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Für diese Reportage war der Autor für den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2010 vornominiert.
Sacha Batthyany
Ein
schreckliches Geheimnis
Im
österreichischen Dorf Rechnitz wurden kurz vor Kriegsende 180 Juden
während eines Festes ermordet. Margit Batthyány-Thyssen, die
Grosstante des Autors, war die Gastgeberin. Eine Familiengeschichte.
Von
Sacha Batthyany, Das Magazin, 12.12.2009
Ich
stehe vor Tante Margits Grab und versuche, mich an ihr Gesicht zu
erinnern, aber es gelingt mir nicht. Wind weht die letzten Blätter
von den Bäumen, der Luganersee wirkt kalt und finster. Wenn ich an
Tante Margits Gesicht denke, sehe ich immer nur ihre Zunge. Es
ist ein schlichtes Grab, Friedhof Castagnola, am Fusse des Monte Brè
— nur eine einfache Granitplatte, obwohl Margit eine der reichsten
Frauen Europas war, und Bescheidenheit nicht ihre Tugend. «21. Juni
1911–15. September 1989 Margit Batthyány-Thyssen». Jemand hat ihr
gelbe Chrysanthemen vorbeigebracht, die Erde im Topf ist frisch. In
meiner Kindheit gingen wir zweimal im Jahr mit ihr essen, immer im
Hotel Dolder in Zürich, mein Vater fluchte schon auf der Hinfahrt
und rauchte in unserem Opel eine Zigarette nach der anderen, meine
Mutter kämmte mir die Haare mit einem Plastikkamm. Wir nannten
sie Tante Margit, nie Margit, als wäre Tante ein Titel, in meinen
Erinnerungen trägt sie Kostüme, zugeknöpft bis zum Hals und
Seidenfoulards mit Pferdemotiven. Sie ist gross, ein gewaltiger
Oberkörper auf dünnen Beinen, ihre Krokodilledertasche ist
bordeauxrot und hat goldene Verschlüsse, und wenn sie erzählt, von
der Rehbrunft oder von Schiffsreisen in die Ägäis, dann streckt sie
in den Pausen zwischen den Sätzen ihre Zungenspitze heraus, wie eine
Eidechse, sie tut es, wie andere Menschen dauernd in den Haaren
spielen oder sich an die Nase fassen. Ich sitze soweit wie möglich
von ihr entfernt, Tante Margit hat Kinder gehasst, und während ich
in der geschnetzelten Kalbsleber rumstochere, schaue ich immer wieder
zu ihr hin. Ich will diese Zunge sehen. Nach ihrem Tod sprachen
wir nur noch selten von ihr, meine Erinnerungen an diese Mittagessen
verblassten, bis ich im Jahr 2007 zum ersten Mal von diesem
österreichischen Dorf las. Rechnitz. Von einem Fest. Von einem
Massaker. Von 180 toten Juden, die sich erst nackt ausziehen mussten
und dann erschossen wurden, damit ihre Leichen schneller verwesen.
Und Tante Margit? Sie war mittendrin. Ich rufe meinen Vater an
und frage ihn, ob er davon gewusst habe. Ich höre, wie er eine
Weinflasche entkorkt und sehe ihn vor mir auf diesem abgewetzten
Sofa, das ich so mag, in seinem Wohnzimmer in Budapest. «Margit
hatte eine Affäre mit einem Nazi namens Joachim Oldenburg, das hat
man sich in der Familie erzählt.» In der Zeitung steht, sie
habe ein Fest organisiert und als Höhepunkt, «als Nachspeise», 180
Juden in einen Stall gelockt und Waffen verteilt. Alle waren
stockbesoffen. Alle durften schiessen. Auch Margit. Das behauptet ein
englischer Journalist namens David Litchfield. «Killer-Countess»
nennt er sie im «Independent». In der FAZ heisst sie «Gastgeberin
der Hölle», und die «Bild»-Zeitung schreibt: «Thyssen-Gräfin
liess auf Nazi-Party 200 Juden erschiessen.» «Das ist Quatsch.
Es gab ein Verbrechen, aber dass Margit damit etwas zu tun hatte,
halte ich für unwahrscheinlich. Sie war ein Monster, aber dazu war
sie nicht in der Lage.» Wo war Margits Mann, Ivan? Auch am
Fest? «Ivan war mein Onkel, der Bruder deines Grossvaters.
Während sich Margit in Rechnitz auf ihrem Schloss mit Nazis
vergnügte, war Ivan in Ungarn. Ihre Ehe war von Anfang an ein
Desaster. Sie war die deutsche Thyssen-Milliardärin und Ivan der
verarmte ungarische Graf.» Wieso war Margit ein Monster? «Das
sind alte Geschichten.» Kurz nach dem Krieg kam es zu mehreren
Prozessen. Liest man die Zeugenaussagen zum Massaker von Rechnitz,
Akte Vg 12 Vr 2832/45, Landesarchiv Wien, so ergibt sich folgendes
Bild. Die Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 ist eine mondhelle
Nacht. Im Schloss von Margit Batthyány-Thyssen in Rechnitz,
Burgenland, österreichisch-ungarische Grenze, findet ein
Gefolgschaftsfest statt. Mitglieder der Gestapo und lokale
Nazi-Grössen wie SS-Hauptscharführer Franz Podezin, wie Josef
Muralter, wie Hans-Joachim Oldenburg unterhalten sich mit
Hitlerjungen und Angestellten des Schlosses und setzen sich an runde
Tische im kleinen Saal im Erdgeschoss. Für die Nationalsozialisten
ist der Krieg verloren, die Russen sind schon an der Donau, doch das
soll die Stimmung nicht trüben. Es ist acht Uhr abends. Zur selben
Zeit stehen am Bahnhof in Rechnitz etwa 200 jüdische Zwangsarbeiter
aus Ungarn, die beim Bau des Südostwalls eingesetzt wurden, einer
gigantischen Verteidigungslinie von Polen über die Slowakei, Ungarn
bis nach Triest, welche die anrollende Rote Armee hätte stoppen
sollen. Um halb zehn Uhr abends lädt der LKW-Unternehmer Franz
Ostermann einen Teil der Juden in seinen Lastwagen und übergibt sie
nach kurzer Fahrt in die Hände von vier Männern der Sturmabteilung,
SA, die den Gefangenen Schaufeln in die Hand drücken und ihnen
befehlen, einen L-förmigen Graben auszuheben.
Wo
sind die Toten?
Es
ist Frühling, als ich zum ersten Mal nach Rechnitz fahre, alles
grün, die Wiesen, die Wälder, noch sind die Trauben an den
Rebstöcken klein und hart, Rechnitz ist kein schönes Dorf: eine
Hauptstrasse, an der links und rechts niedrige Häuser stehen mit
schmalen Fenstern und blickdichten Vorhängen. Es gibt kein Zentrum,
keinen Hauptplatz, das Schloss, das der schwerreiche deutsche
Unternehmer und Kunstsammler Heinrich Thyssen seiner Tochter Margit,
unserer Tante Margit, in seinem Testament überschrieb, steht nicht
mehr. Die Russen zerbombten es bei ihrem Einmarsch 1945, und die
Dorfeinwohner plünderten alle Möbel, Bilder, Teppiche. Jedes Jahr
organisiert der Verein Refugius eine Gedenkfeier für die ermordeten
Juden. Am Ortseingang beim Kreuzstadel, einem Mahnmal, wird gesungen
und gebetet, das Verbrechen darf nicht vergessen werden, Löwenzahn
blüht, das Gras ist knöchelhoch, irgendwo darunter befinden sich
180 Schädel. Den Zeugenaussagen der Rechnitzer Prozesse, Akte Vg
12 Vr 2832/45, Landesarchiv Wien, ist zu entnehmen: Mit Schaufeln
und Krampen graben die ungarischen Juden eine L-förmige Grube, sie
sind müde und schwach, die Erde ist hart, im Schloss von Tante
Margit wird getrunken und getanzt. Um zirka 21 Uhr erhält
SS-Hauptscharführer Franz Podezin einen Anruf. Weil der Lärm im
Festsaal zu gross ist, muss er ins Nebenzimmer, das Gespräch dauert
keine zwei Minuten, Podezin sagt: «Ja, Ja!», und er beendet es mit
den Worten «verdammte Schweinerei!». Er beauftragt Hildegard
Stadler, sie ist die Leiterin des örtlichen Bundes Deutscher Mädel
(BDM) und Podezins Geliebte, etwa zehn bis dreizehn Festteilnehmer in
einen Raum zu führen. «Die Juden vom Bahnhof», teilt er ihnen mit,
«sind an Fleckfieber erkrankt und müssen erschossen werden.»
Keiner widerspricht. Der Waffenmeister Karl Muhr verteilt den
Festgästen Gewehre und Munition. Es ist kurz nach 23 Uhr. Im
Schlosshof stehen drei PKW bereit. Nicht alle aus der Gruppe haben
Platz in den Autos, einige gehen zu Fuss. Es ist ja nicht weit. «Wir
haben die Pflicht zu erinnern, damit es nicht mehr passiert», sagt
der katholische Pfarrer von Rechnitz vor dem Kreuzstadel, dem
Mahnmal, die meisten Trauergäste tragen eine Kippa, im Hintergrund
heulen Benzinmotoren, es klingt wie hundert kaputte Rasenmäher, auf
der nahen Speedarena «Ready to Race», einer Kart-Bahn, herrscht
Hochbetrieb. Es ist Sonntag, die Sonne scheint. Die Einwohner von
Rechnitz bleiben der Gedenkfeier fern, sie essen Eis in der Eisdiele,
zum ersten Mal in kurzen Hosen in diesem Jahr, nur der Bürgermeister
ist anwesend. Engelbert Kenyeri, ein korpulenter, freundlicher Mann,
er steht in seinem besten Anzug etwas abseits, die Hände verschränkt
auf seinem Bauch. «Natürlich würde ich gerne wissen, wo das Grab
ist», sagt er am nächsten Tag in seinem viel zu grossen Büro,
anders als seine Vorgänger, unterstützt er die Aufarbeitung des
Massakers. «Solange die Toten nicht gefunden werden, solange werden
die Gerüchte nicht verschwinden.» Die Juden seien in einen nahen
Stausee geworfen worden, flüstern die einen, sie wurden längst
zubetoniert und lägen unter dem Fussballplatz der Schule, behaupten
die andern. Jedes Jahr laufen Wünschelrutengänger im
Zickzackschritt die Felder ab und melden eigenartige Schwingungen.
Die «New York Times» war schon da, CNN auch, das kleine Dorf im
Süden Burgenlands ist weltberühmt — doch niemand kommt wegen des
trockenen Rieslings, der hier gekeltert wird, alle kommen wegen des
Massengrabs, von dem keiner weiss, wo es ist. Und die
Dorfbewohner schweigen. Die Suche nach dem Grab wird für
Rechnitz zum Fluch. In den 65 Jahren seit dem Verbrechen ist der Ort
zu einem Symbol für Österreichs Umgang mit seiner
nationalsozialistischen Vergangenheit geworden. Wer Rechnitz sagt,
der meint Verdrängen. Ich rufe meinen Vater an. Du wusstest, sag
ich ihm, dass Tante Margit in jener Nacht dort war, und du wusstest
auch vom Massaker. «Ja.» Aber du hast dir nie überlegt, ob
sie damit was zu tun haben könnte? «Ist das ein Verhör?» Ich
frage nur. «Nein. Nie habe ich gedacht, dass es zwischen dem Fest
und dem Massaker eine Verbindung geben könnte, wie das seit Neustem
alle behaupten. Warte kurz», er hustet, ich höre, wie er sich eine
Zigarette aus der Schachtel nimmt. Du rauchst zu viel. «Wie
gehts der Kleinen?» Sie bekommt ihren dritten Zahn und sie
krabbelt. Wieso hast du mit Margit nie über den Krieg
gesprochen? «Was hätte ich fragen sollen? Du, Tante Margit,
willst du noch einen Schluck Wein? Und übrigens, Tante Margit, hast
du Juden erschossen?» Ja. «Sei nicht naiv. Es waren
Höflichkeitsbesuche. Wir haben übers Wetter gesprochen, und sie ist
über Familienmitglieder hergezogen. ‹Verfaulter Keim›, sagte
sie, wenn sie über die Thyssens und Batthyánys sprach, die, laut
Margit, alle nicht ganz bei Trost waren. ‹Verfaulter Keim›, das
war ihr bester Spruch. Kannst du dich noch an ihre Zunge erinnern?»
Archive
in Russland
Die
ersten Grabungen fanden bereits 1946 statt, schon damals
widersprachen sich alle Aussagen zum Grab. Es gab eine Handskizze von
zwei Rechnitzer Dorfbewohnern, die sich beide sicher waren, die
Stelle zu kennen: In der Nähe eines kleinen Waldstücks, genannt
Remise, da sollen die getöteten Juden liegen, doch man fand sie
nicht. Es gab Flugaufnahmen von Piloten der Royal Air Force, die
kurz nach dem Krieg über das Gebiet flogen. Ein Grab dieser Grösse
wäre aufgrund der frischen Erde zu erkennen gewesen, doch die Wolken
hingen tief, ausgerechnet an diesem Tag, die Sicht war schlecht, die
Fotos unbrauchbar. Zwanzig Jahre später starteten das
Österreichische Bundesministerium für Inneres (BMI) und der
Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge (VDK) einen neuen Versuch.
Ein gewisser Horst Littmann leitete die Grabungen und fand die
Gebeine von achtzehn Leichen am Hinternpillenacker in der Nähe des
Schlachthauses. Nur das Massengrab, das er suchte, fand Littmann
nicht; dafür lag auf der Windschutzscheibe seines Autos ein anonymer
Drohbrief: «Wenn du nicht aufhörst, dann liegst du dort, wo die
anderen auch liegen.» 1990 machte sich das Institut für Ur- und
Frühgeschichte der Universität Wien ans Werk. Erneut wurden
sämtliche Quellen und Zeugenaussagen sondiert, erneut kam es zu
Grabungen, über die Margareta Heinrich und Eduard Erne einen
Dokumentarfilm drehten. Die beiden Filmemacher klopften an jede
Haustüre im Dorf, klapperten Altersheime ab, suchten in abgelegenen
russischen Archiven nach zusätzlichen Hinweisen und gaben
Zeitungsannoncen bis nach Israel auf: Wer etwas über das Massaker
von Rechnitz wisse, schrieben sie, der solle sich melden. Bitte.
Dringend. Sie recherchierten fünf Jahre: wieder nichts. Die
letzten Bodenproben und geoelektrischen Messungen nahm man 2006, mit
verbesserter Technik und teurer Software. Zum ersten Mal wurden auch
Blutspürhunde eingesetzt, sie fanden Tierknochen, wahrscheinlich von
Hühnern. In den Zeugenaussagen der Rechnitzer Prozesse, Akte Vg
12 Vr 2832/45, Landesarchiv Wien, steht geschrieben: Zwischen
Mitternacht und drei Uhr morgens fährt der LKW-Unternehmer Franz
Ostermann insgesamt siebenmal vom Bahnhof zum Kreuzstadel, auf der
Ladefläche 30–40 Juden, die er den vier SA-Männern übergibt. Die
Juden müssen sich ausziehen, vor der Grube stapeln sich ihre
Kleider, nackt knien sie am Rand ihres L-förmigen Grabes, der Boden
ist hart, die Luft ist kalt, es ist eine mondhelle Nacht. Podezin
steht da, Oldenburg auch, beides fanatische Nationalsozialisten. Und
sie schiessen den Juden in den Nacken. Ein gewisser Josef Muralter,
NSDAP-Mitglied, schreit, während er schiesst: «Ihr Schweine gehört
ins Feuer. Ihr Vaterlandsverräter!» Die Juden sacken zusammen und
fallen ins Erdloch, wo sie in der Sardinentechnik
aufeinandergestapelt werden. Im Schloss wird getrunken und getanzt,
jemand spielt auf der Ziehharmonika, Margit ist jung, und sie mag es
gerne lustig, und sie hat die schönsten Kleider an von allen. Einem
Kellner namens Viktor S. fällt auf, dass die Gäste, die um drei Uhr
morgens wieder im Saal erscheinen, wild gestikulieren, sie haben
gerötete Gesichter, SS-Hauptscharführer Podezin, der mutmassliche
Anführer, eben noch hat er Frauen und Männern in den Kopf
geschossen, jetzt tanzt er ganz ausgelassen. Nicht alle Juden
werden in dieser Nacht erschossen. Achtzehn lässt man vorerst am
Leben. Sie erhalten die Aufgabe, die Grube mit Erde zuzuschütten.
Totengräberdienst. Zwölf Stunden später, am Abend des 25. März,
werden sie im Auftrag von Hans-Joachim Oldenburg, Margits Geliebtem,
ebenfalls umgebracht und in der Nähe des Schlachthauses beim
Hinternpillenacker verscharrt. Die achtzehn Leichen werden im
Frühling 1970 von besagtem Horst Littmann gefunden, exhumiert und
auf dem Jüdischen Friedhof Graz-Wetzl bestattet.
Margits
letzter Abend
Es
ist Ende Sommer, als ich zum zweiten Mal nach Rechnitz fahre, die
Luft ist schwül, die Weinbeeren sind jetzt rot. Ich besuche
Annemarie Vitzthum an der Prangergasse, sie ist 89 Jahre alt und
wahrscheinlich die letzte Lebende, die an Margits Fest teilgenommen
hat, damals vor 65 Jahren. «Ich habe mich extra fein gemacht»,
taucht sie ein in ihre Erinnerungen, «wir sassen an runden Tischen
im kleinen Saal im Erdgeschoss, das Grafenpaar mittendrin, die Gräfin
Margit sah aus wie eine Prinzessin, so schöne Kleider, wie die
anhatte». Dauernd seien Männer in Uniformen gekommen, die das
Fest wieder verliessen, sie könne sich an deren Namen nicht
erinnern, «es war ein Wirbel», das habe sie auch dem Staatsanwalt
erklärt, 1947, als sie verhört wurde. «Alle tranken Wein, alle
tanzten, ich kannte das nicht, ich war doch nur ein einfaches
Mädchen, nur die Telefonistin.» Um Mitternacht sei sie von einem
Soldaten nach Hause begleitet worden, bis zu diesem Zeitpunkt habe
die Gräfin das Schloss nicht verlassen. «Des von die Juden», sagt
Frau Vitzthum, wir essen ihren hausgemachten Apfelkuchen, habe sie
erst später erfahren. Schrecklich. «De oarmen Laid, gonz knochert
sollns gwesn sei.» Ich besuche Klaus Gmeiner. Er war Tante
Margits Förster, und er war der Letzte, der sie lebend gesehen hat.
Margit besass 1000 Hektar Land in Rechnitz, und sie kam jedes Jahr
zur Jagd, Hochwild, Schwarzwild, Niederwild, «sie war eine
hervorragende Schützin, eine erfahrene Afrika-Jägerin», an
Gmeiners Wand im Büro hängen Hirschgeweihe, «sie hat sich sehr
gefreut, wenn sie was erlegt hat, einen Muffelwidder oder ein Reh,
nie sah ich sie glücklicher». In all den Jahren sei nicht ein
einziges Mal über die Nazi-Zeit gesprochen worden, sagt Gmeiner, der
wie so viele im Dorf für Margit schwärmt, wie Untertanen für ihre
Königin: so grosszügig sei sie gewesen, so liebenswürdig, so
fromm, so hübsch, mit dem Massaker habe sie ganz sicher nichts zu
tun. «Wir waren auf der Pirsch», erzählt er über den Abend
vor ihrem Tod, «mit einem abgezirkelten Blattschuss traf sie einen
Mufflon.» Zwanzig, vielleicht dreissig Schritte sei das Tier in ihre
Richtung gewankt, er erinnere sich genau, dann erst
zusammengebrochen. «Wir wünschten uns Weidmannsheil und tranken im
Jagdhaus ein Glaserl Wein.» Er wisse noch — und Gmeiners Stimme,
sonst kräftig und satt, beginnt zu zittern, wie sie sich an diesem
Abend darüber beschwerte, von vielen Menschen um Geld angebettelt zu
werden. «Das war ihr letzter Satz.» Am nächsten Morgen erschien
sie nicht zum Frühstück. Klaus Gmeiner ging hoch, 15. September
1989, und klopfte an ihre Tür, 10 Uhr 15, Margits Augen waren zu.
Herzversagen. «Wie wars in Rechnitz? Hast du was rausgefunden?»,
fragt mich mein Vater am Telefon. Er klingt müde, vor wenigen Wochen
ist ihm ein junger Hund zugelaufen, der nicht von seiner Seite
weicht, vielleicht deshalb. Die Menschen im Dorf nannten mich Herr
Graf, das ist komisch. In der Schweiz denken viele, Batthyany sei
indisch, am Telefon sprechen sie deshalb sehr langsam und
überdeutlich. Und im Burgenland machen sie beinahe einen Knicks vor
mir. Dann bin ich lieber Inder. «Ich mag dieses Getue auch
nicht.» Zeugen behaupten, dass Margits Mann Ivan, dein Onkel,
auch am Fest war. «In der Familie hiess es immer, er sei in
Ungarn gewesen an jenem Abend.» Ich habe langsam das Gefühl,
dass jeder diese Geschichte für seine Zwecke manipuliert. Die
Familie will nicht hineingezogen werden und zieht sich zurück. Die
Medien wollen die Schlagzeile von der blutrünstigen Gräfin, welche
die Juden massakriert, und die Einwohner von Rechnitz wollen das
Ganze unter den Teppich kehren. Für sie ist Tante Margit eine
Heilige — wer von ihr spricht, fängt an zu weinen. «Und was
willst du?»
Von
der Hölle in den Himmel
Gemeinsam
mit seinen Eltern floh mein Vater 1956 aus Ungarn, er war damals 14.
«Ich bin in Budapest und sehe tote Pferde auf der Strasse», seit
ich ein Kind war, begann er die Geschichte seiner Flucht mit diesem
Satz, und er erzählte sie oft. «Mit zwei Rucksäcken überqueren
wir die Grenze nach Österreich und reisen von dort weiter in die
Schweiz.» Zu Margit und Ivan, die sie bei sich aufnahmen, Lugano,
Villa Favorita, am Fusse des Monte Brè: Schöner gehts nicht. «Ein
Chauffeur wartet auf uns beim Bahnhof, man bringt mich in ein Zimmer,
ich fühle mich fiebrig, am nächsten Morgen wache ich auf, die Sonne
scheint direkt aufs Bett, im Garten stehen Palmen, dann kommt Ivan
rein, mein Onkel, er fragt mich, ob ich Lust hätte auf eine
Spritztour im Ferrari, und ich denke: Bin ich im Himmel?» In den
Protokollen der Rechnitzer Prozesse, Akte Vg 12 Vr 2832/45, ist zu
lesen: Sieben Personen werden des vielfach vollbrachten Mordes und
der Quälerei beziehungsweise des Verbrechens gegen die
Menschlichkeit angeklagt. Josef Muralter, Ludwig Groll, Stefan
Beigelbeck, Eduard Nicka, Franz Podezin, Hildegard Stadler,
Hans-Joachim Oldenburg. Doch der Prozess gerät ins Stocken, weil
1946 die beiden Hauptzeugen ermordet werden. Der Erste ist Karl Muhr:
Waffenmeister im Schloss. Er händigt in jener Nacht am 24. März die
Gewehre aus und sieht den späteren Tätern direkt ins Gesicht. Ein
Jahr später liegt Muhr mit einer Kugel im Kopf im Wald neben seinem
toten Hund — sein Haus steht in Flammen, die Patronenhülse, welche
die Polizei am Tatort sicherstellt, verschwindet. Der Zweite ist
Nikolaus Weiss: ein Augenzeuge. Er überlebte das Massaker, flieht
und versteckt sich bei einer Rechnitzer Familie im Schuppen. Ein Jahr
später, er ist auf dem Weg nach Lockenhaus, wird sein Wagen
beschossen und gerät ins Schleudern, Weiss ist auf der Stelle
tot. Seit diesen beiden Fememorden leben die Einwohner von
Rechnitz in Angst vor Vergeltung. Niemand spricht. Das Schweigen hält
bis heute. Mein Vater hat Tante Margit viel zu verdanken. Sie hat
ihm und seinen Eltern die Flucht ermöglicht, sie hat ihm das
Internat in St. Gallen bezahlt, später das Studium an der ETH, er
stand in ihrer Schuld, deshalb diese Höflichkeitsbesuche im Hotel
Dolder. Nie hätte er sie brüskiert, obwohl er litt, wenn er sie
besuchen musste. Nie hätte er ihr unangenehme Fragen gestellt. In
den Prozessakten steht: Am 15. Juli 1948 werden Stefan Beigelbeck und
Hildegard Stadler gemäss § 259/3 StPO einhellig freigesprochen. Der
Angeklagte Ludwig Groll wird zu acht Jahren schweren Kerkers, Josef
Muralter zu fünf Jahren und Eduard Nicka zu drei Jahren verurteilt.
Podezin und Oldenburg, die beiden mutmasslichen Haupttäter, sind auf
der Flucht. Es heisst, sie seien bei Gräfin Margit Batthyány-Thyssen
in der Schweiz, einquartiert in einer Wohnung oberhalb von
Lugano. Interpol Wien benachrichtigt die Luganeser Behörden per
Telegramm am 28. 08. 1948: «Es besteht die Gefahr, dass sich die
beiden nach Südamerika begeben. Bitte um Festnahme.» Die
Verhaftungsbefehle gegen die Flüchtigen werden am 30. 08. 1948 im
«Schweizer Polizeianzeiger», Seite 1643, Art. 16965,
ausgeschrieben. Doch da sind beide schon weg. In seinem
Schlusswort sagt Dr. Mayer-Maly, Staatsanwalt in Österreich, der das
Massaker in Rechnitz aufzuklären hatte: «Die wahren Mörder sind
noch nicht gefunden.»
Lieber
Pferde als Kinder
Tante
Margit war nicht bloss «reich». Sie war unendlich reich. Die
Thyssen-Familie, über die sie immer hergezogen sein soll, der
«verfaulte Keim», hat finanziell vom Zweiten Weltkrieg profitiert,
von der Kohle aus der Zeche Walsum, vom Stahl, von Bankgeschäften.
Margit hatte Häuser in der Schweiz, in Rechnitz und in Kanada sowie
das Appartement Le Mirabeau in Monte Carlo — wohl aus steuerlichen
Gründen —, auf dessen Terrasse ich als Kind durchs Fernrohr aufs
Meer und die Rennstrecke guckte. Wie viele reiche Deutsche mit nicht
ganz lupenreiner Vergangenheit besass auch sie eine Hazienda in
Uruguay mit 2800 Hektaren Land, und in Moçambique gehörte ihr das
Gut Mafroga, auf dem auch ein gewisser Günther-Hubertus von Reibnitz
verkehrte, ein Baron — und ein ehemaliges Mitglied der
Waffen-SS. Margit lebte ein Leben in Luxus. Sie hatte unzählige
Affären, ihr Mann Ivan wusste davon und erhielt für jede
Bettgeschichte seiner Frau, so sagt man sich, eine angemessene Summe,
um den Schein zu wahren. Denn eine Scheidung, die lag für Margit
nicht drin, sie war eine fromme Katholikin. Mehrmals im Jahr
unternahm sie grosse Reisen, sie liebte die Jagd und die
Jagdgesellschaften noch mehr und war dem Kir Royal nicht abgeneigt.
Doch am Allerglücklichsten war sie bei ihren Pferden. Margit war
Deutschlands erfolgreichste Pferdezüchterin, Nebos, ihr bester
Hengst im Stall, wurde 1980 Galopper des Jahres, berühmt für seinen
Antritt auf den letzten Metern. Zu Nebos hatte Margit ein innigeres
Verhältnis als zu ihren beiden Kindern Ivan, benannt nach dem Vater,
und Christoph, genannt Stoffi. Als ihr Sohn Ivan bei einem
Flugzeugabsturz von Wien nach Lugano ums Leben kam, vergoss sie keine
Träne, eine Anekdote, die in meiner Familie jährlich die Runde
machte. Margit kannte keine Mutterliebe — nie hat sie die beiden
umarmt. Aber sie war grosszügig. Nicht nur meinem Vater und
meinen Grosseltern, auch anderen Verwandten zahlte Tante Margit Geld.
Wenn sie in Wien war, speiste sie immer im Hotel Sacher, und viele
aus der Familie standen Schlange und machten sich Hoffnungen. Auch zu
ihrem Personal war sie spendabel. Ihrem Förster Klaus Gmeiner
sicherte sie eine Lebensanstellung. Der Gemeinde Rechnitz verschenkte
sie Waldland, das später zu Bauland wurde. Und ihre ehemaligen
Schlossangestellten erhielten Grundstücke, was Theresia Krausler,
die damalige Zofe, bestätigt. «Wir haben alle was gekriegt. Häuser.
Grund. Die Herrschaften haben uns alle beschenkt, niemand darf sich
beklagen. Ich habe noch ein Kleid der Gräfin Margit im Kasten, ein
Samtkostüm mit Mascherln.» Tante Margit machte aus Bauernmädchen
Landbesitzer, jahrzehntelang lebten sie ohne fliessendes Wasser,
plötzlich besassen sie ein kleines Stück Garten, eine Garage, ein
Galakostüm mit Mascherln — nie werden sie ihr das vergessen. Jedes
Jahr spendete «die Gräfin Margit» den Weihnachtsbaum auf dem
Rechnitzer Dorfplatz, «sie war eine Seele von Mensch», sagt Frau
Krausler mit Tränen in den Augen in ihrem Wohnzimmer ausserhalb des
Dorfes, eine Kuckucksuhr tickt an der Wand. «Der Hund ist
verrückt», sagt mein Vater am Telefon. «Er ist unzähmbar. Im Auto
springt er nach vorn und setzt sich auf meine Knie. Was macht dein
Artikel über Tante Margit?» Offenbar hat sich rumgesprochen,
dass ich über sie schreibe. Ich erhalte Anrufe von Verwandten, die
ich noch nie gesehen habe. Sie sagen: «Wozu alte Geister wecken?»
Sie finden, es würde mehr schaden als nützen. «Und was
antwortest du ihnen?» Ich antworte: Vergangenheitsbewältigung
ist nur möglich, wenn man immer wieder erzählt, was sich ereignet
hat. Dieser Satz stammt natürlich nicht von mir, es ist ein Zitat
von Hanna Arendt. Findest du auch, der Artikel bringe nichts? «Nein.
Aber ich zweifle daran, dass unsere Verwandten was wissen.» Darum
geht es ja. Niemand weiss was, weil niemand je gefragt hat. Ihr alle
wusstet von diesem Massaker, und ihr wusstet, dass Tante Margit dort
war. Aber ihr wart zu höflich, um zu fragen. Ihr wolltet es euch
nicht mit ihr verscherzen. «Warte.» Ich höre das Klicken eines
Feuerzeugs, es raschelt, der Hörer muss ihm aus der Hand gefallen
sein, dann wieder seine Stimme: «Bist du noch da?» Natürlich
bin ich noch da. Es ist das Geld, stimmts? Es hat euch alle stumm
gemacht. Tante Margit hat bezahlt, und deshalb hatte sie die Macht.
Sie entschied, worüber man spricht — und worüber man eben nicht
spricht. Ihr seid wie die Dorfbewohner von Rechnitz. Tante Margit
hatte euch, ohne es zu wollen, alle in der Hand.
Flucht
nach Südafrika
Nur
einmal wurde Margit von der Polizei zum Massaker verhört, so steht
es auch in ihrer Schweizer Staatsschutz-Fiche, Akteneintrag
C.2.16505. Am 07. 01. 1947 gab sie der Kriminalabteilung für
Vorarlberg in Feldkirch zu Protokoll: «Weder mein Gatte noch ich
haben das Fest je verlassen. Am folgenden Tag in der Früh ist mir
ein Wagen aufgefallen, der mit Kleidern beladen war. Es wurde mir
erzählt, dass in der Nacht Juden umgebracht worden seien, zirka zwei
Kilometer von unserem Schloss entfernt.» Im Verhör wird sie auch
auf Hans-Joachim Oldenburg angesprochen, einen der beiden
mutmasslichen Haupttäter: «Oldenburg hat sich die ganze Nacht auf
dem Schloss aufgehalten», sagt sie, «ich kann versichern, dass er
nichts mit der Sache zu tun hatte.» Sie schützt ihn, ihren
Geliebten, denn Oldenburg ist von Zeugen beim Massaker gesehen
worden. Ihrer Schwester Gaby schreibt sie in gedrängter Handschrift
am 11. 11. 1946: «Damit es nicht auffällt, habe ich mit Oldenburg
besprochen, dass er vorerst zwei Jahre nach Südamerika alleine geht.
Habe Visa für ihn in Aussicht, was sagst du dazu?» Zwei Jahre
später ein erneuter Brief an Gaby: «Oldenburg hat ein fabelhaftes
Angebot nach Argentinien zur grössten Molkereiwirtschaft. Im August
ist er dort.» Sie hat ihm zur Flucht verholfen, dem mutmasslichen
Massenmörder, Oldenburg kehrte erst in den Sechzigerjahren nach
Deutschland zurück, wo er sich in der Nähe von Düsseldorf
niederliess. Der andere Haupttäter, SS-Sturmscharführer Franz
Podezin, tauchte nach dem Krieg 1945 in der westlichen Besatzungszone
unter, wo er später als Agent in der DDR arbeitete. Auch er kehrte
zurück in den Westen und zog nach Kiel. Podezin, im Krieg ein
Nationalsozialist durch und durch, wer ihn erlebte, beschrieb ihn als
eisig und ungehobelt, lebte in Kiel ein ganz unauffälliges Leben als
Versicherungsangestellter. Auch ihm wird Tante Margit später zur
Flucht verhelfen. Als die Staatsanwaltschaft Dortmund 1963 doch
noch ein Verfahren wegen mehrfachen Mordes gegen Podezin eröffnet,
flieht er nach Dänemark und von dort unbehelligt in die Schweiz,
nach Basel, von wo er Margit und Oldenburg erpresst: Sie sollen ihm
für seine Flucht Geldmittel zur Verfügung stellen, andernfalls
werde er beide «durch den Schmutz ziehen». Absender: Hotel
Gotthard-Terminus, Basel, Centralbahnstrasse 13. Zuletzt gesehen
wurde Podezin in Johannesburg, Südafrika, wo er ganz offiziell bei
einem gewissen Herrn Josef Helmut Hansel in Untermiete stand, 74
Clifford Avenue, Limbro Park, unweit des Alexandra-Townships. Ich
rufe an. Natürlich ist das naiv, Podezin, Jahrgang 1911, wird
schon lange tot sein — und wenn er sich doch meldet? Was soll ich
ihn fragen? Wo ist das Massengrab? Was hat Tante Margit damit zu tun?
Es klingelt, lange passiert nichts, dann: «Hello?» Eine
Frauenstimme. «Ja, ich kannte Herrn Podezin, ein lieber Kerl,
sehr belesen», sagt Anette Wilkie auf Deutsch, die Tochter von Herrn
Hansel, bei dem Podezin lebte. «Er war sportlich und immer elegant
gekleidet, am Ende hatte er Hüftprobleme, der Arme, er hinkte.»
Podezin hatte einen Wohnwagen und viele Freunde an der Küste, er
arbeitete für eine Firma namens Hytec, hydraulische Geräte,
Ventile, Pumpen, die bei Baustellen zum Einsatz kommen, um Gruben
trockenzulegen. Gruben und Gräber — damit kannte sich Podezin
ja aus. Die Firma, für die er tätig war, Hytec, arbeitet heute
noch zusammen mit dem deutschen Unternehmen Thyssen-Krupp. Ob ihm
Tante Margit, die geborene Thyssen, in den Sechzigerjahren zur Flucht
verhalf und ihm auch noch einen Job vermittelte in Südafrika? Ob
Ivan und Margit ihn dort besuchten, schliesslich fuhren sie oft auf
Safari, ihr «Afrika-Zimmer» in ihrer Villa in Lugano war voll
gestopft mit Büffelhörnern und Elfenbein. «Herr Podezin
hinterliess eine Schachtel mit privaten Dingen», sagt Anette Wilkie
am Telefon, «ich habe sie aufbewahrt, falls jemand danach fragen
sollte. Einen Moment bitte.» Schritte. Stille. Wieder Schritte. «Es
sind Fotos aus seiner Zeit in Afrika und ein paar alte Kleider mit
dem Firmenemblem. Sonst nichts.» Podezin starb Mitte der
Neunzigerjahre, zu seiner Beerdigung, so Anette Wilkie, erschienen
drei, vier Freunde in Hansels Haus, alle mittlerweile tot, alles
Deutsche, die nach dem Krieg nach Südafrika auswanderten und sich
wöchentlich zum Kartenspielen trafen. Wahrscheinlich Skat.
Jüdische
Propaganda
Das
letzte Mal ins Burgenland fahre ich Ende Herbst. Es ist neblig, die
Häuser, die Felder, der Himmel, alles grau, die Weintrauben sind
längst geerntet. Ich fahre an ein Familientreffen. Tanten, Onkel,
Cousins, Menschen, die ich kaum kenne, wir sitzen an einen langen
Holztisch, das Massaker führt uns zusammen. Die meisten können
sich gut an Margit und Ivan erinnern, an ihre Reisen, an ihre Häuser,
an Margits Pferde und Ivans Eitelkeit, und je länger ich an diesem
Tisch sitze, desto wohler fühle ich mich. Die Art, wie sie reden,
ihre Witze, die alten Möbel, das Porzellan, das Silberdöschen mit
Zucker — alles vertraut. «Was in den Zeitungen steht, ist
Unsinn», behaupten die Älteren, auch Elfriede Jelineks Theaterstück
«Der Würgeengel», das von Rechnitz und Margit handelt, vermittle
ein falsches Bild. Margit habe mit dem Massaker nichts zu tun, «sie
war zwar unbeliebt und den Männern hörig», sexbesessen soll sie
gewesen sein — aber eine Mörderin? «Bestimmt nicht.» Und ich
nicke, wie alle nicken, und als jemand aus der Runde, ein älterer
Mann, der mich so nett begrüsste, obwohl wir uns nicht kannten, und
der so nett aussieht mit seinen weissen Haaren, über Juden spricht,
über jüdische Propaganda, da hören alle weg und tun so, als ob sie
ihn nicht verstünden. Auch ich bleibe stumm. Ich widerspreche ihm
auch nicht, als er sagt: «Vielleicht hat das Massaker gar nie
stattgefunden?» Wir trinken Schwarztee und essen belegte Brote
mit Schinken. Am Tisch diskutieren jetzt alle laut durcheinander,
über das Grab, über die Suche, die Jüngeren stellen Fragen, die
Älteren weichen aus. «Was bringt das alles?» — «Wozu?» —
«Was haben wir damit zu tun?» Kopfschütteln. Schweigen. «Will
noch jemand Tee?» Stille. «Über die Verbrechen an den Juden ist
schon genug geschrieben worden», verteidigt sich der alte Mann, «die
Verbrechen der Kommunisten waren genauso schlimm», und wieder hören
alle weg, niemand geht darauf ein, «die Jelinek ist auch eine Jüdin,
deshalb schreibt sie so einen Mist». Witze fallen, und alle lachen,
und auch ich lache, wie man halt lacht und nickt in Familien, zwei
Stunden später verabschieden wir uns. Wieder werde ich nett
umarmt, diese Menschen, diese Möbel, diese Tassen, alles so
vertraut, «gib Acht auf den Namen der Familie», sagt ein Onkel zu
mir, der den ganzen Abend still war, «du darfst ihn nicht
verschmähen». Fast zärtlich fasst er mich ans Kinn und legt seine
Hand an meine Wange, wie es mein Vater immer tut, erst später im
Auto fühle ich mich erbärmlich. Es gab viele Gründe, warum
niemand mit Tante Margit über das Massaker sprach: Verdrängung,
Faulheit, das Geld. Und Gleichgültigkeit. Weil es sich bei den
Toten «nur» um Juden handelt, ist dieses Verbrechen heute noch
vielen egal. Ich rufe meinen Vater an und frage ihn, ob er das nicht
auch glaube. «Nein, das glaube ich nicht.» Warum dann diese
Bemerkungen am Familientreffen über die Juden und über Jelinek? «Er
hat die Verbrechen der Nazis mit den Verbrechen der Kommunisten
verglichen. Das macht zwar wenig Sinn, ist aber legitim.» Mich
erinnert es an eine Begegnung mit einem älteren Herrn im Speisewagen
von Zürich nach Wien, mit dem ich lange über meinen Artikel
diskutierte. Er meinte, die Juden wären ja eh gestorben, ob im KZ
oder in diesem Massaker — oder vor Hunger. Bevor er in Salzburg
ausstieg, sagte er: Was spielt das für eine Rolle?, und er sah mich
ganz verdutzt an. «Wirst du den Familienbesuch in deinem Artikel
erwähnen?», fragt mich mein Vater, «das wird für böses Blut
sorgen.» Ich weiss noch nicht.
Wer
schweigt, wird schuldig
Ich
stehe vor Tante Margits Grab und versuche, mich an ihr Gesicht zu
erinnern, aber es gelingt mir nicht. Wind weht die letzten Blätter
von den Bäumen, es ist Mitte November, ein paar Sonnenstrahlen haben
sich durch den bedeckten Tessiner Himmel gekämpft — und für einen
kurzen Moment beginnt der Luganersee zu glitzern. Nach all den
Gesprächen bin ich mir sicher: Tante Margit hat nicht geschossen
in jener mondhellen Nacht am 24. März 1945. Sie hat keine Juden
ermordet, wie der englische Journalist David Litchfield und all die
Zeitungen behaupten. Es gibt keine Beweise. Es gibt keine
Zeugen. Tante Margit stand um Mitternacht nicht in der Kälte vor
dieser Grube, wo die nackten Frauen und Männer in einer Reihe
knieten. Sie lachte und tanzte im Schloss, als die ausgemergelten
Körper zusammensackten und in die Erde fielen, sie lachte und tanzte
mit den Mördern, als diese um drei Uhr morgens wieder aufs Schloss
zurückkamen, während draussen die ermordeten Juden wie Sardinen
aufeinandergestapelt wurden in einer Grube, irgendwo in Rechnitz. Und
während die 180 Leichen verwesten, fuhr Tante Margit alljährlich
mit einem Kreuzschiff durch die sommerblaue Ägäis, trank Kir Royal
in Monte Carlo und jagte Rehe in den Herbstwäldern des
Burgenlands. Tante Margit genoss den Rest ihres langen Lebens,
obwohl sie alles über das Massaker gewusst hat. Verfaulter Keim.
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