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Für diese Reportage war der Autor für
den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2010 nominiert.
Hania Luczak
Ein
neuer Bauch für Lenie
GEO-Reporter
waren Zeugen einer medizinischen Sensation: In Tübingen gelang es
erstmals in Deutschland einem Kind einen Dick- und Dünndarm
einzupflanzen. Ohne den Eingriff hätte die dreijährige Lenie kaum
Überlebenschancen - wie die meisten "Kurzdarm"-Kinder
Von
Hania Luczak, GEO, 18.9.2009
"Die
dreijährige Lenie nuckelt an einer Kochsalzlösung. Sie hat noch nie
gekaut, verdaut, Stuhldrang verspürt. Sie weiß eigentlich nicht,
was das ist: essen. Ein Prachtkind, rote Wangen, dralle Ärmchen,
unbeschwert, vital, stark - und trotzdem todkrank. An ihrer Diagnose
ist nur der Name lustig: Morbus Hirschsprung - in seiner schlimmsten
Form. Lenie fehlen alle Nervenzellen im gesamten Darm. Sie kennt
keine Bauchgefühle außer Schmerzen. Statt eines Verdauungsorgans
trägt sie einen nutzlosen Tubus im Leib, der Höhlen und Blasen
bildet. Früher wäre Lenie nach der Geburt gestorben. Heute hängt
ihr Leben und das der meisten "Kurzdarmkinder" an einem
Plastiksack voller gelöster Chemikalien. Vier künstliche Ausgänge,
bei denen die Darm-Enden nach außen gestülpt und an der Haut
vernäht wurden, ragen wie kleine rote Pilze aus dem Kinderbauch.
Da dem Mädchen
alle Nervenzellen im Darm fehlen, hat es kein "Bauchhirn".
Eine Katastrophe. Denn die 100 Millionen Neuronen, die in einer
hauchdünnen Netzschicht das gesunde Organ in seiner gesamten Länge
durchziehen, haben ungeahnte Macht. Sie erledigen die Koordination
der hochkomplexen Verdauungs- und Abwehrarbeit. Unabhängig vom
Gehirn sind sie zuständig für den Transport der Nahrung durch den
peristaltischen Reflex, der mit seinen Muskelkonvulsionen den
Speisebrei durch die Kurven und Krümmungen der Leibeshöhle bis nach
außen trägt. Lenies Darm tut nichts von alledem.
Als autarkes
Nervensystem produziert das Bauchhirn mehr als 40 Nervenbotenstoffe,
Substanzen wie Serotonin oder Dopamin, die mit Gefühlslagen in
Verbindung stehen. Deshalb fragen sich Wissenschaftler, ob nach
Darmtransplantationen psychische Irritationen auftreten können. Lebt
das Gedärm des Spenders auf seine eigene Weise weiter? Könnte, im
Extremfall, das Organ eines depressiven Selbstmörders Auswirkungen
auf den Seelenzustand des Empfängers haben?
Das wissen wir
noch nicht, sagt Chirurg Alfred Königsrainer, einer der Ärztlichen
Direktoren der Uniklinik in Tübingen. Doch eines können wir sagen:
Lenie ist eine typische Kandidatin für eine Darmtransplantation.
Denn sie ist noch stark. In den knapp vier Stunden am Tag, die sie
unabhängig vom Ernährungsschlauch verbringen darf, hüpft und singt
sie über die Gänge. Abgestöpselt, heißt das in der Sprache der
Kurzdarmkinder - für Momente die Illusion, ein Kind wie die anderen
zu sein.
Zu Hause, wenn
die Geschwister von der Schule kommen, ruft Lenie: Ich habe Hunger -
und setzt sich freudig an den Esstisch. Das heißt für sie nicht
Hunger nach Nahrung, erklärt die Mutter, sondern nach den Liebsten,
nach dem Zusammensein. Sie sagt: Ich würde ihr so gern ein normales
Leben ermöglichen, auch wenn es nur kurz sein sollte. Bianca Richter
weiß, dass ihre Tochter, auch wenn alles gut geht, ihr ganzes Leben
lang starke Medikamente nehmen und ständig auf der Hut vor
Infektionen sein muss. Ein Leben mit Ängsten. Aber ohne
Organverpflanzung? Ein Leben ohne Lenie.
Zwei Wochen
später, wieder zu Hause in ihrem freundlichen Mietshaus in einem
norddeutschen Dorf. Das Ehepaar Richter und die Tübinger Mediziner
Andreas Busch und Ekkehard Sturm sitzen um den Esstisch vor einem
Blatt Papier. Lenie spielt auf dem Sofa. Sie klebt ihrer Puppe einen
kleinen Stoma-Beutel auf den Plastikbauch, damit der "Stuhl",
wie die Dreijährige sich tadellos ausdrückt, aufgefangen wird.
Nachdem alle
unerwünschten Nebenwirkungen, von Abstoßung bis Sepsis, noch einmal
besprochen sind. Nachdem die Ärzte empfohlen haben, den Teppichboden
in Lenies Zimmer wegen möglicher Keime herauszunehmen. Nachdem sie
betont haben, dass die Kleine jetzt schon zum Kauen, Schmecken und
Schlucken angehalten werden soll - wir müssen den Darm nach der
Transplantation so schnell wie möglich "befahren". Nach
alldem sagt Thomas Richter, der Vater: Wir haben keine Wahl. Es ist
ihre einzige Chance. Alle Erwachsenen unterschreiben. Als die Mutter
die Ärzte zur Tür gebracht hat, sagt sie zu ihrem Mann, was beide
wissen. Dass auch das Schlimmste passieren kann und Lenie nicht
wieder mit nach Hause kommt.
Die
Transplantationsmedizin hat lange haltgemacht vor dem größten Organ
des Menschen. Nur wenige Zentren in der Welt wagen sich an die
aufwendige Prozedur, das bis zu acht Meter lange, verschlungene Rohr
zu verpflanzen. Die große Anzahl von Nerven-, Immunzellen und die
noch größere Zahl von lebenden Mikroorganismen aus dem Spenderorgan
ordnen sich dem Empfänger-Organismus besonders schwer unter. Über
das Experimentierstadium sind wir zwar hinaus, sagt Königsrainer,
aber längst noch nicht in die Routine übergegangen - wie bei Herz,
Leber oder Niere, die Ärzte tausendfach mit höherer Erfolgsquote
verpflanzen. Das soll sich ändern: Das große Königsorgan soll
gebändigt werden. Bisher hatte der Darm keine Lobby, sagt
Königsrainer.
Gastroenterologie,
Uniklinik Tübingen. Eben hat der Mediziner Andreas Busch seine
"Kurzdarm-Sprechstunde" beendet, Bäuche abgehört,
Blutproben entnommen und Eltern beraten, die häufig Wanderjahre von
Praxis zu Praxis hinter sich haben. Kleine Darmpatienten aus dem
ganzen Land suchen die Tübinger Kinderambulanz auf, die geführt
wird von leidenschaftlichen Vertretern ihrer in Deutschland so
seltenen, vielen Kollegen unbekannten Disziplin. Kaum jemand weiß
von der Möglichkeit einer Darmtransplantation oder kennt das
Kurzdarm-Syndrom, das Kinder ebenso trifft wie Erwachsene. Ursache
können Darminfarkte, Darmfehlbildungen oder Darmschlingen sein.
Gerade war Simon
Heinzelmann mit Pumpenrucksack, Infusion und Schlauch in der
Sprechstunde und hat Busch gefragt: Darf ich an meinem Geburtstag
etwas essen? - Der sechsjährige Simon darf nichts essen, obwohl er
es, anders als Lenie, so gerne will. Jede Nahrung könnte seinen Darm
verwunden. Ursache: unbekannt. Prognose: unbestimmt. Fünf Mal haben
Keime seine löchrige Darmbarriere bereits durchstoßen und in der
Blutbahn schwere Vergiftungen angerichtet. Ein Bissen Brot könnte
vielleicht Simons letzter sein.
Dennoch wollen
Simons Eltern und die Ärzte mit der Transplantation noch warten,
solange es ihm mit der künstlichen Ernährung noch einigermaßen gut
geht. Am liebsten so lange, bis ihr Sohn mitentscheiden kann, sagt
die Mutter. Und bis der medizinische Fortschritt das Risiko
verringert.
13. Juni 2009,
Operationssaal 17. Lenie steht auf dem Plan der Tübinger Chirurgen.
Doktor Königsrainer ist gerade zurückgekehrt von dem Ort, an dem
ein Kind unter ein Auto gekommen ist. Die Ärzte konnten nur noch den
Hirntod feststellen. Die Mutter hat der Organentnahme sofort
zugestimmt. Damit sein Tod nicht ganz so sinnlos ist.
Alarm bei der
Vermittlungszentrale Eurotransplant in Leiden. Aus ganz Europa reisen
Ärzte an den Ort des Unglücks. Alle Kollegen fahren mit gefüllten
Boxen wieder ab. Herz, Lunge, Leber, Nieren, Darm. Ein Kind kann
viele Leben retten. Am anderen Ende der Reaktionskette läutet ein
Telefon - Richter... Oh Gott, das ist doch viel zu früh.
Für Lenie
verläuft alles optimal. Wenn es läuft, dann läuft's, sagt
Königsrainer. Flug über die Alpen mit hervorragendem Organ in der
Box. Passende Blutgruppe, beste Immunwerte. Die kleine Patientin,
frei von Infekten, kommt mit der Mutter aus dem Norden nach Tübingen
geflogen. Erfahrenes Anästhesistenteam empfängt sie. Wir passen gut
auf Lenie auf, sagen sie den holzstarren Eltern, als das Kind in den
Vorbereitungsraum geschoben wird.
Blutgerinnung
o.k., Gelassenheit bei der Reperfusion. Der alte Darm ist schnell
raus. Die Gastroenterologen stürzen sich regelrecht auf das Organ.
Der Forschung wegen. Und der neue Darm bewegt sich schon, als führe
er ein Eigenleben. Beinahe vergnügt betrachten die Chirurgen die
Wellenbewegungen der rosigen Schlingen. Das Gedärm reagiert auf
feinste Druckreize mit Konvulsionen. Der peristaltische Reflex, den
Lenie nie hatte. Später schütteln sie einander die Hände.
Traum-OP, sagt der Anästhesist. Acht Stunden, nur eine Blutkonserve.
16. Juni 2009.
Lenies neues Leben ist jetzt zwei Tage alt. Als sie erwacht, sagt
sie: Mama. Gleich darauf: Ich habe Hunger. - Nebenan kämpft ein Kind
um sein Leben. Frau Heinzelmann hält Simons geschwollene Hand. Er
hat die Notoperation überstanden. Noch kämpft er, sagt die Mutter.
Er hat gesagt: Ich will noch nicht in den Himmel."
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