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Über den Zweifel
Ein Reporter besucht einen alten Mann.
Es könnte ein angenehmer Besuch sein: Der Mann ist höflich, vielseitig gebildet, ein „epochaler Pädagoge“ und „großer Intellektueller“ der Bundesrepublik, wie es im Text später heißen wird. Er bietet Sekt an zur Begrüßung und Stunden danach kocht er Hühnersuppe. Er macht es sich und dem Reporter schön.
Doch es geht um nichts Schönes. Der Lebensgefährte des alten Mannes steht im Verdacht, als Rektor eines berühmten Internates jahrelang Kinder missbraucht und den Missbrauch anderer gedeckt zu haben. Der Reporter der Süddeutschen ist der einzige, mit dem Hartmut von Hentig spricht.
Der Reporter schildert nun: Den Besuch. Das Ringen um das Thema und das Verleugnen. Die Qual des alten Mannes angesichts der Vorwürfe gegen seinen Freund. Drei Stunden lang rechtfertigt er sich, bemüht Antike und Gegenwart, um nicht sehen zu müssen, was anderen längst offensichtlich ist. Er preist seinen Freund. Er weint : „Er ist blind vor Liebe und Loyalität“, schreibt Tanjev Schultz.
Doch er spricht nicht nur von dem alten Mann. Er spricht von sich. Von seiner Verstörung angesichts des Gesprächs. Seiner Enttäuschung über den Starrsinn des berühmten Mannes, den er bewundert. „Der Gast“, schreibt er, „hat das Gefühl selbst einen Missbrauch zu begehen, einen Missbrauch des Vertrauens und der Hoffnung, die Hentig in ihn setzt.“
Es ist leicht, andere zu entblößen. Es ist schon schwerer, diesen Vertrauens-Missbrauch als notwendigen Teil einer Recherche anzusehen. Es bedarf guter Gründe, ihn zu begehen. Es ist selbstentblößend ehrlich, darüber zu schreiben. Das macht diesen Text von Tanjev Schultz so besonders: Er beschreibt den Zweifel des Reporters.
Als das Gespräch vorbei ist, heißt es über den Reporter: „Wieder verspürt er den Wunsch, alles schnell zu vergessen oder wenigstens zu schweigen. Aber geschwiegen wurde schon zu lange.“
Silke Lambeck
Tanjev Schultz
Der Besucher wird ins Wohnzimmer gebeten, er darf auf einem dunklen Ledersofa Platz nehmen. Links neben ihm sitzt der Gastgeber und schenkt ein Glas Sekt ein. Der Gastgeber ist Hartmut von Hentig, Deutschlands berühmtester Pädagoge, Vorbild und Idol für Generationen von Lehrern. Hentig wird in diesem Jahr 85 Jahre alt, sein Leben hat er der Bildung verschrieben. Hentigs Kampf für eine Schule, die Kinder nicht verletzt, sondern ihnen guttut, sein Plädoyer für eine echte "Lebensschule", hat ihn zum Star gemacht in seiner Zunft.
Hätte Hentig nicht Besuch von einem Journalisten, könnte Gerold Becker neben ihm sitzen. Sie würden zu dieser Zeit einen Cognac trinken und die Nachrichten schauen. So machen sie es seit Jahren. An der Wand hinter dem Sofa führt mitten in Hentigs Zimmer eine Treppe direkt in Beckers Wohnung. Sie leben hier gemeinsam unter den hohen Decken eines Berliner Altbaus am Kudamm.
Es ist nicht mehr nur "mein Leben", schreibt Hentig in seiner Autobiographie. Es ist "unser Leben". Hentig und Gerold Becker sind unzertrennlich.
Es ist kurz vor sieben Uhr am Abend, gleich beginnen im ZDF die Nachrichten, wieder wird über sexuellen Missbrauch berichtet. Ein Bild der Odenwaldschule wird auf dem Bildschirm erscheinen. Dort ist ans Licht gekommen, dass in den siebziger und achtziger Jahren offenbar Dutzende Schüler von ihren Lehrern missbraucht worden sind. Täglich werden es mehr, die sich melden. Wenn sie über die Täter sprechen, fällt immer wieder ein Name: Gerold Becker.
© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von Süddeutsche Zeitung Content. Zurück |
Chriss, 13.09.2010, 18:38 Uhr:
Diese Reportage wird in die Geschichte des Jounalismus eingehen. Er beschreibt einen tragischen Konflikt. Der Journalist muss illoyal werden, illoyal demjenigen gegenüber, dem er als einziger von vielen anderen empfohlen wurde oder dem gegenüber, was er als Journalist spürt und sieht. Er ringt mit sich und entscheidet sich, zu berichten, was er hört und sieht.
Und offenbart eine Pädagogik - es geht ja um den Vorwurf des Kindesmissbrauchs - die sich selbst im Kind spiegelt, die eigene Affekte in das Kind projiziert und das Kind dabei aus dem Blick verliert.
Dieser Artikel bildete den Wendepunkt in der Diskussion um den sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule.
Die Ambivalenz und Verlorenheit des Autors, den Wunsch, was er erkennt, möge nicht so sein, spiegelt zugleich die Situation des Missbrauchs.
Brilliant.
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