|
Für diese Reportage war der Autor für
den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2010 vornominiert.
Sandra Schulz
Das Leben unter der Brücke
Die
Bauern sollten befreit werden von Armut und Unterdrückung, das war
das Ziel von Maos Revolution. 60 Jahre später funkeln die Städte,
aber auf dem Land ist das Leben stehengeblieben.
Von
Sandra Schulz, DER SPIEGEL, 14.12.2009
Wei hat diese Wut
auf Bäume. Jedes Mal, wenn er an die Bäume denkt, überfällt sie
ihn, die Wut. Er spricht dann noch lauter, spuckt. Es sprüht aus
seinem Mund. Bäume! Was hat sich die Regierung bloß dabei gedacht?
Was sollen seine Büffel denn fressen, wenn auf dem Berg Bäume
wachsen statt Gras? Und wie soll er sein Feld pflügen ohne seine
Büffel? Er rollt Tabak in ein altes Kalenderblatt, raucht, schweigt,
das faltige Gesicht im Schatten seines Strohhuts.
Die Büffel sind
sein Vermögen, drei besitzt er, dazu ein Schwein, einen Fernseher.
Starke, dicke Beine, ein Fell, das nicht in Wirbeln wächst, all das
muss ein guter Büffel haben, vor allem aber einen kurzen Schwanz.
Denn nur die Kurzschwänzigen, heißt es, arbeiten gut. Wei hat
Kurzschwänzige, Wei hat alles richtig gemacht beim Büffelkauf, er
schläft sogar über dem Stall, damit ihm niemand die Tiere entführt.
Doch jetzt hat ihm die Regierung die Weide verboten, und Wei fühlt
sich betrogen um sein Lebenswerk, bedroht in seiner Existenz von
staatlich gepflanzten, sprießenden jungen Bäumen. Dabei droht die
Gefahr für sein Feld, seine Büffel, sein Dorf von dem Meisterwerk,
unter dem Wei lebt: einer Brücke, die sich hoch über sein Tal
schwingt.
Um Bauern wie Wei
Xinyuan zu befreien, hatte Mao Zedong seinen Kampf geführt, doch
nun, 60 Jahre nach der Gründung der Volksrepublik, sind Bauern wie
Wei Xinyuan immer noch die Verlierer.
Wei, 59 Jahre
alt, ist einer von über 700 Millionen Chinesen auf dem Land. Er lebt
in einem kleinen Haus, mit Wasserhahn vor der Tür, Holzofen in der
Küche, Webstuhl unter nackter Glühbirne. Seine Frau Lu Deqin hat
sich ihr Haar seit über 50 Jahren nicht mehr geschnitten, seit über
30 Jahren wickelt sie morgens den Zopf um den Kopf, damit er sie
ziert wie ein geflochtener Haarreif. Den Reis, den Wei und Lu
anpflanzen, essen sie selbst. Den Mais, den sie anbauen, verkaufen
sie auf dem Markt als Schweinefutter; das ist ihr einziger Verdienst,
im Monat höchstens 150 Yuan, 15 Euro. Wei und Lu leben in demselben
Land wie der Akku-Fabrikant Wang Chuanfu mit seinem Vermögen von 5,8
Milliarden Dollar, der reichste Mann Chinas. Und auch deswegen
beschwört Staatschef Hu Jintao den Aufbau einer "harmonischen
Gesellschaft", was vor allem heißt, dass es so harmonisch noch
nicht ist in China, wo der Städter im Schnitt mehr als das Dreifache
verdient im Jahr als der Bauer, in diesem Land der
Ungleichzeitigkeit.
Die Brücke, ein
Monument des modernen China, steht irgendwo hinter sieben Bergen in
der Provinz Guizhou. Sie überspannt das Tal, scheinbar schwerelos,
ein feiner Strich am Himmel. Sie ist über Zuckerrohr und Bambus,
über Fluss und Dorf und auch über Weis Kopf hinweg gewachsen. Es
ist die Balinghe-Brücke, erbaut in einer der ärmsten Provinzen
Chinas. Bauer Wei Xinyuan, Sohn eines Bauern, sagt, die Brücke sei
für ihn nutzlos. Brückenbauer Zhou Ping, Sohn eines Brückenbauers,
sagt, sie sei die wichtigste Brücke seines Lebens.
Der Brückenbauer
Zhou ist 44 Jahre alt, Vize-Chefingenieur der Guizhou Expressway
Development Corporation, ein Mann mit teigigem Gesicht, fleischigen
Ohrläppchen und Föhnfrisur. Er sitzt in seinem Büro in Guiyang,
der Provinzhauptstadt von Guizhou, zwischen grauen Metallschränken
und grauen Jalousien, und seine Augen glänzen. Keine Brücke vorher
war so eine Herausforderung, die steilen Hänge, die Windböen, das
Luftschiff, das das Führungsseil transportierte. Mit keiner Brücke
verbrachte Zhou mehr Zeit, vier Jahre und acht Monate sind es jetzt.
Gesamtkosten: fast 1,5 Milliarden Yuan, umgerechnet 150 Millionen
Euro. Spannweite: 1088 Meter. Immer wieder hat Zhou sich von seinem
Chauffeur zur Hängebrücke fahren lassen, zur Inspektion. Er weiß,
die Miao und die Bouyie leben irgendwo dort unten, und zur Eröffnung
der Brücke wird er die auch tanzen lassen in ihren Trachten. Doch
angehalten in ihren Dörfern hat er nie, auch nicht bei Wei, dem
Bouyei, im Dorf Manzhai.
"Wir spüren
großen Druck von der Regierung", sagt Zhou Ping. Die wollte die
Brücke noch vor den Olympischen Spielen in Betrieb nehmen. Zhou
nennt das eine verwaltungstechnische Perspektive. Sie haben ja schon
in zwei, drei Schichten gearbeitet, auch am Wochenende, auch an
Feiertagen. Sie seien ja schon, sagt Zhou, doppelt so schnell beim
Brückenbau wie die Japaner.
Am 23. Dezember,
16 Monate nach Olympia, werden sie endlich das rote Band
durchschneiden, zusammen mit dem Gouverneur von Guizhou und dem
stellvertretenden Verkehrsminister aus Peking. Es geht um Großes:
Zwölf Autobahnen, kreuz und quer durchs ganze Land, das war das
Projekt, und Tausende Kilometer sind schon geschafft. Was fehlt, ist
die Brücke. Wenn diese Brücke, ihre Brücke, fertig ist, ist wieder
ein Stück neues China fertig.
Wenn nur die
Wirtschaft wächst, gewinnen alle, dachte man früher. Doch seit klar
ist, dass es auch Verlierer gibt, beginnen die Bauern sich zu wehren,
mit Sitzstreiks vor Regierungsgebäuden und Straßenblockaden. Sie
protestieren gegen hohe Abgaben, gegen korrupte Kader,
Umweltzerstörung und dagegen, dass man ihnen einfach ihr Land nimmt
- und kaum Entschädigung zahlt. Die Wut, auch Weis Wut über die
Bäume, richtet sich meist gegen die Lokalregierung, nicht gegen die
ganz oben in Peking. Die Staatsführung aber fürchtet die Bauern.
Die chinesische Geschichte kennt viele Bauernaufstände, und wer
wüsste besser als die Kommunistische Partei um die Macht der Bauern,
die Mao, der Bauernsohn, einst für sich gewann? Also versprach man
Besserung, einiges wurde auch besser, eine Krankenversicherung für
Bauern kam, die Agrarsteuer wurde abgeschafft, mehr Geld für Bildung
der Bauern gab es. Man verpflichtete sich dem "Aufbau eines
neuen sozialistischen ländlichen Raums", so heißt das
Programm.
Wei aber sitzt
auf dem alten sozialistischen Land fest. Für Wei änderte sich nicht
viel, eigentlich nur der Himmel. Wenn er hochschaut, selbst wenn er
auf seinem Plumpsklo hockt, dann sieht er den Fortschritt.
Jahrzehntelang bestimmten nur Saat und Ernte den Gang seines Lebens,
seit über vier Jahren bestimmt der Stahl über ihm den Takt der
Zeit: Am 18. April 2005 begann der Bau der Brücke, es war ungefähr
die Zeit, als auch Wei sein neues Haus baute, für die beiden Söhne.
In zwei, drei Jahren müssen die aus der Großstadt zurückkehren,
länger schaffen Wei und Lu die Arbeit nicht mehr. Wei besitzt sein
Feld nicht, Boden gehört in China immer noch dem Staat, doch die
Bauern haben ein Nutzungsrecht für 30 Jahre, und das können sie
auch vererben. "Im Herzen wollen sie heimkommen", sagt Wei.
Sie werden ein Mädchen aus der Gegend heiraten, alle anderen, glaubt
Wei, schauen ohnehin auf Bauernsöhne und Wanderarbeiter herab. "Die
lieben dich nur, wenn du Geld hast." Weis Söhne aber haben nur
ihren Lohn als Tofu-Verkäufer und als Träger und dazu noch die
Schulden ihrer Eltern fürs Haus.
In den neunziger
Jahren, als alle vom Aufschwung in den Großstädten erzählten,
wollte auch Wei gern Wanderarbeiter sein. Aber er hatte noch nicht
einmal Geld, um zur Arbeit zu wandern, noch nicht einmal Geld für
die Reise zum Geld. Die Scheine, die sie besitzen, trägt seine Frau
Lu in ein Taschentuch gewickelt in der Innentasche ihrer Jacke, nah
am Herzen. Davon zahlt sie am Markttag die Stromrechnung in bar. Und
wenn es nötig ist, einen neuen Schneidezahn. Neulich erst saß sie
beim Freiluftzahnarzt auf dem Klapphocker. Kalt war es nicht, es ging
ja schnell, in einer halben Stunde war der Mann mit der rostigen
Zange fertig.
In guten Jahren
reicht das Geld für ein Ferkel, das sie mästen bis zum
Frühlingsfest. In einer Mauernische in der Küche steht ihr Schatz:
weißes Schweinefett im Tonkrug. Damit würzen sie das Gemüse. Der
Krug ist fast leer. So schwach fühlt sich Lu, zierlich wie ein
Mädchen, doch 58 Jahre alt, dass sie morgens mit dem Beil die Spitze
eines Fläschchens abhackt und eine durchsichtige Glucose-Lösung in
sich hineinschüttet, ein billiges Mittelchen vom Markt. Wei trinkt
lieber Schnaps.
Wenn man Wei
fragt, wie viele Kinder er hat, antwortet er: zwei. Die Töchter
zählen nicht, sie sind schon verheiratet, "ausgeschüttetes
Wasser", wie man in China sagt. Die beiden Söhne sind noch
ledig. "Sie sind zu hässlich", sagt Lu. "Keiner will
sie." Dabei stecken im Album ihres Ältesten viele Fotos von
hübschen Langhaarigen. Nur dass die Mutter die Frauen nicht kennt.
Als Lu selbst jung war, kannten nur ihre Eltern ihren Bräutigam, und
zur Vermählung wanderte ihr Dorf in sein Dorf, es gab Schwein. Da
war sie 15. Lus älteste Tochter heiratete zwar jemanden aus dem
Dorf, aber ohne Feier, ohne Schwein. "Sie rannte einfach weg",
sagt Lu. Lebt jetzt in der Provinz Fujian, arbeitet in einer
Textilfabrik.
Sein Sohn, sagt
Ingenieur Zhou, der Brückenbauer, wäre später gern
Geschäftsführer. Er ist jetzt in der fünften Klasse. Leider macht
er seine Hausaufgaben nicht, dabei soll er mal auf die Universität.
Brückenbauer in dritter Generation muss er nicht werden, findet
Zhou, denn die Zeit der gigantischen Projekte in China sei spätestens
2030 vorbei. Aber vielleicht kann er Biologie studieren. Er mag doch
Insekten. Zhou will seine Kinder hinausschicken in die Welt, er
selbst war schon in Australien, in den USA, lebte in Japan. Zhous
Kinder sollen die Eltern stolz machen. Weis Kinder sollen die Eltern
satt machen.
Weis erstes Kind:
ein Mädchen; das zweite Kind: ein Mädchen; jede Geburt eine
heimliche Enttäuschung über den fehlenden Sohn. Mehr als zwei
Kinder erlaubte die Regierung ihnen nicht. Lu aber fühlte, sie
müsste ihre Altersvorsorge gebären und einen Stammhalter, und am
Ende hatten sie fünf Kinder und kaum etwas zu essen, und dann kamen
auch noch die Beamten vom Familienplanungsbüro, forderten 1000 Yuan
Bußgeld und Lus Sterilisation. Zahlt, oder wir zerstören euer Haus,
sagten sie. Sie zahlten, und Lu ging ins Krankenhaus. Sie liehen sich
das Geld von Freunden und Verwandten, und bis sie ihre Schulden los
waren, vergingen 19 Jahre. Jeder Tag, der nun vorübergeht, ohne dass
die Söhne Geld schicken, jede Ernte, die vorübergeht, ohne dass sie
helfen: eine heimliche Enttäuschung über die fehlenden Söhne.
Seit ihre Kinder
auf der Welt sind, singt Lu nicht mehr. Die anderen Frauen aber
singen, wenn sie ihre Trachten anziehen, handgewebte, türkisfarbene
Jacken, seitlich geknöpft, mit Samt am Kragen, wenn sie sich die
Stoffbahnen um den Kopf schlingen, bis aus ihnen ein Hut wird, rund
und breit wie ein Teller. Sie singen im Chor: "Wir leben an
einem guten Ort / die Berge rein, das Wasser elegant, die Landschaft
wunderschön / Die Straße hat neunundneunzig Kurven / auf der Spitze
des Hügels steht ein Fernsehturm." Es ist eine langsame,
schwebende Melodie.
Auch der
Brückenbauer dichtet. 19 Jahre alt war er, als er damit anfing. Er
hätte gern Literatur studiert, aber seine Eltern bestimmten,
Brückenbau müsse es sein, und Zhou wollte seinen Vater, den
Ingenieur, nicht enttäuschen. Jetzt schreibt er ein Gedicht im
Monat, verwaltet insgesamt 75 Seiten Verse in der Gedichtedatei
seines Bürocomputers, ist Administrator zweier Lyrik-Websites. Er
schreibt über die Liebe und die Berge, über Wasserfälle und Tränen
und auch mal übers Schnapstrinken - und immer wieder über Brücken.
"Die steinerne Bogenbrücke mit den Fußabdrücken aus meiner
Kindheit steht noch immer im Wind und Regen / so gekrümmt wie Vaters
schmaler Rücken heute / ihr Spiegelbild gebrochen in den Wellen des
Wassers." Zhou sagt, man dürfe Dinge niemals direkt sagen, aber
natürlich stehe das Wasser für ein trauerndes Herz, Trauer über
das Alter des Vaters.
Im April 2006
wurde der Beton gegossen für den östlichen Brückenturm, und im
selben Jahr geschah Großes im Dorf. Sie bekamen eine eigene Straße.
Natürlich ist sie schmal, so schmal, dass sich zwei Autos nur mühsam
aneinander vorbeiquetschen können. Sie ist holprig, voller Geröll,
nicht asphaltiert, sie führt auch zu keinem Ort, sondern nur hinauf
zur richtigen Straße. Aber es gibt sie. Ich bin glücklich, sagt
Wei. Ich bin glücklich, sagt Lu. Vorher gab es nur einen steilen
Trampelpfad.
Der jetzige
Bürgermeister sei der beste, sagt Wei, der ließ auch das Becken an
der Quelle mit Zement ausgießen. Dreimal am Tag baden die Büffel
hier, am längsten in der Dämmerung, peitschen das Wasser mit ihrem
Schwanz auf, schnaubend, prustend, während sich ein paar Meter
weiter die Menschen den Dreck des Ackers von den Waden schrubben, den
Bach schäumen lassen mit dem Waschpulver für ihre Kleidung, Mädchen
anstehen mit Teekesseln und Eimern.
Im August 2007
zogen sie die erste Stahltrosse der Brücke übers Tal, im selben
Jahr wurde Weis dritter Büffel geboren, die Enkelin verließ das
Dorf, und überhaupt sah es aus, als sei 2007 das Jahr des Aufbruchs.
Weis Sohn kaufte den Eltern einen elektrischen Reiskocher und sich
selbst ein Tuk-Tuk, einen dreirädrigen Traum von Mobilität. Doch
dann stahl jemand das nagelneue Tuk-Tuk vor Weis Haus, und der Traum
schrumpfte auf die Größe eines Kalenders zusammen. Der hängt jetzt
in Weis Wohnzimmer, ein Präsent der Autofabrik, wellig und vergilbt.
Autos brachten
Weis Familie nie Glück. Als Wei einst zu Fuß zum Markt ging,
erfasste ihn ein Laster, schleifte ihn zehn Meter mit. 15 Tage lag
Wei im Koma. So ein kluger Mann sei er früher gewesen, sagt seine
Frau Lu, leider jetzt ein bisschen langsam. Außerdem fürchtet er
die harte Arbeit. Er redet dann immer von dem Unfall, der ist über
25 Jahre her.
Lu gehört zu den
vielen Frauen, die auf dem Feld stehen, mit Sichel, mit Spitzhacke,
in Hosen. Kleider tragen sie nur zu Beerdigungen. Lu hat den ersten
Sack voller Maiskolben, fast 30 Kilogramm schwer, mit gebeugtem
Rücken den Berg hochgeschleppt. Jetzt holt sie Atem, der
Korbtornister ist breiter als ihr Kreuz. Eine andere Bäuerin kommt
aus dem Zuckerrohr. "Mein Mann schläft nur." Lu: "Mein
Mann hat gesagt: Warum gehst du nicht morgen aufs Feld, wenn du dich
heute nicht gut fühlst?"
Vielleicht wird
Wei wenigstens die Säcke oben abholen mit der Schubkarre. Vielleicht
wird er auch nur die Büffel hüten, so wie jeden Tag. Dann hockt er,
mit Badelatschen am nackten Fuß und Strohhut auf dem Rücken, im
Gras, knabbert Sonnenblumenkerne und spuckt die Schalen der
untergehenden Sonne entgegen.
Mit 16, zur Zeit
der Kulturrevolution, hatten sie ihn zum Volkslehrer gemacht, und das
blieb er auch bis zu seinem Unfall und jenem Tag in den achtziger
Jahren, als die Regierung Land an die Bauern verteilte. Wei wies sie
Boden für vier Personen zu, dem Kindersoll entsprechend. Dass dieses
Feld sieben Menschen ernähren musste, kümmerte sie nicht. Auch eine
Pension für seine Zeit als Lehrer bekommt Wei nicht.
Der Dorflehrer
heute war früher Weis Schüler, jetzt wohnt er nebenan in einem der
schönsten Häuser des Dorfes, verkleidet mit weißen Kacheln, er hat
eine Satellitenschüssel und Wei nicht, er hat ein Motorrad und Wei
nicht. Wei hat nur eine alte Radkappe, die er barg, als er oben an
der Straße einen Autounfall sah. Vielleicht kann man die noch mal
brauchen, dachte er, zum Beispiel, um sich draufzusetzen.
10 000 Autos,
sagt der Brückenbauer. Bis zu 10 000 Autos werden täglich die
Brücke überqueren. Er selbst hat sich gerade einen Geländewagen
für die Stadt gekauft, silberfarben. Eigentlich braucht er ja kein
Auto, er hat den Firmenwagen. Er fährt Taxi.
Die weiteste
Fahrt, die Wei je machte, ging über 30 Kilometer. Seine Frau Lu hat
in ihrem ganzen Leben nicht eine Nacht woanders verbracht als zu
Hause.
Im Mai 2008 waren
die beiden Tragkabel montiert, und Wei und Lu in ihrem Steinhaus
unter Steinhäusern erkannten die Moderne an ihrem Dröhnen. Dumpf
hallte es im Tal der Steinzeit, wo früher nur Hahnenschrei war, wenn
sie oben die Stahlstreben zusammenfügten, Metall auf Metall
schlugen.
Die Bauern, sagt
Zhou, können den Fußweg auf der Brücke benutzen. Und sie haben
dieses großartige Monument direkt vor der Haustür. Zhou sagt: "Sie
werden stolz sein."
Wei sagt: "Ich
schaue sie gern an." Er freut sich schon auf den Lärm. Gern
würde er in der Stadt leben, umgeben von vielen Menschen, vielen
Geräuschen. Die Brücke, sagt Wei, sei gute Ingenieursarbeit. "Sie
ist gut für die Bequemlichkeit des ganzen Landes. Sie ist gut für
jeden." Nur für ihn selbst wird es zu unbequem sein, die Brücke
zu benutzen. Allein um zur Auffahrt zu gelangen, müsste er einen Bus
nehmen, und der Bus kostet.
30 bis 40 Minuten
dauert es jetzt auf der kurvigen Straße von der einen Seite der
Berge zur anderen. Und wenn man über die Brücke fährt? Das ist die
Frage, auf die Zhou gewartet hat. "Bei 80 Stundenkilometern
weniger als zwei Minuten. Bei 100 Stundenkilometern eine Minute
dreißig." Zhou lehnt sich zurück.
Zwei Stunden,
sagt Wei, braucht er zum Markt auf der anderen Seite des Tals,
jenseits der Brücke. Zwei Stunden zu Fuß.
Durch die Brücke,
sagt Zhou, ist Guizhou jetzt angebunden an das reiche China. Mehr
Busse, die mehr Städter zum Huangguoshu-Wasserfall bringen, mehr
Menschen, die schneller zum Regenbogen gelangen, mehr Reisende, die
dahingleiten, den Blick des Vorwärtsstrebenden auf den nächsten
Gipfel gerichtet. Mehr Obst und Gemüse raus aus der Provinz, mehr
Investoren rein in die Provinz. Die Schätze von Guizhou sind im
Untergrund versteckt, Phosphor, Kohle, Quecksilber, und nicht weit
von der Brücke entfernt fördern sie sogar Gold. Für China ist die
Zukunft die schönste Zeit, für Wei und Lu ist es die Vergangenheit.
Als sie selbst noch Kinder waren, als die Eltern für sie sorgten,
für ihre Kleidung und ihr Essen, diese Zeit ohne Sorgen, sagen sie,
war die beste ihres Lebens.
Am 18. Mai 2009
um elf Uhr vormittags wuchsen die beiden Brückenteile in der Mitte
zusammen.
Wenig später
kaufte Lu dieses neumodische Gerät: eine Metallzwinge, die sie an
den Schemel schraubt, mit einem gezackten Blechrohr, das sich durch
den Mais frisst. Jetzt kurbelt sie und kurbelt, dass die Körner
fliegen, zehn Sekunden, dann ist der erste Kolben nackt. Sie kurbelt,
bis sie in einem See aus Mais sitzt, ein Korn leuchtet gelb zwischen
ihren Zehen. Keine Blasen mehr an den Händen vom ewigen Puhlen,
keine wunden Finger mehr am Webstuhl. Das neue Jahr hat eine
technologische Revolution gebracht.
Der Brückenbauer
hat nach den richtigen Worten für seine Brücke gesucht, nachdem er
die richtigen Formeln gefunden hatte. "Der Betonkörper ist eine
gewaltige Fackel, von der Leidenschaft und Begeisterung des
Brückenbauers entzündet." Imitiere nicht den Stil anderer, das
ist Zhous erste Regel. "Die Himmelsleiter, die am Wolkenrand
erscheint, ist der Arm des Brückenbauers, der bis zum Himmel
reicht." Dichte deinem kulturellen Hintergrund entsprechend, das
ist Zhous zweite Regel. "Ein kräftiger und dicker Stift, den
der Brückenbauer benutzte, um historische Rekorde zu schreiben."
Zhou ist nicht ganz zufrieden, er mag es knapper. Dieses Mal ist die
Brücke schöner als das Gedicht.
Am letzten
Frühlingsfest, mit dem sie das Jahr der Ratte verabschiedeten und
das Jahr des Büffels begrüßten, schenkte sich Lu einen schönen
Tag, Wei hütete mal wieder die Büffel. Sie machte sich zu Fuß auf
zum Tunnel, der sich durch den Hühnerrücken-Berg bohrt. Sie lief
hinein ins Dunkel, durch diese lange Höhle, wie sie sagt, das Wort
für Tunnel kennt sie nicht, es war der erste Tunnel ihres Lebens.
Sie ging dem gerahmten Licht entgegen, vorsichtig, denn plötzlich
sah sie nur noch verschwommen, und fast schien es ihr, als werde sie
ohnmächtig, sie durchquerte den Tunnel und stand - am Anfang der
Brücke. Endlich musste sie nicht mehr zu ihr hochschauen, jetzt war
sie oben, den Berggipfeln nah, so nah wie nie zuvor. Lu setzte sich
auf den Bürgersteig. Das also war das neue China.
Wenn er könnte,
würde Wei gern mal Peking sehen und den Leichnam von Mao Zedong. Ein
guter Führer sei Mao gewesen, sagt Wei. Er habe sie zu Herren ihres
eigenen Lebens gemacht. Er kämpfte gegen die Kapitalisten.
Ein privater
Investor, erzählt Zhou, ist schon aufgetaucht, drei clevere Typen
aus anderen Provinzen, die große Pläne haben für Weis Tal und dazu
70, 80 Millionen Yuan. Ein Luxushotel wollen sie bauen, einen
Themenpark, ein Restaurant mit viel Glas und einen Staudamm an Weis
Fluss. Ihre Vision: Gleitschirmfliegen von der Brücke und
Bungeejumping. Zhou lacht.
Wei träumt von
weißen Kacheln für das Haus, von einer guten Ernte. Er weiß nicht,
dass bald Menschen kopfüber von der Brücke fallen werden,
hinabstürzen auf sein Feld, schreiend, jauchzend, bevor sie wieder
hochschnellen in den Himmel. Vermutlich aber wird es sein Feld gar
nicht mehr geben, wenn sich das neue China erst breitgemacht hat im
Tal. Dann ist Wei einfach nur ein weiteres Bauernopfer.
Zurück |
Kommentar hinzufügen