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Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.
Andreas Molitor
Hirwaun,
Süd-Wales, ein Samstagvormittag im Oktober 1993. Der dicke
Gewerkschaftssekretär der Zeche steht im strömenden Regen, das
Gesicht rot vor Kälte, das flachsblonde Haar vom Wind zerzaust.
Jemand hält einen Schirm über ihn. Die ganze Nacht hat es gegossen,
und kurz vor elf, am Sammelpunkt der Kundgebung gegen die Stilllegung
der Zeche Tower, schüttet es immer noch. Als ob alle Schleusen im
Himmel geöffnet worden wären, um das hoffnungslose Land zu ersäufen
und den Förderturm der letzten Zeche in Süd-Wales für immer im
Morast versinken zu lassen. Die Unentwegten sind trotzdem da:
Aktivisten trotzkistischer Splittergruppen mit durchgeweichten
Zeitungen, die "The Militant" heißen und "Socialist
Worker", eine Rhythmusgruppe mit Trommeln, Rasseln und Klappern,
Gewerkschafter, die das rote Tower-Banner mit goldenen Fransen und
Troddeln aufrollen. "Ewige Wachsamkeit ist der Preis der
Freiheit", steht darauf.
"Die
Reden fallen aus", brüllt Tyrone, der Gewerkschaftssekretär.
"Heute soll eine rote Fahne wehen." Er nimmt eine
Zwei-Liter-Plastikflasche, schüttet deren Inhalt in einen Zinkeimer
und taucht ein weißes Laken hinein. Dann zieht er das Tuch wieder
heraus. Es ist pink. Schweinchenrosa. Die Demonstranten schauen
schweigend auf das Banner, das auch nach dem zweiten Eintauchen
schweinchenrosa bleibt. Tyrone knüpft das Tuch an eine Fahnenstange,
hält es hoch und beginnt zu singen. "The Red Flag", nach
der Melodie von "Oh Tannenbaum". Die Fahne ist pink, weil
Tyrone Kirschlimonade genommen hat statt richtiger roter Farbe. Es
sind harte Zeiten für einen guten Sozialisten.
Die
Zeche Tower, zwei Kilometer außerhalb des tristen Städtchens
Hirwaun auf ödem Hügelland gelegen, ist die letzte noch offene
Kohlengrube in Süd-Wales, in den engen Tälern zwischen Cardiff und
Merthyr Tydfil. Als einzige hat sie die Stilllegungswelle nach dem
Bergarbeiterstreik von 1984/85 überlebt. Auf der einen Seite
Margaret Thatcher und die staatliche Kohlebehörde mit ihrer
Zechen-Sterbeliste, auf der anderen die Kumpelgewerkschaft National
Union of Mineworkers (N U M), eine der letzten Bastionen des
Sozialismus. Premierministerin Margret Thatcher will die Gewerkschaft
demütigen und brechen. Nach 51 Streikwochen ist sie am Ziel: Die N U
M kapituliert. Die Kohlebehörde beginnt mit dem Kahlschlag. In den
folgenden acht Jahren verlieren allein im südwalisischen Revier 70
000 Bergleute ihren Job.
Allmählich
wird den Bergleuten auf Tower klar, dass auch ihre Gnadenfrist
abläuft. Am 5. April 1994, ein halbes Jahr nachdem Tyrone die rote
Fahne hob, wird die Stilllegung der Zeche beschlossen. Jetzt gibt es
in Süd-Wales keinen Kohlebergbau mehr.
August
2000, Zeche Tower. "Ich bin der Vorsitzende dieser Firma hier",
verkündet Tyrone den Schülern, die aus Cardiff zur
Zechenbesichtigung gekommen sind, "und das bedeutet, dass ich
der Boss bin. Ich bin der Boss von allem, was ihr hier seht."
Der
Boss spricht in schlichten Hauptsätzen. Weil er weiß, dass diese
Schulklasse aus einer besonders verrufenen Sozialsiedlung kommt,
erzählt er aus dem Leben. Und was man daraus machen kann. "Vor
acht Jahren haben sie uns gesagt, dass wir nicht mehr gebraucht
werden. Wenn das einer zu euch sagt, dann glaubt ihm nicht. Sondern
glaubt an euch. Seht mich an." Die Lehrer sind irritiert, als
Tyrone voller Stolz erzählt, dass er in der Schule zu den
Schlechtesten gehörte. "Also, wenn ihr nicht die Cleversten
seid - macht nichts. Ihr könnt trotzdem mal eure eigene Firma haben.
So wie ich. Wir haben in den letzten Jahren 13 Millionen Pfund Gewinn
gemacht. Und ich bin der Boss: ein Junge, der in der Schule schwer
von Begriff war."
Tyrone
steht in der Besucherbaracke der Zeche vor einem Zeitungsfoto, das an
der Wand pappt. Er sieht glücklich aus auf dem Foto und ein bisschen
betrunken. Er hält eine Flasche süßen Asti-Schaumwein, im
Hintergrund der Förderturm von Tower. "Wir waren ein Haufen
dummer Bergleute mit einem Traum", heißt die Schlagzeile. "
Jetzt ist er wahr geworden! "
Nach
dem Stilllegungsbeschluss der Kohlebosse entbrannte ein zweiwöchiger
Nervenkrieg um das letzte Bergwerk in Süd-Wales. Tyrone und seine
Leute kündigten Widerstand gegen die Schließung der Zeche an.
Darauf erhöhte die Kohlebehörde ihr Abfindungsangebot noch einmal
um 9000 Pfund - aber nur, wenn die Gewerkschaft die Stilllegung
binnen einer Woche akzeptierte. Die Kumpel lehnten das
Extra-Sterbegeld mit Zweidrittelmehrheit ab. Lieber wollten sie bis
zum bitteren Ende kämpfen.
Nun
drohte die Kohlebehörde, nicht nur die Extra-Abfindung, sondern auch
die schon zugesagten 10 000 Pfund zu streichen. Da standen für jeden
Bergmann fast 30 000 Euro auf dem Spiel. Am 19. April 1994, mittags
um halb eins, gaben die Bergleute auf. Sie akzeptierten die
Stilllegung und die Abfindung. Es war vorbei.
Niemand
hat in dem Moment geglaubt, dass die Geschichte damit erst richtig
anfangen sollte.
Es
war am Abend nach der Kapitulation in einer Kneipe, so zwischen der
zwölften und dreizehnten Runde. "Let's buy the fuckin'
coalmine! ", soll einer gegrölt haben. Eine tollkühne Idee.
Nachdem der Kater verflogen war, machten sich Tyrones Leute an die
Arbeit. Innerhalb von zehn Tagen konterten sie den
Stilllegungsbeschluss mit der Offerte eines Belegschafts-Buyout.
Eine
Zeche in Arbeiterhand - das hatte es in Großbritannien noch nie
gegeben. Wie sollte das funktionieren? Angeblich war das Bergwerk
nicht profitabel. "Wir wussten, dass das nicht stimmt",
sagt Tyrone 14 Jahre später. "Wir kannten die verdammte Zeche
doch besser als die Kohlebosse in ihren Büros in London." Es
war durchgesickert, dass die Manager der Zeche eigene Pläne
verfolgten. Sie selbst wollen der Regierung das angeblich defizitäre
Bergwerk abkaufen. Ein Teil der Kumpel sollte dafür - zu
schlechteren Bedingungen - neu eingestellt werden.
Das
Buyout-Team, mit Tyrone an der Spitze, überzeugte 239 Tower-Kumpel,
einen Großteil ihrer Abfindung in einen Fonds einzuzahlen. Zunächst
gab jeder 2000 Pfund, später noch einmal 6000. So kamen fast zwei
Millionen zusammen. Die Barclays Bank gab zusätzlich einen Kredit
von zwei Millionen Pfund.
Die
meisten Arbeiter zahlten, als wenn es selbstverständlich wäre, dass
entlassene Bergleute ihre Grube kaufen. "Wir hatten das
Vertrauen der Arbeiter", erinnert sich Glyn Roberts, damals wie
heute einer von Tyrones engsten Mitstreitern. "Die kannten uns,
weil wir jeden Tag mit ihnen Schulter an Schulter schufteten und
nicht irgendwo gemütlich im Büro saßen." Er selbst hatte seit
1965 unter Tage malocht, als Hauer am "Gesicht der Kohle".
Jetzt trug er abends das Abfindungsgeld seiner Kollegen in einer
Plastiktüte nach Hause und steckte es unters Kopfkissen.
An
einem Oktoberdienstag, knapp ein halbes Jahr nach der Stilllegung der
Zeche, erhielt das Arbeiterteam von der Regierung den Zuschlag. Sie
hatten gesiegt. Tower gehörte jetzt ihnen.
Am
klaren, kalten 2. Januar 1995 in der Frühe marschierten die
Tower-Kumpel die lange Straße hinauf zur Zeche, Tyrone vorneweg.
Frauen, Kinder und Nachbarn waren dabei, das Banner wehte, die
Bergwerkskapelle spielte. "Als sie uns gezwungen haben, diese
Zeche zu verlassen", sprach Tyrone ins Megafon, "da haben
wir geschworen zurückzukehren. Und wenn die Arbeiter von Tower
sagen, sie kommen zurück", rief er, holte tief Luft und
brüllte, "dann kommen sie zurück! "
Die
Meinung der Kantinenfrau ist gefragt. Ob sie auch zählt? Der
Leitwolf entscheidet es Für die damalige konservative Regierung war
der Zuschlag an die Arbeiter ohne Risiko - selbst wenn die Zeche
pleiteging. Dann wäre nur erwiesen, was für die meisten eh
feststand: dass Arbeiter tief buddeln, aber kein Unternehmen führen
können. Aber Tyrone hatte vorgesorgt. Ausgerechnet die Berater von
Price Waterhouse, bis dato stets für die Kohlebehörde tätig,
hatten in seinem Auftrag das Unternehmen durchleuchtet und für
profitabel erklärt. Sie sollten recht behalten: In den ersten fünf
Jahren nach dem Buyout machte Tower vor Steuern fast 13 Millionen
Pfund Gewinn. "Wir hatten uns entschlossen, den Kapitalismus mit
seinen eigenen Mitteln auszuhebeln, nicht mit Demonstrationen und
markigen Reden", sagt Glyn Roberts und strahlt. "Manchmal
bringt es nichts, die Vordertür einzutreten. Man geht besser um das
Haus rum und schaut nach, ob auf der Rückseite vielleicht ein
Fenster offen steht."
Und
Tyrone O'Sullivan, der dicke, militante Tyrone mit der pinkfarbenen
Fahne, er war nun der Chef. Erster unter Gleichen.
Frühjahr
2003. "Morgen, Tyrone! ", brüllt der Kauenwärter vom Gang
aus durch die halb offene Tür zum Chefbüro. "Lass uns für die
Klos ab sofort Papierrollen statt Tissues bestellen! "
"Wieso
das denn?", brüllt Tyrone zurück. "Rollen sind billiger!
"
"Dann
bestell von jetzt an eben Rollen! "
"Das
müsstest du aber dem Lieferanten bestätigen, Tyrone! " Tyrone
O'Sullivan verdreht die Augen. Da ist er nun Chef einer Firma mit
fast 30 Millionen Pfund Jahresumsatz und muss entscheiden, womit
seine Leute sich den Hintern abputzen. "Diese Klos sind das
Letzte", knurrt er, während er in seinem Uralt-Organizer die
Telefonnummer des Lieferanten sucht. "Kein Mensch fühlt sich
verantwortlich, dass da sauber gemacht wird. Es stinkt wie die Hölle.
Mein Gott, wir sind doch Arbeiter und keine Viecher." Endlich
hat er die Nummer gefunden. "Tyrone hier, Zeche Tower. Also, wir
nehmen ab sofort Klopapierrollen statt Tissues, okay? Rollenhalter?
Ja, brauchen wir auch, zehn Stück, oder nee, sechs reichen, für
jedes Klo einen."
Das
Bergwerk Tower ist jetzt eine Genossenschaft, zu hundert Prozent im
Besitz der Beschäftigten, eine kleine sozialistische Zelle, die sich
in der rauen Welt des Kapitalismus behaupten, den Traum der
Arbeiterbewegung von Sozialismus und Demokratie wahr machen will.
Dazu gehört, dass jeder Genosse bei allen wichtigen Entscheidungen
mitbestimmt; das Votum einer Kantinenfrau hat das gleiche Gewicht wie
Tyrones Stimme. Umgekehrt gehört dazu offenbar auch, dass Tyrone als
oberster Genosse seinen Segen sogar zur Klopapier-Beschaffung geben
muss.
Tyrone
ist das Alphatier der Genossenschaft. " Ja, so eine Art
Leitwolf, das bin ich", sagt er ganz unbescheiden. "Erst
will ich ins Team, und bin ich einmal drin, will ich Captain werden."
So war es früher beim Rugby und später in der Gewerkschaft. Und
jetzt, in der Firma, ist es wieder so. Dass er erster Mann würde,
stand für ihn fest. "Die wären doch blöd gewesen, wenn sie
einen anderen gewählt hätten. Ich bin der Beste für den Job."
Tyrone
war 17 Jahre alt, als ihn eines Tages der Rektor aus seiner
Berufsschulklasse holte. Ein Kollege seines Vaters stand draußen.
Tyrone nannte ihn "Onkel Jack". "Schau mal, Tyrone",
sagte Onkel Jack, "es tut mir leid, dein Vater ist heute in der
Zeche verschüttet worden. Er ist tot, Tyrone."
In
welcher Zeche das geschah? - "In dieser hier. Tower." Als
Tyrone Bergmann wurde, mit 15, trat er natürlich gleich in die
National Union of Mineworkers ein. Es war die beste Gewerkschaft der
Welt. Sie war immer für einen da. Früher, wenn der Vater mal im
Krankenhaus lag - wer besuchte ihn? Der Mann von der Gewerkschaft.
Und als der Vater tot war - wer half der Mutter bei den
Rentenformularen und fragte, was sie sonst noch brauchte? Der Mann
von der Gewerkschaft.
Die
Geschichten, die der Vater erzählte, waren der Nährboden, auf dem
später Tyrones politische Gedankenwelt wucherte. Sie haben ihn
gelehrt, dass ein Bergmann vor allem wissen muss, auf welcher Seite
er steht. In der Zeche, wo Tyrones Großvater arbeitete, stürzte der
einzige Streikbrecher kurz nach Ende des Arbeitskampfes in den
Schacht, unter ungeklärten Umständen.
Tyrones
Platz war immer auf der Linken. Für junge, tief gläubige
Sozialisten wie ihn schien sich Mitte der Sechziger die Welt zum
Besseren zu wenden. Sie schauten nach Kuba, Jugoslawien, Vietnam,
Frankreich. Die Gewerkschaft gab den Takt an, und Tyrone marschierte.
Dem Morgenrot entgegen. Später, in den Siebzigern und Achtzigern,
zählte die von ihm straff geführte Gewerkschaftsloge auf Tower zu
den militantesten im Land, bei Streiks und Demonstrationen immer
vorneweg. Manche, die nicht zu seinen Freunden gehören, berichten
von fast stalinistischen Zuständen, einem erschreckenden Mangel an
innerer Demokratie in der Loge, wo allein Tyrones Meinung gezählt
habe.
Der
Sieg im Kampf um Tower hat Tyrone berühmt gemacht.
Sogar
eine Oper erzählt vom Ringen um das letzte walisische Bergwerk; in
Swansea wurde sie aufgeführt. Da stehen fiese Manager gegen Tyrone
und seine Leute; es geht um die Maloche, um Jobs, um Liebe und
Eifersucht. Denn die Bergmannsfrau Susan hat ein Verhältnis
ausgerechnet mit dem Zechenmanager Emrys, der die Grube erst
dichtmachen und dann billig kaufen will. Zuletzt siegt das Gute: Die
Arbeiter bekommen die Zeche, Susan kehrt zu ihrem Mann zurück, und
der Chor der Bergleute singt: "Wir geh'n auf neuen Wegen/dem
Licht vereint entgegen."
Herbst
2003. Durch das Fenster von Tyrones Büro schaut Glyn Roberts zur
Kantinenbaracke. Man kann sehen, wer dort beim Kaffee sitzt. "Was
ist die Durchwahl der Kantine?" - "292", ruft Tyrones
Sekretärin. Glyn wählt, eine der Kantinenfrauen nimmt ab. "Hier
ist Glyn. Sag den vieren, die bei euch sitzen, sie sollen auf der
Stelle ihren Hintern bewegen und unter Tage gehen, sonst streiche ich
ihnen den Lohn." Kurz darauf eilen vier Männer in
Bergmannsmontur aus der Kantine. Glyn und Tyrone lachen. War doch nur
ein Scherz.
Jahrelang
war der kleine Glyn Roberts Tyrones treuester Gefolgsmann in der
Gewerkschaftsloge. Sie kennen sich seit Mitte der Sechziger. Bei
Demos trug Glyn immer das Banner der Zeche. Manche sagen, er habe
Schwierigkeiten mit dem Rechnen. Tyrone hat ihn zum Personalchef
befördert.
Im
Fettdunst der Kantine schiebt sich der Gewerkschaftssekretär "Will"
Williams fettglänzende Würstchen, gebackene Bohnen und Fritten mit
Essig und zäher Soße in den Mund und versucht kauend zu erklären,
warum eine Zeche in Arbeiterhand, geführt von einem strammen
Sozialisten, trotzdem eine Gewerkschaftsvertretung braucht. "Wir
haben schon noch eine Rolle hier auf Tower", setzt er an, "aber
eine schwierige." Und worin besteht die? "Nun ja",
zögert Will. In der Küche knallt eine der Kantinenfrauen die
Aludeckel auf die riesigen Töpfe. "Was Tyrone will, ist nicht
immer das, was die Arbeiter wollen." Und was macht die
Gewerkschaft dann? "Das ist genau das Problem. Wir haben ja
nicht mehr die Schlagkraft wie zu alten Zeiten. Uns ist sozusagen der
Feind abhanden gekommen. Okay, wir können mit Streik drohen, aber
wahrscheinlich gibt Tyrone einen Scheiß drauf, weil er genau weiß:
Es ist eh nur Bluff. Gegen wen sollen wir denn streiken? Uns gehört
doch die verdammte Zeche."
Einmal
trat das völlig Sinnlose trotzdem ein: Streik. Einen Tag lang fuhr
kein Bergmann unter Tage. Einige Kumpel waren mit der neuen
Schichteinteilung nicht einverstanden. Aus Solidarität legten die
anderen, ermuntert von der Gewerkschaft, die Arbeit nieder. "Sie
haben sich verhalten wie zu alten Zeiten", sagt Tyrone. "Immer
wenn es Streit mit dem Management gab, hieß es: Lasst uns streiken.
Wie bei einem Huhn, dem man den Kopf absäbelt, das rennt auch
automatisch." Der Mann, der zum Streik aufgerufen hatte, das war
er, Tyrone. "Es ist ein blödsinniger Streik", sagt er, und
dann verheddern sich für einen Moment die alte mit der neuen Sicht
der Dinge. "Ich bin trotzdem stolz auf die Jungs, dass sie
Courage haben und sich nicht vom Management einschüchtern lassen."
Tyrone
will Löwen, die ihre Beute reißen, keine Gnus, die panisch
davonlaufen. "Millionen Gnus laufen in der Steppe rum. Aber es
braucht nur ein einziger Löwe aufzutauchen, schon rennen sie alle
los, und der Löwe kann das schwächste Gnu töten." Tyrone
beugt seinen massigen Oberkörper über den Schreibtisch: "Dabei
müssten sie sich doch nur umdrehen, bevor sie losrennen, und sie
könnten alle verdammten Löwen auf der ganzen Welt in Grund und
Boden stampfen. Warum sind sie nur so doof, diese Viecher?"
Derzeit
werden in der Genossenschaft wieder die Messer gewetzt. Es soll mehr
Geld für alle geben, wie jedes Jahr seit dem Buyout. Tyrone hat drei
Prozent angeboten, nachdem im vorigen Herbst und in diesem Frühjahr
jeder Beschäftigte schon mal 1000 Pfund Bonus und weitere 1000 Pfund
Dividende einstreichen konnte. Drei Prozent mehr: Das macht etwa 130
Pfund im Monat für Finanzdirektor Geoffrey Davies, den Mann mit dem
dicksten Gehalt, während die Frauen in der Kantine nur 20 oder 25
Pfund mehr mit nach Hause nehmen. Das ist nicht gerecht, erklärt die
Gewerkschaft, weil der Abstand zwischen den "fetten Katzen"
und den Malochern noch größer würde. Schlimmer noch: Es sei ein
Verrat am Sozialismus. Die Arbeitervertretung verlangt eine andere
Aufteilung: Der gleiche Geldbetrag für alle. So geht Sozialismus,
findet die Gewerkschaft.
Das
ist kein Sozialismus, findet Tyrone. Wer viel Verantwortung trägt
oder sich unter Tage die Knochen ruiniere, solle hin und wieder mehr
belohnt werden als jene mit einem lauen Job, die bei der Arbeit
rumsitzen und fernsehen können. Und überhaupt: In welcher Welt lebt
bloß diese Gewerkschaft? Wenn der Sozialismus irgendwo existiert,
dann doch wohl auf Tower.
Einmal
konnten sie drei Monate nicht ein Gramm Kohle fördern, weil nach
einem Erdbeben Methangas aus einem stillgelegten Stollen in den
Schacht geströmt war. In diesem Jahr machte die Genossenschaft mehr
als drei Millionen Pfund Verlust. "Trotzdem haben wir die ganze
Zeit den vollen Lohn gezahlt", sagt Tyrone. Das sei doch wohl
Sozialismus. Jedes andere Bergwerk wäre unter diesen Umständen
dichtgemacht worden.
Die
Zeche gehört jetzt zwar allen Kumpels. Aber wer sich etwas
einsteckt, bekommt Ärger
Letztens
hat Glyn, der Personalchef, einen Arbeiter beiseite genommen. "Ich
hab' gehört, deine Frau hat Brustkrebs", hat er zu ihm gesagt.
" Jetzt mach, dass du nach Hause kommst, und lass dich nicht
wieder blicken, bevor deine Frau okay ist." Zwei Monate kam der
Mann nicht zur Arbeit, die Zeche hat den vollen Lohn gezahlt. So
etwas wäre mit der Kohlebehörde undenkbar gewesen. Wer in
finanziellen Schwierigkeiten ist, bekommt von der Genossenschaft
Kredit, zinslos, auf zwei oder drei Jahre.
"Diese
Gewerkschaft! ", zischt Tyrone, und sein Gesicht ist wieder so
rot wie an jenem Herbstmorgen, als er die schweinchenrosafarbene
Fahne wehen ließ. "Statt die Rebellion gegen mich anzuführen,
sollte sie den Arbeitern sagen: Verpisst euch, ihr verdient hier mehr
Geld als in jeder anderen Firma in Süd-Wales. Ihr kriegt 37 Tage
Urlaub, anderthalb Jahre vollen Lohn, wenn ihr krank seid, der
Lohnabstand zwischen den fetten Katzen und den Arbeitern ist kleiner
als in jedem anderen Unternehmen in ganz Europa. Wir sponsern das
Rugbyteam. Wir finanzieren die Bergmannskapelle. Und ihr seid immer
noch nicht zufrieden? Was, zur Hölle, wollt ihr denn noch?" Da
spricht nicht Tyrone, der Held der Arbeiter. Da spricht Tyrone, der
Unternehmer. Die Fakten sprechen für ihn. Auf Tower verdient niemand
weniger als 18 000 Pfund und keiner mehr als 54 000 Pfund im Jahr.
"In anderen Firmen mit ähnlichem Umsatz kriegen die Manager
locker 150 000 Pfund", sagt Tyrone. "Aber genau das wollen
wir eben nicht. 54 000 sind doch auch eine schöne Summe, da kann
sich doch niemand beschweren."
Der
Mann, der wenige Jahre zuvor noch vom Generalstreik gegen die
Thatcher-Regierung träumte und Kampflieder singen ließ, propagiert
nun einen ganz anderen Sozialismus. "Ich sage immer", hebt
er an, als ob er das früher auf jeder Demonstration verkündet
hätte, "wenn du deinen Job nicht gewissenhaft machst, bringt
dieses ganze Links-Getue überhaupt nichts. Was heißt es denn,
Sozialist zu sein? Fahnen tragend durch die Gegend zu latschen? Das
bringt etwa so viel wie Pissen gegen den Wind." Betriebsrente,
Urlaub, gute Löhne für alle: Das sei nur finanzierbar, wenn die
Zeche Profit mache. "Alles andere ist Blödsinn. Sei ein guter
Arbeiter und bring so viel Kohle nach oben wie möglich. Das ist das
oberste Prinzip für einen guten Sozialisten."
Einige
wollten das gemeinsam Erkämpfte gern für sich allein ausschlachten.
Auch auf Tower gab es immer den einen oder anderen, der sich nach
Schichtende ein paar Eimer Kohle einfach so mitnahm, für den Ofen
daheim. "Aber nach dem Buyout kamen sie mit Pick-ups hier an, um
Kohle aufzuladen", sagt Brian Loveridge, der Security-Chef der
Zeche. Letztens sah er, wie ein Arbeiter Stahlträger in seinen Wagen
lud. "Was machst du denn da?" - "Och, die brauch' ich
für den Anbau zu Hause." - "Aber du kannst sie doch nicht
einfach mitnehmen." - "Wieso? Die gehören doch mir."
- " Ja, aber sie gehören nicht nur dir, sondern auch all den
anderen Leuten, die hier arbeiten." Verstanden hat der Mann es
nicht, glaubt Loveridge.
Kürzlich
hat sich ein Kumpel krankgemeldet, kaputtes Knie. Die Genossenschaft
zahlt ihm 480 Pfund die Woche, den vollen Lohn. Vor ein paar Tagen
fuhr Tyrone mit dem Auto an ihm vorbei, wie er die Straße
hinaufstapfte, in Arbeitsmontur, zwei schwere Eisenträger auf der
Schulter.
Tyrone
vermisst in solchen Fällen die Unterstützung der Gewerkschaft. Wenn
er, Tyrone, noch in der Gewerkschaft zu bestimmen hätte, würde er
solchen Schmarotzern den Lohn kürzen. Oder sogar streichen. "Ich
hab' immer auf Disziplin gepocht. Ist doch ganz egal, ob du
Streikposten organisierst oder eine Firma führst. Wenn du die
Disziplin verlierst, hast du alles verloren." Wenn er, als er
noch Gewerkschaftssekretär war, jemanden beim Rauchen unter Tage
erwischte, "dann hab' ich dafür gesorgt, dass er gefeuert
wurde. Ich als Gewerkschaftssekretär, nicht der verdammte Manager."
Und jetzt? Jetzt musste die Genossenschaft das Krankengeld für alle
Beschäftigten kürzen, weil einige es ausgenutzt haben. Und die
Gewerkschaft habe zugesehen.
"Sind
Sie denn noch in der Gewerkschaft?"
"
Ja, aber sie wollen nicht, dass ich zu den Versammlungen komme."
Tyrone sieht auf einmal sehr müde aus.
Ein
schlimmer Verdacht wuchert unter den Kumpels: Tyrone, ihr Tyrone,
habe vergessen, wo er herkomme; er begehe Verrat am Sozialismus, den
er mal gepredigt hat wie kein anderer auf Tower. Ein Wendehals. Das
Sein bestimmt das Bewusstsein. "Was ist nur geschehen mit
einigen unserer früheren Arbeitskameraden?", fragt die
Gewerkschaft auf einem Flugblatt. "All die Jahre haben sie mit
uns Streikposten gestanden, sind landauf, landab auf Demonstrationen
marschiert. Und jetzt treten sie die sozialistischen Prinzipien, auf
denen die Firma gegründet ist, mit Füßen."
-
"Wenn wir den Sozialismus und die Arbeiterdemokratie hier nicht
gehabt hätten, wär' ich jetzt Millionär", kontert der
Angegriffene. "Ich mach' das doch alles für die Arbeiter, nicht
für mich."
Bisher
haben sie immer noch für ihn gestimmt, wenn er zur Wiederwahl als
Genossenschaftsvorsitzender antrat. Der gerissene Taktiker ließ
öffentlich abstimmen, per Handzeichen. "Da gehen dann nur drei
oder vier Hände hoch", sagt Tyrone und lacht. "Natürlich
weiß ich, dass insgeheim mehr Leute gegen mich sind, aber die haben
nicht den Arsch in der Hose, mir öffentlich zu sagen, dass ich mich
zum Teufel scheren soll."
Langsam
beginnt der Gründungsmythos des einzigen britischen Bergwerks in
Arbeiterhand zu verblassen. Das Kollektiv verliert an Bedeutung, zu
den vierteljährlichen Genossenschafts-Vollversammlungen kommen immer
weniger. Es ist so eine Sache mit der Demokratie, wenn daheim eine
leckere Nierchenpastete wartet.
Jeder
prüft seine Optionen. Vor dem Buyout besaß keiner der Bergleute
eine Aktie. Für einen guten Sozialisten gehörte sich das nicht.
Jetzt sind sie alle Aktionäre, Volkskapitalisten, und in den
vergangenen sechs Jahren konnten sie zusehen, wie der Wert ihrer
Anteile stetig stieg - von anfangs 8000 auf zwischenzeitlich bis zu
33 000 Pfund. Da gerät so mancher ins Grübeln. Sollte man jetzt
kündigen und die 33 000 Pfund mitnehmen? Oder noch ein paar Jahre
unter Tage dranhängen, dann wären es vielleicht 60 000? Aber wer
weiß schon, ob der Wert der Anteile nicht irgendwann sinkt?
Vielleicht wäre es gut für den Profit der Zeche und den Wert der
eigenen Anteile, wenn ein paar Kumpels weniger an Bord wären. Ohne
es zu ahnen, sind die braven Bergleute in die Fänge des Shareholder
Value geraten - jener eisigen Gedankenwelt, die sie als einfache
Malocher ohne Verantwortung für das Wohl eines Unternehmens nur
verachtet haben.
Die
Versuchung ist groß, besonders für die Älteren. "Wenn sie
sehen, dass ihre ehemaligen Kollegen im März ans Meer fahren und
erst im Oktober zurückkommen", sagt Glyn, der Personalchef,
"denken sie sich: Warum zum Teufel lassen die es sich gut gehen,
während ich immer noch jeden Morgen um sechs in die blöde Zeche
einfahre?" Wer 35, 40 Jahre geschuftet hat, darf so denken. 33
000 Pfund reichen für die kleinen Träume eines Bergarbeiters. Ein
Wohnwagen am Meer zum Beispiel.
25.
Januar 2008. Es ist ein stummer Marsch, ohne Gesang und ohne
Bergwerkskapelle, ein Trauerzug, von der Zeche weg die lange Straße
hinab. Zum letzten Mal weht das Tower-Banner. Britanniens einzige
Zeche in Arbeiterhand existiert nicht mehr.
Sieben
Millionen Tonnen Kohle haben sie in 13 Jahren aus dem Berg geholt.
Nun ist keine Kohle mehr da. "Es gab keine Alternative zur
Stilllegung", sagt Tyrone. "Wenn wir bei den heutigen
Energiepreisen noch Kohle für drei oder vier Jahre hätten, könnten
wir ein Vermögen machen." Das sozialistische Experiment ist
beendet. Die walisische Nationalversammlung verfasst eine feierliche
Erklärung: "Die Bergleute von Tower haben uns allen gezeigt,
wie wichtig es ist, dass Menschen den Mut und die Zuversicht haben,
ihr Schicksal und ihre Entscheidungen selbst in die Hand zu nehmen."
Schöne Worte.
November
2008. Ein Bungalow an der Küste, 50 Kilometer von Tower entfernt.
Ein gut gelaunter Tyrone sitzt in karierten Filzpantoffeln im
Wohnzimmer und knallt die Lokalzeitung vom Vortag auf den Tisch.
"Neue Hoffnung für die Täler! ", steht auf Seite eins.
"Bis zu 1000 Jobs auf ehemaligem Zechengelände." Dazu sein
Foto. Er wird gefeiert wie der Messias. "Tyrones Magie könnte
unsere Täler wieder erstrahlen lassen", schreiben sie. "Wenn
jemand hier für Arbeit sorgen kann, dann ist es dieser Mann. Schon
einmal hat er bewiesen, dass er Wort hält."
Tyrones
neuester Coup ist mindestens so kühn wie seinerzeit das Buyout. In
den nächsten zehn Jahren will er die 1100 Hektar große Tower-Brache
in einen Wohn-, Gewerbe- und Freizeitpark verwandeln und bis zu 1000
Leuten Arbeit bringen. "Ich möchte, dass die heute Dreijährigen
hier Arbeit finden, wenn sie 16 oder 17 sind, statt ihre Heimat zu
verlassen." Das ehemalige Kohlerevier ist die ärmste Gegend in
Wales. Nach dem Zechensterben der achtziger Jahre verfielen die
Dörfer. Schon montags warten die Jungs aus den Tälern aufs
Wochenende, aufs Saufen und die freudlose Erleichterung mit den
Kleinstadt-Schlampen. In Pen-ywaun, wo Glyn Roberts jetzt im
Gemeinderat sitzt, beziehen 82 Prozent aller Haushalte Unterstützung
vom Sozialamt.
Die
Zeche ist tot, der Geist von Tower lebt. Für den Traum von 1000
Jobs. Tyrone hat ein neues Unternehmen gegründet, ein Joint Venture
aus der Tower-Kooperative und zwei Firmen mit Expertise in
Landschaftssanierung und Projektentwicklung. Der Andrang war groß,
die Tower-Genossen hatten freie Auswahl.
Genug
Geld ist da. Besser: Es wird da sein. Vier Millionen Tonnen
genossenschaftseigene Kohle liegen noch auf dem Zechengelände, teils
nur wenige Meter unter der Erdoberfläche. Jetzt, da der
Untertagebetrieb eingestellt ist, kann sie günstig abgebaggert und
ans nahe Kraftwerk Aberthaw verkauft werden. "Das Geld, das wir
benötigen, um unseren Traum zu erfüllen, verdienen wir selbst. Wir
müssen nicht um Subventionen betteln."
Das
Kohlerevier will nicht sterben. Die Zukunft lässt sich aber verdammt
viel Zeit
Die
aktuell 284 Tower-Aktionäre stehen hinter Tyrone. Nicht einer habe
in der Vollversammlung gegen ihn gestimmt, erzählt der oberste
Genosse. Obwohl sie selbst von den versprochenen neuen Jobs gar
nichts haben. Die Älteren sind nach Stilllegung der Zeche in Rente
gegangen, die anderen arbeiten fast alle wieder als Bergleute.
Steigende Energiepreise haben der Kohle eine Renaissance verschafft.
Zwei neue kleine Bergwerke wurden in der Nähe eröffnet; fast 150
ehemalige Tower-Kumpel arbeiten jetzt dort. Die Zechen griffen sofort
zu. Erfahrene Bergleute sind gefragt. Die ehemaligen Tower-Arbeiter
erfahren jetzt, wie es ist, wenn man nur Malocher ist und nicht
Eigentümer. Sie verdienen weniger als früher, und statt 37 gibt es
26 Tage Urlaub.
Nur
eine Handvoll Genossen hat sich auszahlen lassen. Tyrone hat das
Statut der Kooperative ändern lassen. Seither hat die Genossenschaft
Anteile nur noch zurückgekauft, wenn sie es sich leisten konnte -
und das war meist nicht der Fall.
Insgeheim
hoffen die Genossen, dass der Wert ihrer Anteile steigt, wenn Tyrone
erst die Planungsgenehmigungen unter Dach und Fach hat und das Land,
ihr Land, an Investoren verkauft wird. Dann haben sie zum ersten Mal
im Leben richtig viel Geld, 30 000 oder 50 000, vielleicht 100 000
Pfund, wer weiß. "Und wenn es nur 50 Pfund pro Woche sind",
sagt Tyrone. "Das zählt für einfache Bergleute. Sie können
sich einen Urlaub in der Sonne leisten. Oder etwas für die Kinder
oder Enkel zurücklegen."
Nun
hat Tyrone einen dicken Stein ins Wasser geworfen und schaut, welche
Wellen er schlägt. Noch erscheint sein Plan zur Wiederbelebung der
Region vage. 1000 Jobs sollen entstehen, aber welche? Bisher hat es,
trotz großzügiger Zuschüsse und schlüsselfertiger Fabrikhallen,
kaum jemand geschafft, einen seriösen Investor in die abgelegenen
Täler zu lotsen. "Ich hab' keine verdammte Ahnung, was für
Jobs das sein werden", sagt Tyrone. "Aber genau das ist
doch das Tolle. Alles ist offen, alles ist möglich." Das
Konzept sollen die Joint-Venture-Partner nach und nach gemeinsam mit
den Gemeinden schmieden.
Natürlich
hat Tyrone Ideen. Ein Energie- und Umweltpark wäre prima. Ein
Wohngebiet mit Sport- und Freizeiteinrichtungen, hoch über den
Dörfern, inmitten der Natur. Einzelhandel, damit die Leute zum
Einkaufen nicht ins grottige Merthyr Tydfil müssen. Natürlich werde
man an die Vergangenheit erinnern, als jedes Dorf noch eine Zeche
hatte. Aber keine Disneyland-Fassade für Industrieromantiker mit den
rührseligen Geschichten von Staublunge und Streik. "Wir haben
viel Spannenderes zu erzählen", sagt Tyrone. "Die
Tower-Story. Wie 239 Bergleute es allen gezeigt haben und später
1000 Jobs für ihre Kinder und Enkel geschaffen haben, statt das Geld
einzusacken."
Ein
paar Jahre will Tyrone noch dranhängen. "Bis dahin will ich
alle Genehmigungen in der Tasche haben. Damit es nicht mehr geändert
wird, wenn ich weg bin." Keuchend holt er Luft. Er nimmt seine
Medikamente nicht. Er ist 63. Treppen schafft er kaum noch. Er weiß,
dass er von den 120 Kilo runter muss, dass er die Flasche Whisky pro
Woche streichen sollte, das fette Essen, die drei, vier Liter Bier am
Freitagabend. Er macht nicht den Eindruck, als wolle er gleich morgen
damit beginnen.
Und
was wird aus dem Sozialismus, den sie auf Tower immer hochgehalten
haben? Die Partner im Joint Venture sind knallharte Kapitalisten.
Tyrone und die Seinen haben vorgesorgt: Die Genossenschaft hält 65
Prozent der Anteile; im Aufsichtsrat sitzen vier Tower-Genossen und
vier von den anderen. "Und ich. Mit Vetorecht. Wir behalten die
Kontrolle", sagt Tyrone. Damit aus den 1000 Arbeitsplätzen
keine 1000 Jobs zu Hungerlöhnen werden. "Es ist unser Land,
unsere Idee, unser Projekt", sagt Glyn Roberts. "Wir lassen
uns das von niemandem wegnehmen." Er hofft, dass Tyrone den Tag
noch erlebt, an dem sie vor dem Förderturm einen Torbogen enthüllen,
aus weißem Marmor vielleicht, und noch einmal das Lied von der roten
Fahne singen. Ein Denkmal mit den Namen von fünf Frauen und 234
Männern, in Stein gemeißelt. Die bewiesen haben, dass der Traum von
Solidarität nie erlischt. Jedenfalls nicht in den Tälern von
Süd-Wales.
Tyrone
glaubt an seinen Traum. "Ich bin kein Märchenonkel.
Was
wir in diesen 15 Jahren erreicht haben, ist ja auch keine Legende."
Dann kneift er die Augen zusammen und zischt: "Vor 20 Jahren
haben sie uns geprügelt und gedemütigt. Sie dachten, dass sie uns
erledigt haben. Sie haben sich getäuscht, die Bastarde. Wir sind
Bergleute aus Wales. Wir kommen zurück."
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