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Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.
Christoph Cadenbach / Gabriela Herpell
Es
ist nur ein Moment, ein paar Sekunden vielleicht, in denen Alexandra
S. ihr Leben entgleitet: Weil Christopher schreit, hebt sie ihn aus
dem Reisebettchen. Dann schüttelt sie den Jungen. Zwei Mal.
Christophers Kopf fliegt vor und zurück. Der Staatsanwalt im
Münchner Landgericht demonstriert noch einmal die Armbewegung. Vor
und zurück, "ruckartig und heftig". Dann sagt er: "Frau
S., das Opfer war Ihnen völlig schutz- und wehrlos ausgeliefert.
Würde man diesen Fall auf einen Erwachsenen übertragen, müsste ein
vier Meter großer Riese einen Erwachsenen schütteln." Am Ende
seines Plädoyers fordert der Staatsanwalt sechs Jahre Haft.
Alexandra
S., Tagesmutter von Beruf, zwei eigene Töchter, alleinerziehend,
steht regungslos da. Das dunkle Haar ist ihr seitlich ins Gesicht
gefallen, ihre Augen starren, ohne etwas zu fixieren. Sie habe ein
"ordentliches Leben" geführt und sei mit den anderen
Kindern immer "vorbildlich umgegangen", argumentiert ihr
Verteidiger. Auch habe sie sofort gestanden, den 14 Monate alten
Jungen geschüttelt zu haben. Dann führen zwei Beamte Alexandra S.
aus dem Saal. Morgen wird sie noch einmal hier stehen. Morgen werden
auch die Eltern des toten Christopher da sein, Natalie und Josef
Karl, um das Urteil des Richters zu hören.
September
2008
Die
Karls
Warm
liegt der Spätsommer an diesem Morgen über der Stadt, 25 Grad
sollen es werden, ein schöner Tag für den Start in ein neues Leben.
Natalie Karl wartet auf die Trambahn. Sie hat ein gutes Gefühl. Die
Tagesmutter klang freundlich am Telefon. Nicht so "schroff"
wie die anderen, die sie gar nicht erst ausreden ließen, sondern
gleich sagten, sie hätten keinen Platz mehr frei. Seit Monaten hören
Natalie und ihr Mann Josef nun diesen Satz. Bei elf Kinderkrippen
haben sie gefragt, elf Absagen kassiert. Einige Erzieherinnen lachten
sie regelrecht aus, dass sie sich erst jetzt, als Christopher schon
auf der Welt war, um einen Platz bewarben. Doch nach über einem Jahr
zu Hause möchte die 30-jährige Übersetzerin wieder unter Menschen
kommen und Geld verdienen. In ihrer Wohnung in München-Harlaching
ist kein Platz für ein Kinderzimmer, die Karls wollen vielleicht
eine Eigentumswohnung kaufen, weiterhin in den Urlaub fahren. Ein
Einkommen reicht dafür nicht aus.
Josef,
34, arbeitet seit zehn Jahren als Diplomdesigner für einen Münchner
Verlag. Er gestaltet Glückwunschkarten, auf einer sind Babyfüße zu
sehen, Christophers Füße. Jeden Tag hat Josef ein Bild von seinem
Sohn gemacht und die Fotos in einem Buch gesammelt. "Christopher
war der Mittelpunkt unseres Lebens", sagt Josef, "wir
wollten ihm alles bieten, perfekte Eltern sein." An der
Haltestelle "Ostfriedhof" steigt Natalie aus der Trambahn.
Das Jugendamt hatte ihnen erklärt, dass es in München nur für
jedes vierte Kleinkind einen Betreuungsplatz gibt. Krippen seien am
gefragtesten, sie sollten es bei einer Tagesmutter probieren. Die
erste Zusage erhielten sie von Alexandra S., heute will Natalie sie
kennenlernen. Vor ein paar Tagen war sie schon einmal in der Gegend,
zusammen mit Josef und seinen Eltern. Sie wollten das Grab von
Rudolph Moshammer besuchen. Während sie über den Ostfriedhof
schlenderten, redete Josefs Vater über Leben und Tod und dass er mit
seinen 71 Jahren wohl der Nächste sein werde, "der zur Ruhe
kommt". Niemand konnte sich vorstellen, dass sie in vier Wochen
den Jüngsten, Christopher, hier beerdigen müssten.
Alexandra
S.
Alexandra
zeigt Natalie ihre Wohnung. Im Zimmer ihrer jüngeren Tochter Mayra
sitzen schon die anderen beiden Pflegekinder um einen kleinen
Holztisch herum und essen Birnenschnitze, in der Küche riecht es
bereits nach Mittagessen. Alexandra kocht immer morgens, damit sie
möglichst viel Zeit mit den Kindern auf dem Spielplatz verbringen
kann, erklärt sie Natalie. Mittags kämen sie dann schön hungrig
und müde zurück und schliefen nach dem Essen auf kleinen Matratzen.
Außerdem gebe es noch ein Reisebettchen, darin könne Christopher
schlafen, weil er der Kleinste sei. Alexandra kennt die Sorgen der
Eltern, wenn sie ihr Kind das erste Mal in fremde Obhut geben. Seit
drei Jahren arbeitet sie als Tagesmutter und hat selbst zwei Töchter.
Von den Vätern der beiden lebt sie getrennt. Patrizia ist zwölf,
Mayra sechs Jahre alt. Nach einem anstrengenden Babyjahr, in dem
Mayra ununterbrochen schrie, stellte sich heraus, dass sie an einer
seltenen Form der Epilepsie leidet. Immer wieder musste Alexandra mit
ihr ins Krankenhaus, damit die Ärzte die Medikamente richtig
einstellen konnten. Früher hatte sie mal als Verkäuferin in einer
Tankstelle, mal in einer Bäckerei gejobbt, sie war da nicht
wählerisch, Hauptsache, eigenes Geld verdienen, doch als
alleinerziehende Mutter konnte sie viele Stellen nicht mehr annehmen.
Die Arbeit als Tagesmutter war die Lösung: Alexandra hatte gern
kleine Kinder um sich, und sie würde sich jederzeit um ihre Töchter
kümmern können.
Den
Anforderungen des Münchner Ju-gendamts entsprechend absolvierte sie
115 Unterrichtsstunden zur Grund- und Aufbauqualifizierung. Ihre
pädagogischen Fähigkeiten, ihre Belastbarkeit, ihre
Sprachkenntnisse - alles wurde überprüft, auch ihre Wohnung. Die
Zimmer ihrer beiden Töchter sind groß und mit Hochbetten und Sofas
eingerichtet, Alexandras eigenes Schlafzimmer hat die Größe einer
Kammer. Immer wenn sie es sich leisten konnte, ist sie mit Patrizia
und Mayra in den Urlaub gefahren, erst Anfang August waren sie in der
Türkei. Ein Foto zeigt Alexandra lachend am Strand. Zehn Monate
später wird es in der Bild am Sonntag zu se-hen sein.
Die
Eingewöhnung
Die
ersten Tage schreit Christopher, sobald seine Mutter den Raum
verlässt, doch an Alexandra, da ist Natalie sich sicher, liegt das
nicht. Ihr gefällt die natürliche, selbstverständliche Art der
Tagesmutter. Und Christopher ist es einfach nicht gewohnt, von seiner
Mutter getrennt zu sein. Bisher ging das nur bei ihren Eltern gut,
die sie im August in der Ukraine besuchte. Christopher schlief
seelenruhig bei seinem Opa im Bett, der ihm abends Volkslieder
vorsang. Einmal im Jahr kommen Natalies Eltern nach Deutschland. Ihre
Tochter war mit 21 Jahren als Au-pair-Mädchen nach München
gegangen, studierte dann Deutsch und Englisch am
Fremdspracheninstitut, und als ihre Aufenthaltsgenehmigung auslief,
heiratete sie Josef. Seine Eltern waren von "der Russin"
anfangs nicht begeistert. Ihr jüngster Sohn hatte als einziges von
drei Geschwistern Vohenstrauß in der Oberpfalz verlassen und war
nach München zum Studieren gezogen. Eigentlich hätte er Pfarrer
werden sollen.
Kennengelernt
haben sich Josef und Natalie am 2. Februar 2002. Ein Freund hatte
Josef die Telefonnummer und ein Foto von Natalie zugesteckt, Josef
fackelte nicht lange: Er lud Natalie zu einem Spaziergang am
Starnberger See ein, steckte sich eine Piccolo-Flasche Champagner in
die Jacke, und als er sie am Bahnhof zum ersten Mal sah, war ihm
klar: Das ist die Frau fürs Leben. Auf einer Parkbank am Wasser
öffnete er den Champagner. "Den Korken bewahren wir auf und
zeigen ihn unseren Kindern", sagte er zu ihr. Zwei Jahre später
heirateten sie standesamtlich, 2005 holten sie die kirchliche
Hochzeit nach. In einer Pferdekutsche fuhren sie nach der Trauung
durch die Weinberge Südtirols. Am 16. Juli 2007 wurde ihr Sohn
geboren. Sie nannten ihn Christopher, nach dem Schutzpatron der
Piloten - Natalies Vater war Pilot. Außerdem sollte der Junge
"einmal die Welt entdecken": wie Christopher Kolumbus.
Der
Stress
"Alles
ist gut", beruhigt Alexandra Natalie am Telefon. "Bleib
ruhig noch ein bisschen fort." Christopher ist jetzt
stundenweise allein bei ihr, er schreit viel, doch die Eingewöhnung
eines neuen Kindes ist immer eine Prüfung, da die Kleinen sich an
die fremden Regeln gewöhnen müssen, Alexandra weiß das. Nur fühlt
sich die Tagesmutter in letzter Zeit gestresster vom Kochen,
Windelnwechseln, Trösten und Spielen als sonst. Alexandra hat Ärger
im Haus: Eine Nachbarin beschwert sich ständig über die Kinderwagen
im Flur oder klopft mit dem Besenstiel an die Decke, wenn die Kinder
Krach machen. Für Alexandra wäre es eine Katastrophe, die Wohnung
zu verlieren. Gerade ihre Tochter Patrizia sagt immer, wie glücklich
sie hier sei. Auch Mayra macht Alexandra Sorgen: Bis vor Kurzem
schlief sie im Kindergarten über Mittag und hielt ihre Mutter dann
bis 23 Uhr auf Trab. Nun schläft sie im Kindergarten nicht mehr,
kehrt dafür aber müde nach Hause zurück. Wenn dann noch die
Medikamente gegen Epilepsie auf ihre Stimmung drücken, wird es
schwierig mit ihr. Sie kann sehr dickköpfig sein, "ein rechter
Büffel", wie Alexandras Vater sagt. An den letzten Abenden ist
Alexandra gegen acht ins Bett gefallen. "Weil ich einfach nichts
mehr hören und nichts mehr sehen wollte", sagt sie später.
Schon als junges Mädchen hat Alexandra gelernt, auf eigenen Füßen
zu stehen. Ihre Eltern trennten sich, da war sie sieben. Alexandra
blieb mit ihrer älteren Halbschwester bei der Mutter im Münchner
Stadtteil Au, doch es gab viel Streit. Die Schwester zog mit 18 aus,
brach den Kontakt zur Mutter ab, ein Jahr später holte sie Alexandra
zu sich, die war damals zwölf. Mit 13 ging "die Alex" dann
zum Vater, der in München als Dreher bei BMW arbeitete. Alexandra
machte ihren Hauptschulabschluss, ließ sich zur Hotelfachfrau
ausbilden. Mit 19 zog sie aus, mit 21 erzählte sie ihrer
Halbschwester, dass sie schwanger sei, "ein Wunschkind",
Patrizia, vom Vater trennte sie sich bald. Alexandra jobbte, ohne
großes berufliches Ziel, kümmerte sich um ihre Tochter, wollte vor
allem eine bessere Mutter sein, als die eigene es war. Auch Mayras
Vater entpuppte sich dann nicht als der Richtige. Aber Alexandra war
es gewohnt, allein zu kämpfen.
Im
psychiatrischen Gutachten über Alexandra S., das vor Gericht
verlesen wurde, heißt es: "Ihre Geradlinigkeit, ihre Offenheit,
ihre empathischen Qualitäten sind gute Voraussetzungen für
tragfähige zwischenmenschliche Beziehungen. Sie neigt aber zur
Selbstüberschätzung."
Der
letzte Morgen
An
diesem Donnerstag wollen Natalie und Josef es noch einmal probieren.
Gestern hatte Christopher zum ersten Mal bei der Tagesmutter über
Mittag schlafen sollen, doch als Natalie ihren Sohn abholte, war er
verheult und hing ihr müde im Arm. Er habe die ganze Zeit geschrien,
erzählte Alexandra. "Warum hast du ihn nicht hochgenommen oder
gestreichelt?", fragte Natalie verärgert. "Christopher
muss lernen, allein zu schlafen", antwortete Alexandra. Abends
hatten Natalie und Josef diskutiert, ob sie die Betreuung abbrechen
sollten. Doch ihr Sohn war die ganze Woche anhänglich und weinerlich
gewesen, wegen der Masernimpfung, die er bekommen hatte, also
einigten sie sich darauf, den heutigen Tag abzuwarten. Um 6.30 Uhr
steht Josef auf. Der Vater löffelt eine Schüssel Müsli zum
Frühstück, der Sohn kriegt ein paar Honigkugeln ab. Als sich Josef
von Christopher verabschiedet, krallt der sich an seiner Hose fest.
"Als ob er mir sagen wollte: Bleib, Papa, ich will nicht zu
dieser Frau", sagt Josef heute. Natalie zieht Christopher an:
zum ersten Mal die dunkelblaue Latzhose. Groß sieht er darin aus,
"nicht mehr wie ein Baby", denkt sie sich. Dann schiebt sie
den Kinderwagen zur Tramhaltestelle, Linie 25, Richtung Ostfriedhof.
Der
Kontrollverlust
Alexandra
macht sich eine Tasse Tee, ihr ist kalt, den ganzen Morgen schon. Der
Vortag steckt ihr in den Knochen. Heute hat um 5.40 Uhr der Wecker
geklingelt. Sie hat geduscht, Brote mit Bärchenwurst und Gurke für
die Töchter belegt, Mayra in den Kindergarten gebracht, Gemüse und
Windeln eingekauft und sich zu Hause an den Kartoffelauflauf fürs
Mittagessen gemacht. Um 9 Uhr ist Christopher gekommen. Er scheint
ein bisschen wackelig auf den Beinen zu sein und möchte dauernd auf
den Arm. Kurz überlegt Alexandra, ob er vielleicht krank wird, doch
dann verputzt er ein großes Stück Kartoffelauflauf. Nach dem Essen
legt sie ihn ins Reisebettchen. Und tatsächlich: Christopher schläft
ein. Alexandra ist erleichtert. Um 12.30 Uhr ruft das Jugendamt bei
ihr an. Alexandra hatte vorschriftsmäßig gemeldet, dass Christopher
Eingewöhnungsprobleme hat. Nun sagt sie: "Es ist alles okay."
Um
13 Uhr wacht Christopher auf und weint. Alexandra geht ins
Schlafzimmer, der Kleine nuckelt an seinen Fingern. Sie gibt ihm den
Schnuller wieder. "Jetzt wird aber geschlafen", sagt sie
und muss an die schlimmen Stunden von gestern denken. Kaum ist sie
wieder in der Küche, brüllt Christopher wieder. Jetzt steht er in
seinem Bettchen, sie legt ihn hin, er sträubt sich und schreit.
Alexandra packt ihn mit beiden Händen unter den Achseln, hebt ihn
hoch und schüttelt ihn zwei Mal vor und zurück. Plötzlich ist er
still, wie vor Schreck. Sie legt ihn zurück ins Bettchen.
Eine
halbe Stunde später hört Alexandra ein Röcheln aus dem
Kinderzimmer. Christopher hat sich übergeben. "Oh Gott, ich hab
ihm das Genick gebrochen", ist ihr erster Gedanke. Aber dann
sagt sie sich, das kann ja gar nicht sein, er ist doch schon so groß.
Um 14.38 Uhr ruft sie den Notarzt an.
Die
Angst
Als
Natalie aus der Trambahn steigt, sieht sie den Krankenwagen und rennt
los. Vor fünf Minuten hatte Alexandra sie auf dem Handy angerufen,
Christopher gehe es nicht gut. Natalie war ohnehin auf dem Weg, hatte
sich auch keine großen Sorgen gemacht, doch jetzt wird ihr übel vor
Angst.
Christopher
liegt im Kinderzimmer auf einer der Schlafmatten, die Hände und Füße
zu Ballen verkrampft, die Augen geschlossen. Natalie küsst ihn auf
die Stirn. Christopher reagiert nicht. Der Arzt spritzt ein
krampflösendes Mittel, fragt Natalie, ob etwas vorgefallen sei. Die
Masernimpfung ist das Einzige, was ihr einfällt. Sie schaut
Alexandra an. Die Tagesmutter weint und schweigt.
Im
Krankenwagen entspannt sich Christopher auf einmal. Er öffnet leicht
die Augen, blickt seine Mutter an. "Komm, wach doch auf",
sagt der Arzt. "Wach doch auf!" Dann beginnen erneut die
Krämpfe. Die Ärzte im Klinikum Harlaching rätseln, ob es eine
Gehirnhautentzündung sein kann. Immer wieder fragen sie Natalie, ob
etwas passiert sei. Sie geht die vergangenen Tage, Wochen, Monate
durch: nichts, außer der Masernimpfung und einer
Mittelohrentzündung. Sie schaut Alexan- dra an, die mitgefahren ist.
Die Tagesmutter weint und sagt: "Nichts, ich schwör's dir."
Gegen
16 Uhr kommt Josef. Er findet seinen Sohn mit einem Schlauch vor dem
Mund, an eine Beatmungsmaschine angeschlossen. Kurze Zeit später
wird das Kind zu Spezialis-ten ins Klinikum nach Schwabing verlegt.
Die Ärzte wollen den Druck in seinem Kopf mit einer Sonde messen.
Dazu müssen sie ein Loch in die Schädeldecke bohren, Christopher
könnte danach behindert sein. Die Karls unterschreiben die Erlaubnis
für den Eingriff.
Die
Ärzte vermuten jetzt, dass Christopher an einem Schütteltrauma
leidet. Wenn der Kopf eines Kleinkindes ruckartig hin und her
schlägt, kann es zu Blutungen im Hirngewebe kommen. Das Gehirn
schwillt an und drückt von innen gegen die Schädeldecke. Den Ärzten
bleibt nichts anderes übrig, als die Schädeldecke abzunehmen, damit
sich das Gehirn ausdehnen kann. Wieder unterschreiben die Karls die
Erlaubnis. Und warten über Nacht. Als der Chefarzt am nächsten
Morgen im schwarzen Hemd kommt, wissen sie, dass es nicht geholfen
hat. Christopher muss noch 24 Stunden künstlich weiterversorgt
werden, bis auch ein auswärtiger Mediziner den Hirntod feststellt.
Am Samstag, den 27. September 2008, wird die Beatmungsmaschine
abgeschaltet. Natalie hält ihren Sohn im Arm, die Ärzte haben ihm
ein weißes Tuch auf den angeschwollenen Kopf geklebt. "Sein
Körper wurde so schwer und steif", sagt Natalie später. "Ich
wollte ihn nicht mehr hergeben."
Die
Verhaftung
Am
Montag, den 29. September, klingeln die Hauptkommissare Bastian und
Fricke gegen 16 Uhr bei Alexandra S. Seit sie Donnerstagabend nach
Hause gekommen ist, hat die Tagesmutter eine fürchterliche Ahnung.
Im Internet hat sie den Begriff "Gehirnblutung" eingegeben
und vor ihrem Kreuz in der Küche gebetet. Die Beamten sagen, das
Kind sei möglicherweise aufgrund von Gewalteinwirkung zu Tode
gekommen, und nehmen Alexandra fest. Es ist das letzte Mal, dass sie
ihre beiden Töchter in ihrer Wohnung sieht.
Juni
2009
Das
Landgericht München verurteilt Alexandra S. wegen Körperverletzung
mit Todesfolge zu fünf Jahren Haft. "Es ist nachvollziehbar,
dass Sie unter der Trennung von Ihren Kindern leiden", sagt der
Richter. "Aber im Gegensatz zu den Karls werden sich Ihre
Wünsche in absehbarer Zeit erfüllen."
Seit
Alexandras Verhaftung leben Patrizia und Mayra getrennt bei ihren
Vätern, ohne Mutter, wie Alexandra früher selbst. Ihr Anwalt hat
gegen das Urteil Revision eingelegt, "damit sie länger in
München in U-Haft bleiben kann". Wenn sie verlegt wird, ins
Frauengefängnis nach Aichach, müssen die Töchter 70 Kilometer
fahren, um ihre Mutter zu besuchen. Auch hat Alexandra Angst, dort
als Kindsmörderin verschrien zu sein. "Natürlich kann man ihre
Schuld nicht wegdiskutieren", sagt ihr Anwalt. "Es war
menschliches Versagen. Sie wird ihr ganzes Leben darunter leiden."
Natalie hatte auf eine höhere Strafe gehofft. "Die Tagesmutter
wollte Christopher durch Gewalt disziplinieren", erklärt sie.
Außerdem habe Alexandra im Krankenhaus nicht die Wahrheit gesagt.
Seit Christophers Tod fühlen sich die Karls wie rausgeworfen aus
ihrer alten Welt. Sie sind nach Grünwald gezogen, um nicht ständig
an ihren Sohn erinnert zu werden. Seine Spielsachen nahmen sie
dennoch mit. Den Kontakt zu ihren Freunden haben sie abgebrochen,
weil sie es nicht ertragen können, sie mit ihren Kindern zu sehen.
"Wir gehören jetzt zu unterschiedlichen Gemeinschaften",
sagt Natalie, "sie zu den Glücklichen, wir zu den Leidenden."
Manche Menschen machen Natalie auch Vorwürfe: "Musstest du dein
Kind abgeben?", fragen sie. "Dann fühle ich mich schuldig,
dabei habe ich nichts Böses getan."
Ihr
Mann Josef wusste zuerst nicht, was er anstelle Christophers
fotografieren sollte, und machte Bilder vom Himmel. E-Mails
unterschreibt er mit "Josef Karl inkl. Schutzengel Christopher".
Sein Glaube gebe ihm Kraft, sagt Josef. Doch immer wenn er versuche,
wie früher Späße zu machen, fühle er sich schlecht. Während des
Prozesses hatte Josef auf mehr als die 10 000 Euro Schmerzensgeld
gehofft, damit sie es "zumindest pekuniär leichter haben".
Die Karls müssen ihre neue Eigentumswohnung abbezahlen. In einem
Brief hat sich Alexandra bei den Karls entschuldigt und darum
gebeten, später Christophers Grab besuchen zu dürfen. Im Gefängnis
putzt sie den ganzen Tag, um müde zu werden. Manchmal träumt sie,
dass sie Christopher im Kinderwagen schiebt. Sie wacht auf, wenn sie
schreit: "Seht, er lebt! Es geht ihm gut." Die Karls haben
den Brief noch nicht beantwortet. Natalie ist im achten Monat
schwanger, die Karls bekommen wieder einen Sohn, in Grünwald haben
sie sich bereits nach Krippenplätzen umgesehen, einer Tagesmutter
wollen sie nicht mehr vertrauen.
Die
meisten Ehen würden an einer Tragödie, wie sie sie erlebt haben,
zerbrechen, haben Psychologen ihnen gesagt. Die Karls hoffen, dass
das neue Kind es schafft, sie zusammenzuhalten. Sie überlegen, ob
sie ihren Sohn Christopher nennen.
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