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Für diese Reportage war der Autor für
den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2010 vornominiert.
Florian Hanig
Die
härteste Prüfung der Welt
Rund
300 000 junge Inder wagen sich jedes Jahr an den Aufnahmetest der
"Indian Institutes of Technology" (IIT) - mit schier
unglaublicher Disziplin. Zwei von 100 Bewerbern bestehen
Von
Florian Hanig, GEO, 20.2.2009
Nach zwei Stunden
Fahrt durch Patna, die dreckigste und ärmste Landeshauptstadt
Indiens, schält sich Pranav Anand aus einer überfüllten
Sammelrikscha. Er trägt sein bestes Hemd und eine schwarze Hose mit
Bügelfalten. Es ist Anfang April, die Sonne brennt schon kurz nach
acht sengend vom Himmel. Pranav, taub in den Beinen, stolpert auf das
Schultor zu, hinter dem sich seine Zukunft entscheiden wird.
Er bleibt stehen,
holt Luft. Dann übergibt er sich in den Staub zu seinen Füßen, auf
sein Hemd. Pranav wankt zu einem Brunnen, doch aus dem Rohr tropft
nur ein brackiges Rinnsal. So muss er sich das Gesicht mit dem Wasser
waschen, das er für die sechsstündige Prüfung vorgesehen hatte.
Eine halbe Autostunde entfernt wartet Ritesh Ranjan unter einer
Platane und beobachtet seine Konkurrenten, die vor einer Mauer auf
und ab laufen, Formelsammlungen in der Hand. "Die machen sich
verrückt", murmelt er, rückt seine Brille zurecht, fährt sich
durch den schwarzen Wuschelkopf. "Main zaroor kamyab hounga"
- ich werde es schaffen. Er wiederholt den Satz wie ein Mantra.
Vier Jahre lang
hat sich Ritesh auf diese Stunden vorbereitet, an manchen Tagen von
morgens bis tief in die Nacht. Um halb neun Uhr ertönt der erste
Gong: Polizisten stemmen das Eisentor auf, kontrollieren Ausweise.
Ritesh dreht sich noch einmal um, lächelt unsicher, hebt einen
Daumen in die Höhe. Dann spült ihn der Strom der Leiber, der in die
Schule drängt, davon.
Sechs
Stunden betet die Mutter für den Erfolg des Sohnes
Bangalore, 1600
Kilometer südwestlich von Patna. Als der Gong aus den
Lautsprechern scheppert, beugt sich Giridhar Nayak zu seiner Mutter
hinab. Sie umfasst den Kopf ihres Sohnes mit Händen, die nach
Kardamom, Kokospaste und Chili riechen, segnet ihn so. Giridhar hat
die High School als Jahrgangsbester abgeschlossen, er misst fast zwei
Meter, seine Stimme klingt normalerweise tief und samten – jetzt
aber bekommt er keinen Ton heraus.
Aus einem
Seidentuch wickelt seine Mutter eine Steinfigur: Ganesh, den
Elefantengott, der alle Widerstände beseitigen soll. Sechs Stunden
lang wird die Mutter vor dem Schultor beten. Dafür, dass Giridhar in
das "Indian Institute of Technology" (IIT) aufgenommen
wird. Dafür, dass sich das Leben ihres Sohnes und damit das Leben
ihrer gesamten Familie ändern wird.
Nur
jeder Fünfzigste wird einen Studienplatz ergattern
Fünf Minuten vor
neun, der zweite Gong: In mehr als 600 Testzentren auf dem indischen
Subkontinent werden in diesem Moment die Fragebögen ausgehändigt.
Um neun Uhr, beim
dritten Gongschlag, brechen Pranav, Ritesh und Giridhar die
Banderolen auf, mit denen die Fragebögen versiegelt sind. Sie
wissen: In diesem Augenblick starren mehr als 300 000 indische
Jugendliche auf die Aufgaben. Und nur zwei von hundert werden
durchkommen: 6500 Erstsemester nehmen die sieben Ableger der
Technologie-Universität jedes Jahr auf. Und wer, wie Ritesh und
Giridhar, Informatik oder Elektrotechnik in Mumbai oder Delhi belegen
möchte, muss sogar zu den besten 300 gehören; zu den 0,1 Prozent
der Allerbesten.
Es ist die
härteste Aufnahmeprüfung der Welt.
Zwei Monate
zuvor, in einer aufgelassenen Fabrikhalle am Stadtrand von Patna. Im
Schein flackernder Neonröhren kauern 30 Jungs über ihren Heften.
Pranav und Ritesh haben sich in Schals gewickelt, andere haben sich
Wollmützen mit ausgeschnittenem Gesichtsfeld übergestülpt, wie
Bankräuber. An den Füßen aber tragen sie alle offene Sandalen,
manche sitzen barfuß da. Es ist Mitte Februar, und der Wind zieht
bitterkalt durch die Halle.
Gleichungen
als Weg aus der Armut
Auf einer schief
gezimmerten Empore streckt sich Anand Kumar, der Mathematiklehrer, in
einem alten Trainingsanzug und schreibt auf eine Schiefertafel: "Wie
groß kann der Logarithmus der Wurzel aus Eins minus dem Sinusquadrat
von x höchstens werden?" Bleistifte rasen über das Papier,
Arme schnellen in die Luft. "Null", antwortet Ritesh.
"Atscha", brummt Kumar, "sehr gut." Als der
Lehrer kurz nach 23 Uhr von der Empore steigt, scharen sich die
Schüler um ihn, sie bücken sich, führen ihre Hände zur Stirn und
berühren dann mit den Fingern seine Zehen. Sogar der erhabenste Teil
meines Körpers, soll diese Geste ausdrücken, ist nicht so viel
wert, wie es deine Füße sind. In ihren Tücherhüllen sehen die
Schüler wie Jünger aus – nur dass ihr Heiland nicht in
Gleichnissen spricht, sondern in Gleichungen. Und dass er sie nicht
von ihren Sünden erlösen soll, sondern von der Armut.
500 jungen
Menschen gibt Anand Kumar abwechselnd mit einem Physik- und einem
Chemielehrer an sechs Nachmittagen pro Woche Nachhilfeunterricht.
6000 Rupien, rund 90 Euro, müssen die Eltern dafür aufbringen, in
manchen Familien entspricht das zwei Monatslöhnen. Es ist eine
Investition in die Zukunft, für die sie lange gespart haben. 30
Schüler aber, unter ihnen Pranav und Ritesh, unterrichtet Kumar
allabendlich umsonst. Sie kommen aus armen und ärmsten Familien in
Bihar, einem Bundesland, an dem Indiens Aufschwung bislang
vorbeigegangen ist; sie stammen meist aus den niedrigsten Kasten,
viele sind in Dörfern ohne Strom aufgewachsen und haben sich
Geometrie, das Reaktionsverhalten von Salzsäure und die Gesetze
Newtons bei Kerzenschein beigebracht.
Der
indische Traum: Vom Unberührbaren zum Konzernchef
Sie sind Kumars
Auserkorene, die "Super30". Er bezahlt ihnen die
Unterkunft, das Essen, die Bücher, damit sie sich auf ein einziges
Ziel konzentrieren können: IIT. Die Technologie-Institute sind ein
moderner Mythos Indiens, die Lebensläufe ihrer Absolventen werden
bestaunt wie Göttersagen. Bauern, die kaum lesen können, tröpfeln
ihren Söhnen die drei Buchstaben ins Ohr und erzählen von
unglaublichen Karrieren: von Unberührbaren, die nun Stahlvögel
bauen, die bis zum Mond fliegen können! IIT-Graduierte forschen bei
der NASA, sie arbeiten zu Tausenden im kalifornischen Silicon Valley.
Unternehmen wie United Airlines, McKinsey, Citigroup und Vodafone
wurden oder werden von IIT-Absolventen geleitet.
International
gelten die IITs als Anomalie, als Dritte-Welt-Hochschulen, die
amerikanischen Eliteuniversitäten den Rang ablaufen. Die britische
Zeitung "The Times" führt den IIT-Verbund in ihrer
globalen Rangliste der technischen Universitäten an dritter Stelle,
nur hinter dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) bei Boston
und der University of California in Berkeley, und zum Beispiel vor
dem Imperial College London, Caltech und der ETH Zürich.
Im Wohnheim
gegenüber der Fabrikhalle, einem großen Riegel aus unverputztem
Beton, rahmt abends jede der offenen Türen ein ähnliches Bild: drei
bis vier Jungen, die im Schein funzeliger Energiesparlampen lesen. Am
Ende des Balkons sprühen Funken durch die Nacht, der Stromanschluss
des Hauses ist ein Kabel, das über eine öffentliche Leitung
geworfen wurde. Das Zimmer, das sich Pranav und Ritesh mit zwei
anderen Jungen teilen, wird fast ganz von Bettgestellen ausgefüllt.
Als Ritesh einen Haufen von Hosen, Unterhemden und Stapel von Büchern
gegen die Wand schiebt, um Platz auf den Matratzen zu schaffen,
streift er einen Chemieband mit dem Fuß. Sofort fährt er mit der
Hand zur Stirn und berührt dann das Buch – ein Reflex.
Geschriebenes ist heilig in Indien.
Auf einem
Kalender, dem einzigen Schmuck an den hellblau gestrichenen Wänden,
haben die Jungen mit einem Kreis den 13. April markiert. Den
Prüfungstag. Für Pranav und Ritesh ist es die letzte Chance. Im
Vorjahr hatten sich beide parallel zum indischen Abitur auf den
IIT-Test vorbereitet – und waren an ihm gescheitert. Ein Mal, so
besagen die Regeln, dürfen sie ihn wiederholen. Die Tage vergehen im
stets gleichen Rhythmus. Um sechs Uhr sind die meisten der Super30
schon wach. Putzen sich auf den Balkonen die Zähne, schauen den
Schweinen zu, die den Müll vor der Schule durchwühlen. Um acht
schleppt ein kleiner Junge Metalldosen heran, gefüllt mit
Brotfladen, Linsensuppe, Gemüse: das Frühstück. Dann lernen die
Super30 bis zum Mittagessen, das wiederum aus Brotfladen, Linsensuppe
und Gemüse besteht.
Das
Nachhilfegeschäft in Indien boomt
Kurz vor 16 Uhr
erreicht der Lehrer Anand Kumar die Schule in einem Kleinwagen, in
den sich ein Polizist mit Maschinenpistole gezwängt hat. Auch vor
Kumars Haus steht ein bewaffneter Wärter, und jeder in seiner
Familie, erzählt der stämmige Mann fröhlich, besitze einen
Waffenschein. Zweimal schon ist Kumars Schule überfallen, einmal dem
Wächter ein Messer in den Bauch gerammt worden. Wieso? Nachhilfe ist
ein großes Geschäft in Patna. Viele seiner Konkurrenten nähmen es
ihm übel, sagt Kumar, dass er die 30 Jugendlichen kostenlos
unterrichte. Tatsächlich sind nahezu alle Straßen der Stadt von
Bannern überspannt, auf denen für Nachhilfe in Physik, Chemie oder
Biologie geworben wird, und verheißen Poster auf Brückenpfeilern:
"Get an American Accent!" oder "Learn CAD+ the easy
way". In der 1,4-Millionen-Stadt am Ganges, deren Wirtschaft
seit Jahrzehnten dahinsiecht, ist Bildung die einzige
Wachstumsindustrie: Sie ist der Fluchtweg.
Wie schmal der
ist, zeigt sich beim Unterricht ganz körperlich. Derart eng sitzen
die Schüler in den Bankreihen der Fabrikhalle, dass sie die
Schultern verdrehen müssen, um schreiben zu können. Aus
Lautsprechern tönt Kumars Stimme, ein melodischer Schwall Hindi, in
dem englische Begriffe funkeln: "Function of, hyperbolic, power
of n." Manchmal macht der 41-Jährige einen Witz, dann wogt ein
Lachen durch die Bankreihen. Sonst aber ist es in der Halle so leise
wie in einem deutschen Klassenzimmer – nach Schulschluss. 500
Jugendliche, kein Mucks. Und als Kumar ruft, die nächste Aufgabe
müsse unbedingt beantworten, wer aufs IIT möchte, beugen sich die
Köpfe besonders tief, bis in der dritten Reihe ein Junge aufspringt
und aufgeregt die Lösung hervorsprudelt.
An diesem Abend
knackt die kleine Gruppe der Super30- Stipendiaten Probleme, die der
Lehrer einem Buch der Russischen Mathematik-Gesellschaft entnimmt.
Auch die American Mathematical Society schickt Literatur für die
hochbegabten jungen Inder. Kumar feuert diese an: 28 der Super30
hätten im Jahr zuvor die Aufnahme bestanden, diesmal müssten es
unbedingt alle schaffen. 100 Prozent Erfolgsquote! An einem anderen
Tag erzählt er den Schülern, dass sie am Prüfungstag ihr "globales
Maximum" erreichen werden: Niemals vorher und niemals danach
werde so viel Wissen in ihren Köpfen stecken. Das Licht im Wohnheim
löschen die Jugendlichen meist erst gegen ein Uhr.
Lernen,
lernen, lernen - nichts darf die Stipendiaten davon ablenken
Tagsüber bricht
das Geklingel von Riteshs Mobiltelefon die Stille im Zimmer. Drei-
oder viermal täglich ruft seine Mutter an, manchmal sprechen sie
eine halbe Stunde lang. "Meine Mutter", sagt Ritesh, "ist
meine beste Freundin. Sie gibt mir Kraft." Sie hat ihm seine
Bücher weggenommen, Gespenster-Romane und Comics, damit er sich
besser konzentriere. Im Gegenzug hat sie ihm einen MP3-Player
geschenkt, denn er löst Mathematikprobleme besser, wenn er Musik
dabei hört. Seine Freunde, erzählt Ritesh, hänselten ihn, weil er
so viel Zeit mit seiner Mutter verbringe, aber das sei ihm
gleichgültig. Er ist 18 Jahre alt, wie Pranav, und war noch nie ohne
seine Mutter im Kino.
Jede Woche reist
diese aus dem drei Zugstunden entfernten Buxar an und bringt ihrem
Sohn Wäsche und Lebensmittel. Dann sitzt sie im Schneidersitz
zwischen den Jungen auf dem Bett, eine drahtige Frau mit flinken
Augen, deren Lachen noch von der Straße aus zu hören ist. Sie nimmt
Ritesh in den Schwitzkasten, einem anderen Jungen boxt sie auf den
Oberarm und verspricht, ein Mädchen für ihn zu finden, wenn er nur
die Prüfung bestehe: einen IIT-Ingenieur als Schwiegersohn zu haben,
sei schließlich der Traum jeder Familie.
Beim Abschied
berühren Ritesh und seine Freunde die Füße der Mutter. Sie lacht
und wedelt die Jungen mit den Händen fort. Manchmal, wenn sie kurz
die Bücher sinken lassen, diskutieren die Freunde über die Zeit
nach dem Studium. Google suche für seine indische Dependance
IIT-Absolventen mit Wirtschaftskenntnissen, hat Ritesh gelesen. Auch
das Einstiegsgehalt wurde genannt: 200 000 Rupien pro Monat,
umgerechnet 3000 Euro.
Sie lassen die
Zahl lange in ihren Köpfen nachklingen. Riteshs Vater ist Beamter,
Pranavs Vater ist Lehrer. Am Ende ihres langen Arbeitslebens
verdienen die Väter zwischen 3000 und 4000 Rupien im Monat, 45 bis
60 Euro. "200 000", sagt Ritesh , "und das als
Anfänger." Sollte er jemals derart viel Geld verdienen, will er
eine Klinik für Krebskranke bauen. Seine Großmutter ist im Jahr
zuvor an dieser Krankheit gestorben.
Wie
viel Druck kann ein Mensch aushalten?
Anderthalb Monate
noch bis zur Prüfung. In einem Neubau am Stadtrand von Bangalore
öffnet Giridhar einen Kleiderschrank, in dem Stapel von Büchern zu
sehen sind: "Mathematics for IIT", "Chemistry 3.0",
Physikbücher für das zweite Studienjahr an britischen Hochschulen.
Kein einziger Roman ist darunter. Der Wind weht heiß und feucht
durch die offenen Fenster, eine Trauerkapelle zieht mit
Trompetengeplärr durch die staubige Gasse. Auf einem Kalender
kontrolliert Giridhar das Pensum, das er diese Nacht schaffen muss,
dann legt er eine CD der deutschen Hardrock-Band "Rammstein"
ein. Nicht, weil er die Musik mag. Im Gegenteil. "Musik, die dir
gefällt, lenkt dich ab." Der Lärm soll ihn wach halten. Denn
Giridhar hat Angst.
Angst, dass ein
anderer, in einer anderen Stadt, an diesem Abend ein oder zwei
Stunden länger lernt als er. Und dieser andere, sagt Giridhar, wird
Angst haben, dass anderswo jemand noch länger arbeitet. "Es ist
wie ein Wettrennen mit 300 000 Leuten. Es kommt nicht darauf an, gut
zu sein, du musst besser sein als die anderen." Bei einem
landesweiten Übungstest hat Giridhar ein "All India Rank
Potential", ein wahrscheinliches Ergebnis zwischen Platz 17 und
25 erreicht. Aber Wissen, sagt Giridhar, ist keine Garantie für den
Erfolg. Die Prüfung ist Nervensache, jede falsche Antwort wird mit
Minuspunkten bestraft. Eine einzige Sammelfrage, die mit sechs
Punkten bewertet wird, falsch angekreuzt, schon fällt man 3000
Plätze auf der Rangliste zurück. Das sei der eigentliche Test: Wie
viel Druck kann einer aushalten?
Der
Erfolg der ITT-Absolventen prägt Bangalore
Jeden Tag, wenn
er den Bus in die Stadt nimmt, hat Giridhar seinen Traum vor Augen:
Die Sieben-Millionen-Metropole Bangalore ist die Zukunft Indiens. Wie
ein Spalier säumen Baukräne die Straßen und Hochhäuser, an denen
Schilder prangen: Siemens, Dell, Intel, Microsoft. Und natürlich
"Infosys", 1981 von vier IIT-Absolventen mit einem
Startkapital von 250 US-Dollar gegründet. Inzwischen beschäftigt
die Vorzeigefirma 91 000 Menschen weltweit und erwirtschaftet mehr
als vier Milliarden Dollar Gewinn.
Die "IITans"
prägen Bangalore noch auf eine andere Art: Viele sind in den
vergangenen Jahren aus den USA zurückgekehrt, weil ihre Kinder in
Indien aufwachsen sollen, weil sie lukrative Angebote erhielten oder
eigene Firmen gründeten. Im Reisegepäck haben die "repatriates"
einen amerikanischen Akzent, hohe Ansprüche und die entsprechenden
Einkommen. So streift Bangalore an manchen Stellen ein Hauch von
Kalifornien: Mopedfahrer in Uniform liefern Pizzen aus, riesige
Reklametafeln für Turnschuhe und Mobiltelefone ersetzen die Palmen
entlang den Straßen.
Beim großen
indischen Bildungsmarathon ist Giridhar von einem der hintersten
Plätze gestartet. Vor mehr als 30 Jahren zog sein Vater aus einem
kleinen Dorf an der Küste nach Bangalore, um ein Versprechen zu
erfüllen, das er seinen Eltern gegeben hatte, nämlich dass eines
seiner Kinder Arzt werde, eines Ingenieur und eines Beamter. Die
Schule im Dorf aber war nur eine Lehmhütte, ohne Fenster, ohne Türen
und die meiste Zeit ohne Lehrer. In Bangalore jobbte Giridhars Vater
für eine Spedition, bis er genug Geld hatte, um einen zerbeulten
Kleinlastwagen anzuzahlen. Jetzt, kurz vor Anbruch des Monsuns,
trifft Giridhar seinen Vater fast nie. Bevor der große Regen
einsetzt, wollen viele umziehen, renovieren oder heiraten. Kaum ein
Abend, an dem der Vater vor Mitternacht nach Hause kommt, kaum ein
Tag, an dem er nicht nach vier, fünf Stunden Schlaf wieder hinter
dem Steuer sitzt, auch sonntags.
Aber der Vater
hat sein Versprechen gehalten: Seine älteste Tochter arbeitet als
Ingenieurin, die zweitälteste schiebt als Ärztin Nachtschichten in
einem Krankenhaus, die dritte forscht als Assistentin an einer
Universität, eine studiert. Und Giridhar? Als Junge, erzählt er,
fuhr er oft bei seinem Vater mit. Er steckte den Kopf aus dem
Autofenster und schaute den Wassertropfen zu, die von den Reifen nach
oben geschleudert wurden. Und freute sich: "Die Natur ist so
perfekt. Alles läuft nach Gesetzen ab."
Der
Tag der Prüfung: Es geht um alles oder nichts
Sonntag, 13.
April. Der Prüfungstag. Pranav Anands Vater kommt gegen sechs Uhr
morgens ins Wohnheim. Er hat einen Tontopf mit Joghurt dabei –
Joghurt, glauben indische Eltern, fördert die Konzentration. Pranav
hat scharfe Falten in seine Hose gebügelt, der Vater steckt ihm ein
paar Rupien für die Rikscha zu. Wie eine Pilotin vor dem Start geht
Riteshs Mutter die Dinge durch, die ihr Junge mitnehmen muss:
Bleistift? Radiergummi? Der Prüfausweis? Sie küsst ihn auf die
Stirn, und Ritesh verschwindet in einer Kammer, zieht die Schuhe aus,
steigt auf einen Tisch, über dem ein Bild von Saraswati hängt, der
Göttin des Lernens. Er presst die Handflächen aneinander, hebt sie
zur Stirn. Zwei Minuten bleibt er Auge in Auge mit der Göttin
stehen. Dann stürzt er zum Taxi, das ihn zum Testzentrum, einer
Grundschule, bringt.
Am Abend, kurz
vor 18 Uhr, in der aufgelassenen Fabrikhalle in Patna. Die Jungen
scharen sich in den Bänken zusammen, gehen Lösungen durch, stöhnen
auf, schlagen sich an die Köpfe, lachen. Ritesh hat mehr als zwei
der ersten drei Stunden mit dem Lösen der Mathematikaufgaben
zugebracht. Zeit, die ihm später bei den Chemie- und Physikfragen
fehlte. "Ich hab mit meinem Leben gespielt." Dann kommt
Pranav, blass im Gesicht, müde. Eigentlich müsste er sofort ins
Bett.
In den
vergangenen fünf Tagen haben die Jungen fast nichts gegessen, jetzt
nagt der Hunger, doch als sie sich geeinigt haben, wer für ein Essen
die Rechnung übernehmen wird, ist es schon nach Mitternacht. In
einer Bretterbude für Fernfahrer erhalten sie noch ein paar
Softdrinks. Mit den Flaschen in der Hand stehen sie neben der
vierspurigen Straße, auf der Scheinwerfer gelbe Zylinder in den
Staub schneiden. Und wissen nicht, ob dies der erste Tag ihres neuen
Lebens war – oder der Tag, an dem die Zukunft an ihnen
vorbeigerauscht ist. Was wollten sie alles tun, wenn die Prüfung
vorbei ist! Ins Kino gehen! Kricket spielen! Schlafen! Am Tag nach
der IIT-Prüfung melden sich Pranav und Ritesh bei einem
Computerzentrum an, um die Programmiersprache "C" zu
lernen. Der Kurs beginnt am Nachmittag.
Für
wen geht der Traum von einer besseren Zukunft in Erfüllung?
Die
Prüfungsergebnisse werden am 30. Mai 2008 veröffentlicht, auf einer
Internetseite, die stundenlang überlastet ist: 311 258 Jugendliche
haben den Test geschrieben, fast 20 Prozent mehr als im Jahr zuvor.
Sie tippen ihre Registriernummern ein, wieder und immer wieder, bis
endlich das Ergebnis aufleuchtet. Giridhar, der im Probetest unter
den ersten 25 gelandet war, hat es nur auf die Reserveliste
geschafft. Er erfährt es im Büro der Internetfirma Guruji.com, bei
der er gerade ein Praktikum macht. Wortlos packt er seine Sachen.
In Patna beugen
sich die Super30 über den alten PC im Schlafzimmer ihres Lehrers
Anand Kumar. Ritesh, der mit einem Platz unter den ersten 1000
gerechnet hatte, belegt Platz 6430: gerade noch geschafft. Doch mit
diesem Ergebnis kann er nur eines der wenig beliebten Fächer
studieren: Bergbau oder Papierherstellung vielleicht, nicht aber
Informatik. Pranav schneidet etwas besser ab: Rang 5546. Das Zimmer
der Jungen im Wohnheim ist schon wieder belegt. 10 000 Bewerbungen,
berichtet Kumar, habe er für sein nächstes Super30-Programm
erhalten. Er möchte auf "Super100" aufstocken.
Der
Finanzminister, ein Harvard-Absolvent, hat ein paar Tage zuvor
bekannt gegeben, dass die indische Regierung 2009 das Budget für
Bildung im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent erhöhen wird. Acht
weitere IIT-Dependancen sollen bis 2012 eröffnet werden. Eine der
ersten davon in Patna.
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