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Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.
Eva Corino
Sie
sieht alles noch genau vor sich; das eingefrorene Lächeln, mit dem
Claudie Hartwieg die Tür geöffnet und Sven* in Empfang genommen
hat, die Art, wie sie ihn an den Schultern nahm und sanft, aber
bestimmt ins Innere des Hauses bugsierte, die Tür, die sich öffnete
und schloss. Wenn sie an dem Haus vorbeifährt, jagt es ihr einen
Schauer über den Rücken. Und wenn ein französisches Lied im
Autoradio kommt, würgt sie den Motor ab. Es ist vier Jahre her, und
es ist immer noch nicht vorbei.
Claudie
Hartwieg war eine Tagesmutter. Französin, eine Grande Dame, die im
Chor sang und Klavier spielte. Sie hatte ein Haus mit sieben Zimmern
und einen weitläufigen Garten. Sie sprach gern davon, dass sie die
Kinder nicht wegen des Geldes betreue, sondern aus Idealismus.
Ach,
wissen Sie, Frau Trösken. Ich hätte es gar nicht nötig, als
Tagesmutter zu arbeiten. Aber es macht mir einfach Spaß, das
kreative Potenzial in diesen kleinen Menschen zu wecken und ihnen in
dieser schnelllebigen Zeit ein bisschen quality time zu geben.
Es
war genau das, was eine junge Mutter wie Nga Trösken hören wollte.
Mit 18 hatte sie ihr erstes Kind bekommen, nebenbei das Abitur
gemacht, dann angefangen, Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Sie
lernte gerade für das Vordiplom, als ihr Sohn seine erste
Tagesmutter verlor. Das Jugendamt hatte ihr die Pflege-Erlaubnis
entzogen, weil sie während der Arbeitszeit trank. Für den damals 18
Monate alten Sven einen Krippenplatz zu finden, war in München
vollkommen aussichtslos. Das Jugendamt empfahl ihr Claudie Hartwieg.
Die Toptagesmutter. Zehn Jahre Erfahrung und zufriedene Eltern aus
den besten Kreisen, promovierte Juristinnen, Professoren und
Chefärzte.
Am
Telefon war Hartwieg kurz angebunden, sie müsse sich jetzt um ihre
kleine Spielbande kümmern - aber am Abend zog Nga Trösken einen
imposanten Lebenslauf aus dem Faxgerät.
Demnach
besaß Madame Hartwieg humanistische Bildung, war Mathematiklehrerin
und hatte in Lothringen ein Knabenkonvikt geleitet, bevor sie in den
Achtzigerjahren der Liebe wegen nach München kam. Sie heiratete
Jürgen Hartwieg und bekam drei Kinder, die sie auf französische
Internate schickte.
Warum
wird so jemand Tagesmutter?, dachte Nga Trösken.
Im
Fax lag auch ein Speiseplan. Bei Claudie Hartwieg gab es jeden Tag
ein Drei-Gänge-Menü. Zum Beispiel: Brokkolicremesuppe. Tarte au
boeuf (Rinderbraten, Tomaten und Petersilie auf Mürbteig, mit
Emmentaler überbacken). Orangencreme.
Ein
idyllischer Tagesablauf ergänzte das Paket: Bis 8 Uhr 30 freies
Spielen mit klassischer Musik im Hintergrund. Es werden ohne Muss
Kinderbücher (deutsch-französisch) angeschaut, gebaut, von mir
gesungen. Bis 9 Uhr zweites Frühstück. In der Adventszeit
frühstücken wir nur mit Kerzenbeleuchtung und hören dabei
Weihnachtsmusik an (Bach Oratorium) Von ca. 9 Uhr 20 gehen wir für
eine Stunde raus (Spaziergang oder im Garten). Draußen wird auf die
Natur, Blumen, Farben geachtet, Ballspiele, Gymnastik gemacht. Beim
Spazieren gehen wird die Hand gegeben, an dem Zwillingsbuggy
festgehalten.
Nachdem
wir uns die Hände gewaschen haben und jedes Kind seine Schuhe schön
aufgeräumt hat, lese ich etwas vor. Anschließend stimme ich ein
Lied mit der Flöte an und lasse die Kinder das Lied erraten. Um ca.
11 Uhr lege ich die Kinder hin. Jedes Kind begleitet das andere in
sein Schlafzimmer, wünscht ihm einen guten Schlaf, streichelt es am
Kopf. Das neue Kind wird zuletzt ins Bett gebracht, denn es schreit
vielleicht gerne! Chut, leise, die Claudie ist da. Ich habe dich ganz
lieb. Du bist nicht allein. Dann bleibe ich an der Tür, bis es
einschläft. Nach dem Aufwachen wartet das Essen ...
An
einem Montag im Oktober wurde Nga Trösken zum Besichtigungstermin
eingeladen. Das Haus in der Breitbrunner Straße war
lichtdurchflutet, gediegen eingerichtet und penibel aufgeräumt.
Keine Legokiste war ausgekippt, keine Murmel lag auf dem Boden. Nga
Trösken nahm auf dem Sofa Platz, Sven saß auf ihrem Schoß, und
Madame Hartwieg ließ ihren Charme spielen: Sie machte ihrer Kundin,
die aus Vietnam kommt, Komplimente für ihr gutes Deutsch, hatte
selbst gut deutsch gelernt, sprach aber mit einem starken
französischen Akzent.
Claudie
Hartwieg war keine Frau der praktischen Fleecejacken. Sie trug
Make-up und hohe Absätze, ein Chanelkostüm mit taillierter Jacke
und engem Rock. Wird das nicht sofort bekleckert? dachte Trösken.
Wie
sie es eigentlich schaffe, neben der anstrengenden Tagesbetreuung all
diese raffinierten Gerichte zu zaubern?, fragte Trösken. Claudie
Hartwieg lächelte geschmeichelt: Ich stehe schon um fünf Uhr auf,
um alles vorzubereiten.
Sie
sei 46 Jahre alt, erzählte sie und seit 1996 Witwe. Ihr Mann sei
nach langer Krebskrankheit gestorben, sie habe ihn bis zum Tod
gepflegt. Nga Trösken, die Frau Hartwieg bisher für eine eher kühle
Person gehalten hatte, sah, wie sie mit den Tränen kämpfte und war
nun fast restlos überzeugt, dass ihr Sohn hier gut aufgehoben sein
würde.
Drei
andere Kinder waren an diesem Vormittag anwesend. Sie waren
erstaunlich brav. Ein Baby schlief im Kinderwagen, ein 18 Monate
altes Mädchen nuckelte an seiner Trinkflasche, ein Dreijähriger saß
mit seinem Stoffhasen reglos in der Ecke und schaute vor sich hin.
Mein
Sohn ist auch friedlich veranlagt, aber eine Stunde sitzt der Ihnen
nicht herum, sagte Nga Trösken. Madame Hartwieg winkte ab: Ich mache
viel Musiktherapie. Das läuft sehr gut.
Am
8. Oktober 2004 begann Svens Eingewöhnungszeit. Seine Mutter
begleitete ihn an fünf Tagen für eine knappe Stunde. Dann wagte sie
den Aufbruch, fuhr mit klopfendem Herzen nach Hause. Kaum war sie zu
Hause an ihrem Schreibtisch, begrüßte ihre Tagesmutti Claudie sie
mit einem fürsorglichen Anruf: Alles in Ordnung! Sven hat nur kurz
geweint, ist sehr vertieft in sein Spiel. Falls etwas sein sollte,
melde ich mich noch einmal.
Danach
beschloss Nga Trösken, Sven sogar ganztags zu Frau Hartwieg zu
schicken. Die Klausuren rückten näher. Die Studentin fuhr jeden
Morgen in die Bibliothek, mit gutem Gewissen, sie wusste ihren Sohn
ja in besten Händen.
Ein
paar merkwürdige Regeln gab es. Als sie morgens ihren Sohn einmal
fünf Minuten zu spät abgab, drohte Frau Hartwieg damit, Svens Platz
anderweitig zu vergeben. Nga Trösken versprach, das werde nicht
wieder vorkommen. Ein anderes Mal klammerte ihr Sohn; sie wäre gerne
noch ins Haus gegangen, um ihm ein Bilderbuch vorzulesen. Aber Frau
Hartwieg bestand darauf, dass sie Sven an der Tür verabschiedete. So
wie immer. Glauben Sie mir, das Kind löst sich leichter von Ihnen!,
erklärte Frau Hartwieg. Und Sie bringen keine Unruhe in meine
Gruppe!
In
den ersten Adventstagen begann Sven sich zu verändern. Wenn die
Mutter ihn abholte, war er etwas wackelig auf den Beinen, schlief im
Auto sofort wieder ein. Wenn Nga Trösken ihn zum Abendessen
wachrüttelte, verschlang er nach drei Krapfen noch zwei Bananen,
leerte die Milchflasche in einem Zug. Wahrscheinlich ist das Programm
so anstrengend, sagte der Vater.
Mitte
Dezember verschlimmerte sich der Zustand: Sven konnte abends nicht
mehr einschlafen. Immer, wenn die Eltern das Licht in seinem Zimmer
ausknipsen wollten, fing er an zu schreien. Dann weinte er bis vier
Uhr morgens, und niemand konnte ihn beruhigen.
Der
Kleine zahnt!, sagte der Schwiegervater. Das ist nur eine Phase!,
erklärte die Nachbarin. Nga Trösken schrieb die ersten Klausuren
und nahm sich vor, ihren Sohn in den Weihnachtsferien mit
Aufmerksamkeit zu überschütten.
Aber
an den Feiertagen wurde sein Geschrei noch hysterischer. Und an
Silvester hörte der Junge plötzlich auf zu sprechen. Er starrte die
Eltern nur mit großen Augen an, sagte weder Mama noch Papa.
Die
Eltern waren sicher, dass in Sven etwas aus den Fugen geraten war. Im
Januar schickten sie ihn für zwei Wochen zu Verwandten nach Berlin.
Dort wurde es besser. Er schlief wieder normal. Aber kaum war er
zurück in München, zurück im Alltag, ging es ihm wieder
schlechter.
Am
17. Februar 2005 holte Nga Trösken ihren Sohn wie jeden Mittwoch
schon um 15 Uhr und nicht um 16 Uhr ab. Claudie Hartwieg wusste das,
aber sie muss es vergessen haben und wurde ganz nervös, als Nga
Trösken vor der Tür stand. Warten Sie einen Augenblick, ich muss
Sven noch wickeln, sagte die Tagesmutter.
Ich
erledige das.
Nein,
ich kann ihnen doch kein schmutziges Kind übergeben!
Na
meinetwegen, wickeln Sie ihn!, sagte die Mutter.
Zwanzig
Minuten ließ Madame Nga Trösken im Nieselregen auf der Treppe
stehen. Als Hartwieg ihr Sven schließlich in den Arm drückte, war
eine Schlaffalte in seinem Gesicht.
Hat
er bis eben geschlafen?
Nein.
Er hat gespielt.
Da
wusste Nga Trösken, dass Frau Hartwieg lügt. Warum? dachte sie.
Schlaf ist doch nichts Anstößiges, oder?
Im
Auto war Sven nicht ansprechbar. Wahrscheinlich bekommt er Drogen,
sagte der Vater halb im Scherz.
Nga
Trösken wandte sich an zwei entfernte Bekannte, die ihre Töchter
früher auch zu Frau Hartwieg gebracht hatten. Beide berichteten,
dass die Mädchen am Nachmittag viel schliefen, sehr hungrig und
durstig wirkten - und dass sie sich nach dem Abholen in der
Breitbrunner Straße manchmal erbrechen mussten.
Ist
euch eigentlich aufgefallen, dass der Minivan von Frau Hartwieg
morgens an einer etwas anderen Stelle steht als nachmittags?
Lässt
sie die Kinder im Haus allein?
Einmal
telefonierte ich mit Frau Hartwieg um 11 Uhr vormittags. Sie sagte,
sie sei gerade bei der Bank gewesen, und könne keine Überweisung
von mir feststellen. Nach einer Pause fügte sie hinzu, dass sie für
den Bankgang natürlich eine Vertretung habe.
Entgegen
allen Beteuerungen hat sie mit meinem Kind sicher nie einen
Spaziergang gemacht.
Lenas
Schuhe waren beim Abholen immer noch genauso geknotet wie beim
Hinbringen.
Und
kein Klümpchen Erde klebte an den Sohlen.
Lena
konnte mir nie die Namen ihrer Spielkameraden sagen.
Marie
meinte: Die ganzen Babys bei Frau Hartwieg, die schlafen immer. Da
habe ich gestutzt: Wieso die ganzen?
Ich
wollte das Zimmer im ersten Stock besichtigen, wo Lena ihren
Mittagsschlaf machte. Frau Hartwieg sagte, sie müsse den Tag
zielstrebig beginnen.
Ein
Nachbar sagte, er hätte ein Schluchzen im Keller gehört.
Manchmal
hatte Lena so kleine Salzkrusten an den Augen. Als hätte sie
stundenlang auf dem Rücken gelegen und geweint.
Am
18. Februar rief Nga Trösken bei Frau Hartwieg an, und sagte, dass
Sven heute nicht käme. Anschließend fuhr sie mit ihrem Sohn zur
Haunerschen Kinderklinik und erzählte von ihrem Verdacht. Die
diensthabende Schwester wollte sie abwimmeln. Die Mutter blieb
hartnäckig. Was soll ich denn in den Aufnahmebericht schreiben?,
fragte die Schwester: Vergiftung durch Tagesmutter?
Bald
kamen mehrere Ärzte ins Behandlungszimmer, die den Jungen eingehend
untersuchten. Sie fanden nichts. Auch die Blutwerte waren normal. Nga
Trösken forderte eine Haaranalyse, da man Drogen im Blut nur 24
Stunden lang nachweisen kann. Bei einem kleinen Kind?, fragte der
Oberarzt erstaunt. Acht Haarbüschel schnitt er von Svens Kopf und
schickte sie an das Labor der Rechtsmedizin.
Als
Nga aus der Klinik kam, stand ein selbstgebackener Kuchen auf ihrem
Küchentisch. Neben dem Teller lag eine Karte: Heute wollte ich mit
Sven einen Kuchen backen. Das hatte ich ihm versprochen. Weil er
nicht kommen konnte, habe ich heute für Sven einen Kuchen gebacken.
Ich hoffe, er schmeckt ihm. Bon Appetit! wünscht eure Tagesmutti
Claudie.
Ngas
Trösken starrte den Kuchen an. Als Sven ihn probieren wollte, warf
sie ihn samt Karte und Glasteller in den Mülleimer.
Sie
rief das Jugendamt an, mehrere Male, aber sie erreichte immer nur den
Anrufbeantworter. Drei Tage später kam der Rückruf, mit der Bitte,
die verdächtigen Beobachtungen schriftlich zusammenzufassen.
Hier
sind Kinder in Gefahr! Die Eltern müssen sofort alarmiert werden!,
sagte Nga Trösken.
Ohne
Beweise geht das nicht. Wir müssen den Dienstweg einhalten,
antwortete die Mitarbeiterin vom Jugendamt.
Am
Dienstag, den 22. Februar 2005, warf Nga Trösken die fristlose
Kündigung von Svens Vertrag in Hartwiegs Briefkasten. Am gleichen
Tag bat das Jugendamt die Tagesmutter um einen Gesprächstermin.
Claudie Hartwieg war in heller Aufregung. Drei Tage lang rief sie im
Hause Trösken an. Was habe ich denn falsch gemacht?, fragte sie.
Eltern
erzählte sie, dass eine Mutter, Frau Trösken, Probleme mit ihrem
Sohn habe und nun alles auf sie schieben wolle. Viele Eltern
versprachen, Frau Hartwieg zu unterstützen.
Am
Freitag, den 25. Februar, wurde Hartwieg im Jugendamt mit den
Vorwürfen konfrontiert: Sie stritt alles ab. Anschließend rief sie
bei Nga Trösken an: Ich kann Sie jetzt sehr gut verstehen, sagte
Hartwieg. Ihre Stimme klang sehr nett, fast entspannt. Ich wünsche
Ihnen alles Gute!, sagte Frau Hartwieg noch. Dann legte sie auf.
Am
Dienstag, den 29. Februar bekam Nga Trösken einen Anruf vom
Jugendamt. Ihr wurde mitgeteilt, dass Claudie Hartwieg sich
Samstagnacht mit einer Überdosis Beruhigungstabletten das Leben
genommen habe. Auf dem Küchentisch habe die fristlose Kündigung von
Svens Vertrag gelegen.
Zu
dieser Zeit war das Haus in der Breitbrunner Straße bereits
versiegelt. An der Tür hing ein Zettel: Wenden Sie sich ans
Jugendamt!
Ein
paar Tage später erschien in der Süddeutschen Zeitung eine
Todesanzeige: "Deine Stimme, die uns vertraut war, schweigt/Der
Mensch, der für uns da war, ist nicht mehr./Du fehlst uns/Was
bleibt, sind Erinnerungen, die uns niemand nehmen kann."
"Was
ein Mensch an Gutem/in die Welt hinausgibt,/ geht nicht verloren."
(Albert Schweitzer) Claudie Hartwieg - Du bleibst für immer in
unseren Herzen!" Darunter die Namen von 17 Tageskindern.
Am
Mittwoch, den 2. März wurde Claudie Hartwieg beerdigt. Auf dem
Waldfriedhof am Lorettoplatz hatte sich eine Schar dankbarer Eltern
versammelt. Der katholische Priester, der Hartwieg aus seiner
Gemeindearbeit kannte, stand am Sarg.
Claudie
Hartwieg wollte mehr sein, als sie war, sagte er. Zum Abitur hat es
nicht gereicht. Als Siebzehnjährige kam sie als mittelloses Mädchen
nach München und suchte Anschluss in unserer Gemeinde. Sie
verschwand so rätselhaft wie sie gekommen war. Zwanzig Jahre später
tauchte sie wieder auf mit ihrer Familie, die in einer
Hochhaussiedlung am Stadtrand lebte. Ihr Mann war ein kleiner
Versicherungsangestellter. Er litt an Depressionen, im Jahr 1996 warf
er sich vor den Zug. Das war ein Schicksalsschlag für Claudie
Hartwieg. Aber danach ging es bergauf, sie brachte es zu bürgerlichem
Wohlstand. Mir ist bis heute schleierhaft, sagte der Pfarrer, wo sie
das viele Geld hergenommen hat.
Die
Trauergäste sahen sich fragend an. So eine Rede hatten sie nicht
erwartet. Hartwiegs Kinder verließen vorzeitig das Gelände.
Am
9. März 2005 schickte die Haunersche Kinderklinik das Ergebnis der
Haaranalyse: Sven hatte Medikamente bekommen - Amitryptylin und
Diphenhydramin - und zwar hochdosiert über einen längeren Zeitraum.
Diphenhydramin ist ein Schlafmittel, Amitryptilin ein beruhigendes
Antidepressivum. Zu den Nebenwirkungen zählen Mundtrockenheit,
Erbrechen, Zittern, wackeliges Gehen, Harnstau, Krampfanfälle und
Herzrhythmusstörungen bis hin zum Herzstillstand.
Obwohl
die Medikamente keine Sucht erzeugen, können entzugsähnliche
Symptome auftreten: Aggression, Angstträume und Panikattacken. Jetzt
wusste Nga Trösken, warum Sven in den Weihnachtsferien so hysterisch
geschrien hatte. Er war auf Entzug.
Mit
diesem Beweis ging Trösken zur Polizei, um Claudie Hartwieg
anzuzeigen. Als die Polizistin erfuhr, dass die Frau, die angezeigt
werden sollte, sich umgebracht hatte, verlor sie schlagartig das
Interesse: Tut mir leid! Gegen eine Tote ermitteln wir nicht!
Drei
Stunden später bekam Nga Trösken einen Anruf von einem Kommissar
namens Wagner. Die Ermittlung begann.
Bei
der Hausdurchsuchung fand man im Keller eine große Anzahl von
Kinderbetten. Man fand die laufenden Verträge (30 Tageskinder pro
Woche, bis zu 20 Kinder am Tag!) und ein Rezept für das
Antidepressivum Amitryptilin - ausgestellt auf die Patientin Claudie
Hartwieg - sowie 6 000 Tabletten, das Zehnfache der normalen
Jahresdosis.
Das
kriminelle System der Claudie Hartwieg nahm allmählich Gestalt an.
Jede normale Tagesmutter weiß, wie ungeheuer anstrengend die
Betreuung von Kleinkindern ist. Und es kann sein, dass Hartwieg
diesen Anstrengungen irgendwann nicht mehr gewachsen war. Erst hat
sie den Kindern eine Tablette verabreicht, dann zwei, dann viele -
langsam wurde aus der Not ein Geschäftsmodell.
Anhand
der Verträge konnte die Polizei errechnen, dass sie über rund 10
000 Euro im Monat verfügte. Aber sie hatte auch gewaltige Ausgaben:
Für die Miete, die Renovierung des Hauses, das neue Auto, die
vornehmen Internate ihrer Kinder. Drei Mal im Jahr fuhr sie in
Urlaub, machte Tauchkurse in Ägypten und Safaris in Afrika.
Eine
Hauslehrerin der Familie sagte den Ermittlern, dass Hartwieg ihre
eigenen Kinder unter extremen Leistungsdruck gesetzt hat. Sie mussten
gute Noten haben, Geige spielen und Lateinunterricht nehmen. Ganz
offensichtlich wollte Hartwieg zu der großbürgerlichen Schicht
gehören, die sie als Tagesmutter bediente. Sie hat Nga Trösken
immer wieder aufgezählt, wer alles zu ihren Kunden gehörte: die
Tochter von diesem berühmten Narkosearzt, der Sohn von jenem
anerkannten Rechtsanwalt. Nga Trösken hat das anfangs sehr
beeindruckt. Sie war als Flüchtlingskind aufgewachsen, ihre
alleinerziehende Mutter stand bei Siemens am Fließband.
Am
11. März 2005 standen die ersten Reporter vor Tröskens Tür.
Alarmiert von ihren Zeitungsartikeln, meldeten sich etwa 70 Eltern
bei der Polizei. Etwa 50 kamen zu dem Informationsabend, den Nga
Trösken organisierte.
Ach,
Sie sind die arme Mutter, deren Kind ruhig gestellt wurde!, sagte ein
Vater zur Begrüßung.
Er
hoffte, ihr Sohn sei eine traurige Ausnahme. Aber bald zeigte sich,
dass Claudie Hartwieg ihre Tageskinder systematisch ruhig gestellt
hatte. Und zwar seit dem Jahr 2000, als sie in die Villa umgezogen
war. Von 50 weiteren Haarproben waren 50 positiv. Auch Locken, die
aus verstaubten Tagebüchern gelöst wurden, wiesen Rückstände von
Amitriptilin auf.
Selbst
skeptische Eltern mussten lernen, die Leiden ihrer Kinder als
Nebenwirkungen zu lesen: Erbrechen, Zittern, wackeliges Gehen. Für
viele war das ein Schock. Männer machten ihren Frauen Vorwürfe.
Frauen ihren Männern. Ehen gerieten ins Schleudern. Mehrere Mütter
ließen sich monatelang krank schreiben, wollten nie mehr arbeiten
gehen und ihre Kinder anderen Menschen überlassen.
Nga
Trösken wurde zur zentralen Figur in der wachsenden Gemeinde von
Hartwieg-Opfern. Dutzendweise riefen Mütter an, erzählten ihre
Leidensgeschichten. Nga hörte genau zu und schnell verstand sie,
warum das kriminelle System von Claudie Hartwieg so lange
funktionieren konnte.
Die
Tagesmutter hatte den Austausch zwischen Eltern geschickt
unterbunden. Sie mussten hintereinander, in Zeitfenstern von 15
Minuten, antreten, um ihren Nachwuchs zu bringen und abzuholen. Sie
wurden an der Haustür abgefertigt und trafen sich nur, wenn sie zu
spät kamen. Babys wurden im Autositz geliefert und gleich
angeschnallt in den Keller getragen. Die Tabletten wurden zerstoßen
und wahrscheinlich in den Apfelsaft gemischt, den es zum Frühstück
gab. Fast alle Eltern hatten seltsame Dinge beobachtet, aber nicht
die nötigen Schlussfolgerungen gezogen. Fast alle waren beruflich so
unter Druck, dass sie Hartwiegs virtuosen Ausreden glauben wollten.
Beim Abholen schwärmte sie in höchsten Tönen von den Fortschritten
der Kinder, band die Mütter in intensive Gespräche ein. Die Kinder
misstrauischer Eltern kamen in den Genuss von kostenlosen
Wochenendausflügen in Museen und Freizeitparks. Sie durften
Erdbeermarmelade kochen und die Einmachgläser mit nach Hause nehmen.
Oh, bonne maman!
Die
Tagesmutter hatte auch ein ganz bestimmtes Beuteschema entwickelt.
Hartwieg suchte nach unerfahrenen Müttern mit dem ersten Kind - die
sie leicht täuschen und für die sie die Rolle der erfahrenen
Ratgeberin spielen konnte. Ehrgeizige Akademikerinnen, die nach
Schwangerschaft und Geburt schnell wieder in den Beruf zurückkehren
wollten. Außerdem hatte sie sich auf sehr kleine Kinder
spezialisiert, die noch nicht richtig sprechen und nicht erklären
konnten, dass Frau Hartwieg sie anbrüllte. Dass sie keine
Drei-Gänge-Menüs bekamen, sondern nur eine Stange Weißbrot, die
sie im Stehen essen mussten. Dass sie nicht in den Garten gehen
durften, nicht toben, nicht rennen, nicht spielen.
Im
Juli 2005 wurde eine Elterntherapiegruppe eingerichtet - von Dr.
Karl-Heinz Brisch, Psychotherapeut an der Haunerschen Kinderklinik in
München. Durch seine Arbeit wurden die Mütter soweit stabilisiert,
dass sie die Traumatherapie ihrer Kinder begleiten konnten. Viele
hatten Entwicklungsstörungen, waren in ihren sprachlichen und
motorischen Fähigkeiten weit hinter ihren Altersgenossen zurück.
Manche konnten mit zwei Jahren noch nicht laufen, wie auch, wenn sie
den ganzen Tag im Gitterbett lagen.
Zehn
Mütter, die sich in der Therapie begegnet sind, treffen sich heute
noch regelmäßig. Sie spekulieren über die Motive von Claudie
Hartwieg. Sie vergleichen die Entwicklung ihrer Kinder. Die einen
konnten die verlorene Zeit aufholen. Die anderen kämpfen bis zum
heutigen Tag mit Lernstörungen und Verhaltensauffälligkeiten. Ein
Junge beißt sich stundenlang auf die Fingerkuppen. Ein Mädchen
schlägt jeden Abend mit dem Kopf gegen die Wand.
Am
16. Oktober 2006 wurde Nga Trösken die Verdienstmedaille des
Freistaates Bayern für besondere Zivilcourage verliehen. Die
Laudatio hielt Günther Beckstein. Er lobte, wie unerschrocken sich
Nga Trösken im Fall Hartwieg durch die Instanzen kämpfte. Die
Preisträgerin nutzte ihre Dankesrede, um die Fahrlässigkeit des
Jugendamtes anzuprangern. Derzeit gründet sie einen Verein, der sich
für höhere Qualitätsstandards bei Tagesmüttern einsetzt. Und für
strengere Kontrollen.
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Die Namen der Kinder wurden geändert. Der Artikel beruht auf
Gesprächen mit fünf der betroffenen Familien.
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