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29.08.16

Autoren-Interview

Michael Ohnewald „Man muss nicht immer nur den Krokussen auf der Wiese beim Wachsen zugucken

Im Jahr 2002 betrat Michael Ohnewald journalistisches Neuland und startete mit Kollegen bei der Stuttgarter Zeitung eine tägliche regionale Reportageseite. Anfangs war das Experiment in der Redaktion heftig umstritten. Dann brachte eine Reportage über eine renitente Flughafengegnerin den Theodor-Wolff-Preis – und aus dem Versuchslabor wurde das Aushängeschild der Zeitung. Bis heute wurde die Regionalreportage-Seite mit knapp dreißig Preisen bedacht. Ohnewald steuert für die Seite jedes Jahr rund fünfzig Reportagen bei und recherchiert dafür auch mal in Schanghai oder Florida. Über drei Geschichten, die das Wesen der Lokalreportage besonders deutlich machen, spricht er im Reporterforum-Interview.

Das Interview führte Markus Wanzeck. Wanzeck, Jahrgang 1979, arbeitet im Berliner Büro des Reporter-Netzwerks Textsalon www.text-salon.de. Er ist Absolvent der Zeitenspiegel-Reportageschule Günter Dahl. Davor hat er Philosophie in München und Sydney studiert.

Lieber Herr Ohnewald, in der Stuttgarter Zeitung erscheint täglich eine ganzseitige Regionalreportage, sechs Tage die Woche. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Am Anfang stand ein Problem, das viele Zeitungen im Ballungsraum haben: Stadtflucht. Die Leute ziehen raus in den Speckgürtel, wo es billiger ist. Diesen Menschen wollten wir mehr bieten. Die sollten nicht die Lokalzeitung lesen, sondern ihre Stuttgarter Zeitung mitnehmen. So kam 2002 der Gedanke auf, eine Seite zu machen, die frei ist von Tagesaktualität. Anfangs waren drei, vier Stücke darauf. Dann wurden wir mutiger, haben es reduziert auf zwei Stücke, später auf ein einziges großes. Wir haben einen festen Platz gefordert und bekommen. Und was uns auch wichtig war: Immer in Farbe! Immer anzeigenfrei! Dafür haben bei uns viele gekämpft – ich war einer davon.

Wie gelang es Ihnen, diese Luxus-Seite durchzusetzen?

Es gab anfangs durchaus Murren in der Redaktion. Was die machen, passt doch in unsere Zeitung gar nicht rein, hieß es. Die machen immer so einen besonderen Umbruch! Die machen statt 12-Punkt- einfach 20-Punkt-Überschriften! Und der Bildschnitt – der fällt doch aus dem Rahmen! Wir wurden in manchen Konferenzen regelrecht abgewatscht. Dann kamen die ersten Preise. Dadurch hatten wir in der Redaktion irgendwann ein gewisses Standing. Wir konnten unsere ungewöhnlichen Ansätze verteidigen. Inzwischen hat die Regionalreportage-Seite 27 Auszeichnungen bekommen, für Texte, fürs Layout, fürs Gesamtkonzept. Auch vonseiten der Leser gibt es unheimlich viele Reaktionen. In Briefen. Oder bei unseren Leser-Gesprächsrunden. Die Seite ist nicht mehr aus dem Blatt wegzudenken.

Seit wann gibt es eine tägliche ganzseitige Reportage?

Im Jahr 2005 hat sie einen festen Platz bekommen, davor vagabundierte sie durchs Blatt. Seitdem ist die letzte Seite des lokalen Buchs für die Reportageseite reserviert. Ab da sind wir durchgestartet. Eine große Hilfe dabei war mein Ressortleiter Thomas Durchdenwald. Der hat uns immer rausgehauen in den Konferenzen. Ich selbst gehe da nicht oft hin. I bin kein Konferenzhansel. I schaff’ lieber draußen als Reporter.

Diese Reportage, für die Sie 2003 ausgezeichnet wurden, handelt davon, wie eng die Vergangenheit des Stuttgarter Flughafens und einer schwäbischen Bäuerin miteinander verflochten sind: durch einen lebenslangen Widerstreit von machtvoller Moderne und sturer Traditionsverhaftetheit. Was ist die Vorgeschichte dieser Geschichte?

Zuerst war da das Thema, das damals monatelang um uns kreiste: Der Expansionsdrang des Flughafens und einer gewaltigen Messe, die auf den Fildern, den besten Böden weit und breit, entstehen sollte. Dagegen gab es heftigen Widerstand bei den Anwohnern – der klassische Konflikt. Dem wollte ich ein Gesicht geben. Ich kannte eine Frau aus der Widerstandsbewegung, die mir ein paar potentielle Protagonisten nannte. Ich hab mich dann gleich in diese alte Bäuerin, Margot Hörz, verliebt – ich glaube, das kann man sagen, bei einer 70-jährigen Frau. Die war hochbetagt, hat sich trotzdem krumm g’schafft, noch ganz allein einen Hof geführt. Allerdings hatte sie zunächst überhaupt kein Interesse an der Sache. Sie sagte, sie müsse so viel arbeiten, sie habe fürs Schwätzen keine Zeit. Damit sie überhaupt ein Interview mit mir führt, musste die Frau von der Widerstandsbewegung erst einmal zwei Stunden mit der Bäuerin auf dem Feld arbeiten.

Wie oft, wie lange haben Sie mit der Bäuerin Margot Hörz gesprochen?

Ich hab mit der Bäuerin vielleicht vier Stunden gesprochen. Das klingt wenig. Ich glaube aber, dass in der Vorbereitung der Zauber liegt. Ich hab mich gründlich vorbereitet auf dieses Gespräch. Mal kurz bei Wikipedia nachschauen – davon halt ich nix. Für das Interview hab ich mir einen ganz konkreten Gesprächsfaden geschrieben. Ich gehe fast immer in ein Gespräch mit einer Idee, wie ich die Zeit, die ich habe, ausnutzen kann. Und in neunzig Prozent der Fälle kann ich das Gespräch genau so führen, wie ich mir das vorgestellt habe.

Die Zitate der Bäuerin geben Sie größtenteils im Wortsinne im O-Ton wieder: in breitem schwäbischen Dialekt. Warum?

Das mache ich selten. Aber in diesem Fall war’s so, dass die Bäuerin anders nicht denkbar ist. Ich wollte sie möglichst authentisch darstellen. So hab ich zwar auf einige Zitate verzichten müssen, die keiner verstanden hätte. Die verbliebenen hab ich dafür aber so gelassen, wie sie waren.

Dennoch taucht im Text ein Wort wie „Äbbiraglauba“ auf, das womöglich nicht jeder Leser versteht.

Da war ich Lokalpatriot, das geb ich gern zu. Ich finde, es gibt wunderschöne Dialektworte, die in Vergessenheit geraten. Es gibt eine alte schwäbische Nationalspeise, „Äbbiraschnitz ond Spätzle“. Kartoffelstücke und Spätzle in einer Suppe, würde man hochdeutsch sagen. „Äbbiraglauba“ heißt „Kartoffelernten“. Aber die Bäuerin erntet die ja nicht mit einer Riesenmaschine. Die macht das von Hand. Sie greift in die Erde rein – klaubt da rein. Das ist auch ein schönes Bild dafür, wie verwurzelt die Frau mit ihrer Arbeit ist.

Sie benutzen Formulierungen wie „seit es ihr denkt“ oder „sich alterieren“. Haben Sie sich beim Schreiben ein Stück weit die Sprache der Bäuerin zueigen gemacht?

Nicht nur die Sprache. Ich habe auch versucht, mich in die Gedankenwelt dieser Frau hineinzufühlen. Ich finde, wenn man den Versuch unternimmt, jemanden so zu porträtieren, wie er wirklich ist, dann muss man das tun.

Entwerfen Sie Ihre Reportagen am Reißbrett oder schreiben Sie intuitiv drauf los und schauen, wohin der Schreibfluss Sie spült?

Ich kann gut nachvollziehen, wie Cordt Schnibben das beschreibt: Nach Lesart des geschätzten Kollegen gibt es den Fliesenleger, der jedes Mosaiksteinchen mit Bedacht setzt. Und es gibt den Impulsschreiber. Ich würde mich als Impulsschreiber bezeichnen, der Hobbyfliesenleger ist. Dadurch, dass wir eine sehr überschaubare Reportertruppe sind, ist es schon so, dass ich mir beim Schreiben nicht ewig Zeit lassen kann. Ich überlege mir deshalb bereits in der Vorbereitung: Wo liegt eigentlich der Kern meines Stücks? Spätestens auf der Rückfahrt von einem Termin ist mir in der Regel klar, um welchen Aspekt herum ich die Geschichte zimmern werde. Wenn es dann ans Schreiben geht, schotte ich mich ganz ab und postiere meine Notizen wild um mich herum, manchmal auch die Bilder, die der Fotograf gemacht hat. Ich versuche, die Menschen, um die es geht, ganz dicht vor mir zu haben. Ich muss das Gefühl haben, i schmeck’ die, wie man in Schwaben sagt. Früh morgens kann ich am besten schreiben. Spätestens um halbacht, acht sitze ich am Schreibtisch.

Wie viel Recherchezeit haben Sie in das Porträt der Bäuerin gesteckt? Und wie viel Schreibzeit?

Die Recherchezeit lässt sich schlecht beziffern, weil ich monatelang ohnehin immer wieder mit diesem Thema zu tun hatte – ich hatte mit Landwirten gesprochen, mit der Landesregierung, mit Juristen. Insofern war ich da schon ganz gut gesattelt. Davon abgesehen habe ich mich für das Gespräch wohl um die zwei Stunden vorbereitet. Die Schreibzeit war ein Tag.

Ist dieser Zeitaufwand typisch für Ihre Reportagen oder ein Ausreißer?

Das ist tatsächlich ziemlich normal. Meine beiden Redaktionskollegen Robin Szuttor, Frank Buchmeier und ich schreiben fünfzig Prozent der Reportagen auf unserer Seite selbst – und das mit 2,8 Stellen. Unter einer ganzseitigen Reportage pro Woche geht keiner von uns nach Hause. Dazu kommt noch Organisation, Absprachen mit Fotografen, Redigieren. Die andere Hälfte der Texte kommt von Kollegen aus anderen Ressorts oder freien Mitarbeitern. Vor diesem Hintergrund können wir nicht zwei Wochen an einer Reportage arbeiten. Wir haben schon einen gewissen Druck, auf dieser Reportageseite auch zum Ende zu kommen, sind in gewisser Weise Getriebene. Manchmal kommt auch ein wenig Sorge auf, wie man die Seite sechs Tage die Woche füllen kann. Das heißt aber nicht, dass man alle journalistischen Regeln außer Kraft setzen muss. Wir haben relativ kurze Wege. Strukturen, die nicht zwanzig Mal am Tag Diskussionen nötig machen.

Auch in Ihrem Porträt „Die harte Landung“ haben Sie sehr viel in einer einzigen Szene komprimiert. Sie sitzen mit dem Bundestagsabgeordneten und früheren Reck-Weltmeister Eberhard Gienger in einer Gaststätte. Bei Linsen und Spätzle breitet er sein Leben vor Ihnen aus, erzählt sogar von Selbstmordabsichten, die er einmal hegte. Ist das ein realistisches Setting? Oder haben Sie alles, was es an Vorrecherche und Vorgesprächen gab, literarisch schmackhaft in der Mahlzeitszene vereint?

Das war im Prinzip schon so wie in dem Text beschrieben, ein Gespräch beim Essen. Allerdings muss man dazu sagen: Das ist eine etwas spezielle Geschichte – aber eigentlich auch wieder typisch dafür, wie man als Lokalreporter arbeitet. Denn ich hab bei vielen Geschichten auch noch lange nach der Veröffentlichung Kontakt mit den Leuten. Ich lehne es ab, zu sagen: Ich hab euch mit einem Artikel ausgespuckt, und jetzt will ich nichts mehr von euch wissen. Es gibt viele ehemalige Protagonisten, die immer mal wieder anrufen. Diesen Kontakt aufrecht zu halten, ist mir wichtig. Das ist im übrigen nicht nur eine menschliche Geste, sondern auch ein journalistisches Gebot. Die Leute erzählen dir ja immer wieder was. Das ist auch ein Netzwerk.

Das Gienger-Porträt ist also auch eine Folge eines alten Kontaktes?

Ja, die Vorgeschichte dazu begann schon einige Jahre früher, im Herbst 2003. Damals war das Vertrauen in die Politik wegen verschiedener Affären erschüttert. Ich wollte damals eine Reportage über die Verlässlichkeit der Politiker machen. Die Idee war: Ein kontrollierter Absturz aus 3000 Metern Höhe mit dem Bundestagsabgeordneten Eberhard Gienger, einem leidenschaftlichen Fallschirmspringer. Ein Tandemsprung mit ihm sollte zeigen, wie verlässlich Politiker noch sind. Seit diesem Flug duzen wir uns. Das tue ich eigentlich nie mit Leuten, über die ich schreibe. Da bin ich vom alten Schlag. Aber als wir in dem schwindsüchtigen, ruckelnden Flugzeug saßen und Gienger plötzlich vorpreschte, „Hallo, ich bin der Eberhard – ab 2000 Meter bin ich mit jedem per Du.“ Da hab ich ihm ohne zu zögern die Hand hingestreckt: „Ich bin der Michael.“ So viel zu meiner Standfestigkeit in Momenten größter Not! Ich hatte die Hose so gestrichen voll – was sich dann auch im Titel des Textes widerspiegelte: „Lieber Gott im nahen Himmel, lass die Politik jetzt nicht versagen!“ Durch dieses gemeinsame Erlebnis herrschte bei dem Gespräch in der Gaststätte von Anfang an eine Atmosphäre der Vertrautheit zwischen uns, die es sonst in diesen zweieinhalb Stunden nicht gegeben hätte.

Wie ernst ihm das mit dem „finalen Fallschirmsprung“ – einem Sprung ohne das Ziehen der Reißleine – war, habe nicht einmal Giengers Ehefrau gewusst, heißt es in dem Text. Hat sie das erst aus der Zeitung erfahren?

Ich weiß es nicht. Es gibt für einen Reporter einen Punkt, an dem er sich verabschieden sollte. Dieser ist so einer. Eberhard Gienger hat sich nach der Veröffentlichung bei mir gemeldet und gesagt, seine Frau lasse mich herzlich grüßen. Sie fand das Stück gelungen, die Offenheit ihres Mannes mutig. Für seine Verhältnisse hat sich Gienger in einer Weise geöffnet, die schon besonders war. Er ist in Gefühlssachen eigentlich sehr unnahbar. Es ist einfach nicht seine Welt, über Emotionen zu sprechen. Insofern war sein Bekenntnis bei Linsen und Spätzle auch für mich überraschend.

Wie gelingt einem das als Reporter: Diese ungewöhnliche Offenheit, dieses Vertrauensverhältnis herzustellen?

Das hat, glaube ich, vor allem mit Ehrlichkeit zu tun. Es gibt da diesen einsamen Moment, in dem der Mensch, über den du schreibst, mit der Zeitung, für die du schreibst, am Tisch sitzt und das liest. Das ist etwas, was man sich immer wieder vor Augen halten muss: diesen Moment. Ich versuche schon, die Menschen in meinen Reportagen abzubilden, wie sie wirklich sind. Aber ich denke auch daran, dass diese Menschen mit dem dort präsentierten Bild leben müssen. Das heißt, dass ich Menschen, die noch nie mit Medien zu tun hatten, offen sage, was so eine Veröffentlichung bewirken kann. Und wenn ich ein Gespräch führe, hake ich nach, wenn ich das Gefühl habe, dass das eben Gehörte ein Bombensatz war: Habe ich Sie da jetzt richtig verstanden? Ich gebe meinen Gesprächspartnern noch mal die Chance, das zu korrigieren. Ich möchte die nicht über den Tisch ziehen, an dem wir sitzen. Ich möchte ja nicht nur Berufskarriere machen, sondern auch Lebenskarriere. Das ist bei Journalisten, die sich auf der Bühne der großen Politik bewegen, vielleicht manchmal anders. Wenn da jemand etwas Heikles sagt, hat man als Reporter eher den Wettbewerbsdruck, das auch zu schreiben. Diesen Wissensvorsprung auszunutzen. Alexander Osang nennt das sehr passend den „Moment des Verrats“. Für mich ist klar, dass ich die Leute nicht verrate.

Ihr Stück „Die Frau aus der Cafeteria“ ist denkbar weit weg von jener großen Bühne. Der Text ist gewissermaßen Lokalstjournalismus: Sie schreiben darin über ein Thema, das nicht vor der Haustür liegt, sondern noch diesseits der Türschwelle. Wie kam es dazu?

Ich bin ein Mensch, der sehr ritualisiert lebt. Jemand, den ich einmal porträtiert habe, Pater Anselm Grün, hat mir da die Augen geöffnet. Er sagte: Der Mensch braucht Rituale. Seitdem gehe ich jeden Tag eine halbe Stunde im Wald spazieren. Ein anderes Ritual – das man mir inzwischen auch ansieht – ist, dass ich jeden Nachmittag ziemlich genau um drei Uhr runter in die Verlagscafeteria gehe und einen Kuchen esse. Dort hab ich an der Kasse immer dieselbe Verkäuferin getroffen. Einen dieser wunderbaren Menschen, die einem den Alltag bereichern. Eines Tages war die Frau nicht mehr da. Ich fragte die Kollegen, wo sie sei. Sie sagten mir, dass sie gestorben ist. Das hat an mir genagt. Da war dieses Gefühl: Herrgott, warum hasch ihr des nie gsagt, dass de se so klasse findsch? So kam der Entschluss, über die Frau zu schreiben – und allgemeiner über die guten Geister des Alltags. Die einem eigentlich viel bedeuten. Denen man das aber nie sagt.

War das eine schwierige Geschichte für Sie – gerade, weil Sie so nahe dran waren?

Das war eher aus einem anderen Grund eine schwierige Geschichte: Der Kollege aus dem Politikressort schreibt über Angela Merkel und muss sich auf hundert Zeilen beschränken. Und dann kommt der Ohnewald daher und macht dreihundert Zeilen über die Frau aus der Cafeteria, die vor dem Weltlauf keine Bedeutung hat. Das führt manches Mal zu Diskussionen in der Redaktion. Ich versuch mich zwar davon freizumachen, doch das gelingt nicht immer.

Warum sind Sie Lokalreporter geworden und geblieben?

Das hat sich so ergeben. Ich hab im Lokalen fast jede Ecke erkundet, lange Zeit hab ich zum Beispiel über Kommunalpolitik geschrieben. In das Reportage-Genre bin ich schließlich reingerutscht, weil ich gerne Geschichten erzählen wollte. Der Lokalreportage treu geblieben bin ich, weil ich glaube, dass da, im Kleinen, unheimlich viele Geschichten liegen, die oft im Großen gar nicht gesehen werden. Dazu kommt das Privileg, das ich im Regionalreportage-Ressort genieße: Die schon genannten kurzen Wege. Ich glaube, es wäre für mich ermüdend, wenn ich jeden Artikel mit vier Kollegen besprechen müsste. Ich weiß: Der Artikel kommt so, wie ich ihn geschrieben habe, ins Blatt. Bei den Reportagen von Kollegen anderer Blätter, etwa beim SPIEGEL, hat man manchmal das Gefühl, da wurde vor der Veröffentlichung noch so ein bisschen Soße drübergekippt. Die Haussoße. Das passiert mir nicht.

Sie haben neben Ihrer Arbeit als Lokaljournalist vier Jahre lang Kommunikationswissenschaften in Berlin studiert. Wäre Berlin ein Ort, den Sie zu Ihrer Heimat und Ihrem Arbeitsort machen könnten?

Also, das ist eine schwierige Kiste. Man soll nie nie sagen, und neuerdings bin ich viel offener für Neues als früher. Aber ich bin schon auch sehr verwurzelt hier in Stuttgart. Das hat mich manchmal gehemmt. Manchmal auch gestärkt. Denn ich ziehe sehr viel Kraft aus der Familie, und die ist eben hier daheim. Dazu kommt: Hier kenn i d’ Leut’. Hier muss ich nicht mehr nach dem Weg fragen. Diese Vertrautheit brauche ich, dann fühle ich mich wohl. Dann bin bei mir. Und kann mir diese Schwingungen bewahren, die für einen Reporter so wichtig sind: die dazu führen, dass man dem einen oder anderen nahe kommt.

Mit der Reportageserie „Eine Familie in China“ haben Sie bewiesen, dass man schwäbischen Lokaljournalismus auch in Ostasien praktizieren kann – „Spätzle süß-sauer“ lautet die Überschrift eines der Stücke. Wie kam es zu diesem Projekt?

Das ist das Los des Lokalreporters: Dem fliegen die Themen ins Haus. Die Mitschülerin meiner Tochter erzählte irgendwann, sie würde mit ihrer Familie nach Schanghai ziehen. Das fand ich spannend. Ich fragte die Familie, ob ich sie bei ihren Auswanderungsvorbereitungen begleiten dürfe, von den frühen Anfängen bis hin zur Ankunft im neuen Land.

War Ihre Redaktion leicht von der Idee zu überzeugen, einen ins Tagesgeschäft integrierten Lokalreporter für eine Geschichte ans andere Ende der Welt zu schicken?

Als ich das vorgeschlagen hab, fielen natürlich die zwei Worte, die in Schwaben weit verbreitet sind: Was koschts? Ich habe geantwortet: Das kostet auf jeden Fall eine Woche für den Ohnewald und eine Woche für den Fotografen. Es ging eine Weile hin und her, aber letztlich haben sie uns ziehen lassen. Unter einer Bedingung: Wenigstens in China selbst muss die Recherche günstig sein. Wir durften schließlich bei der Familie, die wir für die Reportage begleitet haben, übernachten. Das war ein Segen, weil wir auf diese Weise sehr nah dran waren. Aber – das darf man eigentlich gar nicht laut sagen – die ursprüngliche Motivation war, dass wir sparen mussten. So ist das bei einem schwäbischen Zeitungshaus.

Trotzdem ist so eine Recherchereise für einen Lokaljournalisten ja nicht selbstverständlich.

Die Arbeitsbedingungen sind in unserer Regionalreportage-Redaktion natürlich außergewöhnlich. Ich hab auch mal für eine Serie ein Mädchen zur Delphintherapie nach Florida begleiten können. Aber es ist ja auch nicht so, dass man als Lokalreporter immer nur den Krokussen auf der Wiese beim Wachsen zugucken muss.

In vielen Redaktionen fehlt aber inzwischen die Zeit, rauszugehen. Zu recherchieren. Zu reflektieren.

Das stimmt. Leider denkt die Branche im Moment mehr in Umsatz als im Grundsatz. Aus vormals renommierten Blättern werden schlichte Benutzeroberflächen – vielseitig, aber eben oft austauschbar und profillos. Es wird an der Handschrift derer gespart, die so eine Zeitung ausmachen. Dem muss man einen Qualitätsaspekt entgegensetzen: Gut recherchierte, gut geschriebene Geschichten, die unverwechselbar sind. Und das ist nicht nur bei den Kollegen an der Brandstwiete in Hamburg möglich. Sondern auch im Lokalen. Das lass ich mir von keinem ausreden.

Interview: Markus Wanzeck

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Michael Ohnewald


Michael Ohnewald ist Leitender Redakteur der Stuttgarter Zeitung, zuständig für Reportagen. Nach dem Studium der Kommunikationswissenschaften an der Freien Universität Berlin arbeitete er zunächst für die Backnanger Kreiszeitung. 1995 wechselte er als Redakteur zur Stuttgarter Zeitung. Dort ist er als Leitender Redakteur verantwortlich für die lokale Reportageseite des Blatts. Er schreibt vor allem Porträts, Serien und Reportagen. Für seine Beiträge in der Stuttgarter Zeitung ist der 43-jägrige Journalist und Buchautor mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Theodor-Wolff-Preis, dem Konrad-Adenauer-Preis, dem Wächterpreis der Tagespresse und dem Robert-Bosch-Preis. Michael Ohnewald ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Ludwigsburg.
Dokumente
Die alte Bäuerin von Bernhausen trotzt den Zeitläufen (pdf)
Die Frau aus der Cafeteria (PDF)
Die harte Landung (PDF)

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 05.03.2010

 

Kommentare

Dayanara, 25.04.2016, 06:00 Uhr:

Sales de trabajar. Son las 3 de la tarde y aún queda una hora para llegar a casa a comer. Entonces llegas al coche, la ves… y se te hace la boca agua. Piensas guardarla porque da pena comérsela, pero tu estómago puede más que tu cabeza y al final acabas deiioándola.¡Exquvsrta!

Conyers, 22.01.2014, 21:25 Uhr:

What a great rerocsue this text is.

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