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Für diese Reportage war der Autor für
den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2010 vornominiert.
Malte Henk
Die
Uranjäger
Igor
Bolshinsky reist im Auftrag der USA in heikle Regionen, um den
Abtransport von Uran zu organisieren - und darüber zu wachen, dass
es nicht in die Hände von Kriminellen und Terroristen gerät.
Von
Malte Henk, GEO, 23.10.2009
Im vergangenen
Mai verbrachte ich eine Woche in der seltsamen Welt einer
amerikanischen Spezialeinheit, die gegen den internationalen
Nuklearterrorismus kämpft. Es ist eine Welt, in der Menschen, die
nicht alles sagen, was sie wissen, zwischen offiziösen Konferenzen
und nicht ganz so offiziösen Wodkagelagen pendeln und dabei geheime
Atomtransporte organisieren.
In dieser Welt
geht es oft unspektakulär zu. Zwar kann stets das Unvorstellbare in
die Routine einbrechen, aber darüber grübelt der Held dieser
Geschichte, ein sachlicher Physiker namens Igor Bolshinsky, nicht
allzu viel nach. "Ich arbeite daran, riesige Gefahren
abzuwenden", sagt er sich manchmal. Es bleibt ein abstrakter
Gedanke. "Man muss mit Menschen umgehen können" – so
lautet Bolshinskys Grundsatz. "Du kannst nicht einfach sagen:
Hey, wir kommen aus Amerika! Her mit eurem waffenfähigen Uran!"
Die Woche mit
Bolshinsky begann an einem Samstagmorgen in Frankfurt, am Flughafen.
Der Mann, der schneller sein muss als die Terroristen, saß dort in
einer Vielflieger-Lounge und wartete. Ein kleiner Mensch im
schmuddeligen Marinepullover, mit Bäuchlein und Haarkranz; wie ein
Taxifahrer zwischen Anzugträgern. Tee, Laptop, müde Augen,
Bolshinsky wartete auf mich.
Schmuckloses
Händeschütteln, dann ging er ins Internet, E-Mails lesen. War der
Pressesprecher des Washingtoner Energieministeriums schon unterwegs?
Er sollte überwachen, welche Botschaften ich von der Reise mitnehme
– dass Igor Bolshinsky im Namen der USA den ehemaligen Ostblock
durchkreuzt, um waffenfähiges Uran zu sichern, bevor jemand daraus
eine Atombombe baut. Dass er es schafft, Regierungen und
Nuklearforscher davon zu überzeugen, diesen apokalyptischen Stoff
zurückzubringen an seinen Herkunftsort; meist nach Russland. Und
dass er damit uns allen sehr viel Sicherheit schenkt.
Als unser
Flugzeug auf die Startbahn rollte, fiel Bolshinsky offenen Mundes in
einen planmäßigen Schlaf. Spätnachts landeten wir in Kasachstan.
SONNTAG,
10.00 UHR
Der
WWR-K-Forschungsreaktor stammt aus dem Jahr 1967 und sieht auch so
aus. Verblichene Plattenfassade, löchriges Glas, trauriges Grau
hinter einem Doppelzaun. Wir schlängeln uns durch eine Drehtür wie
im Freibad, vorweg Bolshinsky im Small Talk mit dem Direktor des
Instituts für Nuklearphysik der Republik Kasachstan: einem schlanken
Herrn mit fein geschnittenem Gesicht, höflich bis zur
Schüchternheit. Dahinter der Pressesprecher aus Washington; er trägt
Blousonhosen und verströmt jugendliche Leutseligkeit.
Telefone abgeben,
Kittel überziehen. Eine Dame mit weißer Zipfelmütze weist auf eine
kahle Treppe. So steigen wir in die Tiefen dieses Betonkastens, der,
sollte die Wirklichkeit Bolshinskys Plänen gehorchen, in wenigen
Tagen von 73,7 Kilogramm nuklearen Brennstoffs befreit sein wird. Es
ist die Hinterlassenschaft einer Epoche, die im Uran den Glanz
zivilisatorischer Höchstleistungen erblickte. Im Dezember 1953
verkündete USPräsident Eisenhower einen Plan zur Verbesserung der
Welt. Wir wollen die größte Zerstörungswaffe in einen Segen
verwandeln, sagte er. Lasst uns allen Nationen genügend
Spaltmaterial geben, lasst sie daran ihre Ideenkraft für friedliche
Zwecke testen!
Waffenfähiges
Uran: Erbe einer optimistischen Epoche
Die Amerikaner
verteilten ihre Erfindung an befreundete Staaten, wie ein Vater
seinem Sohn ein Luftgewehr schenkt: Spiel damit, aber sei vorsichtig!
Sie stellten Forschungsreaktoren auf; die Moskauer Konkurrenz zog
nach. Libyen, Polen, Vietnam. Rund 40 Länder; dazu die
Sowjetrepubliken. Usbekistan. Ukraine. Kasachstan.
Hier im Institut
für Nuklearphysik nahe der Millionenstadt Almaty hantieren die
Forscher bis heute mit dem Element, das benannt ist nach dem
Weltenherrscher aus griechischen Sagen, Uranos. Sie stellen
radioaktive Substanzen für Strahlentherapien her oder analysieren
Materialien durch Neutronenbeschuss, aber den Treibstoff für ihren
Reaktor, hoch angereichertes Uran, können sie nicht selbst
produzieren. Dafür brauchten sie zum Beispiel einen riesigen
Zentrifugenpark; müssten darin Uran kreisen lassen wie in
Waschmaschinen, bei 70 000 Umdrehungen pro Minute. So erhöht man die
Konzentration eines bestimmten Isotops, das für die Kernspaltung
geeignet ist: U-235. Es beginnt, im Zustand der Unschuld, mit einem
dunklen, fettig wirkenden Mineralgestein. Der U-235-Anteil liegt
darin bei 0,7 Prozent. Ab 3,5 Prozent kann man einen
Leichtwasser-Reaktor betreiben. Alles über 20 Prozent gilt als hoch
angereichert und damit waffenfähig.
Dummerweise
laufen nahezu alle Forschungsreaktoren, weltweit, noch immer mit hoch
angereichertem Uran. Und Treibstoff gibt es genug, die Bestände aus
dem Kalten Krieg reichen noch eine Weile. So befeuert weiterhin der
gefährlichste Stoff, den die Natur zu bieten hat, die Atomforschung
in Dutzenden Ländern. Auch in den Nachfolgestaaten des
Sowjetimperiums.
Milliarden
Dollar für die Sicherheit
Dort galt es in
den 1990er Jahren, die Waffenarsenale eines Riesenreichs im Chaos zu
sichern; die USA mobilisierten dafür Milliarden Dollar. Kasachstan,
plötzlich unabhängig und viertgrößte Nuklearmacht der Erde, gab
seine 1410 Atomsprengköpfe auf. Die Forschungsreaktoren standen eher
unten auf der Liste, man konnte sich ja nicht um alles kümmern. Wie
durch ein Wunder verging diese Zeit ohne Katastrophe.
Dann: 9/11. Alte
Probleme, neue Gegner. In den Berichten der Geheimdienste stand nun
zu lesen, Osama bin Laden habe versucht, Uran zu kaufen. Experten
meldeten sich zu Wort: Wer einmal den Antriebsstoff erlangt habe,
könne leicht eine Bombe konstruieren. Die Perfidie liegt darin, dass
Uran, hoch angereichert und unverbraucht, kaum strahlt. Man kann es
unter dem Kopfkissen aufbewahren. Fachleute kalkulierten den Aufwand
für den Bau einer Hiroshima-Bombe: 19 Leute, ein Jahr Basteln,
Anleitung aus dem Internet.
Das Weiße Haus
verhandelte mit dem Kreml. Was tun mit dem Uran in allen
Forschungsstätten? Wir nehmen unseres zurück, ihr nehmt eures,
sagten die Amerikaner, wir organisieren alles, und die Russen
stimmten zu. So gründete sich die "Global Threat Reduction
Initiative", eine kleine Einheit im USEnergieministerium. Ihr
Auftrag: die Überreste aus der Epoche der Supermächte vor den neuen
Kriegern des 21. Jahrhunderts in Sicherheit zu bringen. Es ist ein
Rennen gegen die Zeit; auch hier, an einem dieser Orte, von denen
Experten sagen, sie werden nie so gut zu schützen sein wie
militärische Waffenlager: zu viele Leute, Studenten und Forscher, zu
nahe an den Städten gelegen. Eine Expertin sagte mir: "Auf der
Gefahrenliste mit allen Orten, in denen Nuklearmaterial lagert, steht
der Reaktor, in den Sie fahren, aktuell auf Platz zwei."
"Weltweit?",
fragte ich. "Weltweit. Hinter Pakistan. Vor Iran und Nordkorea."
Sonntag,
13.00 Uhr
Arbeitsbeginn.
Igor Bolshinsky steht vor dem Kernreaktor wie ein Fußballtrainer an
der Seitenlinie. Die Hände am Gürtel, die Beine breit, so beäugt
er die Männer in den weißen Kitteln, wie sie den Stoff verpacken,
den er in Sicherheit bringen möchte. Nie übertritt er das Klebeband
am Boden, das ihn von der haushohen Maschine trennt, dem
Abklingbecken daneben und den Männern am Beckenrand, drei Meter vor
ihm nur.
Eine Halle,
nackt, kahl, weit. An den Wänden hängen gabelartige Stäbe,
aufgereiht wie Ruder in einem Wikingermuseum. Eine Gabel steckt
gerade im Kühlbecken, ein Arbeiter stochert damit im Wasser herum.
Er zieht, ruckelt, fingert, dann hat er Uranröhren in einen Korb
bugsiert, den ein quietschender Kran gleich ins Freie ziehen wird.
"Wie beim Fischen", sagt der Direktor. "Je einfacher
die Technologie, desto besser. Dann kann nichts schiefgehen." Er
lächelt stolz. Ich schaue skeptisch. Bolshinsky nickt professionell.
"Und wie im
Weinkeller", improvisiert er. "Je länger es liegt, desto
attraktiver wird es. Für Verbrecher." Denn als die Kasachen
Ende der 1980er Jahre das benutzte Uran einlagerten, besaß es noch,
was Fachleute "Selbstschutz" nennen – es hätte jeden,
der es hätte stehlen wollen, sofort zu Tode gestrahlt. Mittlerweile
lassen sich mit diesem glatten, hellen Metall immer noch Bomben
bauen, aber der Selbstschutz ist weg. "Gut für Terroristen,
schlecht für uns", sagt Bolshinsky. 73,7 Kilogramm Brennstoff,
Grad der Anreicherung: um die 25 Prozent. Für eine simple Atombombe
brauchte man 100 bis 150 Kilogramm; deutlich weniger mit einer
avancierten Technik. Was Bolshinsky von hier wegschaffen lässt,
könnte reichen, um die ultimative Zerstörung ins Werk zu setzen.
Aufbruch
nach Majak
Wir räumen die
Halle: Die erste Portion Uran wird bald aus dem Strahlenschutz des
Wasserbeckens auftauchen. Sie wird zur Ruhe kommen im
Transportbehälter, einem Ungetüm, tonnenschwer und matt glänzend,
geformt wie eine riesige Thermoskanne. Ein Lastwagen soll den
Behälter zum Bahnhof bringen. Dann das Verladen, die Rückreise nach
Russland, in eine streng bewachte Atomanlage namens Majak. Das ist
der Plan, ausgetüftelt bis auf die Minute. Aber Bolshinsky weiß:
Wer Uran über Straßen und Schienen bewegt, der unterwirft sich
zwangsläufig dem Risiko des Unvorhersehbaren.
Montag,
15.00 Uhr
Das Retten der
Welt ist die langweiligste Sache der Welt. Dutzende Male kam
Bolshinsky in den vergangenen Jahren nach Kasachstan. Längst hat er
den Direktor des Instituts auf seine Seite gezogen. Es war wie immer:
Bolshinskys Argumente, vorgetragen von Ingenieur zu Ingenieur,
verfingen sofort. Aber dann begann der Kampf gegen den trägen
Apparat der Bürokratie.
20
Behälter werden fertiggemacht für die Reise
Es kam der
Weihnachtstag 2008, an dem Bolshinsky, auf Urlaub in der Karibik,
eine ganze Nacht lang im Badezimmer stand und hektisch telefonierte,
mit Russland, mit Kasachstan. Alles stand auf der Kippe, aber am Ende
hatte er alle Genehmigungen, die er brauchte. Und nun, im Auge des
Sturms, diese Ruhe! 20 Behälter füllen die Arbeiter, für jeden
benötigen sie eine Stunde. Bolshinsky schaut ihnen in einer Art
Warteraum auf einem Bildschirm zu, mit der routinierten Lustlosigkeit
eines Teenagers, der seinen Nachmittag beim Fernsehen verlümmelt.
Manchmal gehen wir selbst in die Halle. Vor dem Eingang zum Reaktor
steht eine bunte Plastikschale, die einst Süßigkeiten barg,
deutsches Fruchtgummi der Marke "Trolli Riesen-Boa". Jetzt
liegen darin Überzieher aus Plastik. Für die Schuhe. Die Hände
waschen wir, zurück im Wartezimmer, mit Pfefferminzseife. Das Zimmer
verfügt über ein Strahlungs- Dosimeter an der Wand, ein
Gitterfenster mit Blümchengardine, einen Tisch mit Keksen und
zierlichen Teetässchen darauf.
"Kelly!
Drink! Tea!", ruft der Institutsdirektor. Kelly lacht. Sie lacht
oft und laut, es sind kurze, heftige Ausbrüche, dann ist sie wieder
Kelly Cummins, die Karriere- Politologin: 33 Jahre alt, bei der
Global Threat Reduction Initiative zuständig für Russland und
Asien. In der Nacht ist sie aus Washington eingeflogen, eine große
Frau mit langen Haaren und Businesskostüm - Bolshinskys Vorgesetzte.
Auf ihrem Blackberry hat sie ein Foto ihres vier Monate alten Sohns.
Aufschrift des Strampelanzugs: "Meine Mum bekämpft die nukleare
Proliferation". Darüber lachen alle.
Schnell zeichnet
sich ab, wer welche Rolle spielt. Bolshinsky mit seinem Russisch, den
Nasenhaaren und Arbeiterhänden, ist der Zupacker, der Mann fürs
Technische und das Verbrüdern mit den Kasachen. Cummins gibt die
Emissärin auf Regierungsebene: redet smart, hat das große Ganze im
Blick. Der Pressesprecher will uns Journalisten ohne Störfall durch
die Woche steuern. Und Justin, der GEO-Fotograf, verschwindet sehr
oft auf die Toilette. Die Kasachen wollen jeden Abend seine Bilder
zum Autorisieren vorgelegt bekommen. Justin aber kopiert sie heimlich
auf eine Speicherkarte. "Er hat’s mit dem Magen", sage
ich dann.
MONTAG,
19.30 UHR
Auf dem Monitor
sehen wir, wie die Männer in den weißen Kitteln den letzten
Behälter verriegeln. Die erste Etappe ist geschafft. "Applaus,
bitte!", ruft Cummins und schüttelt fröhlich Hände: "Gut
gemacht!" Mattes Klatschen. Im Kontrollraum der NASA geht es
anders zu. Durch einen behaglichen Park laufen wir in den Abend
hinein. Wiesen, ein Birkenwald, sanft geschlungene Wege. Das Gelände
des Instituts für Nuklearphysik erzählt vom Traum, mühelos Energie
herbeizuzaubern; die Natur zu beherrschen, ohne sie anzutasten.
Und doch.
Irgendwo hier, zwischen den Wiesen, verbirgt sich der blinde Fleck
dieser Utopie. Ein geheimer Eingang liegt dort, und dahinter in einem
Tresorraum frisches, hoch angereichertes Uran: neuer Treibstoff für
die kasachische Atomforschung. Und eine neue Aufgabe für Cummins und
Bolshinsky. Denn natürlich möchten sie nicht einfach nur aus
überzüchteten Forschungsreaktoren den Abfall wegschaffen.
Die Amerikaner
wollen die radikale Lösung: das Umstellen jener mehr als 100
Anlagen, die noch mit bombenkompatiblem Brennstoff betrieben werden,
auf niedrig angereichertes Uran. Lasst uns alles waffenfähige
Material sichern!, forderte Barack Obama im April. Es klang wie eine
Korrektur seines Vorgängers Eisenhower: welch ein Fehler damals, den
nuklearen Kreislauf in Gang zu bringen! Nun will Obama ihn wieder
stoppen.
Vier
Stunden Schlaf müssen reichen
Bolshinsky und
Cummins sind das Bodenpersonal dieses romantischen Projekts. Sie
bieten den Kasachen kein Geld; sie dürfen nicht erpressbar sein. Sie
bieten nur sich selbst, ihre Argumente. Die aber haben hier in
Kasachstan bisher nicht weiter gereicht als für die Erlaubnis zum
Mülltransport. Im Auto zurück nach Almaty döst Bolshinsky weg,
mehr als vier Stunden Schlaf gönnt er sich selten während seiner
Touren. Dann ruft er seine Eltern an. Gestern war Muttertag.
DIENSTAG,
15.00 UHR
Ruhetag: Es wird
noch früh genug anstrengend werden. Bolshinsky sitzt im Hotel und
denkt über sein Leben nach, ein müder kleiner Teufelsaustreiber mit
US-Diplomatenpass, anderthalb Millionen Flugmeilen auf dem Konto und
dem rollenden Akzent des Ukrainers. Daneben der Pressesprecher, der
wie stets die "Message" kontrolliert. Der Übergang vom
Bewahren des Weltfriedens zur PR ist fließend in Almaty. Nun also
der Protagonist: Im Juli 1991 sei er ausgewandert, sagt Bolshinsky.
In Amerika fand er Jobs, erst als Fahrer, am Ende als Fachmann für
Industriesicherheit, Spezialgebiet Russland. Diese Branche boomte in
den 1990er Jahren, und Bolshinsky, der in seinem Sowjetleben
explosive Gase aus Kohlenminen abgesaugt hatte, konnte gut mitreden.
"Seitdem war ich nie wieder in meiner Heimat. Keine Zeit. Immer
auf Reisen."
Der
Pressesprecher nickt eifrig. Die Hektik dieses Kampfes um den
Nicht-Eintritt eines Ereignisses, von dem niemand sagen kann, wie
wahrscheinlich es ist, sie erinnert an Spiegelfechterei und absurdes
Heldentum. Andererseits gibt es immer wieder Versuche, illegal mit
Nuklearmaterial zu handeln. 2333 Fälle seit 1991 umfasst eine
Datenbank der Universität Salzburg, davon 25 mit waffenfähigem Uran
und Plutonium.
8,25 Kilogramm
Waffenmaterial, nachweislich entwendet in fast zwei Jahrzehnten.
Klingt nicht nach allzu viel. Aber was heißt das schon für einen
transnationalen Geschäftszweig, der undurchschaubar ist wie der
Handel mit Drogen oder Kreditderivaten? Der typische Ernstfall könnte
etwa so aussehen: Irgendwo im Osten, zum Beispiel in Almaty,
verschwindet waffenfähiges Uran. Kriminelle haben das Wachpersonal
eines Reaktors infiltriert, der Verlust fällt gar nicht auf.
Auf
dem Basar des Nuklearhandels
Möglicherweise
haben die Diebe in der wilden Zeit des Umbruchs ihr Lager unbemerkt
gefüllt; jetzt kommen ein paar Hundert Gramm hinzu. Vielleicht will
jemand auch einfach nur verkaufen, was seit 15 Jahren in seiner
Garage lagert. Dann hätten Cummins und Bolshinsky keine Chance: Sie
wären zu spät dran. Das Uran geht nun auf die Reise. Entlang
uralter Drogen- und Schmuggelrouten gelangt es nach Südwesten, über
instabile Grenzen nach Georgien und weiter in die Türkei. Zum großen
Basar des Nuklearhandels. Denn dort existiert, was Fachleute einen
"eingebildeten Markt" nennen.
Aufgeputscht
durch Gerüchte und Halbwissen und Geschichten wie diese, reden die
Kriminellen sich ein, dass da jemand wartet, der ihnen viel bietet
für ihre Ware. Zwischenhändler treten auf, man trifft sich in
Hotellobbys, streut Angebote; so verfestigt sich eine mehr oder
weniger reale Nachfrage. Die Fantasie wird zum Problem. Manche
Experten glauben, dass auch Nachbarstaaten der Türkei mitmischen auf
dem Basar. Syrien etwa oder der Iran, Länder auf Einkaufstour für
ihr Atomprogramm.
"Wir
kriegen nur die Amateure"
"Ich
befürchte leider, wir kriegen nur die Amateure zu fassen",
sagte mir Richard Hoskins von der Internationalen Atomenergiebehörde.
Trittbrettfahrer, die zu viel reden, Anfänger, die gern mal eine
Fälschung anbieten. Aber wer weiß schon, wie viele Profis ihre
Geschäfte im Verborgenen betreiben? Die US-Sicherheitspolitik kämpft
tapfer dagegen an; manchmal mit einem allzu großen Vertrauen in die
Macht der Technik. So rüsten die Amerikaner gerade sämtliche
russischen Grenzposten mit Detektoren aus, dazu Dutzende weitere
Länder und Häfen – was aber den Kleinkriminellen Oleg Chinsagow
nicht davon abhielt, am 31. Januar 2006 ganz normal über die
russisch-georgische Grenze zu fahren.
In einer
Plastiktüte, eingewickelt in eine Lederjacke, transportierte
Chinsagow 100 Gramm waffenfähiges Uran. Der Detektor? Kaputt. Oder
gerade ohne Strom. Oder ausgeschaltet; Chinsagow hatte einen
Verwandten beim russischen Grenzschutz. Am Tag darauf wurde er
festgenommen. Die Realität ist schmutzig und findet immer neue Wege
der Überraschung. Niemand weiß das besser als Bolshinsky. Und er
weiß auch, je eher das Uran aus der Reichweite des Verbrechens
verschwindet, desto besser. Man muss das Übel an der Wurzel packen.
MITTWOCH,
23.00 Uhr
Die Russen sind
da! Ihr Zug steht auf dem Abstellgleis eines Geheimbahnhofs mitten im
Nichts, silbrige Waggons in futuristischer Eleganz, dazu ein
gebrechlicher Begleitwagen. Die Gastgeber haben die kasachische
Provinz in die Kulisse eines Agentenfilms verwandelt. Bellende Hunde,
Spezialtruppen, ein Verladekran, alles ausgeleuchtet von absurd
grellen Scheinwerfern; nur die Männer vom Geheimdienst halten sich
im Schatten.
Atomtransport
durch schlafende Dörfer
Leider sind wir
nicht da. Wir sitzen zu elft in einem VW-Bus und rasen hinter dem
Atomkonvoi her, den sie beim Reaktor starten ließen, als wir noch
zum Parkplatz schlenderten. Durch schlafende Dörfer fahren wir, über
dunkle Straßen, deren Belag die Amerikaner eigens haben erneuern
lassen. Ein Pferd kreuzt unseren Weg, die Kasachen im Wagen streiten
über die beste Route, und jetzt wäre der richtige Moment, ein wenig
Nervosität zu zeigen, aber Bolshinsky und Cummins bearbeiten ganz
undramatisch ihre Blackberrys.
Sie waren um fünf
Uhr aufgestanden und in die Hauptstadt Astana geflogen. Der
stellvertretende Energieminister empfing sie, drei Stunden dauerte
die Aussprache, nun erstatten sie Washington Bericht. Ging es um
unseren Reaktor? Kam heute endlich die Zusage? Wird er bald
umgestellt auf sicheres Uran, kann der Tresorraum im Institutspark
also bald geräumt werden? "Kein Kommentar", sagt Cummins.
Sie blickt hoch. "Mist, wo sind wir hier eigentlich?"
Endlich schließen
wir zu den Blaulichtern auf. Dann biegen wir schon auf den
Schotterplatz vor den Gleisen ein. Es ist eine warme Frühlingsnacht.
Eulen grüßen. Der Kranführer trägt ein Bayern-München-Trikot.
Die Urantonnen ruhen auf den Trucks wie Spülmaschinen bei einem
Umzug, festgezurrt und mit Tüchern abgedeckt. Nun schweben sie durch
die Luft, hinein in die Waggons. Bolshinsky überprüft ein letztes
Mal die Siegelnummern, und Fotograf Justin rennt um den Zug herum,
aber die Szene gehört nicht ihm. Hier regiert ein kleiner Mann mit
Haartolle, Jeanskluft und Cowboystiefeln, der aussieht wie ein
gealterter Rocker. Der Sicherheitschef des Instituts für
Nuklearphysik.
Das
Verladen dauert die ganze Nacht
Er befehligte
einst die kasachischen Spezialtruppen; alle nennen ihn nur den
Oberst. "Ring, ring, Polizei", feixt der Rocker. Er möchte
nicht, dass wir die Wachen und die Hunde fotografieren. Und leider
fehlt hier eine Toilette, in der Justin ungestört wäre. Das
Verladen dauert die ganze Nacht. Sicherheitspolitik in Zeitlupe:
Unser Konvoi pendelt zwischen Reaktor und Bahnhof, immer neue
Urantonnen schaffen wir heran.
Dann, um zwei
Uhr, wir steigen gerade vor dem Institut für Nuklearphysik aus dem
VW-Bus, packt der Oberst Justin am Arm. Er ruft etwas; es klingt wie
"prison", Gefängnis. Justin hat während der Fahrt seine
Fotos überspielt, um der Zensur zu entgehen. Und diesmal macht der
Mann mit der Goldkette über dem Umhänge-Dosimeter ernst. Ängstlich
folgen wir ihm ins Reaktorgebäude. Dort prallen wir zurück vor
Überraschung: Die Kasachen haben in die postsowjetische Ödnis des
Warteraums ein Festmahl gezaubert. Pferdeschaschlik, riesige
Erdbeeren. Vergorene Milch, Wodka. Ratlos blicken wir uns an, aber
Bolshinsky wirkt erleichtert. Setzt euch, schnell, bedeutet er uns.
Ein
Toast auf die Völkerfreundschaft
Der Oberst setzt
sich auch. Der Chefingenieur des Instituts häckselt nun das Lamm,
wir essen und trinken und bringen der Freundschaft der Völker unsere
Toasts dar. Dabei entwickelt Bolshinsky eine Art Geheimdiplomatie.
Mal verschwindet er mit dem Oberst nach draußen, dann mit dem
Direktor, mal verschwinden alle zusammen. Als wir eine Stunde später
aufstehen, brüllt der Oberst: "Justin! Komm mit mir! Arrest!
Arrest!" Aber dann führt er den Fotografen zu den
Spezialsoldaten mit ihren Kalaschnikows, und sein stolzer Befehl
dröhnt durch die Reaktorhalle:
"Now! Take
pictures!" Noch viel später fahren wir in die Stadt zurück,
hinein in einen glühenden Morgen, angenehm betrunken und müde.
Bolshinsky ist seit 27 Stunden wach; rote Flecken stehen in seinem
Gesicht, aber bis zum Ende hat er stur in seine Listen gekritzelt,
ein Buchhalter der nuklearen Gefahr. Ich höre noch, wie der
Pressesprecher davon redet, dies alles werde dereinst unseren Kindern
und Kindeskindern zugutekommen. Dann döse ich weg. Und begegne einem
Schneewittchen im Businesskostüm; und einem ihrer Zwerge, einem
Glatzkopf mit russischem Akzent, der nicht nach Erz und Gold gräbt,
sondern nach Uran, jeden Tag, die ganze Zeit, rund um die Welt.
DONNERSTAG,
23.00 Uhr
Die Erde wird in
einem Feuerball verglühen. So weissagen es die Schriften unserer
Religionen; und als die Amerikaner 1945 zeigten, was sie anstellen
konnten mit ihrer Bombe, da dachten viele Menschen: Hier haben wir
ihn, den Vorgeschmack auf den Gerichtstag. "Am Ende der Zeiten –
in der letzten Millisekunde – wird der letzte Mensch sehen, was wir
gerade gesehen haben", notierte ein beteiligter Physiker.
Rückwege bleiben offen. Menschen mögen Ideen ersonnen haben, aus
einem harmlos wirkenden Mineralgestein das Böse zu destillieren.
Doch Uran lässt sich auch abreichern. So soll es unserem Transport
in Osjorsk ergehen, der russischen Atomstadt im Süden des Ural mit
der Majak-Produktionsstätte; laut offizieller Sprachregelung
wenigstens. Aber zunächst werden sie es wohl für längere Zeit
einlagern.
Majak:
eine atomare Müllkippe
Dutzende Tonnen
Uran und Plutonium liegen in Majak. Schwierig, Genaueres zu erfahren.
Der Zug wird jenseits der russischen Grenze in ein Schwarzes Loch
eintauchen, die GPS-Signale funktionieren dann nicht mehr.
Möglicherweise melden Vertrauensleute der Amerikaner die Ankunft,
aber schon darüber herrscht Schweigen. Eingefasst von drei Seen,
begrenzt von Wäldern, liegt Osjorsk strategisch günstig. Knapp 85
000 Menschen leben angeblich in dieser geschlossenen Stadt, an einem
Ort, verstrahlt wie nur wenige andere auf der Welt. Die Transporte
der Global Threat Reduction Initiative enden in einer riesigen
Müllkippe und atomaren Recycling-Werkstatt.
Alle Experten,
mit denen ich gesprochen habe, finden es richtig, waffenfähiges Uran
an einem einzigen Ort zu sammeln, und sei es Majak. Sogar jene sagen
das, die nicht aufhören, auf die Verbindungen hinzuweisen zwischen
Nuklearterrorismus und ganz gewöhnlicher Kriminalität. Majak, das
ist für sie ein Paradies der Ex-Sträflinge und Drogenhändler und
der Islamisten, die Arbeiter und Wachen agitieren. Und vor allem ist
Majak dies: ein Ort, an dem der Geheimniswahnsinn aus dem Kalten
Krieg überlebt hat.
Majak ist der
Staat als Leviathan, der alle Macht in seinen Händen konzentriert.
Uns Unbeteiligten bleibt nur, ihm dabei Erfolg zu wünschen. Wir
sitzen mit den Russen in ihrem Begleitwaggon. Es sind simple, schwere
Männer in Trainingshosen und Unterhemden, die das Uran an seinen
Bestimmungsort geleiten werden. Sie bringen aus einer winzigen Küche
Wurst und saure Gurken. Bolshinsky philosophiert ein wenig über die
Geduld, die ihre Ehefrauen aufbringen müssen, und erzählt einen
Breschnew-Witz.
Dann klettern wir
hinaus auf die Böschung; Bolshinsky steht wie immer ein wenig
abseits, die Russen reichen einen letzten Wodka hinunter, und
schließlich, 38 Minuten nach Fahrplan, zuckeln sie in die Dunkelheit
davon.
FREITAG,
21.00 Uhr
Die Woche mit
den Friedensaktivisten Igor Bolshinsky und Kelly Cummins endet mit
einem fröhlichen Besäufnis in einem Restaurant.
"Ordnung
über alles!", brüllt der Reaktorchef; er spricht ein wenig
Deutsch. "Auf den Journalismus", brüllt der
Pressesprecher. "Auf die Kinder und die Nonproliferation!"
brüllen wir alle. "Auf die Proliferation der Kinder!"
"Ende gut, alles gut!", brüllt der Reaktorchef. In
derselben Nacht flogen wir zurück nach Frankfurt. Zwei Tage später
müsste das Uran aus Kasachstan in Majak angekommen sein. Bald darauf
nahmen die Kasachen ihren Reaktor wieder in Betrieb. Da war
Bolshinsky schon zu seiner nächsten Reise aufgebrochen, in ein
anderes Land.
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