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Für diese Reportage war der Autor für
den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2010 vornominiert.
Die
Feuer der Hölle
Der
als Polizistenmörder verurteilte schwarze Autor Mumia Abu-Jamal ist
der berühmteste Todeskandidat der Welt. Linke verehren ihn, die
Witwe Maureen Faulkner aber kämpft für ihre Wahrheit. Nun sieht es
so aus, als würde sie gewinnen.
Von
Cordula Meyer, DER SPIEGEL, 24.8.2009
Er sieht älter
aus als auf dem Foto. Die Rastalocken sind schütterer geworden, die
Stirn wirkt höher, seine Augen blicken müde im Neonlicht der
Besuchszelle. Todeskandidat AM 8335 klopft zur Begrüßung mit der
Faust gegen die Scheibe aus Panzerglas. Sein Anwalt auf der anderen
Seite klopft zurück. "Madame Mitterrand bittet mich, dir ganz
herzliche Grüße auszurichten", sagt der Anwalt, "sie war
gerade auf einer Veranstaltung für dich in Berlin." Er drückt
den Brief der Gattin des verstorbenen französischen Präsidenten
gegen das Glas. "Wir starten eine neue weltweite Kampagne",
sagt er, "eine Petition an Obama, unterschrieben auch von
Nobelpreisträgern."
Mumia Abu-Jamal
heißt der Häftling auf der anderen Seite der Scheibe, nach dem
Besuch legt ihm ein Wärter Handschellen an und bringt ihn zurück in
Zelle 9, Trakt G. Die State Correctional Institution Greene in
Waynesburg im Bundesstaat Pennsylvania ist ein
Hochsicherheitsgefängnis. Mumia Abu-Jamal verbringt 22 Stunden des
Tages allein in einer zwei mal drei Meter großen Zelle, seit 28
Jahren ist er in Haft. Zwei Stunden am Tag darf er nach draußen, in
einen Käfig, der aussieht wie ein großer Hundezwinger, dreimal 15
Minuten in der Woche telefonieren, dreimal duschen. Abendessen gibt
es manchmal schon um halb vier.
Durch einen
Fensterschlitz kann er aus der Zelle den Käfig sehen und manchmal
nachts den Mond. Meistens aber sieht er fern. "Nachrichten",
sagt er. Am 6. April sah er CNN. Eine Eilmeldung lief über den
Bildschirm: Der Oberste Gerichtshof hatte seinen Antrag auf einen
neuen Prozess abgelehnt. Was das bedeutet, erklärt sein Anwalt
Robert Bryan erst, als er an diesem Tag das Gefängnis verlässt:
"Mumia könnte in einem Jahr tot sein."
Die juristische
Lage ist kompliziert, die Verteidiger wollen eine Berufung, zwei
Entscheidungen von Gerichten stehen noch aus, sie können aber bald
kommen.
Mumia Abu-Jamal
ist der berühmteste Todeskandidat der Welt. Friedensnobelpreisträger
Desmond Tutu besuchte ihn im Gefängnis, der Schriftsteller Salman
Rushdie setzt sich für ihn ein, auch Oscar-Gewinnerin Susan
Sarandon. In Paris ist er Ehrenbürger.
Im Gefängnis hat
er Bücher geschrieben, das sechste ist gerade erschienen. Die
Kolumnen über den Alltag in der Todeszelle waren am erfolgreichsten.
Abu-Jamal hat aber auch über die Geschichte der Black Panthers
geschrieben und über Todeskandidaten, die sich in Rechtsfragen nur
von anderen Gefangenen helfen lassen können. Der internationale
Schriftstellerverband PEN hat ihn aufgenommen, in deutschen Städten
wird für ihn demonstriert. Der Schauspieler Rolf Becker verteidigt
ihn, Günter Wallraff sowieso. Abu-Jamal schreibt Kolumnen für die
"Junge Welt" in Berlin, oder er spricht Radiokommentare:
"Live aus der Todeszelle, dies ist Mumia Abu-Jamal."
Mumia ist eine
globale Marke. Es gibt sogar Teddybären mit seinem Konterfei. Er
gilt für die globale Linke als Symbol, sein Foto mit dem strahlenden
Lachen ist eine Ikone wie das Bild von Che Guevara, millionenfach
gedruckt auf T-Shirts und Protestplakaten.
Er eignet sich
als Galionsfigur für Protestbewegungen gegen die Todesstrafe, gegen
Rassismus, gegen Unrecht im US-Justizsystem, gegen Globalisierung,
gegen alles, was Linke weltweit an Amerika hassen. Ein politischer
Gefangener, ein schwarzer Aktivist, der Amerikas Rassismus
anprangerte und dem die Polizei deswegen einen Mord an einem
Polizisten anhängte - diese Geschichte glauben viele. Die Wahrheit
aber verschwindet hinter der Legende.
Vielleicht hat es
sein ehemaliger Verteidiger Daniel Williams am besten ausgedrückt:
Die Überzeugung von Mumias Unschuld sei für viele Menschen "eine
Glaubensfrage". Die Geschichte funktioniert deshalb so gut, weil
sie so viele hässliche Wahrheiten über die USA bündelt.
Es gibt eine
andere Geschichte, und sie klingt anders als die, die
Nobelpreisträger, Literaten und Musiker kennen. Diese Geschichte
erzählt Maureen Faulkner, die Witwe des erschossenen Polizisten. 28
Jahre ist es her, dass ihr Mann Danny auf einem Bürgersteig in
Philadelphia starb.
Mumia Abu-Jamal
und Maureen Faulkner haben nie miteinander gesprochen. Aber seit dem
Tag, an dem Danny Faulkner starb, sind ihre Leben aneinandergekettet.
Mumia Abu-Jamal kämpft für seine Freiheit, Maureen Faulkner für
seinen Tod. Sie fühlt sich oft hilflos gegen all die gutmeinenden
Menschen dieser Welt. Aber nun sieht es so aus, als könne sie
gewinnen.
In ihrem Haus in
Südkalifornien, wo sie jetzt wohnt, erzählt Maureen Faulkner von
dem Tag, der ihr Leben für immer veränderte.
Am 9. Dezember
1981 waren Maureen und Danny Faulkner gerade 13 Monate verheiratet.
Sie waren beide 25. Auf den Hochzeitsfotos schauen zwei junge
Menschen in die Kamera, ein bisschen bieder. Faulkner hatte die
Schule abgebrochen. Inzwischen war er schon fünf Jahre bei der
Polizei, die Akademie hatte er als Zweitbester seines Jahrgangs
abgeschlossen. An der Volkshochschule nahm er Kurse in Strafrecht.
Sieben Belobigungen gab es in seiner Personalakte. Manchmal sprachen
sie darüber, wie ihre Kinder mal heißen sollten. "Danny hatte
alles, für das es sich zu leben lohnt", sagt Maureen.
Er kochte an
jenem Abend, um acht Uhr ging er ins Bett. "Er hat gesagt: Leg
dich neben mich. Du weißt doch, dass ich mit dir viel besser
schlafen kann." Zwei Stunden später klingelte der Wecker. Danny
zog seine Uniform an. "Das war's."
Maureen stellt
die Kaffeetasse weg. "Das war das letzte Aufwiedersehen."
Ihre Stimme versagt. "Ich war so jung."
Wenn man Mumia
Abu-Jamal nach dem 9. Dezember fragt, wird er einsilbig. "Es ist
ein Tag wie jeder andere." Er erzählt lieber, wie er mit 14 bei
einer Demonstration von weißen Polizisten verprügelt wurde und dann
den Schwarzen Panthern beitrat. Die Schule schmiss er, oder er flog,
das ist nicht ganz klar: "Die Revolution sollte morgen anfangen,
wieso musste man da zur Schule gehen?" Er nannte sich nicht mehr
Wesley Cook, sondern Mumia Cook. Mumia heißt auf Swahili "Prinz".
Als später sein erster Sohn geboren wurde, änderte er auch den
Nachnamen: Abu-Jamal, arabisch für Vater des Jamal.
Als
"Informationsminister" der Black Panthers in Philadelphia
schrieb Mumia Abu-Jamal Flugblätter. Danach wurde er Journalist,
arbeitete für Radiosender, schließlich beim angesehenen
öffentlichen Rundfunk von Philadelphia. Abu-Jamals Bariton war
perfekt fürs Radio: "Er konnte Wunder mit dem Mikrofon
vollbringen", sagt sein ehemaliger Chef.
Er hat ihn
trotzdem gefeuert, "wegen mangelnder Objektivität". Mumia
war eher Aktivist als Journalist, er gehörte zum Umfeld der
Kultbewegung Move. Die Mitglieder dieser Schwarzenkommune
propagierten die Revolution und das unbedingte Lebensrecht von
Kakerlaken. Zum Schluss trugen die Sektierer dann Waffen. "Bruder
Mu", wie sie ihn nannten, fand keinen neuen Radio-Job, er fuhr
nun Taxi.
Am 9. Dezember
1981 aß Mumia Abu-Jamal mit einem früheren Kollegen und einem
Landespolitiker zu Abend. Um ein Uhr nachts begann seine Taxischicht.
Um Viertel vor vier hatte er einen Fahrgast ans Ziel gebracht, nahe
der 13. Straße und Locust Street, in einem noch sehr belebten
Rotlichtbezirk Philadelphias.
Und dann? Mumia
Abu-Jamal schließt die Augen, schüttelt den Kopf und sagt: "Und
dann brach die Hölle los."
Wer Mumia
Abu-Jamal im Todestrakt befragen möchte, muss vorher versprechen,
nicht nach dem Mord zu fragen. Der Gefangene will über Politik und
Amerika reden, auf keinen Fall über diese Minuten.
Er hat auch den
Richtern nie erzählt, was in dieser Nacht geschah. Er sagt
grundsätzlich nur, er sei "unschuldig".
Daniel Faulkner,
Dienstmarke 4699, war mit seinem Streifenwagen 612 im Rotlichtbezirk
unterwegs. Er schaltete das Blaulicht ein und stoppte einen blauen VW
Käfer. An dem baumelte statt der Stoßstange hinten ein Holzbalken.
Faulkner griff um
3.51 Uhr zum Funkgerät: "612. Ich habe ein Auto angehalten.
12., 13. Straße und Locust."
Die Zentrale
antwortete: "Auto zur Verstärkung für 612, 13. und Locust."
"Wenn ich es
mir recht überlege, schickt mir lieber einen Transporter",
meldete Faulkner.
Die Kollegen
waren 88 Sekunden später zur Stelle - zu spät. Auf dem Bürgersteig
neben dem VW lag Faulkner in einer Blutlache, mit einem Loch zwischen
den Augen, den Dienstrevolver, eine 38er Smith & Wesson, neben
sich. Ein paar Meter entfernt saß Mumia Abu-Jamal auf dem
Bürgersteig, blutend und nach vorn gekrümmt, mit einer Kugel aus
Faulkners Waffe in der Brust. Er trug ein leeres Pistolenholster.
Sein Revolver lag neben ihm. Mumias jüngerer Bruder Billy stand wie
steifgefroren an der Hauswand direkt daneben. Den Polizisten sagte
Billy den einzigen Satz, den er in all den Jahren zu der Tat sagen
wird: "Ich habe damit nichts zu tun."
Ein halbes Jahr
später begann in Philadelphia der Prozess. Mumia Abu-Jamal hat kein
Geld für einen Anwalt, er bekommt einen Pflichtverteidiger: Anthony
Jackson, kein Staranwalt, aber tüchtig. Er ist schwarz und hatte
schon 20 Mordfälle verhandelt, nur sechs seiner Mandanten wurden
verurteilt. Mumias Familie und seine Freunde wollten Jackson
unbedingt.
Doch die
Beziehung zwischen Anwalt und Mandant erkaltet schnell. Mumia wollte
sich lieber selbst verteidigen.
Die
Staatsanwaltschaft präsentierte vier Augenzeugen. Sie beschrieben
den Tatablauf: Daniel Faulkner habe Mumias Bruder Billy Cook
gestoppt. Der sei ausgestiegen und habe mit Faulkner gestritten. Nach
einem Fausthieb soll Faulkner dann Billy mit seiner Taschenlampe
geschlagen haben. In diesem Moment sei Mumia über den Parkplatz
gerannt, in der Hand einen Gegenstand.
Ein Schuss sei
gefallen, Faulkner habe sich umgedreht, noch seine Waffe gezogen und
ebenfalls geschossen. Dann sei er zusammengebrochen. Mumia habe sich
über den Polizisten gestellt und aus nächster Nähe auf ihn
gefeuert. "Sein ganzer Körper zuckte, als er getroffen wurde",
so ein Zeuge. Dann sei Mumia zum Bürgersteig gewankt und habe sich
hingesetzt.
Einer dieser
Zeugen war damals Robert Chobert, ebenfalls ein Taxifahrer. Im
Prozess befragte ihn der Angeklagte selbst:
Abu-Jamal: Sie
haben den Mann gesehen, der den Polizisten erschossen hat?
Chobert: Ja, das
habe ich doch gesagt, oder?
Abu-Jamal: Und
Sie haben mich hinten im Polizeiwagen gesehen?
Chobert: Ja,
genau.
Abu-Jamal: Warum
waren Sie sicher, dass es derselbe Mann war?
Chobert: Weil ich
dich gesehen habe, Kumpel. Ich habe gesehen, wie du ihn erschossen
hast.
In der
Hauptverhandlung bekräftigte Chobert: "Ich weiß, wer den Cop
erschossen hat, und ich werde es nicht vergessen."
Viele Indizien
passen zu der Version: Ein Ballistikexperte sagte aus, dass aus der
Dienstwaffe Faulkners ein Schuss abgegeben wurde. Die Kugel, die aus
Mumia Abu-Jamals Rücken operiert wurde, stammte aus Faulkners Waffe.
Ein Waffenhändler sagte aus, dass Abu-Jamal seinen Revolver der
Marke Charter Arms Undercover bei ihm gekauft habe, dazu Munition mit
hoher Durchschlagskraft. Alle fünf Patronen in der Trommel von
Abu-Jamals Revolver waren abgefeuert worden. Die Kugel, die der
Gerichtsmediziner aus Daniel Faulkners Gehirn holte, war zu
deformiert, um sie einer Waffe zuzuordnen. Aber sie hatte dasselbe
Kaliber wie Abu-Jamals Waffe.
Die Stimmung im
Gerichtssaal war aufgeladen. Es ging um Mord, aber es ging auch um
Schwarz gegen Weiß. Auf der einen Seite des Raums saß Maureen
Faulkner mit ihren Eltern und Dannys Familie. Auf der anderen Seite
die Move-Leute mit ihren Rastalocken. Die Kollegen Faulkners nahmen
ihre Waffen mit in den Gerichtssaal. Maureen sagt, einer von Mumias
Sympathisanten habe sie im Gang angespuckt: "Dein Mann ist in
seinem Grab, wo er hingehört."
Er habe "kein
Problem damit, dass sie für ihre Seite kämpft", sagt Mumia
Abu-Jamal heute über die Witwe. Aber Maureen Faulkner und er, das
sei "eine falsche Dichotomie". Er massiert seinen Bart, die
Stimme klingt scharf.
Am 2. Juli 1982
sprach die Jury aus zehn Weißen und zwei Schwarzen Mumia Abu-Jamal
schuldig. Maureen Faulkner weinte, Mumia Abu-Jamal brüllte: "Dieses
System ist am Ende."
Ende der
siebziger Jahre war Philadelphia eine Stadt, in der offener Rassismus
herrschte. Der ehemalige Polizeichef und Bürgermeister galt als
harter Hund. 1979 verklagte das US-Justizministerium die Polizei von
Philadelphia wegen Korruption und Brutalität. Jahre später
bekannten sich sechs Polizisten schuldig, in ihrem Bezirk
systematisch vor allem Schwarzen falsche Beweise untergeschoben zu
haben.
Amnesty
International schreibt, "die internationalen Minimalstandards
eines fairen Prozesses" seien im Fall Mumia Abu-Jamal verletzt
worden.
Tatsächlich gab
es eine ganze Menge an dem Prozess 1982, was zweifelhaft erscheint:
Abu-Jamal wollte sich selbst verteidigen, aber der Richter entzog ihm
das Recht, bei der Auswahl der Geschworenen die Kandidaten zu
befragen. Der Staatsanwalt lehnte viele schwarze Juroren ohne Angabe
von Gründen ab. Verteidiger Jackson versäumte es, auf
Ungereimtheiten bei den Schüssen hinzuweisen. Außerdem hatten zwei
der Zeugen Vorstrafen. Abu-Jamals Unterstützer glauben, dass sie für
ihre Aussagen Vorteile bei der Polizei erhielten.
Der schwarze
Kolumnist Chuck Stone, Kommentator der "Philadelphia Daily
News", schrieb nach dem Urteil, Abu-Jamal habe gegen drei Dinge
ankämpfen müssen: "1. er ist schwarz, 2. die Justiz ist
voreingenommen, 3. er hat keinen Millionär als Vater." Aber
nicht deswegen sei er schuldig gesprochen worden, so Stone. "Was
den talentierten ehemaligen Journalisten überführte, war eine Fülle
unwiderlegbarer Fakten."
Abu-Jamals
Unterstützer glauben das nicht. Sie wollen einen neuen Prozess.
Mittlerweile füllen die Protokolle mindestens 15 Aktenordner, es
gibt viele widersprüchliche Details. Zwei Polizisten sagten im
Prozess aus, Mumia Abu-Jamal habe im Krankenhaus geschrien: "Ich
habe auf die Drecksau geschossen." Aber in einem ursprünglichen
Bericht heißt es: "Der schwarze Mann hat sich nicht geäußert."
Die Verteidiger
versuchten später den Beweis zu führen, ein anderer Mann, ebenfalls
schwarz und mit Rastalocken, habe geschossen. 1995 präsentierte die
Verteidigung einen Mann namens William Singletary. Der schwarze
Tankstellenbesitzer wollte einen Mann gesehen haben, der weggelaufen
sei. Er sagte aber auch, Faulkner habe nach dem Kopfschuss noch
gerufen: "Hol Maureen, hol die Kinder." Doch Danny Faulkner
war sofort tot, und er hatte auch keine Kinder. Abu-Jamal habe
außerdem arabische Kleidung getragen, was nicht stimmt, außerdem
sei ein Polizeihubschrauber mit Scheinwerfern über dem Tatort
gekreist. Die Polizei von Philadelphia besaß damals keinen
Hubschrauber.
Bezirksstaatsanwalt
Hugh Burns aus Philadelphia kennt diese Geschichten. Seit 23 Jahren
beschäftigt er sich mit dem Fall, er hat ein Eckbüro, die Möbel
sind abgestoßen, mittendrin thronen 21 gewaltige weiße und braune
Pappkartons. Mit schwarzem Filzstift hat er auf jeden "Jamal"
geschrieben. Er versteht nicht, dass ausgerechnet dieser Mordfall
kein Ende findet: "Ich kann mir keinen eindeutigeren Fall
vorstellen." Die letzte Entscheidung des Supreme Court war ein
Sieg für Burns, denn er glaubt, es war "Abu-Jamals letzte
realistische Chance, einen neuen Prozess zu bekommen".
Ist Mumia
Abu-Jamal ein politischer Gefangener? "Niemand hat ihn je wegen
seiner Meinung verhaftet, doch dann hat er jemanden ermordet",
sagt Burns.
Burns'
Gegenspieler Robert Bryan ist ein Star-Anwalt, ein Spezialist für
Fälle, in denen die Todesstrafe droht. Er kommt aus San Francisco,
sein Büro liegt im alternativen Stadtteil Pacific Heights, vom
Fenster aus sieht er die Golden Gate Bridge.
Bryan sagt, er
habe noch keinen Fall verloren. Er ist seit 2003 der Hauptanwalt für
das inzwischen fünfte Verteidigungsteam, das sich um Abu-Jamal
kümmert. Spendenkomitees in aller Welt besorgen das Geld, in der
"taz" etwa wird annonciert, rund eine Million Dollar sind
gesammelt worden. Bryan telefoniert wöchentlich mit Abu-Jamal, er
fliegt oft von der Westküste an die Ostküste, um mit ihm zu
sprechen. Bryans Frau Nicole ist Französin, sie organisiert die
Kontakte in Europa. In den vergangenen Monaten war der Anwalt zweimal
in Berlin, aber auch in Paris, Amsterdam und Den Haag. "Ich
verbringe unendlich viel Zeit mit dem Fall."
Er glaubt, dass
"frühere Anwälte Fehler gemacht haben, die Mumia umbringen
können". 700 000 Dollar Spendengelder hätten ehemalige
Verteidiger bekommen, aber nicht genug Geld in die Untersuchung
einiger wichtiger Fakten gesteckt. Und dann sagt er, dass Danny
Faulkner "seinen eigenen Tod verursacht hat, er war ein Tyrann,
ein Rassist". Es gibt keinen Beleg dafür. Aber Billy Cook,
Mumias Bruder, habe ihm kürzlich anvertraut, dass Faulkner ihn
"Nigger" genannt habe.
Doch was geschah
wirklich in jener Nacht zum 9. Dezember 1981?
"Mumia ist
unschuldig. Was wäre, wenn er in Notwehr geschossen hat?"
Genaueres, Details, will auch Bryan nicht schildern.
Nach dem Ende des
ersten Prozesses in Philadelphia zog Maureen Faulkner nach
Kalifornien, weit weg von allem, was an den Mord und an ihren toten
Mann erinnert. Sie versuchte, zur Ruhe zu kommen. Sie hat Jahre
später einen neuen Lebenspartner gefunden.
Aber Mumia
Abu-Jamal verschwand nicht aus ihrem Leben. Da war der
College-Student mit dem "Free Mumia"-T-Shirt, den sie an
einer Tankstelle sah, oder der Artikel, den Abu-Jamal in der "Yale
Law Review" veröffentlichte. Überall begegnet er ihr: Mumia,
das Opfer.
Maureen fing an,
sich zu wehren. Sie schrieb Briefe, sie organisierte einen Marsch von
Polizisten zum Regierungssitz von Pennsylvania. Dort trafen sich
Maureens Freunde und die Mumia-Unterstützer: "Lasst Mumia
frei", riefen die einen, "tötet ihn jetzt", die
anderen.
Im Frühjahr 1995
veröffentlichte Mumia Abu-Jamal sein erstes Buch: "... aus der
Todeszelle: Live from Death Row". Maureen mietete ein Flugzeug
mit einem Banner, das über dem Gebäude von Mumias Verlag kreiste.
"Addison-Wesley unterstützt Polizistenmörder" stand auf
dem Banner.
Das Buch wurde
ein Bestseller. Abu-Jamal verdiente viel Geld damit. Mumia habe ein
Recht auf freie Rede, argumentieren seine Unterstützer. "Mein
Mann ist im Grab. Er kann nicht frei reden", sagt Maureen. Sie
lässt nicht nach.
Viele Jahre ging
das so, eines Morgens habe sie, erzählt Maureen Faulkner, zufällig
den Song "Wonderful World" gehört, sie habe geweint. "Ist
es wirklich eine wunderbare Welt? Das habe ich mich gefragt. Oder
eine, in der ich allein die Feuer der Hölle austreten muss?"
Maureen Faulkner
und ihr neuer Mann Paul Palkovic sitzen an ihrem Küchentisch. Er
verkauft Versicherungen an große Firmen, sie haben zwei Hunde, von
denen überall Fotos hängen. Von ihrem erschossenen Ehemann gibt es
keine Fotos, das wäre unfair gegenüber Paul, sagt sie. Der Tote ist
trotzdem immer präsent.
Im Gespräch
ergänzt Paul die Sätze Maureens, er kennt die Akten, er kennt die
Details. "Ich liebe Maureen, und ich weiß, dass sie das auch
tun würde, wenn ich derjenige im Grab wäre." Er will, dass
Mumia stirbt. "Rache ist ein Teil von Gerechtigkeit."
Maureen Faulkner
sagt, sie würde nicht feiern, wenn Abu-Jamal jetzt hingerichtet
würde. "Ich bin keine rachsüchtige Person. Ich würde beten.
Es wäre ein Ende." Will sie, dass er stirbt? "Sonst würde
ich immer denken, dass er doch noch freikommt", antwortet sie.
Darum geht es ihr. Dass Hinrichtungen inhuman sind, dass kein
demokratischer Staat die Todesstrafe vollstrecken sollte, diese
Argumente kennt sie, aber für sie klingt das sehr fremd, eine
europäische Einstellung eben.
"Es kann
sein, dass der Kampf immer weitergeht. Bis sie stirbt. Oder er",
sagt Paul.
"Du
versuchst, nicht ans Sterben zu denken", sagt Mumia Abu-Jamal.
Er hat einen Klapptisch in seiner Zelle, doch meistens sitzt er auf
der Pritsche, mit der Schreibmaschine auf dem Schoß. Mumia hat noch
nie einen Computer bedient, seine Informationen stammen aus Artikeln,
die ihm Unterstützer per Post schicken.
In seinem neuen
Buch "Jailhouse Lawyers" schreibt er über den Todestrakt,
weil es "ein Ort ist, von dem Amerika selten hört", sagt
er, "ein grausamer Ort". Er erzählt von Gefangenen mit
Wahnvorstellungen, vom Gestank, wenn als Strafe das Wasser abgestellt
wird, von einem Häftling, der seine Pritsche als Trommel benutzte
und dazu sang, 15 Stunden am Tag.
Mumia Abu-Jamal
will eigentlich nicht über seinen Fall reden und tut es dann doch,
ein bisschen. Er erwähnt, dass er ungefähr im Mai 1981 mit dem
Taxifahren angefangen habe. Den Revolver kaufte er angeblich, weil er
überfallen worden war.
"Und wann
haben Sie die Waffe gekauft?" Diese Frage beantwortet er nicht.
In den Akten
steht die Aussage des Waffenhändlers Joseph Kohn. Danach hat Mumia
Abu-Jamal die Waffe schon 1979 bei ihm gekauft, lange bevor er mit
dem Taxifahren anfing.
Bernd Häusler
ist Menschenrechtsbeauftragter der Rechtsanwaltskammer Berlin. Er
trägt ein doppelreihiges Jackett mit Goldknöpfen und einen
Pferdeschwanz. Er hat Robert Bryan in Berlin kennengelernt und nutzt
nun eine USA-Reise, um den Häftling zu besuchen.
"Wir können
eine Erklärung abgeben", sagt der Berliner Jurist zum
amerikanischen Todeskandidaten. "Warum sollte nicht die
Rechtsanwaltskammer Berlin die Rechtsanwaltskammer Pennsylvanias
anschreiben?", fragt er und strahlt. "Dann brechen wir
jemanden aus dieser Front heraus. Nicht?"
Ende März ehrte
die Berliner Akademie der Künste den Todeskandidaten mit einer
großen Solidaritätsveranstaltung. Auf dem Podium saßen Robert
Bryan, der ehemalige FDP-Innenminister Gerhart Baum und Günter
Wallraff. Bryan sprach über Rassismus. Baum sagte, die Menschenwürde
werde mit Füßen getreten. Wallraff sagte, dass es auch um
Abu-Jamals Botschaft gehe, die eines "Humanisten" und
"Pazifisten".
Mumia ist der
Held. Und Danny Faulkner war nur ein weißer Polizist im
rassistischen Amerika.
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