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30.09.16

Diskussion

Stephan Lebert „Was denkt so ein Feuilletonist in seinem Kopf?

Ach, man würde so gerne noch einmal diese wunderbare Geschichte über eine merkwürdige Beziehung zweier Menschen preisen, eine Beziehung, die deshalb so merkwürdig ist, weil der eine von beiden ein grausiger Serienkiller ist, der andere der Kommissar, der ihn überführte. Bis heute, lange Jahre nach den Taten und der Verurteilung, besucht der Polizist den Mörder regelmäßig im Knast. Eine Art Freundschaft ist daraus geworden. Was für ein Stoff, den da das Leben schrieb und den die Reporterin entdeckte und aufzeichnete. Jubeln möchte man, aber jubeln geht nicht, weil der strenge Feuilletonchef dieser Zeitung vergangenen Sonntag genau diese Geschichte zum großen Krisensymptom der Gattung Reportage ausgerufen hat. Zu niedlich, zu erklärend sei der Text, ohne jede Abgründe. Nun, dass der Mörder seinen Opfern die Knochen rausgeschnitten hat, war dem Feuilletonisten anscheinend noch nicht Abgrund genug.


Ach, und man würde so gerne eine Veranstaltung preisen, die Henri-Nannen-Preisverleihung im Hamburger Schauspielhaus, und zwar allein schon deshalb, weil der Verlag Gruner + Jahr schon zum wiederholten Male eine schöne Feier zu Ehren überzeugender journalistischer Arbeiten im Bereich Print ausrichtet, und dies zu Zeiten, in denen sonst nur noch Lieder über den Abgesang dieser Branche einstudiert werden. Loben geht aber jetzt nicht, weil der Feuilletonchef genau diesen Preis und die sogenannte Preisträgerprosa in den Mittelpunkt seiner Attacke rückt. Die preisgekrönte Reportage - eine journalistische Meisterleistung? Da kann der Feuilletonist nur hämisch lachen.


Apropos Häme: Die F.A.S. veröffentlichte neben dem erwähnten Artikel noch einen zweiten Text, der ziemlich schlecht gelaunt den Abend der Nannen-Preisverleihung beschreibt. Diese schlechte Laune passt so gar nicht zu dem hochgeschätzten F.A.S.-Feuilleton, wenn beispielsweise über Buch-, Theater- oder Filmpreise berichtet wird. Deshalb erlauben wir uns kurz die sicher durch und durch unsachliche Frage, ob da vielleicht ein bisschen das Til-Schweiger-Syndrom vorliegt: Man gewinnt selber nie was - und ist beleidigt?


Kommen wir nun aber schnell zu dem ernsthaften Kern der Einlassungen des Feuilletonchefs, zur Frage, ob es eine Krise der Reportage gibt. Gewisse Anzeichen dafür liegen nämlich tatsächlich vor. So spürt man beispielsweise viel zu häufig den Willen der Autoren, Literatur zu produzieren. Ein schöner Satz nach dem anderen wird geschrieben, und dabei wird vergessen, dass dies nicht die Aufgabe eines Reporters ist. Die Aufgabe eines Reporters ist das Finden einer Geschichte und das Finden der geeigneten Sprache, um diese Geschichte zu erzählen. Wenn dann am Ende Literatur herauskommt, ist das ein nettes Zusatzergebnis. Wenn am Anfang der Wille zur Literatur steht, geht es allermeistens schief.


Die Tendenz zur formalen Künstlichkeit mag auch mit einer zunehmend komplexer werdenden Welt zu tun haben, in der es oft schwierig ist, die besondere Geschichte des Momentes aufzuspüren. Aus diesem Grund werden in den großen Magazinen und Zeitungen zunehmend Dokumentationen und Reports verfasst, in denen mehrere Autoren versuchen einen Sachverhalt zu erklären und zu erhellen. Aber die Stunde der Reporter schlägt immer dann und wird immer schlagen, wenn die Definition von Victor Hugo greift, der die Kunst der Reportage so beschrieben hat: "Die Wirklichkeit, erlebt durch ein Temperament". Die wiedererstarkte Seite drei der "Süddeutschen Zeitung" führt dies vor, wie auch die F.A.Z. mit ihrem Versuch, eine eigene Reportagekultur zu entwickeln.


Wir würden an dieser Stelle nun gerne von einer besonders gelungenen Reportage schwärmen, von einem Porträt über Angela Merkel. Die außerordentliche Leistung des Reporters besteht darin, den üblichen Lärmpegel, der diese Frau umgibt, auszublenden, und sich ganz einer Frage zu widmen: Wie verändert sich das Leben, wenn man da ganz oben angelangt ist? Der Reporter schreibt nicht das, was dauernd alle schreiben, sondern geht auf eine sehr eigene Spurensuche. Wir würden gerne weiter schwärmen, aber schwärmen geht jetzt nicht, weil der Feuilletonchef dieser Zeitung auch diesen Text vernichtet, mit der bizarren, auch etwas beleidigenden Begründung, diese Reportage sei unseriös, weil sie versuche, in die Köpfe der Beschriebenen einzudringen, also vorgebe zu wissen, was die Menschen denken. Nun kann dies tatsächlich eine Untugend von Reportern sein, wenn sie etwa beschreiben, was ein Selbstmörder denkt, bevor er die Brücke runterspringt. Doch im Fall des Merkel-Porträts trifft dieser Vorwurf völlig ins Leere. Der Reporter hat ungezählte Gespräche geführt, mit Menschen aus dem Umfeld der Kanzlerin, und formt daraus das Puzzle eines immer enger werdenden Lebens. Vielleicht kann sich ein Denker am Schreibtisch eine solche Recherchearbeit nicht vorstellen.


Was treibt den Feuilletonisten, derart unpassende Beispiele für eine nachdenkenswerte These zu präsentieren? Es wäre nun wenig erfreulich, darauf hinzuweisen, dass eben die Nerven blank liegen in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten, und es durchaus üblich ist, dass der eine (Feuilletonist) auf den anderen (Reporter) losgeht, und umgekehrt, und am Ende alle behaupten, so schöne Sätze wie sie schreibe nun wirklich kein anderer.


Nein, da wollen wir lieber für einen Moment versuchen, in den Kopf des Feuilletonisten zu kriechen, um dort das Motiv zu finden. Ist da einer tief drinnen doch verletzt, weil es viele Filme über Reporter gibt, aber nur äußerst wenige über Filmkritiker? Oder gilt es viel mehr von einem Trauma des Feuilletonchefs zu berichten? Der hatte nämlich schon mal eine sehr hohe Meinung von Reportern, als er 1997 im Nachwort eines Buches von Tom Kummer schrieb: "Das ist das Chaos, durch das sich Tom Kummer schlägt - und dass er dabei eine ganz gute Figur macht, liegt auch daran, dass der Reporter der letzte mythische Großstadtheld ist, der die Verwirrungen der Gegenwart überstanden hat." Damals war Tom Kummer als Betrüger noch nicht enttarnt, und es waren viele, die damals seine Kunst feierten. Doch möglicherweise ist mit Kummers Enttarnung etwas Grundsätzliches kaputtgegangen, zwischen unserem Feuilletonmann und der Gewichtung der Reportage.


Übrigens, die Geschichte, die beim diesjährigen Nannen-Preis gewann, war in der Attacke nicht erwähnt worden. Das Thema der Geschichte war: Darm-Transplantation. Hätte womöglich nicht zur Überschrift gepasst: "Die Verniedlichung der Welt". Forget the facts, push the story, lass weg, was die Geschichte stört. Nicht nur die ganz harten Reporter wussten das immer schon.


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Stephan Lebert


Stephan Lebert besuchte die DJS, von 1999 bis 2004 leitender Redakteur beim Tagesspiegel, heute Redakteur bei der Zeit.
Dokumente
Was denkt so ein Feuilletonist in seinem Kopf? (PDF)

erschienen in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung,
am 16.05.2010

 

Kommentare

Wolfgang Michal, 19.05.2010, 14:41 Uhr:

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