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Für diese Reportage war der Autor für
den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2010 nominiert.
Alexander Osang
Die
deutsche Queen
Das
Volk diskutiert darüber, ob seine Kanzlerin Angela Merkel eher
Protestantin oder Physikerin oder Frau oder Ostdeutsche ist. Dabei
lebt die einstige Quereinsteigerin seit Jahren wie in einem Schloss,
aus dem sie auf ihr Land und die Welt schaut.
Von
Alexander Osang, Spiegel, 11. Mai 2009
An
einem Freitagnachmittag, Ende April, hat Angela Merkel ein weiteres
Stück Boden unter den Füßen verloren. Rüdiger Schuck und seine
Jungs haben es verschwinden lassen.
Schuck
ist Polier einer Templiner Straßenbaufirma. Er und seine drei
Kollegen bekamen den Auftrag, zwischen zwei Wochenenden einen 120
Meter langen Streifen uraltes uckermärkisches Pflaster mit einer
Asphaltschicht zu überziehen. Er gehört zu der schmalen Straße,
die zwischen Feldern, Seen und Wäldern zum Dorf Hohenwalde führt,
wo das Wochenendhaus der Bundeskanzlerin steht. Der Weg erklimmt hier
einen kleinen Hügel, den letzten vor dem Dorf, dort, wo der Besucher
aus der Stadt bereits anfängt, sich zu erholen, wie man so sagt, und
war an den Rändern ziemlich ausgefahren.
"Die
schönen ollen Katzenköppe sind natürlich weg jetze", sagt
Rüdiger Schuck, zündet sich eine Zigarette an und schaut auf das
schwarzglänzende Asphaltband, das wie ein Flicken auf dem alten
Feldweg klebt. Er kann sich nicht vorstellen, dass es der
Bundeskanzlerin so gefällt, aber Auftrag ist Auftrag. Freitagmittag
müssen sie fertig sein. Ab da öffnet sich das Zeitfenster für das
Eintreffen der Kanzlerin, hat ihm einer der Polizisten ausgerichtet,
die in dem weißen Würfel Wache halten, der gegenüber dem
Kanzlerinnenwochenendhaus steht.
Das
Zeitfenster für das Eintreffen der Kanzlerin in Hohenwalde klappte
dann später zu als gedacht, weil am Freitagnachmittag in der Nähe
ihres Mietshauses in Berlin-Mitte eine russische Fliegerbombe
gefunden wurde. Das ganze Viertel war abgesperrt, sie durfte nur kurz
in ihre Wohnung, um ein paar Sachen zu holen. Es war schon dunkel,
als sie in den Feldweg bog, vielleicht hat sie gemerkt, dass der
letzte Anstieg vor Hohenwalde nicht so holprig war wie sonst,
vielleicht nicht. Ein Regierungs-Audi ist gut gefedert, und eine
Bundeskanzlerin hat am Ende einer Arbeitswoche noch ziemlich viel im
Kopf, die Bombe, die Weltwirtschaftskrise, die Situation von Jürgen
Klinsmann, und so hat sie wohl erst von ihrem Mann erfahren, dass die
Straße geflickt wurde. Professor Sauer war schon am Nachmittag mit
dem alten roten Golf vorgefahren. In dem spürt man jeden Huckel.
Ein
Mitarbeiter aus dem Kanzleramt sagt, dass die größte Veränderung
für Angela Merkel seit 2005 das Gewicht ihres Wortes ist. Wenn sie
sich über das Wetter äußert, vermuten manche Untergebenen eine
Anspielung zum Klimawandel und bereiten schnell irgendeine Vorlage
vor. Womöglich hat sie mal "huch" gesagt, als sie über
den kleinen Hügel holperte, und so Rüdiger Schuck und seine Brigade
in Bewegung gesetzt, ohne es zu wissen. Ein Augenaufschlag kann eine
Lawine auslösen, wenn man Bundeskanzlerin ist. Als sie am
Freitagabend schließlich in Hohenwalde einrollte, war die russische
Fliegerbombe zwar noch nicht entschärft, aber ein Sprecher der
Bundesregierung erklärte, dass sie kein Problem für die Kanzlerin
darstelle.
"Die
Bundeskanzlerin musste ihre Planungen für den Abend nicht ändern",
sagte der Sprecher. Es klingt, als sei das kleine Neubauernhaus in
Hohenwalde Teil der Staatsaffären geworden, und womöglich ist das
so. Wie der alte Golf und der Professor Sauer bietet die Uckermark
Angela Merkel eine Möglichkeit, ihr jetziges Leben mit ihrem
früheren abzugleichen, durchzuatmen, anzuhalten. Sie ist in den
vergangenen 20 Jahren wie eine Rakete durch die deutsche Gesellschaft
geschossen. Alles ist anders, nur das Haus in Hohenwalde hatte sie
schon damals und den Blick über die abfallenden Wiesen zum See. Wie
in einem Kloster sucht sie hier ihre Maßstäbe.
Es
ist das letzte Stück Welt, das ihr vertraut vorkommt, von dem sie
sicher weiß, dass es so ist, wie sie es sieht. Es ist für sie nicht
mehr möglich, als Angela Merkel zu wirken. Es wirkt immer die
Bundeskanzlerin. Und sie kann die Welt nicht mehr als Angela Merkel
wahrnehmen. Ihr wird eine Bundeskanzlerinnenwelt präsentiert und
erzählt. Wie sieht diese Welt aus? Und was hat sie aus Angela Merkel
gemacht?
Einige
Dinge haben sich auch in Hohenwalde verändert, seit sie Kanzlerin
ist. Es gibt jetzt eine Polizeiwache im Dorf, mit großen Antennen
und überdachtem Stellplatz für einen blau-weißen PolizeiMercedes.
Wenn Angela Merkel spazieren geht, steht am Waldrand ein
Geländewagen, in dem ein Mann sitzt. Schaut sie hin, hebt der Mann
eine Zeitung. Sie ist mal rübergegangen und hat ihn gefragt: Glauben
Sie, ich denke, Sie lesen hier Zeitung? Aber beim nächsten Mal stand
der Geländewagen wieder da. Sie hat durchgesetzt, dass der
Wachschutz auf ihren Spaziergängen mindestens 200 Meter Abstand zu
ihr hat und nicht mehr nur 50 Meter wie vorgeschrieben, weil sie
keine Lust hatte, mit ihrem Mann zu flüstern. 200 Meter, intimer
kann sie nicht sein.
Eine
Mitarbeiterin aus dem Kanzleramt sagt, das Privatleben verschwinde,
wenn man Kanzler ist, und auch die Freizeit löse sich auf. Es gibt
die Newscenter-SMS aus dem Kanzleramt, 40 bis 50 politische
Nachrichten am Tag, die auf dem Handy der Kanzlerin eintreffen, und
es gibt Ausflügler, die in das Sackdorf kommen und raten, in welchem
Haus sie wohnt. Ihr Haus ist eigentlich zu klein für eine Kanzlerin,
aber was heißt das schon.
Merkel
ist fremder im Ort als die neu zugezogenen Berliner und wird mit
jedem Tag fremder. Die Nachbarin, die früher den Dorfkonsum führte,
sieht die Bundeskanzlerin manchmal an ihrem Gartentor vorbeijoggen,
sagt sie. Dann nickt sie schwach und denkt: Früher haben wir hier
alle mehr zusammengehalten. Ein Wirt aus dem Nachbarort erzählt,
dass er Angela Merkel im vorigen Sommer beim Baden traf. Er kam
gerade, als sie dem See entstieg. Er grüßte sie freundlich, aber
sie wirkte geschockt, sagt der Wirt. Sie starrte ihn an,
wahrscheinlich weil sie keine Kanzlerinnengeste für die
Badeanzugsituation hatte, winkte ihm schließlich leicht mit einer
Hand zu wie einem Staatsgast. Einen Moment später stieg der
Sicherheitsbeamte aus dem Wasser. Angela Merkel verschwand in ihrem
alten Golf und fuhr davon. Der Bodyguard radelte hinterher.
Das
klingt doch eigentlich gar nicht so abgehoben.
Na
ja, sagt der Wirt, früher ist sie immer nackig baden gegangen.
Die
Begegnung am See beschreibt wahrscheinlich den größtmöglichen
Unterschied zu ihrem Alltag im Bundeskanzleramt, durch das sie rollt
wie eine Königin mit Rädern unten dran. Niemand steht ihr hier
überraschend im Weg.
Die
Uckermark wurde von der letzten Eiszeit geformt, das
Regierungsviertel vom späten Helmut Kohl. Man kann hier schnell
verlorengehen, denn Maßstäbe gibt es keine. Die Häuser wirken wie
riesige Bauklötze, die von einem dicken, gelangweilten Kind in
großen Abständen fallen gelassen worden sind. Gegen das
Bundeskanzleramt wirkt das Weiße Haus wie ein Wochenendbungalow.
Flopp
machen die Türen wie Schleusentore, man erwartet, dass man jeden
Moment desinfiziert wird, abgesprüht wie in einer großen
Autowaschanlage, der Ton der eigenen Schritte verändert sich. Man
fühlt sich riesig und einsam zugleich, so wie Will Smith als letzter
Überlebender in "I am Legend". Hinter den Fenstern sieht
man vor anderen größenwahnsinnigen Gebäuden Menschen herumlaufen,
die an die Gestalten erinnern, die Stadtplaner auf ihre Entwürfe
malen, um Leben vorzutäuschen. Wenn man fast eine halbe Stunde in
dem Haus sitzt, kann man sich nicht mehr vorstellen, dass es eine
Verbindungsmöglichkeit zwischen hier drinnen und dort draußen gibt.
Eine Mitarbeiterin sagt, dass man vom Zimmer der Kanzlerin eine halbe
Stunde braucht, um das nächste öffentliche Café zu erreichen. Das
ist auf dem Hauptbahnhof. Es ist ein Ghetto, sagt die Mitarbeiterin,
eine Käseglocke.
Gerhard
Schröder hat fast jede Nacht hier drin geschlafen, ganz oben unterm
Dach. Das erklärt auch einiges. Wenn man sich vorstellt, wie er im
Dunkeln mit gestreiftem Schlafanzug die Raumschifffahrstühle hoch-
und runtergefahren ist und auf die Welt dort draußen guckte,
versteht man seinen letzten großen Auftritt in der
Fernsehelefantenrunde besser. Der Fernsehturm, der Hauptbahnhof, der
Reichstag, die Spree wirken von hier aus, als wären sie um den
Bundeskanzler herumgebaut worden, so wie der kleine Park da hinten,
in dem der Kanzler mit seinen Gästen spazieren gehen kann,
mittendrin der Helikopterlandeplatz. Sein Reich. Wer hier zu viel
Zeit verbringt, muss am Ende rausgetragen werden wie ein verrückt
gewordener König.
Angela
Merkel hat sofort das Kanzlerbett abbauen lassen. Sie will zu Hause
schlafen. Aber das Glas bleibt, es ist dick, und es verschwindet
nicht, wenn sie das Raumschiff verlässt.
Manchmal
lädt sie sich Leute ein und lässt sich von ihnen erzählen, was im
Land da draußen passiert. Künstler oder Wissenschaftler oder
Sportler oder Wirtschaftsbosse, sie kann ja kriegen, wen sie will.
Über ihrem Büro, ganz oben, gibt es ein Gästezimmer, da sitzt sie
dann mit Josef Ackermann von der Deutschen Bank, Dieter Zetsche von
Daimler und Jürgen Hambrecht von BASF und redet über die
Wirtschaft. Sie kann gut zuhören, sagt Zetsche, bei ihrem Vorgänger
Gerhard Schröder redete in solchen Runden zu 80 Prozent der Kanzler.
Bei ihr ist es umgekehrt. Es ist natürlich nicht immer leicht, die
Wahrheit zu erfahren, weil die Leute sich ihr mit großer Verehrung
oder großer Furcht nähern und oft auch mit eigenen Interessen.
Ackermann, so heißt es, beschwere sich des Öfteren darüber, dass
sie nicht mache, was er ihr rate. Bei Hambrecht sei es eher so, dass
er ihr zu sehr nach dem Munde rede.
Sie
hat hier oben mit Jürgen Klinsmann, Franz Beckenbauer und Oliver
Bierhoff gestanden und über die bevorstehende Weltmeisterschaft
geredet. Seitdem versteht sie ein wenig vom Fußball, nicht viel,
aber manchmal ist auch Fußball nicht so anders als Politik. Sie
bewunderte Klinsmann dafür, wie er von außen, als jemand, der nicht
zur Familie gehörte, den starren Fußballverband aufbrach.
Vielleicht sah sie da Parallelen zu ihrem eigenen Leben. Sie hatte
gehofft, dass er die Bundesliga revolutionieren würde, aber jetzt
hat ihn die Familie abgestoßen. Den engsten Kontakt hat sie zu
Oliver Bierhoff. Sie ist mit ihm nach Südafrika gereist und schickt
ihm gelegentlich eine SMS. Wenn ein Fußballspiel ansteht oder es mal
wieder Ärger gibt mit Michael Ballack.
Neulich
wollte sie mal ein paar Leute aus dem Filmgeschäft kennenlernen,
sagt sie. Sie hat sich eine Liste zusammenstellen lassen, auf der
auch ein paar persönliche Wünsche berücksichtigt waren. Es kamen
dann Heiner Lauterbach, Veronica Ferres, Volker Schlöndorff, Uschi
Glas, Thomas Brussig und noch ein paar andere. Es sollte eigentlich
darum gehen, was die Rolle der Kultur in den Zeiten der
Weltwirtschaftskrise sein kann. Am Ende ging es dann aber vor allem
um die Steuererklärungen von Schauspielern, sagt jemand, der dabei
war.
Die
meisten ihrer Gäste berichten, wie unprätentiös und aufmerksam
Angela Merkel auftritt. Es gibt immer reichlich Rotwein, und mit der
Zeit beginnen sich alle recht wohl zu fühlen wie auf einem ganz
normalen Abendessen. Es ist nur seltsam, wenn sie aus dem Raum
gerufen wird und man redet gerade, sagt jemand. Es fühlt sich an,
als verlören die eigenen Worte damit jegliche Bedeutung. In diesen
Momenten begreifen alle, dass man zur Unterhaltung und Information
der Kanzlerin eingeladen wurde.
Gerhard
Schröder wollte nicht allein sein, sagt ein Schriftsteller, der mit
mehreren Politikern aß, er wollte Gesellschaft, Wein und ein paar
gute Geschichten. Lafontaine sah eingeladene Künstler als
Multiplikatoren, die seine Ideen unters Volk bringen sollten, Angela
Merkel aber sei wirklich interessiert, was sie denken und fühlen.
Natürlich weiß sie auch, dass es den Leuten schmeichelt, wenn sie
eingeladen werden. Sie ist nun mal Kanzlerin, das ist das, was sie
anzubieten hat. Aber sie will keine Erinnerungsfotos. Sie will nicht,
dass die Gespräche "verzweckt" werden, wie sie das nennt.
Sie will es so privat halten wie möglich.
Das
funktioniert nicht immer. In der aktuellen Ausgabe des Magazins
"Cicero" plapperte der Regisseur Volker Schlöndorff
seitenlang stolz über seine Begegnung mit Angela Merkel im
Kanzleramt. Dazu gibt es Fotos von Volker Schlöndorff im
Kanzleramtsheizungskeller und eine Großaufnahme von Angela Merkels
Kaffeetasse. Das ist das Bild des Mannes, der mal einen Oscar für
Deutschland gewonnen hat, die Frage ist, welches Bild Angela Merkel
hat. Wie stellt sie sich nach fast vier Jahren Kanzlerschaft ihr Land
vor? Was sieht sie? Ein riesiges Ölbild, gemalt von Josef Ackermann,
Friede Springer, Uwe Tellkamp, Franz Beckenbauer und Uschi Glas?
Sie
hat lange davon profitiert, dass sie eine Seiteneinsteigerin war. Sie
hat sich nicht wie die anderen von klein auf durch die politischen
Instanzen robben müssen, sie hatte Inseln, von denen die anderen
nichts wussten, Plätze, auf die sie sich zurückziehen konnte. Sie
war Naturwissenschaftlerin, sie konnte Russisch, sie ist
Pfarrerstochter und war FDJlerin, sie hat sich erst als Erwachsene
für eine Partei entschieden wie für eine Eissorte. Sie hat die CDU
genommen, vielleicht weil sie zu der am weitesten laufen und am
höchsten springen musste. Die Partei der rheinischen Katholiken,
eine Welt, in der Männer mit dickem Bauch, Aknenarben und
schweigender Ehefrau herumstolzierten, war die Fremde, das Gegenteil
von dem, was sie war, eine geschiedene, protestantische, ostdeutsche,
kinderlose Naturwissenschaftlerin. Das wollte sie doch mal sehen, ob
sie die knacken konnte. Aus ähnlichen Gründen hat sie einst Physik
studiert, es schien ihr die größtmögliche Herausforderung zu sein.
Eine
Frau mit dieser bunten, verrückten Biografie, die im Westen geboren
wurde, im Osten aufwuchs und nun das wiedervereinigte Land führt,
sei doch ein wunderbares Experiment für Deutschland, sagt eine ihrer
Mitarbeiterinnen. Verglichen mit dem bundesdeutschen Politikbetrieb
war Angela Merkel wirklich lange Zeit geheimnisvoll, anders und
authentisch. Sie hatte ein richtiges Leben vor der Politik. Aber
dieses Leben ist seit 20 Jahren vorbei. Womöglich ist es
aufgebraucht, und ein neues, authentisches Leben anzufangen ist
schwer, in ihrer Position.
Den
politischen Aschermittwoch 2009 feierte Angela Merkel in Demmin, um
ein bisschen vom rheinischen Temperament ihrer Partei ins wortkarge
Mecklenburg-Vorpommern zu tragen, auch das eine
Riesenherausforderung. Aus dem Autofenster sieht sie schwarze Wolken,
die direkt überm vorpommerschen Ackerboden hängen.
Vor
der Festhalle wischen die langen Autoschlangen der Karnevalisten
vorbei, und ein paar verlorene Gestalten, die gegen eine
Schweinemastanlage protestieren. "Liebe Frau Merkel, warum so
viel Ferkel!" Dann werden auch schon die Wagenschläge
aufgerissen, das festgefrorene Begrüßungslächeln der lokalen
Christdemokraten leuchtet auf, die Jackettschöße knattern im
eiskalten Winterwind, ein Foto mit den Gastwirten, die das Hotel
betreiben, zu dem die Festhalle gehört, gern, vielen Dank, sehr
schön, zwischen den Anzugträgern wartet ein älterer Mann mit
gefärbten, zerzausten Haaren und einer
Old-Shatterhand-Wildlederjacke, der sie anlächelt, als würden sie
sich seit Jahren kennen. Wer ist das?
Das
ist HA Schult. Ein Kölner Maler, der ein Porträt von ihr
angefertigt hat. Sie lächelt ihn unsicher an und verschwindet
schnell in einem kleinen Hinterzimmer. HA Schult erzählt draußen,
dass er bislang alle Kanzler gemalt hat und zu den wenigen bildenden
Künstlern zählt, die mit der Kanzlerin befreundet sind. Einen
Moment lang kann man sich das vorstellen, auch weil einem kein Maler
im Land einfällt, der als Freund der Bundeskanzlerin gilt. Alles,
was einem einfällt, ist Schröder neben Immendorff. Ehrlich gesagt
weiß man gar nicht so richtig, wer überhaupt mit Angela Merkel
befreundet ist. Zu ihren Klassentreffen geht sie nicht mehr, weil es
so lange dauert, um mit ihren ehemaligen Mitschülern auf eine
gemeinsame Ebene zu kommen, sagt sie. Sie hat ein sehr gutes
Verhältnis zu ihrer Schwester. Und es gibt den Mann, Professor
Sauer, von dem es heißt, er halte sie am Boden. Sie hat ihre beiden
Mitarbeiterinnen im Bundeskanzleramt, Eva Christiansen und Beate
Baumann, denen vertraut sie. Sie hat Familie und Kollegen, aber
Freunde?
Alice
Schwarzer, mit der sie sich ein paarmal zu privaten Essen traf,
braucht eine ganze Weile, um ihr Verhältnis auf den
Freundschaftsgehalt abzuklopfen. "Freundinnen?", sagt sie
und holt Luft. "Nein, das behauptet die Presse. Obwohl ich
nichts dagegen hätte. Ein freundschaftliches Verhältnis, das kann
man sagen."
Jürgen
Kluge, Ex-McKinsey-Deutschlandchef, hat Angela Merkel und ihren Mann
mal in ihrem Wochenendhaus in Hohenwalde besucht. Er war mit seiner
Frau da. Angela Merkel hat Forellen gekocht. Sie sind spazieren
gegangen und haben zwei Stunden lang keinen einzigen Menschen
getroffen. Er hat dort draußen zum ersten Mal Kraniche schreien
hören.
Sie
haben sich bei einer Jugend-forscht-Veranstaltung in der Frankfurter
Paulskirche kennengelernt. Sie verstanden sich blendend, was sicher
auch daran lag, dass beide Physiker sind. Kluge mochte ihre offene
Art, sie seine. Er war schon als Kind in Salzburg und Bayreuth und
verstand sich auch gut mit Sauer, der ein großer Opernfan ist. Es
hätte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft werden können.
Als
Kluge als McKinsey-Chef-Deutschland abgelöst wurde, sprach Angela
Merkel auf seiner Verabschiedung. Es war die berührendste,
persönlichste Rede an jenem Abend, sagt Kluge. Sie hatten jetzt kaum
noch Kontakte, weil sie nicht mehr auf einer Funktionsebene waren,
sie war aufgestiegen, er ab. Vor ein paar Monaten war Kluge auf einer
Tagung in Berlin und lief abends durchs Stadtzentrum zu seinem Hotel.
Als er am Kupfergraben vorbeikam, traf gerade Angela Merkels
Wagenkolonne ein. Sie hielten vor ihrem Mietshaus, und Kluge sah sie
im Fond telefonieren. Er wollte kurz guten Abend sagen, aber dann sah
er, wie das Wachpersonal sich spannte. Sie telefonierte, es war spät.
Er wollte ihr nicht zur Last fallen und lief einfach weiter.
Es
geht mit Marschmusik in den Festsaal von Demmin, die Karnevalisten
klatschen, Werner Kuhn, Landtagsabgeordneter der CDU aus Zingst,
steht in der Bütt:
Was
sind Obama, Sarkozy und Putin gegen Aschermittwoch in Demmin.
Tätä.
Guido wollt den Sieg in Bayern ganz zünftig gleich im Dirndl feiern.
Merkel
lächelt steif. Guido im Dirndl. Ist das ihr Humor? Sind das noch
ihre Leute? Sie kontrolliert ihr Handy unentwegt wie ein
gelangweilter Teenager. Büttenredner Kuhn stellt die Kandidaten für
die diesjährigen Wahlen vor. Wer genannt wird, soll kurz aufstehen.
Aber du, liebe Angela, bleib bitte sitzen. Die Kanzlerin schaut sich
nach den Fernsehkameras um und dann auf die Uhr, überall im Land
sprechen jetzt Politiker auf politischen Aschermittwochen, sie sind
spät dran, das Zeitfenster des Parlamentssenders Phoenix schließt
sich gerade, und Werner Kuhn ist immer noch nicht fertig.
"Amerika
weiß ganz genau, dass Schwarze wählen keine Sünde ist", ruft
er. Tusch.
Dann
endlich ist Angela Merkel dran. Drei Teile hat ihre Rede, sagt sie.
Drei Teile wie das Jahr. Krisenjahr. Jubiläumsjahr. Wahljahr. Es ist
die Rede, die sie in diesen Wochen immer wieder hält, bei
Grundsteinlegungen, Messeeröffnungen, Betriebsversammlungen, die
Amerikaner nennen das "stump". Ein Wahlkampfstumpen, der
mit ein paar lokalen Besonderheiten wie Hallo Ilmenau, Willkommen auf
der Cebit, liebe Heimatvertriebene gespickt wird. Es geht immer um
die Krise, aus der wir gestärkt hervorgehen werden, ja müssen, es
geht ums Brückenbauen, um harte Arbeit, um die Neuaufteilung der
Welt, um die Wahl und dann um zwei Jubiläen, 60 Jahre Bundesrepublik
und 20 Jahre Mauerfall, alles ein großes Glück. Die Demminer
Besonderheit geht so: "Ich will gleiche Chancen in Stadt und
Land, das ist unser Konzept."
Die
Bauern klatschen. Lenin hat ja nichts anderes gewollt. Manche Sachen
ändern sich nie.
Als
sie fertig ist, spielt die Band "Hoch soll sie leben!", und
von hinten nähert sich Werner Kuhn mit dem zerzausten Kölner Maler.
HA Schult überreicht sein Kanzlerinnenporträt. Sie nimmt das Bild
entgegen wie den Schrumpfkopf eines afrikanischen Stammesfürsten.
Man spürt jetzt, dass HA Schult kein Freund ist. Sie will das alles
nicht. Sie möchte kein Buch schreiben, obwohl ihre Berater sie immer
wieder dazu auffordern, sie hält das alles für überflüssig. Ihr
graut vor der Ahnengalerie im Kanzleramt. Das Fernsehfenster ist zu,
Demmin schafft es nicht in die Nachrichten, Angela Merkel schnauzt,
immer noch lächelnd, Werner Kuhn zusammen.
"Sie
war ziemlich sauer", sagt Kuhn später. "Vielleicht liegt`s
an der Krise."
Das
kann schon sein, aber vielleicht haben sie sich einfach
auseinanderentwickelt. Vor 20 Jahren waren sie zwei Christen in der
unchristlichen DDR. Kuhn war Schiffbauingenieur in Barth, Merkel
Physikerin in Berlin. 20 Jahre sind eine lange Zeit. Kuhn hat sie in
Mecklenburg-Vorpommern verbracht, Angela Merkel in der Bundespolitik.
Sie war Ministerin, Partei- und Fraktionsvorsitzende und ist jetzt
Kanzlerin. Sie ist keine Seiteneinsteigerin mehr, sie ist
Politikerin. Sie hat viele Männer hinter sich gelassen, erst die
ostdeutschen, die zu zart oder zu ungehobelt für die Politik waren,
dann die westdeutschen, die zu selbstzufrieden und unbeweglich waren,
um sie zu bezwingen, und jetzt ist sie da. Ihr Schreibtisch steht
ganz oben im Raumschiff. Hinter ihr an der Wand hängt nur noch
Konrad Adenauer, der allererste der steifen katholischen Männer, die
ihr einst so fremd waren wie ein Vorfahr, der Opa vielleicht. Sie hat
ihn nicht kennengelernt, aber inzwischen ist er ihr näher als Werner
Kuhn.
Wenn
man Angela Merkel dort oben im Himmel besucht, kann man sich kaum
noch vorstellen, dass es sie wirklich gibt. Man möchte sie kneifen,
um herauszubekommen, dass sie echt ist, wenn sie in der Tür zu ihrem
Arbeitszimmer auftaucht. Das liegt nicht nur am unwirklichen
Bundeskanzleramtsklotz, sondern auch daran, dass sie immer mehr zu
Material wird für Bücher, Leitartikel und Stammtischgespräche.
Draußen
tobt immer irgendetwas, im Moment ist es eine weltweite
Wirtschaftskrise, und das Land fragt sich wieder, ob sie das packt.
Als Frau, als Ostlerin, als Pfarrerstochter.
Es
gibt Kritiker, die sagen, sie handle zu langsam, zu spät, zu
unentschlossen. Es gibt Bewunderer, die sagen, sie sei so besonnen,
ruhig und beharrlich, wie man es in so einer Krise sein muss. Im März
schienen sich die Kritiker durchzusetzen, sie schichten Argumente der
Führungsschwäche um sie auf, die Konjunkturpakete waren zu groß
beziehungsweise zu klein, sie sei nicht in der Lage, die große Rede
zu halten, die das Volk erwarte. Im Moment sieht es wieder besser
aus. Es heißt, sie habe sich konsolidiert. Warum, ist nicht ganz
klar, vor allem weil die Bewunderer von heute oft die Kritiker von
gestern sind. Überrascht sie das?
"Ach,
ich glaube, politische Entwicklungen gehen einfach so", sagt
sie. "Es ist eine Wellenbewegung, die kann man als Person zwar
beeinflussen, und die Umstände sind mal besser und mal schlechter,
aber im Grunde wünschen sich weder die Öffentlichkeit noch die
Medien Gleichmaß, also geht es hoch und runter. Natürlich freue ich
mich, dass es im Moment eher nach oben geht."
Sie
lächelt entspannt. Vor ein paar Tagen war sie Gast von Anne Will,
vor ein paar Stunden hatte sie eine Videokonferenz mit Barack Obama.
Beides lief offensichtlich gut für sie. Bei Anne Will kümmerte sie
sich um ihr innenpolitisches Ansehen, bei Obama ging`s eher um
Weltpolitik. Für sie hängt das alles zusammen. Sie lebt in einer
Welt, die in einem Moment riesengroß ist und im nächsten winzig
klein, einer Welt, in der man ihr nicht mehr folgen kann. Sie erlebt
die unglaublichsten Sachen, aber sie kann es eigentlich mit niemandem
teilen.
Das
ist der Preis der Kanzlerschaft. Der Preis, den sie bezahlen muss.
Und der Preis, den sie gewonnen hat.
Mitte
März hat sie innerhalb von drei Tagen Nicolas Sarkozy, Gordon Brown
und ihr Haus in der Uckermark gesehen. Es war wie ein Wirbelwind. An
einem Tag stand sie mit Sarkozy und seiner wunderbar bunten
französischen Delegation vor der blauen Wand im Kanzleramt. Sie
hatte einen Knopf im Ohr, spitzte die Lippen und sah mit einem
Seitenblick auf den französischen Präsidenten, der gestikulierte
wie der Gendarm von St.-Tropez. Am nächsten Tag wanderte sie mit
Gordon Brown durch die grünen Hügel, in denen der Landsitz des
britischen Premiers liegt. Dann hatten sie ein kräftiges englisches
Frühstück, fuhren nach London, redeten in der Downing Street Number
10 über die bevorstehenden Gipfel und gaben in einem Raum, der nach
Mottenkugeln roch, eine Pressekonferenz. Sie hatte einen Stöpsel im
Ohr, spitzte die Lippen und sah mit einem Seitenblick auf den
britischen Premier, der verglichen mit dem zappeligen Sarkozy wirkte
wie ein Findling aus der Uckermark.
Von
ihrem Stehpult bei der Pressekonferenz in London sah sie auf ein
verstaubtes Gemälde von George II., Prince of Wales aus dem Jahr
1716, vom Stehpult in Berlin aus sah sie auf die seltsame
Ahnengalerie der deutschen Kanzler. Helmut Kohl sieht aus wie ein
verwirrter Alter, in einem bekleckerten Jackett, Gerhard Schröder
glänzt golden wie König Midas. Dort wird sie auch irgendwann
hängen, aber darüber möchte sie nicht nachdenken. Aus dem
Autofenster sah sie dann, wie die Bäume in den Londoner Parks
bereits blühten. Die Sonne schien. In Berlin blühten die Bäume
noch nicht. Es war ein Sonnabendnachmittag, sie fuhr gleich weiter
nach Hohenwalde. So konnte sie an einem Tag Hügel der Uckermark mit
denen von Chequers vergleichen. Um 17 Uhr schloss sie ihr
Wochenendhaus auf.
Es
heißt, sie kann Jacques Chirac gut nachmachen. Sie kann auch
vorführen, wie Putin ist, wenn er wütend wird. Er schreibt dann
Dinge auf einen Zettel, hektisch, und hält sie hoch. Da!, Da!, Da!,
schreit Putin und zeigt immer wieder auf den Zettel. Angela Merkel
lächelt und sagt leise, ich hab Sie schon beim ersten Mal
verstanden. Sie hat keine Angst vor Putin, aber Respekt, weil er die
gesamte Klaviatur des Machtspiels beherrscht, und sie hat auch George
Bush nie unterschätzt. Sie hält ihn für hochintelligent und
eisenhart in der Sache. Sie mochte sehr, wie er sich für ihre
persönliche Geschichte interessierte. Da war echtes Interesse,
glaubt sie. Am meisten mochte sie wohl Tony Blair, da ist etwas
entstanden, das man beinahe Freundschaft nennen kann, sagt jemand aus
dem Kanzleramt.
Wie
war die Videokonferenz mit Barack Obama?
"Es
war gut und interessant", sagt sie, "dass man sich sehen
kann, macht es persönlicher als am Telefon. Insgesamt eine
praktische Sache."
Hatte
er ein Jackett an? Sie schaut entgeistert.
Die
Aufregung darüber, dass Barack Obama den Jackettzwang im Weißen
Haus abschaffte, findet Angela Merkel sicher so seltsam wie die
Seufzer, die Michelle Obamas armfreie Kleider auslösten. Aber seit
ihr tiefdekolletiertes Kleid beim Opernbesuch in Oslo in die
Schlagzeilen kam, weiß sie, dass es wichtig sein kann.
In
den Jahren, bevor sie gewählt wurde, als bei den Frauen der Frust
über Gerhard Schröder wuchs, vor allem bei den konservativen, bekam
Angela Merkel viele Hinweise, wie sie sich äußerlich verändern
müsse. In Berlin fand sich ein sogenannter
Girls
Club zusammen, der weitgehend für das aktuelle Erscheinungsbild der
Kanzlerin verantwortlich sein soll. Zum erweiterten Kreis gehörten
Friede Springer, Sabine Christiansen und Inga Griese, eine
Stilkolumnistin der "Welt". Inga Griese mag Angela Merkel,
sie findet cool, dass sie Russisch kann, Englisch und dass man sich
für sie nicht schämen muss. Sie findet es angenehm, dass sie nicht
von einer Bugwelle angekündigt wird wie Gerhard Schröder, sondern
dass da nur Angela Merkel hereinkommt. Sie verkörpert Deutschland,
die Ruhe, die Unaufgeregtheit, sagt sie, wir sind nicht Hollywood.
Inga
Griese bestreitet, dass sie und ihre Freundinnen sich einen Stil für
Angela Merkel ausgedacht haben. Sie habe sich Tipps geben lassen,
auch vom Berliner Starfriseur Udo Walz, und eine Marke kreiert, die
man verlässlich, aber nicht tantig nennen könnte, sagt Inga Griese.
Inzwischen
ist auch dieser Kontakt in die Außenwelt vorbei. Angela Merkel hat
jetzt eine Stylistin im Raumschiff, die sie jeden Morgen zu der Frau
macht, die wir sehen.
Obamas
Jackett?
Sie
schaut zu Ulrich Wilhelm, ihrem Regierungssprecher, der ihr
gegenübersitzt. Wilhelm nickt.
"Also
gut, er hatte ein Jackett an. Was spielt das für eine Rolle? Soll
ich wieder sagen, wie ich Obama finde?"
Gern.
"Ich
find ihn sehr sympathisch, intelligent, offen, zuhörend, abwägend,
auf Fragen gut eingehend."
War
sie eher für Hillary oder eher für ihn?
"Ich
war Beobachterin, keine Beteiligte, weil`s ja nicht mein Land ist.
Also mich interessierte sein Vorgehen, seine Zielstrebigkeit, wie er
zu einem ernsthaften Rivalen wurde und dann zum Gewinner. Natürlich
hab ich zum Anfang als Frau eher auf Hillary Clinton geguckt. Sie hat
toll gekämpft, und es war ja auch ein enges Rennen. Aber Sie sind ja
wohl nicht hergekommen, um mit mir über Obama zu reden."
Sie
lacht ihr spöttisches Mädchenlachen, das sie für die Jungs übrig
hat.
Als
sie vor ein paar Wochen das Opel-Werk in Rüsselsheim besuchte,
präsentierte ihr der Vorstand auf einer riesigen Bühne zwischen
Kinderchor und Oldtimern auch ein Elektroauto, mit dem sie in die
Zukunft starten wollen. "Na, dann strengen Se sich ma an!",
rief Merkel und lachte ihr spöttisches Mädchenlachen. Der
Vorstandsvorsitzende lachte, das Meer der Anzugträger, in dem sie
stand, lachte, und schließlich lachte der gesamte Saal. Männer mit
Arbeitergesichtern und gelben T-Shirts, auf denen stand "WIR
SIND OPEL", lachten, weil man mitlachen muss, wenn sie lacht.
Diesmal lacht nur Ulrich Wilhelm mit, der Regierungssprecher. Ein
freundlicher, blonder Mann, in dessen Gesicht sich die Stimmung der
Kanzlerin wiederfindet wie in einem Spiegel. Wenn sie lacht, lacht
er. Schaut sie ernst, schaut auch er ernst. Versteht sie eine Frage
nicht, schaut er ahnungslos. Es heißt, sie rede nicht gern über
Obama, weil er all das verkörpere, was sie nicht hat. Die Präsenz,
den Zauber, die Leichtigkeit, den Pop, die Vision. Er hält die
Reden, die sie nicht hält. Sie sagt, dass auch Obama keine
Illusionen schüre. Dass er dasselbe Ziel vorgebe wie sie: Man müsse
stärker aus der Krise kommen, als man hineingegangen sei. Aber all
das wirkt lustlos, gebremst. Sie hat ein tiefes Misstrauen gegenüber
Massenbewegungen, sagt ein Mitarbeiter. Sie wolle erst einmal sehen,
wie Obama funktioniere, wenn er wirklich etwas durchsetzen muss.
Er
ist ihr sicher ein wenig unheimlich, aber als er im Januar vereidigt
wurde, wollte sie das unbedingt sehen. Auf dem Landeplatz im
Kanzlergarten drehten sich die Rotoren des Hubschraubers, der sie
sofort zu einer Gewerkschaftstagung fliegen sollte. Soll warten,
sagte sie. Sie saß im Zimmer ihrer Bürochefin und sah sich im
Fernsehen an, wie der erste schwarze Mann als Präsident Amerikas
vereidigt wurde. Sie wollte nicht seine Rede hören, sie wollte nur
dabei sein. Denn dies war ein historischer Moment.
Denkt
sie daran, was die Geschichte einmal über sie sagen wird?
"Nein",
sagt sie schnell. "Dafür nimmt mich das tägliche Geschehen
viel zu sehr in Beschlag. Ich sitz ja nicht dauernd neben mir und
denke: Was könnte bleiben. Wir hatten drei Jahre, in denen wir
gezeigt haben, dass Reformen sich lohnen. Wir haben mit 5 Millionen
Arbeitslosen angefangen und waren nach drei Jahren bei 2,9. Und jetzt
wird unsere Arbeit natürlich sehr durch diese Krise bestimmt. Wir
müssen immer aufpassen, dass wir jetzt unter dem Druck der Wünsche
nicht Sachen machen, über die man in fünf Jahren den Kopf
schüttelt.
Und
die große Rede?
"Ich
verstehe den Wunsch der Menschen nach Erklärung in dieser Situation,
aber am Ende ist eine Rede eine Rede, und entscheidend bleiben die
Taten. Die Menschen wollen Gewissheit gegen die Verunsicherung, aber
vollständige Gewissheit kann niemand auf der Welt geben, zu keiner
Zeit. Ich will keine Illusionen wecken, die in vier Wochen wieder
zerplatzen. Ich habe aber die Zuversicht, dass wir den Weg aus der
Krise schaffen, und die kann ich, weil ich sie selbst habe, auch
ausstrahlen. Das zählt."
Eine
königliche Haltung. Auch das britische Volk erwartete eine Rede von
der Queen, nachdem Lady Di verunglückt war. Auch sie wollte nicht
zum Volk sprechen, weil sie nicht wusste, warum.
Angela
Merkel macht nur das, was sie für vernünftig und sinnvoll hält.
Als sie vor ein paar Wochen zusammen mit dem polnischen
Ministerpräsidenten Tusk als Rednerin zum traditionellen
Matthiae-Mahl ins Hamburger Rathaus geladen wurde, sagte sie den
anwesenden Honoratioren der Stadt nicht, dass sie in Hamburg geboren
wurde. Es wäre ein wunderbarer Einstieg gewesen, aber sie sah den
Zusammenhang zum angespannten deutsch-polnischen Verhältnis nicht.
Sie
hat auch vor den Opel-Arbeitern in Rüsselsheim nicht Manfred Eggert
erwähnt, den Opel-Händler aus ihrem Wahlkreis Rügen, in dessen
Autosalon sie im vorigen Jahr eine Stunde verbracht hat. Ihre Reden
sind schlicht und kühl, die Stenografen aus dem Bundeskanzleramt
haben es nicht besonders schwer mit ihr. Manchmal müssen sie einen
Satz auffüllen, den sie nicht zu Ende gebracht hat. Und manchmal
verwendet sie Wörter, die es nicht gibt. Bei Opel in Rüsselsheim
hat sie zweimal das Wort "Angang" benutzt, der Stenograf
hat "Ansatz" draus gemacht. Denn das hat sie gemeint,
wahrscheinlich.
Klaus
von Dohnanyi saß im Hamburger Rathaussaal und wunderte sich, dass
sie ihre Geburtsstadt nicht erwähnte, wunderte sich und freute sich
zugleich. "Sie ist die unprätentiöseste Politikerin, die ich
kenne", sagt er. "Die deutsche Politik muss dringend
versachlicht werden. Angela Merkel ist ein Glücksfall. Ihr Ehrgeiz
besteht darin, Deutschland vernünftig zu führen. Sie macht keine
Sache, von der sie vorher weiß, dass sie nichts bringt."
Er
und seine Frau Ulla Hahn sind wahrscheinlich das, was man am ehesten
als Freunde der Kanzlerin bezeichnen könnte, sagt man im Kanzleramt.
Sie gehen zusammen in die Oper, in Konzerte, sie reden über Musik
und Literatur. Dohnanyi sitzt in der Arbeitsetage seines schönen
weißen Hauses an der Außenalster, auf dem Couchtisch Tee, Plätzchen
und der aktuelle SPIEGEL.
"Darf
der Staat Opel retten?" ist die Titelfrage.
"Falsch
gefragt", sagt Dohnanyi, die Lider halb geschlossen. "Die
Frage ist, ob er es kann. Wenn er es kann, darf er es." Er war
jahrelang im Aufsichtsrat von Audi und hat, wie er sagt, viele gute
Sachen für Ford getan, in den Fünfzigern. In den Dreißigern war er
an der Leipziger Thomasschule, in den Achtzigern Erster Bürgermeister
von Hamburg. Er ist Bonhoeffers Neffe, war Staatssekretär unter Karl
Schiller und hat einen Yale-Abschluss. Hätte Angela Merkel im
Frühjahr 1990 diesen Mann kennengelernt, wäre sie vielleicht in die
SPD eingetreten.
"Ach
was", sagt Dohnanyi. "Alle guten Politiker sind in der
falschen Partei. Ich bin es, Steinbrück ist es und Helmut Schmidt
wohl auch. Alles Menschen, die ihre Aufgabe darin sehen, Probleme zu
lösen, die Schwächen auch in der eigenen Partei sehen. Ich war
immer froh, wenn meine Partei zu 51 Prozent recht hatte. Ich möchte
eine starke CDU, ich kann Frau Merkel nicht wählen, weil ich seit 52
Jahren in der SPD bin. Aber ich wünsche ihr viel Glück."
Er
empfiehlt, ein euphorisches Porträt zu schreiben.
"Dann
machen Se mal", sagt Angela Merkel und lacht spöttisch.
Ihr
Misstrauen ist grenzenlos. Und je mehr sie geliebt wird, desto
misstrauischer wird sie. 52 Prozent aller Deutschen würden gern mit
ihr in ein Café gehen. Sie lieben sie mehr als ihre Partei und mehr
als den steifen Steinmeier sowieso. Die Autorin Jana Hensel, die vor
ein paar Monaten ein "Zeit"-Gespräch mit Angela Merkel
führte, testete vorher bei ein paar Freunden, wie das ankomme. Alle
sagten ihr: Ach, die würde ich auch gern mal kennenlernen. Und
ehrlich gesagt ging es ihr genauso.
Die
Leute schauen auf sie wie auf die Queen. Sie hat den Dalai Lama ins
Kanzleramt eingeladen und die Netrebko zum Borschtsch-Essen in ihre
Wohnung. Und sie sind gekommen, beide. Bei der Eröffnung der Cebit
sagte Arnold Schwarzenegger, der wahrscheinlich berühmteste
Politiker der Welt, dass das deutsche Volk stolz auf diese Frau sein
sollte. Sie sei die "most powerful woman in the world".
Außerdem gebe es sie jetzt auch als Barbiepuppe, ein sicheres
Zeichen, dass man es geschafft habe.
Aber
Angela Merkel schaute nach unten, sie wischte irgendwelche
Staubflecken von den Hosen ihres Hosenanzugs.
Später,
beim Abendessen, saß sie neben Arnold Schwarzenegger, der von weitem
aussah wie ihr Bodyguard, und schien nicht so richtig zu wissen,
worüber sie sich mit ihm unterhalten sollte. Sie interessierte sich
mehr für Craig Barrett, den Verwaltungsratsvorsitzenden der
kalifornischen Weltfirma Intel, der drei Plätze neben ihr, getrennt
durch den niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff und
dessen junge Frau, plaziert worden war. Im Laufe des Abends tauschte
sie Plätze mit den Wulffs. Frau Wulff kicherte mit Herrn
Schwarzenegger, Herr Wulff saß stolz daneben. Angela Merkel aber
redete mit Craig Barrett über die Zukunft der Welt. Als das Essen
vorbei war, lief sie los wie immer, gewohnt, das Zentrum der Bewegung
zu sein. Aber das war an diesem Abend Arnold Schwarzenegger. Einen
Moment lang merkte sie nicht, dass ihr niemand folgte. Dann blieb sie
stehen und sah zurück zu den Dinnertischen, wo ihr
Regierungssprecher und die Sicherheitsleute um Arnold Schwarzenegger
herumstanden. Ein paar Gäste der Cebit fassten sich ein Herz und
kamen näher, begannen sie zu fotografieren. Man musste jederzeit
damit rechnen, dass sie sie gleich berühren würden. Für einen
kurzen Augenblick war das dicke Glas gebrochen. In diesem Moment sah
es aus, als habe sie Angst vor ihrem Volk.
Sie
ist es einfach nicht mehr gewohnt. Jeden Quadratzentimeter deutschen
Boden, den sie betritt, hat vorher schon jemand für sie
abgeschritten. Die Sicherheitskräfte oder das Vorabkommando aus dem
Kanzleramt. Als sie im vergangenen Jahr auf ihrer Bildungstour nach
Ilmenau kam, um die Goetheschule zu besuchen, hatte das Kommando
sogar einen grünen Kunstteppichweg ausgerollt, auf dem sich die
Bundeskanzlerin den Schülern näherte, links und rechts des Weges
wurden Absperrbänder gespannt.
Es
gab Punkte, an denen die Kanzlerin haltmachen sollte, um mit Schülern
ins Gespräch zu kommen, die vorher bestimmt worden waren. Es gab die
Anweisung, alle Handys zu Hause zu lassen, und aus irgendeinem Grund
sollten während des Besuchs der Kanzlerin keine Faxgeräte betrieben
werden.
Ein
Mann in einem kleinkarierten Jackett, der das Vorauskommando leitet,
klebte einen kleinen weißen Punkt auf die Rasenfläche vor dem
Schulgebäude. Dort würde später die Kanzlerin stehen, um in die
Kameras zu sprechen. Es gab eine Schönwettervariante für das
Gruppenfoto der Kanzlerin mit den Schülern und eine
Schlechtwettervariante in der Turnhalle. Die Zentrale für die
Sicherheit wurde im Sekretariat eingerichtet, im Büro des Rektors
saßen ein Dutzend Einsatzkräfte. Das Vorauskommando war bereits
Wochen vorher hier, um die Tauglichkeit der Goetheschule zu prüfen.
Alles passte. Die Realität wurde so lange gesiebt, bis nur noch
Goldstaub da war. Ein hübsches weißes Schulgebäude auf einem
kleinen Hügel am Waldesrand, wie aus einem Mittwochfilm im ZDF.
Vor
diesem Hintergrund sind nur winzige Ausbrüche möglich. Weil Angela
Merkel an der falschen Stelle haltmachte, erfuhr sie vom
Handy-Verbot, was sie furchtbar aufregte, weil sie das niemals
verlangt hatte. Später beim Forum fuhr sie dem Rektor über den
Mund, weil er eine Frage beantwortet hatte, die eigentlich seinen
Lehrern gestellt worden war. Bevor sich alle beruhigt hatten, saß
Angela Merkel schon wieder im Auto zum Helikopter, mit dem sie zum
nächsten Stopp ihrer Bildungsreise flog, einem
Berufsausbildungszentrum in Ludwigshafen. Das Vorauskommando aus dem
Kanzleramt überwachte den Rückbau seiner Inszenierung und nahm dann
den Nachmittagszug nach Berlin.
Angela
Merkel weiß, dass sich die Dinge verselbständigen können, ist aber
grundsätzlich dankbar für einen reibungslosen Ablauf.
Sie
erzählt, wie sie als Oppositionspolitikerin mal eine
Soldatenunterkunft im Kosovo ohne Vorabkommando besuchte. Fotografen
und Kameraleute sprangen auf den Betten herum und fotografierten sie
ungeschützt. Sie stammelte und starrte, und später wurde ihr noch
vorgeworfen, dass sie dort drin ein Chaos verursacht habe. Es war ein
legendärer Auftritt. Das soll ihr nie wieder passieren. Angela
Merkel macht jeden Fehler nur einmal, sagt jemand aus dem Kanzleramt.
Sie will natürlich Kontakt, aber sie will auch die besten Bilder. Im
gerade erschienenen Bildband ihrer Lieblingsfotografin Laurence
Chaperon sieht man sie in so inszenierten Landschaften und Farben,
dass sie mitunter wirkt wie Kim Il Sung.
Jemand,
der seit Jahren an ihren kleinen und größeren Runden teilnimmt,
sagt, dass sie die einzige Spitzenpolitikerin sei, die man
kritisieren könne. Sie höre zu, nicke, aber die Kritik erreiche sie
nicht. Teilweise mache sie anschließend das Gegenteil von dem, was
man ihr geraten habe. Sie sei eine Riesenenttäuschung. Sie habe sich
völlig abgekapselt.
Auch
Jürgen Kluge, ihr Beinah-Freund, weiß, dass es manchmal schwer ist,
sie zu erreichen. Kurz vor den letzten Bundestagswahlen hat er sie
angerufen und ihr gesagt, dass ihr Wirtschaftskurs die Wähler
verunsichere. Sie müsse die Leute mehr mitnehmen, sagt er. Sie
konnte kaum zuhören, sie war auf dem Weg von einem Wahlkampfauftritt
zum nächsten.
Er
riet ihr, ein, zwei Tage freizumachen und Luft zu holen.
Ich
kann das nicht, sagte sie, ich muss weiter.
Geschichten
wie diese erzählen viele Menschen, von denen es heißt, sie seien
Angela Merkel nahe. Alice Schwarzer, Oliver Bierhoff, Klaus von
Dohnanyi, sie alle sagen an irgendeiner Stelle: Na ja, sie hat
natürlich auch nicht mehr so viel Zeit, seit sie Kanzlerin ist. Wann
ich sie das letzte Mal gesehen habe? Oh, da muss ich überlegen.
Andere sagen, sie erscheine in Berlin auf allen möglichen
gesellschaftlichen Partys und bleibe oft bis zum Schluss. Es klingt,
als falle sie seit vier Jahren in einen Brunnen, der keinen Boden
hat.
Sie
kämpft dagegen an, mit teilweise rührenden Methoden. Einmal
wöchentlich geht sie in ihre alte Kaufhalle, den Ullrich
Verbrauchermarkt
in der Mohrenstraße. Manchmal macht sie den großen Einkauf,
manchmal ihr Mann. Es ist nicht immer einfach wegen der
Sicherheitsleute, aber es ist ihr wichtig. Sie möchte auch den Wagen
selbst schieben. Bis zum Auto.
Helga
Marquaß, die Chefkassiererin der Kaufhalle, sagt, dass Frau Merkel
so unauffällig wie möglich durch die Gänge laufe. Meist schaue sie
nach unten. Professor Sauer rede schon mal mit ihnen, wenn er das
Obst nicht finde oder das Manhattan-Eis alle sei. Frau Marquaß nennt
ihn "unseren Herrn Sauer". Wenn Angela Merkel in die Oper
geht oder in ein Restaurant, lässt sie für die Sicherheitsleute
Plätze reservieren und sagt ihnen ein halbe Stunde vorher Bescheid,
damit sie keine Zeit mehr haben, die Lokalitäten vorher auf den Kopf
zu stellen. Es ist ein ständiger Kampf um Normalität.
Warum
wollte sie eigentlich Kanzlerin werden?
"Ich
wollte was gestalten, also, es ist der Gestaltungsanspruch",
sagt sie. "Es macht mir Spaß, Leute zusammenzuführen,
Ergebnisse zu finden."
Würde
sie es noch mal machen?
"Natürlich".
Schläft
sie gut?
"In
der Regel schon. Manchmal wache ich nachts auf und denke mir Sachen
durch."
Ihr
Vater Horst Kasner ist mit seiner Familie 1954 aus Hamburg in den
Osten gezogen, weil er dachte, dass er als Pfarrer dort eher
gebraucht würde. Er hat Angela Merkel in einem Körbchen in die DDR
getragen. Sie hat den Preis dafür bezahlt und auch ihre Mutter, die
als westdeutsche Latein- und Englischlehrerin in die Uckermark
musste, wo Russisch die erste Fremdsprache war. Kasner baute das
Pastoralkolleg Templin auf und hatte auch das Leben seiner Tochter
geplant. Sie schien immer wieder ausbrechen zu wollen. Als alter Mann
beklagte sich Kasner, dass sie mache, was sie wolle. Aber am Ende hat
sie doch noch seinen Weg eingeschlagen. Sie dient.
Sie
will kein Buch über sich, sie will kein Gemälde, sie will keine
großen Reden halten, sie will allein einkaufen gehen. Das Präsidium
des Vertriebenenbundes hat sie zu ihrem Geburtstag zum Essen
eingeladen, weil ihr die Vertriebenenfrage so wichtig ist. Vielleicht
wichtiger als sie selbst. Den Pflaumenkuchen, von dem immer alle
reden, isst sie nicht. Sie mag keinen Kuchen. Sie backt ihn, weil er
ihrem Mann schmeckt.
In
den letzten Tagen lief sie durch die westdeutsche Kunstausstellung
"60 Jahre - 60 Werke" mit der gleichen königlichen Distanz
wie durch den ostdeutschen Stasi-Knast Hohenschönhausen. Beides
hatte scheinbar nichts mit ihr zu tun. Nur am Ende ihres Besuchs in
Hohenschönhausen, nachdem sie von ehemaligen Häftlingen durch
Folterräume und Verhörzimmer geführt worden war, meldete sich aus
dem lila Kostümpanzer die Stimme eines Mädchens, die erzählte, wie
Angela Merkel an der Hochschule in Ilmenau von der Stasi angesprochen
wurde und denen sagte, was ihr ihre Mutter mit auf den Weg gab: Du
kannst doch den Mund nicht halten. Doch dann musste die Kanzlerin
weiter zum König von Jordanien, und am nächsten Tag klangen die
Worte seltsam naiv. Man kann sie sich nicht mehr vorstellen in einem
anderen Leben. Und daran hat sie hart gearbeitet.
Sie
überzieht alles Persönliche, das protestantische, ostdeutsche und
weibliche, mit einer Asphaltschicht wie das alte Katzenkopfpflaster
auf dem Feldweg in Hohenwalde, um voll und ganz Kanzlerin sein zu
können. Ihre Wohnung, sagt jemand, der sie dort mal besucht hat,
gleiche einer Studentenbude. Ein metallicfarbener CD-Player auf dem
Fußboden, um den ein paar CDs herumliegen. Ein Resopaltisch,
Kunstholzstühle. Ein Poster an der Wand. Schmucklos, unpersönlich
und asketisch.
Und
wenn man sie nach der Schuhmarke fragt, die ihr Alice Schwarzer mal
empfohlen hat, zuckt sie mit den Schultern und sagt: "Festes und
schönes Schuhwerk bringt einen gut durch den Tag."
Ein
wunderbarer Satz. Leider nimmt sie ihn später zurück wie fast
alles, was sie zu menschlich erscheinen lässt.
Einmal
hat sie versucht, über den Küchenfahrstuhl des Kanzleramts
auszubrechen. Es war der einzige Weg hinaus, der nicht mit Kameras
bewacht wurde. Sie kam bis in die Tiefgarage. Da standen sie mit den
Hunden.
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