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Für diese Reportage war der Autor für den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2010
vornominiert.
Anita Blasberg
Ein
Opernhaus für Ouagadougou
Wie
der Künstler Christoph Schlingensief, schwer an Krebs erkrankt,
durch Afrika reist und einen
Bauplatz für sein Festspielhaus sucht.
Von
Anita Blasberg, DIE ZEIT, 26.6.2009
Christoph
Schlingensief lehnt an einer Lehmhütte mitten in Burkina Faso,
Westafrika, und schließt die Augen. Eben hat ein heftiger Schauer
die Luft abgekühlt, aber die Lehmwand der Hütte hat die Hitze des
Tages noch gespeichert. »Wunderschön«, sagt Schlingensief, »diese
Wärme.« Er hat sein Hemd durchgeschwitzt, um ihn herum toben
Kinder, Ziegen laufen durch den Sand. Es gibt keine Straße, die in
dieses winzige Dorf führt, und es kommt nicht oft vor, dass sich ein
Weißer hierher verirrt. Aber er ist jetzt da.
Vier Stunden lang
ist Schlingensief in einem chinesischen Minibus von Ouagadougou, der
Hauptstadt, in dieses Niemandsland gefahren, zwischendurch hatte er
einen Schwächeanfall. Aber jetzt, am Abend, sitzt er mit seinen
Begleitern im Hof des Häuptlings und verspeist in der Finsternis,
die nur von einer Taschenlampe erhellt wird, ein frisch
geschlachtetes Huhn. Als der Häuptling aus der Lehmhütte tritt und
ihn begrüßt, hält er Schlingensiefs Hand lange fest. Dann fragt er
auf Morée, der Landessprache, in die Runde: »Was ist mit eurem
Freund los? Geht es ihm nicht gut?«
Er solle auf
Flugreisen verzichten, hatte Schlingensiefs Arzt gesagt,
Menschenaufläufe meiden, keine Hände schütteln. Die
Infektionsgefahr. Eine einzige Lungenentzündung könne ihn töten.
Christoph
Schlingensief, vor 48 Jahren in Oberhausen geboren, Theater- und
Opernregisseur, Filmemacher und Aktionskünstler, krebskrank, sitzt
in diesem Dorf namens Gando zwischen Hütten mit Dächern aus Stroh.
Acht Kilogramm hat er abgenommen in den vergangenen Monaten. Dies ist
eine Reise gegen den Rat seiner Ärzte, scheinbar wider alle
Vernunft, wie so oft.
Im Januar
vergangenen Jahres hatten die Ärzte bei ihm ein Karzinom in der
Lunge diagnostiziert, bösartigen Krebs. Der linke Lungenflügel und
Teile des Zwerchfells mussten sofort entfernt werden, danach kam die
Chemotherapie. Aber in den nächsten acht Tagen wird er bei 42 Grad
im Schatten durch Burkina Faso hetzen, wird mit Kindern und Ministern
sprechen. Christoph Schlingensief, der Todkranke, will der Welt ein
Festspielhaus hinterlassen, ein Opernhaus bauen. Hier in Gando könnte
es stehen, wo es keinen Strom gibt und kein Licht und wo die Frauen
mit der Kraft ihrer Arme Hirse stampfen. Vielleicht ist das hier
seine letzte große Inszenierung, seine letzte große Suche. Aber was
sucht er?
Es ist der zweite
Tag seiner Reise, als Christoph Schlingensief in einem Büro des
Goethe-Instituts in Ouagadougou in einer Runde bunt gekleideter
Afrikaner sitzt. Surrend kreist ein Ventilator, Schlingensief ist
nervös. Er kann kein Wort Französisch, aber er muss ihnen erklären,
warum er ausgerechnet in ihrem kargen Land ein Opernhaus bauen will.
Schlingensief
sitzt am Kopfende eines langen Tisches, neben ihm ein junger
Dolmetscher, vor ihm eine Frau aus dem Informationsministerium, eine
Choreografin, Theaterdirektoren, Kinobetreiber. »Christoph
Schlingensief ist einer der berühmtesten deutschen Künstler, der
die Bourgeoisie in Deutschland immer wieder provoziert hat«, sagt
Peter Stepan, der Leiter des Goethe-Büros. Die Afrikaner klatschen
und setzen erwartungsvoll ihre Brillen auf. Dann spielt Schlingensief
ihnen auf seinem Laptop Szenen aus seinem letzten Theaterstück vor.
Eine Kleinwüchsige wackelt im Papstkostüm über den Bildschirm.
»Und da sehen wir jetzt einen Hasen, der von Würmern zerfressen
wird«, sagt Schlingensief. »Aus dem Tod entsteht neues Leben.«
Klingt das alles
nicht nach Kinski und nach Fitzcarraldo?
Die Afrikaner
schweigen konzentriert. 80 Prozent ihrer Landsleute sind
Analphabeten, von Oper haben die noch nie gehört, und dieser Mann
hier hat eine eigenartige Frisur. In die Stille hinein erwähnt
Schlingensief, dass das Stück in Berlin ausverkauft gewesen sei,
dass er damit seine Krebserkrankung reflektiert habe und dass er nun
gekommen sei, um von den Afrikanern zu lernen.
Man kann nicht
sagen, dass sie hier auf ihn gewartet haben. Schon in Deutschland
klang sein Plan irgendwie nach Wahnsinn und Weltflucht, nach Kinski
und Fitzcarraldo. Da kämpft sich einer durch Afrika und zimmert ein
Opernhaus.
»Ich meine das
ernst«, sagt Schlingensief. In seinem Opernhaus sollen Künstler aus
Afrika und Europa zusammenkommen. Er hat sich die Unterstützung von
Außenminister Steinmeier geholt, vom Goethe-Institut, und er hofft
auf private Spender – etwas mehr als eine Million Euro wird
Schlingensief wohl brauchen. Und nun ist er hier in Burkina Faso mit
einem fünfköpfigen Team, um nach einem geeigneten Ort zu suchen:
Peter Anders vom Goethe-Institut in Johannesburg, Francis Kéré, ein
Architekt aus Gando, der in Berlin lebt, Thomas Goerge,
Schlingensiefs langjähriger Bühnenbildner, seine Projektleiterin
Celina Nicolay und die Kostümbildnerin Aino Laberenz, die seit fünf
Jahren seine Freundin ist.
Schlingensiefs
Weg nach Afrika führte über Oberhausen. In den Tagen nach der
Diagnose ging er zum Grab seines Vaters. »Dort«, sagt er, »habe
ich mir geschworen, dieses Opernhaus zu bauen. Ein Opernhaus, eine
Krankenstation, eine Schule.« Etwas Konkretes, Nützliches. In den
Tagen vor der Operation schrieb Schlingensief sein Testament. Sein
letzter Wille ist, dass dieses Opernhaus gebaut wird. Sein
Vermächtnis.
Gleich nach der
Chemotherapie flog er nach Kamerun, aber dort brach er zusammen, er
konnte kaum das Hotel verlassen. Demnächst will er sich in Mosambik
und Tansania umsehen. Am Vormittag hat er mit einer Delegation des
Kulturministers von Burkina Faso einige Baubrachen besichtigt.
Nach seinem
Vortrag im Goethe-Institut blickt Schlingensief in ratlose Gesichter.
»Sie sind ein großer Mann, der daran glaubt, was er macht«, hebt
schließlich ein Theaterbesitzer an, »aber was genau ist Ihr Plan?«
»Auf welcher
Sprache wollen Sie inszenieren?«, fragt die Kinobetreiberin.
»Was erwarten
Sie von uns?«, will die Frau vom Informationsministerium wissen.
Schlingensief
zitiert Beuys: Die Ursache liegt in der Zukunft. »Wir wissen noch
nicht, warum wir das hier machen, aber in der Zukunft werden wir das
verstehen.«
Die Afrikaner
nicken höflich. Kann das sein – ein Deutscher, der keinen Plan
hat?
Wenig später
sitzt Schlingensief im klimatisierten Restaurant des Hotels
Independance vor einem Bier und schüttelt den Kopf. All diese
Fragen, diese Skepsis! Fast wie in Deutschland! Er hat sich unwohl
gefühlt. Wie ein Schüler, der die richtigen Antworten geben muss.
Schlingensief hasst richtige Antworten. Schon in der Schule stand
unter seinen Arbeiten »Thema verfehlt«.
Er mag keine
festen Pläne, keine Drehbücher. Einfach loslegen mit nichts als
einer Idee, sich selbst und alle anderen überfordern, so hat er
immer gearbeitet. »Man hält sich am Leben, indem man sich Ziele
sucht, die etwas von Größenwahn haben«, hat er vor Jahren in einem
Interview gesagt. Als er den Anruf bekam, ob er in Bayreuth den
Parsifal
inszenieren wolle, hatte er keine Ahnung von Oper, sagte aber zu. Als
er 1998 mit seiner Partei »Chance 2000« bei der Bundestagswahl
antrat, hatte er zwar kein Programm, aber nach zwölf Wochen 16000
Mitglieder.
»Wisst ihr
was?«, ruft er in die Runde seiner Begleiter. »Wir sagen dieses
ganze Laber-Programm ab!« Er will am nächsten Morgen
drauflosfahren, Ouagadougou erkunden. Mit Mohammed, dem schüchternen
Übersetzer, der Germanistik studiert. Schon am ersten Tag ist
Schlingensief Mohammeds Neugier aufgefallen.
»Mohammed ist
doch der Einzige hier, der normales Zeug redet, oder?« Schlingensief
langweilt der routinierte Kulturbetrieb, auch hier in Afrika. Der
Mann vom Goethe-Büro guckt, als habe er Zahnschmerzen. Er hat
bereits Termine mit der Regierung gemacht, aber Schlingensief ist
jetzt in seinem Element. Erwartungen hat er noch nie gern erfüllt.
Schlingensief
erkundigt sich nach der Revolution
Wenn sich ein
Todkranker zurückzieht, heißt es meist, er sterbe in Würde.
Schlingensief schreit seinen Schmerz heraus. Im ersten Jahr nach der
Diagnose hat er dem Krebs drei Theaterstücke und einen Bestseller
abgetrotzt. Sein Buch So
schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!
ist ein einziges Jammern und Brüllen. Ungefiltert wie ein Kind hat
er im Krankenhaus seine Ängste in ein Tonbandgerät gesprochen, die
dann als Abschrift in sein Buch gelangten. »Ach, Mann, ist das alles
eine Kacke, so eine unendliche Kacke.«
Es war Anfang
Mai, als Schlingensief auf dem Podium des Berliner Theatertreffens
Platz nahm. Seine Kirche
der Angst
war das Eröffnungsstück und er der Star. Als er den vollbesetzten
Saal betrat, raunten die Zuschauer: »Sieht schlecht aus, guck mal.
Ein Jahr vielleicht noch, maximal.« Sie betrachteten ihn wie ein
seltsames Tier, das ihnen seine klaffenden Wunden zeigte. Und weil
diese Wunden auch ihre sein könnten, klatschten sie so laut und so
lange, als wollten sie ihn mit ihrer Liebe gesund klatschen.
Plötzlich wurde ihm von allen Seiten gehuldigt, fast so, als wolle
man ihm das Sterben erleichtern. Die Feuilletonisten nannten seine
Arbeiten nun »reif« oder »verstörend«. Die, die ihn als
Provokateur abtaten, sind verstummt. Einen Sterbenden verurteilt man
nicht.
Am nächsten
Morgen in Ouagadougou sitzt Schlingensief in der Hotelbar und zwingt
sich, einen Pfannkuchen mit Marmelade zu essen. Aber der Magen
rebelliert. Da ist wieder die Angst, gegen die er zu Hause eine
Therapie macht. Ständig horcht er in sich hinein, befragt seinen
Körper: Der Brustkorb so hart. Der Bauch so komisch. Kein Appetit.
»Die Unschuld ist weg«, sagt er, »nichts ist mehr wie früher.«
Schlingensief guckt jetzt auf 3sat den Thementag
Tod,
er möchte andauernd schlafen – er, der früher mit vier Stunden
auskam. Es gehe bei ihm »nicht mehr um langfristige Pläne«, hatte
der Radiologe vor einem Jahr gesagt. Er hat es als unglaubliche
Beleidigung empfunden: mit 47 Jahren eine Grenze gesetzt zu bekommen,
er, der Grenzen nur benutzt hat, um sie zu überschreiten. Jetzt hat
die Krankheit die Macht übernommen. Und vielleicht ist diese Reise,
dieser Traum von einem Festspielhaus, dieser langfristige Plan, ein
Versuch, die Macht über das eigene Leben zurückzugewinnen. Und sei
es zum letzten Mal.
Als draußen vor
den Fenstern des Hotels ein Angestellter eine Leiter am Pool
vorbeiträgt, steigen Tränen in seine Augen. »Guck mal, wie
kräftig«, sagt Schlingensief, »und wie der schwitzt.« Er hat ja
auch so gern geschwitzt, hat geschuftet und geschleppt und gebrüllt.
Auf der Bühne und im Leben.
Seine Augen sind
dunkle Knöpfe. Er ist dünn geworden, gealtert. Das, was in seinem
Gesicht auch mit Mitte 40 noch aussah wie Kinderspeck, ist weg. Er
hat noch immer diese schönen, kräftigen Handwerkerhände, aber die
Haare darauf wachsen nur langsam nach. Seine Haut entzündet sich an
den Armen, an den Augen. »Alles schmeckt nach Pappe«, sagt er, eine
Nebenwirkung der Tabletten, die er jeden Tag schluckt. Sie haben die
Metastasen in seinem verbliebenen Lungenflügel verschwinden lassen,
kurz vor dem Abflug war er noch einmal im Kernspintomografen. »Das
ist ein Wunder, ein Geschenk«, sagt Schlingensief. »Ein Aufschub,
um das hier noch durchzuziehen.«
Die Sonne über
Ouagadougou steht schon im Zenit, und Schlingensief hat sich von
Mohammed, dem jungen Übersetzer, den Präsidentenpalast zeigen
lassen, ein altes Kino und eine Kathedrale, die die Franzosen halb
fertig im roten Sand hinterlassen haben. Schlingensief sitzt in einem
alten Mercedes ohne Klimaanlage und löchert Mohammed mit Fragen:
»Hast du eine Freundin? Wo wohnst du? Was willst du mal werden?«
Mohammed ist ein freundlicher, gewissenhaft antwortender Junge von 22
Jahren. Er trägt Sandalen und ein verschossenes rosafarbenes Hemd.
Schlingensief will wissen, ob Mohammed schon mal Malaria hatte und
wie viel Miete man zahlt für ein Zimmer in Ouagadougou. Die Miete,
sagt Mohammed, sei so hoch wie die Getränkerechnung in dem Hotel, in
dem sie gerade eine Cola getrunken haben.
»Wie findest du
das Hotel?«, fragt Schlingensief.
»Beschissen«,
sagt Mohammed. Kaum einer hier könne sich einen Arzt leisten, aber
der Präsident baue protzige Hotels.
Ob es dann bald
eine Revolution gebe, fragt Schlingensief. Was Mohammed ändern
würde, wenn er Präsident wäre? Schlingensief hört ihm aufmerksam
zu, mit jeder Frage und jeder Antwort kehrt sein Tatendrang zurück.
Der Mercedes kämpft sich durch Mopedkarawanen und über
Schlaglochpisten, vorbei an fliegenden Händlern. Bettelnde Kinder
strecken ihre Hände durchs Fenster, immer kramt Schlingensief in
seinen Hosentaschen. Am Ende des Tages hält er im Gewusel am
Straßenrand, um Mohammed einen neuen Gaskocher zu kaufen. »Ich
könnt noch ewig rumfahren!«, ruft er. »Ich will unbedingt noch ein
Krankenhaus besichtigen. Und einen großen Markt. Und eine Schule.«
Man müsse ihm dringend die Wörter »sofort«, »unbedingt« und
»ist mir egal« auf Französisch beibringen, scherzen sie in seinem
Team.
Die meisten
seiner Begleiter kennen ihn seit Jahren. Jeder von ihnen hat Projekte
abgesagt, um bei Schlingensiefs Reise dabei zu sein. Zweifel hat
keiner. Wenn er es nicht hier baut, sagen sie, dann baut er es in
Mosambik, Tansania oder sonst wo. Aber was treibt diesen Mann quer
durch Afrika?
Wenn man ihn das
fragt, windet er sich. »Vielleicht bin ich hier, um herauszufinden,
warum ich hier bin«, sagt er.
Eine typische
Schlingensief-Antwort. Er mag keine Festlegungen, keine Begründungen.
Wenn er sich erklären soll, ergreift er die Flucht. Dann sagt er gar
nichts – oder gleich so viel auf einmal, dass er hinter einem Nebel
aus Worten verschwindet. Schlingensief fürchtet nichts mehr als
Urteile, vielleicht war er auch deshalb so unschlüssig bei der
Frage, ob ein Journalist dabei sein solle in Afrika. Es tue ihm leid,
dass er es sich doch anders überlegt habe, hatte er kurz vor dem
Abflug in einer Mail geschrieben, aber es wäre ihm lieb, wenn er
allein reisen könne. »Für mich ist dieses Festspielhaus ein großes
Geheimnis. Ein Geheimnis, das Zeit braucht und bewahrt werden muss«,
schrieb Schlingensief. Er sei nicht mehr so selbstbewusst wie früher.
Drei Tage später sagte er doch zu.
Christoph
Schlingensief, der früher kein Medienspektakel ausließ, setzt sich
in öffentlichen Räumen jetzt mit dem Rücken zur Wand. Seinen
Anblick im Spiegel kann er kaum ertragen. Zur Vorstellung seines
eigenen Buches ist er nicht erschienen; Fieberschübe hatte er in der
Nacht zuvor bekommen, Panik. »Der heilige St. Christoph des
Feuilletons und des Boulevards«, hatte das Theaterforum
nachtkritik.de
geätzt. Auf der Internetseite der Illustrierten Gala
steht sein Foto unter der Rubrik Stars
und Schicksalsschläge.
Er, der sich nie geschützt hat, braucht auf einmal Schutz. Er, der
die Kontrolle immer verachtet hat, sucht sie nun.
Es war ein Abend
im April, als Schlingensief im Zug von Hamburg nach Berlin fuhr. Er
kam von einem Auftritt bei Beckmann
. »Ich muss nickern«, sagte er vor der Fahrt, aber dann hörte er
nicht mehr auf zu reden. Es sollte das erste tiefere Gespräch nach
mehreren Treffen werden. Es war wohl kein Zufall, dass es zustande
kam, als die Türen des Zugs sich schlossen und Schlingensief nicht
mehr weglaufen konnte. Er wirkte durchscheinend, aufgewühlt, es ging
ihm schlecht.
Er habe darüber
nachgedacht, was er über all die Jahre eigentlich gemacht hat, sagte
er mit leiser Stimme. »Ich will wissen, wieso ich wie ein Irrer
rumgesponnen hab. Mir so viel Zeug ausgedacht hab.« Filme,
Kunstaktionen, Talkshows, Theaterstücke, Opern, Installationen.
Immer höher, immer weiter. Das Burgtheater, Bayreuth, Museum of
Modern Art.
Seit der Diagnose
hat er sich immer wieder seine Aktionen angeschaut, auf seiner
eigenen Homepage. »Was war der Kern meiner Arbeit?« Was wird von
ihm bleiben? Wer ist er? Wer war er? Wussten ja immer nur die
anderen, wer er war. Schlingensief sucht nun nach Sinn, er, der nie
schlüssig sein wollte und von dessen Theaterabenden man sich nur
erzählen konnte wie von einem Unfall, dessen Zeuge man wurde.
Den Hörsaal
betritt er mit einer Flasche Bier in der Hand
Er habe das
Gefühl, sagte Schlingensief, dass das Soziale seiner Arbeit nie
richtig wahrgenommen wurde. »Ich bin ja Christ«, sagte er, »auch
wenn das komisch klingt.« Hielt er Ungerechtigkeiten nicht aus, zog
er mit dem Eifer eines ehemaligen Messdieners gegen sie zu Felde.
Zwölf Jahre lang hatte er dem Pfarrer in der Herz-Jesu-Kirche in
Oberhausen zur Seite gestanden.
Nach einer
Vorstellung im Hamburger Schauspielhaus quartierte er sich 1997 mit
seinem Ensemble eine Woche lang in der Bahnhofsmission gegenüber ein
und lieh Obdachlosen und Junkies sein Megafon und damit eine Stimme.
1998 brachte er mit seiner Partei Chance 2000 Arbeitslose, all die
übersehenen Danebensteher, auf die Bühne eines Zirkuszeltes in
Berlin; auf den Plakaten, die sie trugen, stand in großen Buchstaben
»ICH«. 1999 stellte er einen Container mit zwölf abgelehnten
Asylbewerbern vor das Wiener Opernhaus, und die Österreicher durften
jede Woche einen Ausländer herauswählen. Es war die Zeit des
Fernsehformats Big
Brother.
Der Gewinner durfte eine Österreicherin heiraten.
Schlingensief hat
die wunden Punkte der Gesellschaft sichtbar gemacht, mit der
Treffsicherheit eines empfindsamen Kindes, das Dinge anspricht, die
Erwachsene erfolgreich verdrängen.
Kurz vor der
Krebsdiagnose, bei Dreharbeiten in Nepal, hatte Schlingensief einen
Mann getroffen, dessen Sohn nach einem Unfall starb, weil es weit und
breit keinen Arzt gab. Der Mann baute ein Krankenhaus. »Das hat ihn
tief beeindruckt«, sagt seine Freundin, »da entstand der Wunsch,
etwas zu schaffen, was den Menschen hilft.«
»Ich gucke die
Menschen jetzt länger an, schaue in Gesichter«, sagte Schlingensief
damals im Zug. Das habe er früher kaum gemacht. »Wann hab ich mich
denn je um jemand anders gekümmert?«, fragt er. »Ich habe
niemandem beim Umzug geholfen. Kein einziges Mal«. Als sein Vater
2007 im Sterben lag, fuhr er nicht nach Oberhausen, sondern hielt auf
einer Bühne die Hand eines Darstellers. Schlingensief hasst sich bis
heute dafür.
»Vielleicht
müsste ich mal Urlaub machen, Mauritius wär toll oder die
Osterinsel.« Aber es ist ihm noch nicht einmal gelungen, die Kur
nach der Operation zu beenden. »Ich sehne mich nach dem Einfachen«,
sagte er. Dann scrollte er durch die Fotos in seinem Handy. Seine
Grundschule. Die Apotheke des Vaters. Er nach der Operation, an
Schläuchen. Er in einem Hotel an der Ostsee. »Das war, als ich mich
umbringen wollte«, sagte er, »aber nach zehn Tagen hat Aino mich
nach Hause geholt.« Dann die Fotos seiner neuen Berliner Wohnung.
Der Kaktus, den er gesund gepäppelt hat. Dreimal war er eingeknickt,
aber im Frühjahr hat er zum ersten Mal geblüht. »Früher hätte
ich das kitschig gefunden. So etwas rührt mich jetzt.« Er wolle nie
mehr in diesen blinden Trott verfallen, »noch mehr, noch schneller«,
sagte Schlingensief, »sondern ein Leben führen, das einen Sinn
ergibt und sich den Menschen nähert«.
Es war schon
spät, als das alles ungefiltert aus ihm heraussprudelte.
Schlingensief denkt, während er spricht, nicht umgekehrt. Manchmal
hat man das Gefühl, Stille ängstigte ihn. Im Krankenhaus hatten die
Schwestern einmal sein Morphium vergessen – aber er spürte die
Schmerzen nicht. Er hatte die ganze Zeit in sein Tonband gesprochen.
Ihm fehlt die
äußere Schutzhülle, die andere Menschen haben, und doch bleibt er
fast undurchschaubar. Bei anderen Menschen versucht man zu ergründen,
was sie hinter ihrem Schweigen verstecken. Bei Schlingensief ist es
umgekehrt: Er verschlüsselt sich durch manisches Offenbaren.
Es herrscht
gespannte Stille im Hörsaal der Universität von Ouagadougou, als
die afrikanischen Germanistikstudenten sich in die Reihen drücken,
um den Künstler aus Deutschland zu hören. Der Saal ist voll
besetzt, nur Schlingensief ist noch nicht aufgetaucht.
»Lampenfieber«, murmeln sie in seinem Team. Als sie Wetten
abschließen, ob er noch kommt, betritt er den Saal, mit einer halb
leeren Flasche Bier in der Hand.
Schlingensief
hatte lange unentschlossen in seinem Hotelzimmer gesessen. Er wollte
nicht schon wieder so einen Bewerbungsvortrag halten. Das macht ihm
Angst in letzter Zeit: seine Ideen zu erklären, vor so vielen
Menschen. »Es gibt keinen ängstlicheren Menschen als Christoph«,
sagt seine Freundin. Selbst tagsüber fahre er Fahrrad mit Licht. Und
als er vor Jahren in Afrika einen Film drehte, schluckte er fast alle
Malaria-Tabletten der gesamten Crew, weil er sich die Krankheit
eingebildet hatte.
Aber als er sich
jetzt hinters Pult setzt und dann die Technik versagt, bessert sich
seine Laune schlagartig. »Was ist Theater?«, fragt er in den Raum.
»Leute stehen auf der Bühne und haben Angst, Fehler zu machen!«
Zaghaftes Gelächter. »Und jetzt will ich darüber sprechen, warum
ich Theater mache«, sagt er, nimmt einen Schluck Bier, und dann
erzählt er von seiner Verhaftung, nachdem er auf der Bühne »Tötet
Helmut Kohl!« gerufen hat. »Man wollte mich damals drei Jahre lang
quälen, häckseln und verbrennen, aber das Theater hat mich
gerettet: Es erlaubt einfach alles, was man in der Realität nicht
ausprobieren darf.«
Der Übersetzer,
ein Professor für Germanistik, kichert verlegen. Und stockt, als
Schlingensief auf Jesus und Mohammed zu sprechen kommt. »Mohammed,
Jesus und alle Geister, die wir anrufen, sind eine Person, und die
sind wir selbst.« Die Nonnen ganz hinten flüstern »Grave,
c’est grave«,
krass, unglaublich, aber sie bleiben sitzen. Gleich daneben murmeln
junge Musliminnen dasselbe. Schlingensief ist jetzt in Fahrt.
Schließlich kommt er zu seiner Oper.
»Alle
künstlerischen Richtungen fließen in der Oper zusammen«, ruft er.
An der Wand in seinem Rücken leuchtet ein Gebäude in Form einer
Schnecke auf, das er mit dem Architekten und dem Bühnenbildner
entworfen hat. Verschiedene Kammern und Räume solle diese Schnecke
haben, sagt Schlingensief, »alles ganz durchlässig!«. Eine große
Bühne, mehrere Probebühnen, ein Kino, einen Raum für Requisiten
und Kostüme, einen für Übernachtungsgäste und schließlich eine
kleine Schule, eine Krankenstation. Die Schnecke ist beliebig
erweiterbar, sie kann wachsen.
»Ein Hotel soll
es auch geben«, sagt Schlingensief. »Ich wünsche mir viele
Besucher von allen Kontinenten. Das Opernhaus soll eine Stätte des
Austauschs und Probierens sein, ohne oben und unten.« Eine Art
Forschungslabor. Und eigentlich hat er solche Labore ja überall
erzeugt, wo er hinkam – auf Bühnen und in Zirkuszelten, spontan
auf der Straße oder in der U-Bahn. Doch dieses Labor würde ihn
überdauern.
Dann beginnt
Schlingensief von seiner Krankheit zu sprechen und davon, dass er
Tabletten schlucke, die 1500 Euro kosten, Monat für Monat. Ein
Raunen geht durch den Saal. Schlingensief spricht jetzt so schnell,
dass der Dolmetscher kaum noch mitkommt. »1500 Euro!«, ruft
Schlingensief. »Die könntet ihr euch nicht leisten. Nur um mein
Leben ein bisschen zu verlängern.« Am Ende seines Vortrags schmiert
Schlingensief mit Spucke den Namen »Beuys« an die Tafel. »Leben
und Kunst«, zitiert er, »gehören zusammen!«
Das Licht geht
an, die Studenten tuscheln. Sie haben zwar nicht alles verstanden,
aber ihre Augen leuchten. Sie sagen, die Energie dieses Künstlers
habe sie beeindruckt.
»Kann ihn mal
jemand bremsen?«, fragen seine Freunde
Am nächsten Tag
steht Schlingensief im Gewimmel des Zentralmarkts von Ouagadougou,
als eine seiner Tanten anruft, Trude aus Oberhausen. Es ruft dauernd
jemand an in diesen Tagen. Nur um sicherzugehen. »Alles super hier«,
ruft Schlingensief ins Telefon. »Ich kann atmen. Die anderen sind
viel schlapper als ich, Grüße an alle, ja?« Es ist erstaunlich:
Ausgerechnet in Afrika, wo sein Leben in Gefahr sein soll, kehren
seine Kräfte zurück. »Ich kann wieder schlafen«, sagt er, »ich
habe wieder Hunger.« Es sind 42 Grad im Schatten, und er läuft seit
Stunden durch die Hitze. Am Morgen hat er eine Tanzschule besucht und
sich mit einer Handkamera durch die Tänzer geschlängelt, bis er so
nass geschwitzt war wie sie. Die anderen in seinem Team stöhnen:
»Kann ihn mal jemand bremsen?«
Aber er ist ja
sein ganzes Leben nur gerannt. Wie auf der Flucht hat er sich von
Kunstwerk zu Kunstwerk gekämpft, durch immer mehr Genres, immer
fernere Länder. Wenn es keine Widerstände gab, suchte er sie. In
Bayreuth hat er vier Jahre durchgehalten, er, der Freigeist, auf dem
Feldherrenhügel der Hochkultur. Am Ende kommunizierte man nur noch
über Anwälte. In einem seiner letzten Stücke vor der Diagnose saß
er in Zürich nackt auf der Bühne, mit Schokopudding beschmiert, und
brüllte 90 Minuten lang von Erlösung. Es war in Nepal, wenige
Wochen vor der Diagnose, als er in ein Gästebuch schrieb: »Auf dass
die kreisenden Gedanken einen Grund finden.«
Fast jeden Tag
telefoniert Schlingensief in Burkina Faso mit seiner Mutter in
Oberhausen, die nach einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt. Er ist
das einzige Kind seiner Eltern, gläubiger Katholiken. Neun Jahre
hatten sie auf ihn gewartet, Christoph Maria tauften sie ihn, einen
Jungen, der ein Mädchen werden sollte. Sechs Kinder hatten sie sich
gewünscht. Er lebt so schnell, dass es für sechs Leben reichen
würde. Ein guter Sohn will er immer sein, ihnen genügen. Der Vater
Apotheker, die Mutter Krankenschwester, Kirchgang, CDU, der Lions
Club. Die Kirche habe ihn immer geängstigt, sagt Schlingensief. Noch
vor wenigen Jahren hatten die Eltern ein Problem damit, wenn er mit
seiner Freundin bei ihnen übernachtete.
Das Leben seiner
Eltern habe darin bestanden, Fehler zu vermeiden, sagt er. Als sein
erster Film, Menu
Total,
1986 bei der Berlinale Premiere hatte, verließ sein Vater das Kino
weinend vor Entsetzen. Von den übrigen Filmen zeigte der Vater der
Mutter nur die Landschaftsaufnahmen.
Wenn es nach zehn
positiven Kritiken einen Verriss gab, brütete er nur über dem
Verriss, sagt Matthias Lilienthal, einer seiner Dramaturgen. Pubertär
sei er, das ist ihm oft vorgeworfen worden, oberflächlich. In
schlechten Momenten hat er das geglaubt. Selbst als die New
York Times
ihn feierte, blieb Schlingensief der verunsicherte Junge aus
Oberhausen, der zweimal an der Filmhochschule abgelehnt wurde. »Der
Erfolg kam in seiner Wahrnehmung nie an.«
»Die Kirche
der Angst
ist mein einziges Stück, dem ich ohne Zweifel gegenüberstehe«,
sagt Schlingensief an einem der Abende in Afrika. Er hat es während
der Chemotherapie erarbeitet, es geht darin um seine Todesangst. Es
ist schnörkellos und ernst. Es wirkt, als habe ihn der Krebs näher
zu sich selbst gebracht.
Man sieht ihn in
Burkina Faso noch einmal aus dem Hotel stürmen, weil er vergessen
hat, dem Fahrer ein Trinkgeld zu geben. An keinem Bettler kommt er
vorbei, ohne etwas aus der Tasche zu ziehen. Schlingensief, der sagt,
er glaube nicht, dass nach dem Tod noch etwas kommt, wirkt jetzt
manchmal wie ein Christ, der in den Himmel will. Er, der stets im
Vorläufigen gelebt hat, arbeitet an der Bilanz seines Lebens. Sein
Opernhaus soll aus Lehm gebaut sein. Eine Sozialstation, ein gutes
Werk. Es wird in Afrika stehen, unverrückbar. Vielleicht soll es
auch eine Ablassleistung sein.
Er will noch
heiraten und Vater werden
In Burkina Faso
scannt Schlingensief in jeder freien Minute die Mails auf seinem
Handy. Ein ZDF-Team will aus Nairobi kommen, um einen Beitrag über
ihn zu machen. Rupert Neudeck, der Gründer von Cap Anamur, bietet
ihm Hilfe beim Bau des Festspielhauses an. Die Jury des
Theatertreffens in Berlin hat kein bestes Stück, sondern drei beste
Schauspieler ausgezeichnet. »Claus Peymann hat das durchgesetzt«,
sagt Schlingensief. Peymann habe gegen sein Stück Kirche
der Angst
votiert, mit der Begründung, das sei doch kein Theater. Peymann!
Eigentlich würde Schlingensief sich gerne aufregen, aber dann
schüttelt er nur den Kopf.
»Ich will nicht
mehr Krieg führen wie früher«, hat er in seinem Buch geschrieben.
»Der Rummelplatz müsste einfach mal geschlossen bleiben.« Im
Sommer will er seine Freundin heiraten, sie haben sich eine
gemeinsame Wohnung im Prenzlauer Berg in Berlin eingerichtet, auch
über Kinder denkt er nach. Er, der immer vor der Eindeutigkeit
geflohen ist, will sich jetzt festlegen.
Das Licht des
Tages verliert sich schon an die Dunkelheit, als Christoph
Schlingensief im Niemandsland Burkina Fasos auf einen großen
Steinhügel steigt und tief durchatmet: Nichts als Weite, rote Erde,
Bäume. Stille.
Der Steinhügel
liegt neben Gando, dem winzigen Dorf, in dem Schlingensief vom
Häuptling begrüßt wurde. Der Häuptling ist der Vater von Francis
Kéré, dem Architekten, der ihm hier seine Heimat zeigt.
Schlingensief hat sich in Gando auch den Friedhof angesehen, allein.
Mitten unter den Lebenden werden sie hier begraben. Mitten im Dorf.
Schlingensief
legt sich auf einen der warmen, flachen Steine und schaut in den
Himmel, der schon fast von der Dämmerung besiegt wurde, aber noch
einen kurzen Moment im Zwielicht verharrt. Es ist der Augenblick des
Gehenmüssens, Bleibenwollens. Schlingensief schließt die Augen,
rührt sich nicht. »Die Wärme des Steines saugt mich an«, sagt er.
»Ich spüre hier Wurzeln, Heimat.« Es scheint, als wolle er diesen
Augenblick festhalten, sich dieses Gefühl des Angekommenseins
einprägen. Erst als es finster ist, kann er sich lösen.
Kaum ein Ort der
Welt könnte weniger an Deutschland erinnern, an Schlingensiefs
Wurzeln, als diese offene Weite Afrikas. Doch Schlingensief wirkt zum
ersten Mal auf dieser Reise ganz bei sich, ganz ruhig. Ein Mann, dem
plötzlich, in der Mitte seines Lebens, der Tod entgegenrast. Ein
Mann, der sehr weit reisen muss, um zu sich selbst zu finden. Der
sich auf dem Urkontinent die Urfragen stellt. Wer bin ich? Wofür
habe ich gelebt? Was ist noch nicht erledigt? Eine Ehe. Ein Kind. Ein
Haus.
Im Angesicht des
Todes tritt hinter dem Künstler der Bürgersohn hervor. Und
Christoph Schlingensief lässt es geschehen, mit Erleichterung. Es
musste viel Leid zusammenkommen, bis er diese Eindeutigkeit zulassen
konnte, vor den anderen und vor sich selbst.
Am nächsten Tag
besucht Schlingensief die Schule von Gando. Er schaut beim
Mathematikunterricht in der ersten Klasse zu, läuft still durch die
Stuhlreihen und beobachtet, wie die Kinder mit Kreide
Rechenergebnisse auf Schiefertafeln schreiben. »Was für ein
Potenzial«, wird er später sagen, »was wäre bloß, wenn die alle
Kunst machen könnten!« Sein Opernhaus soll Leben und Kunst
verschmelzen, ein Ort des Entdeckens sein. Schlingensief hätte auch
zu einer Bank gehen und eine Stiftung gründen können. Aber es muss
noch einmal ein Schlingensief-Projekt sein, eine afrikanische
Großanstrengung.
»Ich hoffe, ich
komme wieder«, sagt Schlingensief beim Abschied. Doch er weiß, dass
er hier in Gando kein Opernhaus bauen kann. Er kann kein Kultur-Ufo
in diese unschuldige Landschaft setzen. Aber er könnte einen Platz
am Stadtrand von Ouagadougou finden, dort, wo Arm und Reich, Stadt
und Land ineinanderfließen, all die Widersprüche. Er hat sich schon
erkundigt, wie man an eine Baugenehmigung käme.
»Wenn es gut
geht«, sagt Schlingensief, »habe ich noch fünf Jahre.«
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