehr anstrengend und bisweilen habe ich mich auch gefürchtet. Aber eigentlich geht es um etwas anderes: ich lande ja plötzlich in einem merkwürdigen Alltag, selbst wenn dieser noch so krisenhaft ist, und in einer ebenso merkwürdigen Normalität. Es ist nicht dramatisch und nicht sensationell, sondern normal, dass mir Leute im ruhigsten Plauderton von ethnischen Säuberungen erzählen, an denen sie beteiligt waren. Es ist normal, wenn die geschiedene Frau des Kriegsherren Charles Taylor, heute selbst Senatorin, mit ihrer offenen, temperamentvollen Art über ihr soziales Engagement spricht, obwohl bekannt ist, dass ihr Gatte im ehelichen Wohnzimmer mit eigener Hand Menschen umgebracht haben soll, und ich finde die Frau sogar äußerst sympathisch, auch wenn ich in der folgenden Nacht nicht schlafen kann aus lauter Verwirrung der Gefühle und weil ich nicht enträtseln kann, was für eine Person die Senatorin tatsächlich ist.
Es ist normal, dass ehemalige Kindersoldaten mir von Morden und von Vergewaltigungen erzählen, die sie unter Umständen sogar selbst begangen haben und davon, dass sie ihre Mutter über alles lieben. Und wenn wir uns nach diesen merkwürdigen, meistens ziemlich langen Gesprächen dann zum Abschied umarmen, dann ist auch das richtig und gehört dazu. Und schließlich ist es auch normal, dass wir in Monrovia im eisgekühlten Sushi-Restaurant sitzen – gänzlich unheldinnenhaft und in konditionierter Kaltluft.
Von dieser Normalität, die dann natürlich stets doch ins absolut Ungeheuerliche kippt, versuche ich dann jedenfalls zu berichten.
In wie weit mir das gelingt, müssen Sie beurteilen.
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