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Für diese Reportage war der Autor für
den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2010 vornominiert.
Philipp Oehmke
Im
Kuckucksnest des Kapitalismus
Nach
Jahren der Irrationalität soll die Vernunft zurückkehren in die
Wirtschaft - in Person des Insolvenzverwalters. Michael Frege wickelt
die deutsche Tochter von Lehman Brothers ab. Ein Lehrstück über die
Kunst des Rationalen.
Von
Philipp Oehmke, DER SPIEGEL, 21.9.2009
Wie oft er hier
schon angekommen ist, das weiß Helmut Olivier gar nicht mehr,
ständig ist er nach New York geflogen, und seinen ersten Job als
Banker, damals in den achtziger Jahren, hatte er hier auch.
Doch dieses Mal ist es etwas
anders. Dieses Mal folgt Helmut Olivier dieses Grüppchen aus vier
Männern und einer Frau. Das sind die Insolvenzverwalter
beziehungsweise ein Insolvenzverwalter und vier seiner Mitarbeiter,
alles Anwälte.
Helmut Olivier hat für diesen
Sonntagnachmittag-Business-Class-Flug seine Freizeitgarderobe
angelegt, wie früher, rahmengenähte Lederschuhe mit goldener
Schnalle, dunkel gewaschene Jeans, roséfarbenes Hemd, blauer Blazer,
Goldknöpfe. Vor der Flughafenhalle verhandelt er mit einem
dominikanischen Limousinenfahrer. "So how much? Including
tolls?" Ob die Brückenmaut schon eingerechnet ist, eine
Profi-Frage. Verhandeln, auf Amerikanisch auch noch, er liebt das.
Helmut Olivier war bis fast
genau vor einem Jahr, bis zum 15. September 2008, einer der
einflussreichsten Investmentbanker Deutschlands. Er gehörte dem
deutschen Vorstand des Lehman Brothers Bankhaus an, war dort der
Dienstälteste, zehn Jahre hat er den deutschen Ableger von Lehman
geleitet, Olivier hat den Lehman-Geist gelebt wie kein anderer
Deutscher. Bei seinem letzten New-York-Besuch vor ein paar Monaten
hat er noch "Dick" gesehen, Richard Fuld, den exzentrischen
ehemaligen Welt-Chef von Lehman.
Dick ist abgetaucht nach dem
Crash, doch Olivier, 51 Jahre alt, brauner Teint, Hobbyrennfahrer,
hat sich entschieden mitzuhelfen. Die Party ist vorbei, die Eltern
sind unerwartet nach Hause gekommen, jetzt muss der vollgekotzte
Teppich irgendwie wieder sauber werden.
Ihm folgt der, der das alles
saubermachen muss: der Insolvenzverwalter Michael Frege, nicht
braungebrannt, die Augen tief in ihren Höhlen, Falten auf den
Wangen, Initialen auf dem Hemd. "Lassen Sie doch, Herr Olivier",
sagt er. "Wir nehmen zwei gelbe Taxen."
Olivier wendet sich von seinem
dominikanischen Vertragspartner ab. Er hat nichts mehr zu sagen. Das
deutsche Recht gibt dem Insolvenzverwalter die alleinige Herrschaft
über das bankrotte Unternehmen. Und Oliviers Lehman ist bankrott.
Das Schicksal, das Finanzkrise
heißt, hat zwei Männer zusammengewürfelt, die ihre bisherigen
Leben auf unterschiedlichen Planeten verbracht haben, der
weltgewandte Banker und der sachliche Jurist: Wenn früher der Banker
Olivier an den Wochenenden in seinem Sammler-Porsche 993 GT2 seine
Runden über den Hockenheimring gedreht hat, trainierte Michael Frege
bei der Freiwilligen Feuerwehr. Frege hat nicht in New York gelebt,
er ist überhaupt erst zum zweiten Mal in den USA. Das erste Mal war
vier Wochen zuvor, auch da traf er sich mit dem amerikanischen
Insolvenzverwalter von Lehman.
Michael Frege, ein Jahr jünger
als Olivier, 50 Jahre alt, vier Kinder, ist Partner, also
Gewinnbeteiligter der deutschen Großkanzlei CMS Hasche Sigle und
spezialisiert auf Insolvenzen. Seit 20 Jahren setzt er sich in
Bewegung, wenn Betriebe zahlungsunfähig sind oder überschuldet;
seit 20 Jahren springt er in Krisensituationen hinein und landet in
Angst und Irrationalität.
Lehman ist das
symbolträchtigste Insolvenzverfahren der Nachkriegszeit. Mehr als
400 Gläubiger wollen Geld, insgesamt verwaltet Frege Forderungen von
rund 38 Milliarden Euro, eine auch für ihn mit Vorstellungskraft
kaum noch greifbare Summe. Die Gläubiger sind nicht wie bei einer
normalen Insolvenz die Zulieferer oder Geschäftspartner, sondern der
Einlagensicherungsfonds der Privatbanken oder die Bundesbank. Frege
rechnet damit, dass ihn dieses Verfahren mehrere Jahre kostet,
vielleicht sogar zehn. Dann wäre er 60. Ein Leben für den
Lehman-Schrott.
Man muss sich die
Lehman-Insolvenzmasse vorstellen wie eine Art Black Box der
Finanzkrise. In den Trümmern, die Frege mit insgesamt 60
Mitarbeitern durchkämmt, liegen all jene inzwischen verglühten
Finanzderivate vor ihm wie ein lebloses Alien, das er mit größter
Neugier und Achtsamkeit seziert. Er stößt auf die berüchtigten
Zweckgesellschaften, jene Briefkastenfirmen der Banken, oft mit Sitz
auf den Bahamas, die Lehman dazu dienten, aufgekaufte Kredite aus den
eigenen Bilanzen herauszuhalten und als hochriskante Wertpapiere zu
handeln. Sie tragen Namen wie Märchenfiguren, berühmte Straßen
oder sind einfach nur Sprachkitsch aus Wörtern wie Sun, Moon oder
Stars und Paradise.
Eine Scheinwelt hat sich vor
Frege aufgetan, die nicht mehr den Gesetzen der Vernunft unterliegt,
eine Welt, in der Phantasiefirmen Phantasiegeschäfte gemacht haben,
oft auch mit Phantasiegeld. Er hat eine Welt betreten, in der
Menschen ihr eigenes Handeln nicht mehr verstanden haben, und
stellvertretend für uns alle blickt er in den Abgrund. Er muss dort
unten saubermachen, aufräumen, fegen, den Müll wegschmeißen, nach
Dingen suchen, die noch einen Wert haben, damit die Welt da oben
weitermachen kann. Insofern ist aus diesem nüchternen, für Ordnung
sorgenden Insolvenzverwalter ein Held der Jetzt-Zeit geworden, weil
er den Wahnsinn austreiben muss, die Vernunft zurückbringen ins
Kuckucksnest des Kapitalismus.
Doch was ist mit reiner
Vernunft überhaupt zu erreichen?
Helmut Olivier ist ein Held
der Vor-Zeit, sein Geschäft war das Risiko, und es gebar riesige
Profite, die aus seinen Empfängern Männer machten, die sich
unschlagbar fühlten, weil sie Dinge wagten, die kein normaler Mensch
je wagen würde. Das Interessante daran ist, dass Leute wie Olivier
eine Theorie hatten, die ihrem Wahnsinn eine vermeintliche
Rationalität verlieh. Es waren die Gesetze der Finanzmathematik.
Formeln, mit denen sich die Zukunft vorhersagen lässt, können sehr
verführerisch sein. "Ökonomen haben Schönheit, gekleidet in
eindrucksvoller Mathematik, mit Wahrheit verwechselt." Das
schreibt der Wirtschaftswissenschaftler Paul Krugman. Weil alles so
schön aussah, musste es doch stimmen. Und so glaubten die meisten
Theoretiker in den letzten Jahrzehnten an den perfekten Markt, der
einer ihm wie von Zauberhand eingeflößten Vernunft folgte.
Frege weiß jetzt, dass das
Blödsinn ist. Das ist das eine, was er gelernt hat, seit er erstmals
in diese Black Box, in dieses unermessliche Chaos schaute.
Mit dem 15. September 2008,
dem Tag der Lehman-Pleite, brach das Computersystem zusammen, es gab
keinen Zugriff auf Dokumente und Daten mehr. Frege musste Forensiker
anstellen, die versuchen, die Daten wiederherzustellen. Zahlungen
sind nicht mehr gebucht worden, und für viele Kredite, die die
deutsche Lehman herausgegeben hatte, waren keine Verträge zu finden.
Die seien irgendwie in den USA abgeschlossen worden, hieß es, als
Frege nachfragte. Als er dann in den USA nach den Verträgen suchen
ließ, kam irgendwann die Nachricht, es gebe nur Vorverträge. "Es
hat mich sprachlos gemacht", sagt Frege. "Man erwartet
schon von jedem Tante-Emma-Laden, dass er ordentlich Buch führt.
Aber das hier ist eine Bank!"
Er stellte fest, dass die
Banker eine eigene Sprache erfunden hatten, und die 5000 Mitarbeiter,
die die Computer betreuten, eigene, nur von ihnen durchschaubare
Buchungssysteme entwickelt hatten. Sie wurden immer lässiger, haben
Zahlungsverkehr erst mal geparkt, in Mumbai oder in London oder in
New York. Es war zum Verrücktwerden.
In dieser Zeit hat Frege oft
Olivier zu sich gebeten, die Lehman-Unterlagen auf dem Tisch
ausgebreitet und ihn gefragt: Wie kann das alles sein? Was ist da los
in eurer Welt? Er wollte wirklich eine Erklärung von Olivier.
Olivier strukturiert seine
Antworten gern in ad eins, ad zwei, manchmal auch ad drei,
Fachbegriffe wie "Collateralized Debt Obligation" spricht
er so amerikanisch aus, dass man nachfragen muss. Im Einzelfall
konnte Olivier ad eins, ad zwei, ad drei die Umstände immer
erklären. Aber das Gesamtbild des Wahnsinns, das sich daraus ergibt,
war auch ihm ein Rätsel. Er hat Frege erklärt, dass die einzelnen
Banker keine Fehler gemacht hätten. Unter den Maßgaben, die sie
hatten, hätten sie sehr gut performt, wie er sagt, systemimmanent
einen super Job gemacht. "Aber als Gruppe sind wir Banker
natürlich jetzt unterste Schublade. Und, ehrlich gesagt, zu Recht."
Zum Frühstück am nächsten
Morgen, bevor es mit den Verhandlungen losgeht, hat sich Olivier
äußerlich in den Banker zurückverwandelt, dunkelblauer Maßanzug,
weißes Hemd mit Tap-Kragen, der die Krawatte oben am Adamsapfel
gegen den Hals drückt. Er sticht nun deutlich aus der Gruppe der
Anwälte heraus.
Das Bankgeschäft hat Helmut
Olivier ein Leben lang begleitet, schon sein Vater, Hans Olivier, war
bei der Dresdner Bank Leiter der Konsortialabteilung, der Sohn Helmut
wuchs in Frankfurt auf und im Ausland, und abends erzählte ihm der
Vater oft von den Erfolgen, den Niederlagen und Anspannungen, die der
Bankerberuf bereithält, was sich für den Sohn anhörte wie ein
Krimi.
Michael Frege hat die gleiche
Laufbahn eingeschlagen wie sein Vater und auch wie der Großvater,
beides renommierte Juristen. Freges Großvater war der erste
Präsident des Bundesverwaltungsgerichts, ein Ölporträt von ihm
hängt noch heute im Gerichtsflur in Leipzig, der Vater, ein
strenger, konservativer Mann, war Richter am Oberverwaltungsgericht
Münster, die Familie lebte in Mettmann bei Düsseldorf.
Michael Frege hat drei
Schwestern und zwei Brüder, reiht sich irgendwo in der Mitte ein,
und als einziges Kind dieser Juristenfamilie entschied er sich für
die Rechtswissenschaft, immerhin. Sein drei Jahre jüngerer Bruder
Andreas rebellierte da bereits, stritt sich mit dem Vater so sehr,
dass Michael Frege vermitteln musste. Der Bruder färbte sich die
Haare blond und rot, änderte seinen Namen zu dem eines Fruchtbonbons
und gründete die Punkband Die Toten Hosen. Zehn Jahre später,
Anfang der neunziger Jahre, war aus dem kleinen Bruder der Rockstar
Campino geworden.
Bis heute verbindet Michael
Frege und seinen Bruder neben großer Herzlichkeit ein lebenslanger
Wettbewerb. Wann immer sich die Brüder treffen, beginnen sie sofort
eine Partie Tischtennis, Tipp-Kick, Schach oder sonst was. Der
Gewinner wird seit 40 Jahren in kleinen, roten Büchern notiert, die
Campino in Düsseldorf aufbewahrt. Als der Sänger neulich seinen 47.
Geburtstag feierte, ist Michael Frege mit seiner Familie zu einem
seiner Konzerte gereist. Als Geschenk hatte er für den Bruder einen
Tischtennisschläger dabei, den "Carbotec" von Donic
Schildkröt, das Beste vom Besten, wie Frege beteuert. Er hat Campino
sogleich zu einem Spiel herausgefordert und natürlich gewonnen. Sagt
Michael Frege. Campino erzählt eine deutlich andere Version: Der
geschenkte Schläger sei manipuliert gewesen, er hätte nur verlieren
können, typisch sein Bruder.
So sehr sich die beiden
Geschwister in ihren Gesichtszügen gleichen - die Augenhöhlen, der
Mund, das Lachen -, Campino verkörpert natürlich genau jenes Chaos
und jene Irrationalität, gegen die Michael Frege sein Leben lang
ankämpft. Man könnte sagen, Campino ist für ihn wie Lehman.
Anfang der Neunziger, als der
Bruder seine ersten Nummer-eins-Platten hatte, ging Michael Frege als
einer der Ersten nach Leipzig. Er baute dort mit Studienfreunden
einen Ableger der Großkanzlei Hasche Sigle auf, schrieb eine
Doktorarbeit über den "Sonderinsolvenzverwalter" und hat
in den letzten 20 Jahren ungefähr 800 Unternehmen verwaltet, saniert
und liquidiert. Er gilt als einer der besten Insolvenzverwalter in
Deutschland.
Am Montagmorgen in New York
steht Michael Frege um drei Uhr auf. Er will im deutschen Rhythmus
bleiben. Helmut Olivier ist am Abend vorher noch auf einen Drink in
eine Bar gegangen, auf die alten Zeiten. Er ist zurück in jener
Stadt, in der nichts mehr an jene Achtziger erinnert, die er so
golden in Erinnerung hat.
Olivier hat fast die gesamten
achtziger Jahre in New York verbracht, er studierte
Betriebswirtschaftslehre, in den Semesterferien besorgte ihm der
Vater Praktika an der Wall Street, und schon ein Jahr vor dem Examen
hatte Olivier seinen ersten Vertrag als Banker in der Tasche, bei J.
P. Morgan. Die Achtziger in New York waren das Jahrzehnt der Wall
Street, und deren Bewohner, die Banker, die "Masters of the
Universe", waren ihre Helden. Zu denen gehörte Helmut Olivier
nun, er sagt heute: "Wenn man jung war, keine Familie hatte,
keine Verantwortung und ein recht gutes Einkommen, war das New York
der Achtziger der beste Platz der Welt." Nie wieder ist es so
schön geworden.
Beim Frühstück an diesem
Montagmorgen legen Frege, seine Begleiter und Olivier nun die
Strategie für die Gespräche fest. Scheitern die Gespräche, ist
Frege schon nach ein paar Monaten von schweren Rechtsstreits in den
USA bedroht. Es geht um drei Milliarden.
Macht Frege einen Fehler,
haftet er als Insolvenzverwalter, anders als die Lehman-Banker,
persönlich für den Schaden, das heißt, für Frege steht womöglich
seine Existenz auf dem Spiel, seine Familie, sein Haus, alles.
Es geht um 51 komplizierte
Darlehenspakete mit einem ursprünglichen Wert von drei Milliarden
Dollar. Frege muss nun den Insolvenzverwalter, der die amerikanische
Mutterfirma abwickelt, überzeugen, dass diese Pakete der deutschen
Lehman-Tochter gehörten und deswegen in die deutsche Insolvenzmasse
fallen und dass die Amerikaner sie herausrücken müssen. Und dann
würde Frege die Pakete gern loswerden, an die Amerikaner verkaufen.
Was er will, ist also Folgendes: den Amerikanern klarmachen, dass
etwas, was sie eigentlich in ihrem Besitz wähnen, ihnen gar nicht
gehört, und dass sie stattdessen eine Menge Geld für Papiere
ausgeben sollen, von denen gar nicht klar ist, wie viel sie wirklich
wert sind.
Der Banker Olivier glaubt, für
alles zusammen seien mindestens noch zwei Milliarden zu bekommen. Das
wäre schon ein Abschlag von einer Milliarde, einem Drittel. Er ist
Banker, und das waren seine Produkte. Das war sein Handwerk. Er will
nicht zulassen, dass das für weniger verkauft wird, Insolvenz hin
oder her. Hoffentlich versteht der Insolvenzverwalter das.
Der Insolvenzverwalter aber
sagt, alles über eine Milliarde sei gut. Als Insolvenzverwalter weiß
er, dass es in den ersten Monaten eines Verfahrens darauf ankommt, zu
Ergebnissen zu kommen, "zu verwerten", wie es im
Insolvenzdeutsch heißt. Es wird nämlich von Woche zu Woche
schwieriger, für ein insolventes Unternehmen am Markt gute Geschäfte
zu machen.
Für Olivier geht es um seine
Ehre. Für Frege um die Aufgabe seines Lebens. Es ist eine schwierige
Konstellation.
Zum ersten Mal haben sich
Frege und Olivier getroffen gleich am ersten Tag der Insolvenz, dem
13. November vergangenes Jahr, nachdem Frege das Mandat von der
zuständigen Frankfurter Richterin bekommen hatte. Er hatte gerade
eine Schokoladenfabrik gerettet. Da konnte man sich schnell
zurechtfinden, Fließbänder in Gang halten, Schokolade verkaufen,
Arbeitsplätze erhalten, Vermögen sichern. Bei Lehman aber stößt
Frege auf mehrfach verbriefte Kredite, Guthaben bei anderen Banken
und Forderungen aus Derivatgeschäften. Viele dieser Geschäfte
verstehen heute nicht mal mehr ihre eigenen Erfinder.
Frege wusste von all diesen
Sachen auch nicht mehr als ein Zeitungsleser, er brauchte Olivier.
Frege sagt, bei jeder Insolvenz sei es eine psychologisch höchst
komplizierte Situation, das erste Treffen mit dem Ex-Vorstand, mit
demjenigen, der gerade seine Firma, seinen Job, seinen Stolz, sein
Lebenswerk verloren hat. Umgekehrt kannte Olivier einen Juristen wie
Frege bloß als Handlanger, als einen, der sich für ihn um den
Vertragskleinkram kümmerte, so war das früher. "Es ist schon
gewöhnungsbedürftig", sagt Olivier, "dass jemand, der
branchenfremd ist, mit einer derartigen Machtfülle ausgestattet ist
und ein fast unüberschaubares Risiko zu managen hat."
Olivier hatte andere Angebote,
genauso wie seine Vorstandskollegen. Von denen wollte keiner bei der
Pleitebank bleiben.
Helmut Olivier aber blieb.
"Gestern war gestern, heute ist Demut angesagt", sagt er
tapfer. Er will sein Weltbild der neuen Zeit anpassen. "Dass er
sich seiner Verantwortung stellt, dass er sich nicht verflüchtigt
hat wie die anderen, dass er mithilft, den Schaden zu begrenzen",
sagt Frege, "das kann man nicht hoch genug einschätzen."
Vielleicht, sagte Olivier
sich, kann er ja von diesem Frege etwas lernen. Und vielleicht steigt
er in ein paar Jahren, nachdem er mitgeholfen hat, das Lehman-Debakel
zu beseitigen, ganz aus der Finanzwelt aus.
Denn das ist es, was Frege und
Olivier gemeinsam gelernt haben in den vergangenen zehn Monaten: Weil
mathematische Modelle nicht in der Lage sind, die Zukunft
vorherzusagen oder auch nur die Wirklichkeit vollständig zu
beschreiben, muss es irgendjemanden geben, der Entscheidungen trifft,
wenn die Dinge aus dem Ruder laufen, auch Entscheidungen über den
Verlust von unvorstellbaren Summen für die Firma oder den Verlust
von Boni für einen selbst.
An dieser Stelle löst die
Moral die mathematische Vernunft ab. Die Entscheidung wird zu einer
Charakterfrage: Nur weil die Menschen zauderten, immer weitermachten,
konnte es die Krise der Weltwirtschaft geben. Olivier weiß das
heute, aber er sagt immer noch den Satz, den alle sagen, seitdem
alles zusammenkrachte: Man habe das nicht voraussehen können. Er
vertraute seinen Jungs in New York, den Guys, wie er sagt, er
vertraute Dick Fuld, obwohl er sich seit einem Jahr über manche
Entscheidungen gewundert hatte.
Das, was von der
amerikanischen Lehman-Zentrale übrig geblieben ist, sind fünf
Stockwerke im Time-Life-Gebäude an der 51. Straße in Manhattan.
Früher saß hier in den Stockwerken 35 bis 46 die berüchtigte
Immobiliensparte von Lehman. In der Eingangshalle, der Boden aus
Marmor, die Wände aus geschliffenem Metall, hat jemand ein
provisorisches Schild mit der Aufschrift Lehman Brothers Inc.
aufgestellt.
Frege, Olivier und ihre
Anwälte fahren in den 40. Stock, im Blick durch das Fenster werden
die gelben Taxen unten auf der Sixth Avenue zu Miniaturautos,
Sitzungsraum 40C. Die Verhandlungen laufen zäh. Irgendwann flüstert
Olivier zu Frege: "Die spielen Katz und Maus mit uns."
Frege macht eine besänftigende Geste.
Frege sagt, er weiß, was er
da tut. Er hat Bücher über Verhandlungsstrategien geschrieben, er
weiß, wie man Verhandlungsverläufe vorausberechnet, und er erkennt
sogar, welcher seiner Verhandlungspartner nach welcher Schule
verhandelt. "Der Herr Lauch zum Beispiel ist noch volles Rohr
Carnegie", sagt er. Dale Carnegie hat in den dreißiger Jahren
mit seinem Buch "Wie man Freunde gewinnt" die
psychologische Gesprächsführung mitbegründet, gilt heute aber als
überholt. Verhandeln ist wie Dirigieren, jeder Beteiligte hat seine
Funktion, jeder seinen Einsatz. Michael Frege setzt sie in Szene, das
ist seine Kunst.
Am Ende, nachdem die
Verhandlungen mehrmals unter- und abgebrochen, vertagt und wieder
aufgenommen und gestritten und verglichen wurde, bieten die
Amerikaner 1,4 Milliarden für beide Kreditpakete.
Helmut Olivier sagt: "Guys,
that's just outrageous", das sei doch unverschämt. 1,4
Milliarden für Kredite, die mal 3 Milliarden wert waren. Das wäre
ihm früher nicht passiert, vielleicht hätte er sich auf diesen
Insolvenzkram doch nicht einlassen sollen.
Frege und Olivier nehmen
unterschiedliche Flugzeuge zurück nach Frankfurt. In der Maschine
erstellt Frege ein Entscheidungsdiagramm. Er berechnet Prozesskosten
und die Wahrscheinlichkeiten, diese Prozesse in New York zu gewinnen,
erste Instanz sieht schlecht aus, zweite schon besser, und er
kalkuliert Wertverluste an den Märkten. 1,4 Milliarden von den
Amerikanern, das ist deutlich mehr, als zu erhoffen war. Frege will
nach seiner Rückkehr mit Herrn Olivier ein Gespräch führen.
Am nächsten Tag, gegen Mittag
in Freges Kanzlei im Frankfurter Westend, viel helles Holz, Glas,
grauer Stahl, geht es schnell. Vor der entscheidenden Sitzung zieht
Frege Olivier in ein kleines Besprechungszimmer. Er erklärt dem
Banker, die Gefahren einer Insolvenz: Es kann, wenn man nicht
aufpasst, alles verloren sein. Es lassen sich keine Voraussagen
machen, ob zu einem späteren Zeitpunkt, bei einem besseren Markt,
mehr zu holen wäre.
Denn auch das hat Frege in
seinen Monaten mit Lehman Brothers gelernt: Ein Rest an Unordnung
wird nie auszuschalten sein, damit müssen wir Menschen lernen zu
leben. Und je länger Michael Frege, Jurist,
Ex-Freiwillige-Feuerwehr-Mitglied, Hauptmann der Reserve, in das
offene Herz der Lehman-Leiche blickt, desto mehr fragt er sich, ob
die künstlichen und willkürlichen Rettungsversuche der Regierungen
von eigentlich toten Firmen zu rechtfertigen sind. "Tod und
Zerstörung", sagt er, "muss man möglicherweise auch
zulassen, denn sonst kommen alle Gesetzmäßigkeiten durcheinander."
Es gefällt Frege nicht, wenn Dinge nicht mehr klaren
Gesetzmäßigkeiten folgen.
Am Nachmittag präsentiert
Michael Frege seine Entscheidung im Besprechungsraum Paris, knapp 20
Mitarbeiter sitzen dort, einige, vor allem die Bankenrechtler, sind
skeptisch.
Als er endet, fragt Frege, ob
es Einwände gegen sein Vorgehen gibt. Er blickt nicht zu Helmut
Olivier. Helmut Olivier blickt auf seinen Blackberry. Keine Einwände.
* Vom Künstler Geoffrey
Raymond, versehen mit wütenden Kommentaren.
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