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Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.
Pia Eckstein / Regina Munder / Frank Nipkau / Anne-Kathrin Schneider
Ein
wiederkehrender Traum: Die Mutter steht auf dem Friedhof, "auf
unserem Friedhof". Jemand sagt einen achtlosen Trostspruch zu
ihr: Das wird schon wieder, das Leben geht weiter, es ist ja noch
kaum Zeit vergangen, seit es geschehen ist. Ihre Antwort darauf ist
jedes Mal dieselbe: "Wir haben lebenslänglich", schreit
sie, "wir haben lebenslänglich", bis sie von ihren eigenen
Schreien erwacht.
Der
11. März überschattet die Tage der Opfer-Eltern, und er durchwirkt
ihre Nächte: "Albträume ohne Ende", wirres, verstörendes
Schlafgeflacker, das sich manchmal momentweise zu einem klaren,
schlichten Bild verdichtet. Zum Beispiel: Ein Mann in schwarzen
Kleidern kommt und stiehlt die anderen, die noch lebenden Kinder.
"Uns
allen geht es schlechter" jetzt, sagt Gudrun Hahn, Mutter der
erschossenen Jacqueline. In den ersten Wochen nach dem 11. März
wirkte der Schock wie eine örtliche Betäubung, die einen bei vollem
Bewusstsein den Schmerz doch ertragen ließ. Nun "spürt man den
Schmerz innen", sagt Barbara Nalepa, die ihre Tochter Nicole
verloren hat. "Wie ein Stein hängt er einem am Herzen, am
Magen."
Es
gibt Tage, "die sind supergut", erzählt Birgit Schweitzer,
die Mutter von Selina. "Aber wenn es kommt, dann kommt es
knüppeldick." Die Unabweisbarkeit des Verlustes zieht einen
hinab in die Depression. Der Tag steht vor einem wie ein Berg.
Es
ist alles durcheinandergeraten. "Die Reihenfolge ist einfach
nicht eingehalten. Normal stirbt der Opa, dann kommen die Eltern."
Sicher, es kann Krankheiten geben, Unfälle, man weiß das. Aber wenn
"du plötzlich einen Grabstein aussuchen und dein Kind beerdigen
sollst", weil es in seinem vertrauten Klassenzimmer von einem
17-Jährigen grundlos hingerichtet worden ist, mit einem präzisen
Kopfschuss von hinten wie sollte sich das einordnen lassen in
irgendeinen Horizont des Begreifens?
Geduld
Ein
Tag wirkt nach
Wie
der 11. März verblasst: Die Übertragungswagen stehen jetzt
woanders. Winnenden, Winnenden, man kanns nicht mehr hören, es gibt
doch auch anderes solche Stimmen gibt es jetzt öfters. Aber in
Wahrheit ist nichts vorbei.
Die
Albertville-Realschule ist seit Mitte Mai in einem Provisorium neben
der Trudl-Krämer-Rollsporthalle untergebracht: 156 Container, 2600
Quadratmeter Fläche, ein Erdgeschoss, ein erster Stock, 20
Klassenzimmer. 14 neue Lehrer hat das Land genehmigt und eine
zusätzliche stellvertretende Schulleiterin.
Man
hört jetzt hier und dort aus anderen Schulen: Von so einer
Personalausstattung können wir nur träumen. Dass eine Videoanlage
Eingänge und Umfeld der Container bewacht, ein Wachdienst tagsüber
patrouilliert, die Polizei regelmäßig in Uniform Präsenz zeigt,
weil die Schüler, deren Weltvertrauen so nachhaltig erschüttert
ist, es gewünscht haben; dass im Schulalltag manchmal die
Erinnerungen aufbrechen, unvermittelt, mitten im Unterricht; dass die
Pädagogen inmitten des Ausnahmezustands arbeiten davon ist selten
die Rede.
Das
Unvorhersehbare, erklärt die Schulpsychologin Anne Niedermeier, sei
nach einem so schlimmen Erlebnis normal. Sogenannte Trigger können
traumatisierte Menschen plötzlich und ohne Vorahnung aus der Bahn
werfen: ein lautes Geräusch, ein Hupen, ein Martinshorn. Es gibt
Betroffene, die nicht reden wollen; andere können nicht damit
aufhören. Es gibt Jugendliche, die auf einen öffentlichen Prozess
hoffen, um sich nochmals mit dem Geschehen auseinandersetzen zu
können; andere fürchten, dass dadurch ihre Wunden wieder
aufgerissen werden. Was dem einen hilft, bedeutet für den anderen
eine Überforderung.
Flexibel
und individuell auf die ganz unterschiedlichen Nöte und Bedürfnisse
eingehen zu können: Das nennt Niedermeier als wichtigste Aufgabe der
Psychologen.
Der
Traumapsychologe Thomas Weber wünscht sich für die kommenden Monate
vor allem eines: "Wir brauchen Geduld"; Geduld der
Betroffenen mit sich selbst und ihren Symptomen die Seele brauche
lange, um derart Schreckliches zu verarbeiten, Jammern, Albträume,
Verdrängen, all das sei angesichts des Grauens, das manche erleben
mussten, "normal".
Geduld
bräuchten auch die Menschen, die den schwer Traumatisierten
nahestehen: da sein, auch wenn sich jemand abkapselt, es zulassen,
wenn jemand unerwartete Verhaltensweisen an den Tag legt, zuhören,
wenn sich jemand immer wieder dasselbe von der Seele reden muss.
Und
Geduld wünscht sich Weber von all jenen, die nicht betroffen sind:
"Das Schlimmste, das jemand zu einem notleidenden Menschen sagen
könnte, wäre: Jetzt lass es doch endlich mal gut sein."
Wunden
Helfer
und Seelsorger
In
der katholischen Kirche St. Karl Borromäus ist seit Mitte April eine
"Klagemauer" aufgebaut, Trauernde haben hier Briefe,
Kerzen, Blumen, Selbstgebasteltes niedergelegt. "Es kommen immer
wieder Leute zur Klagemauer, aber auch wie früher zur Madonna",
erzählt Pfarrer Gerald Warmuth. "Es gibt Jugendliche, die
kommen jeden Tag." Der Bischof hat einen Friedenspädagogen
entsandt: Dieser Tage nimmt ein Sozialpädagoge seine Arbeit auf und
will für alle Menschen mit seinem Angebot da sein; für mindestens
zwei Jahre.
Sicher,
sagt der evangelische Pfarrer Reimar Krauß, der Alltag ist längst
zurückgekehrt aber er bleibt geprägt von dem, was geschehen ist.
"Wir begegnen den Folgen und werden, wie jetzt zum Schulanfang
oder beim Vorbeilaufen an der Schule, immer wieder daran erinnert."
"Das
Geschehen holt uns in der täglichen Arbeit immer wieder ein",
sagt Monika Hermann, Geschäftsführerin des Deutschen Roten Kreuzes
(DRK), Kreisverband Rems-Murr. So schnell werden die Bilder nicht
verblassen. Sie erzählt aber auch von positiven Erfahrungen, etwa
dem Besuch eines Mädchens in der DRK-Wache, das seinen Rettern
danken wollte. "Anfangs hatte ich Bedenken, denn ich wusste
nicht, was die Begegnung bei meinen Kollegen und auch dem Mädchen
auslösen würde." Doch das Gespräch im Beisein einer
Psychologin lief sehr gut: Für die Rettungssanitäter war es eine
Bestätigung, dass sie in all dem Grauen, dessen Zeuge sie waren,
auch etwas Gutes erreichen konnten. Und Monika Hermann bleibt das
starke Gefühl: "Ich bewundere diese junge Frau, und ich bin mir
sicher, dass sie ihren Weg machen wird."
Nicht
aus dem Kopf geht Hermann, dass sehr junge Ersthelfer im Einsatz
waren. Sie hätten vermutlich tiefe seelische Wunden davongetragen.
Viele Kollegen benötigten nun selbst psychologische Hilfe. "Wir
etablieren ein internes Hilfssystem. Auf jeder Rettungswacht soll es
einen speziell geschulten Kollegen als Ansprechpartner
geben."Fortsetzung auf der nächsten Seite.
Totalverlust
Opfer-Eltern
erzählen
Barbara
Nalepa steht in der Küche. Und hinter ihr: Nicole, in einem ganz
hellen, einem himmelblauen Kleid. Die Mutter wendet sich um. Du
lebst?!, fragt sie. Ja klar, sagt die Tochter. Der Vater kommt
herein, die Mutter ruft ihm zu: Sie lebt! Er antwortet: Ja klar lebt
sie.
Hier
endete der Traum. Und noch während in der Desorientierung des
Erwachens die ungläubige Freude nachklang, kehrte das Bewusstsein
zurück mit all seiner erdrückenden Kraft. "Und mir ist
klargeworden, dass sie vielleicht lebt in unseren Herzen, aber nicht
so, wie ich das will."
Es
gibt jetzt zwei Barbara Nalepas. Die eine "lebt, als ob Nicole
da wäre, ganz normal, nur macht sie momentan irgendwo Ferien. Die
zweite sagt: Es ist passiert und du musst das wahrhaben. Und wenn
diese Person keine Kraft mehr hat, kommt wieder die andere und sagt:
Du, es ist alles okay, es ist nichts passiert."
Jacquelines
Schuhe "stehen noch im Flur", sagt Gudrun Hahn. "Ich
kann sie nicht wegräumen, weil ich das Gefühl habe, dann geht noch
ein Teil von ihr."
Was
sie erlitten haben, nennt Juri Minasenko einen "Totalverlust"
- zersetzt und unterhöhlt sind die tiefsten Gewissheiten und die
banalsten Alltagserfahrungen, verloren hat Juri Minasenko seine
Viktorija, das über alles geliebte Kind, den Engel, die Tochter, die
"uns mehr gegeben hat als wir ihr", verloren hatte er
zwischenzeitlich den "Geschmack von Essen, das Gefühl von
frischer Luft" und musste ihn erst langsam wiederentdecken.
Und
verloren gegangen ist die innerste Ordnung der Dinge: "Die Zeit
ist stehen geblieben." Es gibt "kein Zurück mehr" und
"keine Zukunft".
"Ein
Stück von einem selber ist ganz einfach gestorben", sagt Gudrun
Hahn. "Tot."
Verantwortung
Juristische
Fragen
Was
könnte den Eltern der Opfer helfen? "Wir haben ein großes
Bedürfnis, das alles aufzuklären", sagt Juri Minasenko. Die
Eltern wollen Antworten, wirkliche Antworten, nicht nur
Antwort-Bruchstücke, Antwort-Brosamen. "Wie hat es geschehen
können, dass sich ein Junge in einen Mörder transformiert hat?"
Wer war Tim K., wie wurde er zu dem, der da am Ende wahllos kalt
mordete?
Jürgen
Marx, Vater der ermordeten Selina, redet vom Vielleicht: Wenn die
Eltern von Tim K. ihnen bei der Suche nach Antworten helfen, sich den
Fragen aussetzen würden, vorbehaltlos; wenn sie sich nicht erst
weggeduckt und dann mit einem so offensichtlich taktisch motivierten,
nichtssagenden Brief an sie gewandt hätten; wenn das Ehepaar K. sich
ungeschützt vor die Eltern der Opfer hingestellt hätte mit seiner
ganzen Scham und Verzweiflung, anstatt diesen Schrieb zu verschicken,
eingetütet in ein "Kuvert wie vom Finanzamt", in dem jede
Formulierung anwaltlich abgezirkelt wirkte und ansonsten
"Selbstmitleid" durchklang . . . dann, vielleicht, wäre
das Verhältnis zwischen Tim K.s Eltern und den Eltern der Opfer
"nicht so verhärtet, wie es jetzt ist", sagt Jürgen Marx.
Es haben sich viel zu viele Wenns angehäuft. "Für uns alle
sind die Eltern diejenigen, die die Last der Hauptschuld tragen
müssen."
Ihre
Verantwortung ihre Verantwortung als Eltern, ihre Verantwortung als
Waffenbesitzer muss in einer Gerichtsverhandlung erörtert und darf
nicht mit einem schriftlichen Strafbefehl zu den Akten gelegt werden,
findet Marx. Eine intensive und transparente juristische Aufarbeitung
vielleicht, sagt Juri Minasenko, wäre dies etwas, "das mich
trösten kann".
Wird
die Staatsanwaltschaft Anklage erheben oder das Verfahren gegen Tim
K.s Vater mit einem Strafbefehl wegen fahrlässiger Tötung in 15
Fällen zügig beenden? So eine Verhandlung, fürchten manche, stehe
der Mann womöglich nicht durch, Ärzte sagen, er sei massiv
suizidgefährdet. Ein Prozess würde auch Tim K.s 15-jährige
Schwester, die sowieso schon entsetzlich getroffen ist von der
Katastrophe, aus ihrer schützenden Anonymität reißen.
Bedenkenswerte Argumente.
Aber
zu viele Fragen sind auch nach dem Abschluss der Ermittlungen offen
und könnten nur in einer ausführlichen Verhandlung mit
Expertengutachten und Zeugenaussagen beantwortet werden: Im Frühjahr
2008 offenbarte Tim K. schwere psychische Probleme, er bat um Hilfe,
ging mit den Eltern nach Weinsberg, führte mehrere Gespräche mit
einer Therapeutin, die danach eine Anschlussbehandlung empfahl; und
genau während dieser Weinsberger Zeit und unmittelbar danach brachte
der Vater seinem Sohn den Umgang mit einer großkalibrigen Pistole
bei warum? War er womöglich dem fatalen Irrglauben verfallen, das
gemeinsame Schießen könnte das Verhältnis zwischen Vater und Sohn
verbessern, gar eine Art therapeutischer Wirkung entfalten? Beim
ersten Gespräch berichtete Tim K. der Therapeutin, dass er manchmal
"alle Menschen umbringen" wolle; die Psychiaterin aber kam
in den weiteren Sitzungen zum Ergebnis, dass keine ernsthafte Gefahr
bestehe warum? Sie sagt, sie habe Tim K.s Eltern über die
aggressiven Fantasien des Jungen informiert; die Eltern bestreiten
das wer lügt hier?
All
diese Fragen münden in eine letzte, die quälendste: Hätte dieser
Amoklauf verhindert werden können?
Man
kann das nicht auf dem Papierwege erledigen.
Drei
Phasen
Trauma
und Trauerarbeit
Psychologen
sagen: Die kollektive Trauerarbeit nach solch einem traumatisierenden
Ereignis folge einem Phasen-Modell. Am Anfang steht die
Solidarisierung alle existenziell Erschütterten und auch die
mittelbar Betroffenen fühlen sich eins in ihrem Leid, rücken
zusammen, finden Halt in der Nähe zueinander. Das war in Winnenden
ganz stark und trostreich zu spüren.
Aber
mit der Zeit beginnt die zweite Phase: Jeder Mensch sucht seine
eigenen Wege, mit dem Schmerz umzugehen, und daraus ergeben sich
widerstreitende Anliegen. Der eine braucht Ruhe, der andere sucht
Zuflucht in der Aktivität. Da die Menschen nun so vieles zu
bewältigen haben, für das sie keine Routinen kennen, kann es
geschehen, dass sie in verschiedene Richtungen zerren. Weil überall
die Nerven bloßliegen, kommt es zu Spannungen. Klüfte können
aufbrechen.
Diese
zweite Phase hat bereits begonnen. Wie offensiv sollte sich das
Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden in die mediale Öffentlichkeit
begeben? Wer hat das Sagen und darf mit Entscheidungen vorangehen?
Wie transparent ist mit Spendengeldern umzugehen? 300000 Euro sind
eingegangen, bei der Stadt, beim Bündnis, bei der Schule wofür soll
es verwendet werden, was ist sinnvoll, was gerecht? Manche der
Opfer-Eltern, die anfangs mit im Bündnis waren, haben es
mittlerweile verlassen.
Uwe
Krechel, der Bonner Anwalt von Hardy Schober, dem Vater der
ermordeten Jana Natascha, erklärte unlängst gegenüber Zeitungen:
Offenbar wolle die Staatsanwaltschaft "einen öffentlichen
Prozess vermeiden, damit keine weiteren Polizeipannen offenbart
werden".
Polizeipannen?
Falsche Einsatztaktik? "Tiefe Dankbarkeit", sagt Jürgen
Marx, empfinde er gegenüber den Polizisten, die da gleich nach dem
ersten Alarm in die Schule gegangen sind und "ihr eigenes Leben
aufs Spiel gesetzt haben, um andere zu retten. Man kann denen gar
nicht genug danken".
Risse
zeichnen sich auch in Leutenbach ab. Einige Opfer-Familien leben in
Weiler zum Stein, auch die Familie des Täters hat hier gewohnt. Tim
K.s Eltern sind allerdings mit ihrer Tochter an einen unbekannten Ort
gezogen und werden nicht zurückkehren. Es hatte Morddrohungen
gegeben.
Auch
heute noch, sagt Bürgermeister Jürgen Kiesl, kreise das Gespräch
in Bürgerstunden immer wieder um das Geschehene. "Leute kommen
und fragen, was die Gemeinde für den 11. März 2010 plant."
Andere wiederum wünschen sich nichts sehnlicher als eine Rückkehr
zur Normalität.
Auch
Tim K.s Vater habe Mitleid verdient, sagen manche: Den eigenen Sohn
habe er verloren und könne noch nicht einmal seine Trauer richtig
leben, weil jede Erinnerung überschattet ist von dem Furchtbaren,
das der Junge so vielen angetan hat, und weil in jeden Moment der
Stille Selbstvorwürfe hineindröhnen müssen.
Andere
finden es schwer erträglich, so viel Verständnis aufbringen zu
sollen.
"In
dem behutsamen Umgang mit diesem Spannungsbogen sehe ich die große
Herausforderung für das nächste Halbjahr", sagt Jürgen Kiesl.
"Hier ist das Fingerspitzengefühl jedes Einzelnen gefragt."
Noch
eine dritte Phase kennen die Psychologen: Sie ist gekennzeichnet von
einem neuen, dem Zwischentief abgerungenen und dadurch umso tiefer
wurzelnden Gefühl der Zusammengehörigkeit.
Dorthin
zu finden: Das ist die Aufgabe, die sich den Menschen in und um
Winnenden stellt.
Leidenschaft
Der
Waffenstreit
Auf
einige Fragen hat den Eltern der Opfer kein Mensch je eine
vernünftige Antwort gegeben: Warum braucht irgendwer eine
9mm-Beretta im Haus, eine Waffe, die gemacht wurde, um zu töten,
eine Waffe von solcher Wucht, dass ihre Kugel erst eine dicke Tür
durchschlagen kann und danach noch einen menschlichen Körper? Warum
sollte solch eine Mordwaffe für Sportschützen unverzichtbar sein?
Jawohl,
Sie haben recht, erklärten manche Politiker im vertraulichen
Gespräch, kein Mensch braucht so was. Und später im Fernsehen
verdünnten dieselben Politiker ihre Antwort, bis alle Klarheit sich
auflöste in einem milchigen Wortgestöber aus Einerseits und
Andererseits. "Wenn die Lobby steht, traut sich die Politik
nicht recht nach vorne", sagt Jürgen Marx. Es ist, wie Barbara
Nalepa sagt, "feige."
Entsprechend
lau und halbgar fiel die sogenannte Verschärfung des Waffenrechts
aus. Deutlicher als die Politiker werden die Waffenfreunde. Ein
Stabsfeldwebel a. D. schrieb der um ihre Tochter Selina trauernden
Familie Schweitzer eine Mail: Sie seien Spinner, sie ließen sich von
radikalen Waffenfeinden vor den Karren spannen, sie sollten nicht so
auf die Tränendrüse drücken.
"Ihre
Regierung sollte sich schämen", sagte Dr. Michael North von der
Initiative Gun Control Network bei seinem Vortrag im Winnender
Rathaus am 20. Mai. Schämen dafür, dass sie nicht konsequenter
reagiere auf den Amoklauf.
Katrin
Altpeter von der SPD saß im Publikum an jenem Abend; und musste sich
dafür Anfeindungen gefallen lassen: Sie missbrauche den Abend und
die Tat für Wahlkampfzwecke, schrieb ihr danach Willi Halder von den
Grünen per E-Mail.
Es
gehe nicht um Wahlkampf, sagt Katrin Altpeter. Es gehe darum,
Position zu beziehen. Altpeter spricht ganz eindeutig für eine
Verschärfung des Waffenrechts. Und sie hat dem Aktionsbündnis
mangelte es am Geld Flug- und Dolmetscherkosten für Michael North
übernommen, gezahlt aus dem privaten Geldbeutel. Irgendwann sollten
die Kosten irgendwie mal abgerechnet werden, sagt Altpeter. Sie weiß
nicht, ob es schon passiert ist. Es sei auch nicht wichtig.
Juri
Minasenko hat mit Sportschützen geredet. "Es ist schrecklich,
das zu hören, wenn die Leute sagen: Ich bin leidenschaftlicher
Schütze, meine Leidenschaft ist das Schießen." Sein Eindruck
aus diesen Diskussionen: "Sie definieren sich als Schützen,
nicht als Eltern", es gelinge nicht, sie zu einem Wechsel der
Perspektive zu bewegen, es sei unmöglich, auf dieser Basis zu einer
Verständigung zu finden. "Sie sagen, sie fühlen sich
angegriffen in ihrer Leidenschaft. Aber angegriffen wurden unsere
Töchter."
Leidenschaft.
Was den einen Leidenschaft ist, empfindet Thomas Schweitzer als
etwas, das "Leiden schafft".
Vorwärtsdenken
Eine
Schul-Vision
Wir
haben einen Traum, haben die Albertville-Schüler bei der Gedenkfeier
im März gesagt. Ihre Wünsche handelten von einer Welt, in der die
Menschen achtsamer miteinander umgehen, von neuen Lebensperspektiven,
die sich dem Schrecklichen abtrotzen lassen.
Vorwärtsdenken.
Wenn nun das neue Schuljahr in der Albertville-Containerschule
beginnt, lautet die Aufgabe: arbeiten am Traum. "Für mich
gehört dazu, dass die Schüler als Individuen gefördert werden,
dass wir die Stärken der Schüler erkennen und bestärken, um die
Schwächen auszugleichen, dass wir das Selbstwertgefühl der Schüler
erhöhen und den Sinn für Gemeinschaft pflegen", sagt Rektorin
Astrid Hahn. Erlebnispädagogik gehört dazu, viele
Sportmöglichkeiten, vielleicht eine Theater-AG, auf jeden Fall
zusätzliche Betreuungs- und Fördermöglichkeiten. "Es wird ein
Prozess sein", sagt Hahn, "der vier, fünf Jahre dauert."
Zum
Schuljahr 2011/12 werden die Albertville-Realschüler aus den
Containern in ihr altes Schulgebäude ziehen. Anfangs war noch die
große Frage: Können die Kinder und Jugendlichen in ein Haus
zurückkehren, in dem so Unfassbares geschehen ist? Bald zeigte sich:
Sie wollten.
Die
neue alte Schule wird deutlich größer sein: Den Anbautrakt, der
bisher noch von der Robert-Boehringer-Hauptschule und der
Haselsteinschule mitgenutzt wird, bekommen die Albertviller hinzu. Es
wird 22 Klassenzimmer geben, so viele, dass keine Wanderklassen mehr
nötig sind, einen Raum der Stille, einen für die Schulpsychologen,
einen für die SMV, ein größeres Lehrerzimmer. Das Schülercafé
bekommt einen Eingang von außen her, damit nicht Schüler anderer
Schulen durch die Flure der Albertville-Realschule gehen. So soll ein
Ort entstehen, an dem sich die Schüler wieder wohl und sicher
fühlen, ein Ort, wo sie auch Platz finden, um zu trauern und das
Gedächtnis an die Verlorenen zu bewahren.
Vorwärtsdenken.
Oberbürgermeister Bernhard Fritz verzichtet auf eine erneute
Kandidatur. Seine Amtszeit endet am 31. März 2010. Er folgt damit
seinem ursprünglichen Plan, nur für zwei Amtsperioden zur Verfügung
zu stehen. Der oder die Neue wird viel zu leisten haben: sensibel mit
den Stimmungen in der Stadt umgehen, sich für eine zentrale
Gedenkstätte einsetzen, Fingerspitzengefühl zeigen beim Umgang mit
den Spendengeldern, sich als Schlüsselfigur bewähren beim Ringen um
ein Wir-Gefühl.
Vorwärtsdenken
das gilt für die Schule, das gilt für die Stadt.
Und
die Gesellschaft? Was können, was müssen wir alle lernen?
Lehren
Sich
kümmern und Grenzen setzen
"Wir
wollen, dass sich etwas ändert in dieser Gesellschaft, und wir
wollen mithelfen, damit es kein zweites Winnenden mehr geben kann."
Mit diesen Worten haben sich die Opfereltern nach dem Amoklauf in
dieser Zeitung in einem offenen Brief an die Kanzlerin, den
Bundespräsidenten und an Ministerpräsident Oettinger gewandt. Eine
wichtige Forderung haben die Eltern inzwischen durchgesetzt: Das
Mindestalter für das Schießen mit Großkalibern wurde von 14 auf 18
Jahre heraufgesetzt. Und es gibt schärfere Kontrollen, die zumindest
der Rems-Murr-Kreis auch umsetzen will (siehe "Waffen eine
Zwischenbilanz").
Doch
noch immer lagern mehr als acht Millionen Pistolen und Gewehre ganz
legal in deutschen Haushalten, bei Jägern und Sportschützen, bei
Erben und Sammlern. Umgerechnet kommt auf fast jeden zehnten
Bundesbürger eine legale Waffe.
Ist
dies wirklich notwendig für die Ausübung des Schießsportes? Und
muss eine Gesellschaft nicht immer wieder Grenzen setzen, damit nicht
alles, was technisch machbar ist, und damit nicht alles, was Menschen
tun wollen, auch geschieht?
Im
Schießsport werden diese Grenzen immer weiter verschoben. Das
sogenannte IPSC-Schießen, bei dem der Schütze durch einen Parcours
hetzt und auftauchende Ziele binnen Sekunden treffen muss, ähnelt
eher einem Bürgerkriegstraining. Wer aber einen Sport ausüben will,
in dessen Mittelpunkt Disziplin, Konzentration und Körperbeherrschung
stehen, benötigt nicht immer größere Ballermaschinen; solche
Großkaliber braucht mit Ausnahme der Jäger niemand zu Hause.
Die
nächste Grenzverschiebung findet bei den Killerspielen statt, die
immer realistischer das Verletzen und Ermorden von Menschen einüben.
"Schon Grundschüler kommen mit den umstrittenen Killerspielen
in Kontakt", schreibt Ingriß Eißele in ihrem Buch "Kalte
Kinder". "Der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest
befragte 6- bis 13-Jährige nach ihren Lieblingsspielen. Immerhin an
fünfter Stelle (23 Prozent) rangierten Actionspiele. Schon
12-Jährige spielen brutale Computerspiele, die gemäß der USK
(Unterhaltungssoftware- Selbstkontrolle, analog zur FSK bei Filmen)
erst ab 16 oder 18 Jahren freigegeben sind oder gar indiziert sind."
Ein
Verbot der Killerspiele würde immerhin zeigen, dass die Gesellschaft
dies nicht mehr akzeptiert. Der Bundespräsident unterstützt die
Forderung, die Landesinnenminister ebenso. Nach der Bundestagswahl
wird sich zeigen, wie mutig die Politik ist. Denn die Killerspieler
sind mittlerweile so gut organisiert wie die Schützen.
Experten
und Arbeitskreise sammeln derzeit viele technokratische Vorschläge,
wie man sich besser vor Amokläufen schützen kann mit Türklingeln,
Sprechanlagen und Alarmsignalen. Doch um den eigentlichen Kern der
Debatte drückt sich unsere Gesellschaft nach wie vor. Es geht darum,
wie wir miteinander umgehen: in der Familie, in der Schule, am
Arbeitsplatz oder in der Freizeit. Damit sich wirklich etwas ändert,
brauchen wir eine Gesellschaft, die sich kümmert und die sich traut,
Grenzen zu ziehen.
Davon
sind wir noch weit entfernt.
Zukunft
Opfer-Eltern
erzählen
Manchmal
gelingt es: die stillstehende Zeit wieder in Gang zu setzen; sich den
Erinnerungen anzuvertrauen, ohne dass der Verlustschmerz einen
zerreißt; die Gegenwart tief einzuatmen; so etwas wie Zukunft zu
spüren.
Im
Urlaub beim Wandern, an einem guten Tag, erzählt Jürgen Marx,
"haben wir zu jedem Schmetterling ,Guten Morgen Selina, hallo
Mädels gesagt". Für Fremde muss sich das "balla-balla"
angehört haben, wie sie mit den Tieren sprachen. Aber es hat
"unheimlich geholfen".
Einen
Stein finden, der geformt ist wie ein Herz; nachts aus dem Zimmer
schauen und im Himmelsgeviert des Fensterrahmens genau 15 Sterne
sehen, von denen einer besonders hell leuchtet; sie alle suchen nach
solchen Zeichen.
Beim
VfB im Stadion sitzen pünktlich zum Anpfiff reißt der Himmel auf,
wird blau, und kaum ist das Spiel vorbei, schließt sich der
Wolkenvorhang wieder. Vor sich hin murmeln: "Hey, das habt ihr
gut gemacht da oben. Danke!"
Mit
dem gerahmten Foto der Tochter reden: Hoppla, arg verstaubt bist du
heute Morgen.
Manchmal
gelingt es, "richtig positiv zurückzudenken", sagt Jürgen
Marx, an "tolle Tage, wo man gemeinsam gelacht hat. Meistens
geht es nicht. Aber wenn doch, dann ist es richtig schön. Wir
genießen es und puschen die schönen Momente auf, weil wir ja
wissen: Morgen oder in einer halben Stunde oder in fünf Minuten
kommt wieder eine Riesenkugel und haut dich um."
Ein
Traum: Da steht die Tochter. Wo bist du, fragt die Mutter, warum
kommst du nicht zurück? Die Tochter: Du weißt, dass ich nicht
zurückkommen kann. Ich fühle mich gut, wo ich bin. Ich bin ganz
ruhig.
Waffen
eine Zwischenbilanz
Anfang
April schrieb Landrat Johannes Fuchs alle Waffenbesitzer im
Zuständigkeitsbereich des Landratsamtes an (also in allen Gemeinden
außer den Großen Kreisstädten): Die Besitzer sollten ihren Bestand
kritisch überprüfen. Viele kamen zum Schluss, dass sie ihre Waffen
nicht mehr brauchen, und gaben sie im Kreishaus ab.
Seit
dem 11. März sammelte das Landratsamt 1716 Waffen ein und übergab
sie dem Kampfmittelbeseitigungsdienst zur Vernichtung. Und am 25.
Juli trat eine bis Ende des Jahres befristete Amnestie für die
Abgabe illegaler Waffen in Kraft: Bis heute sind 30 solcher Waffen
beim Landratsamt abgegeben worden.
Derzeit
sind bei der Waffenbehörde noch gut 2500 Waffenbesitzer registriert,
Ende 2008 waren es noch knapp 3500. Landrat Fuchs: "Wir wollen
erreichen, dass nur die Waffen in privater Hand sind, die für Sport
oder Jagd tatsächlich gebraucht werden. Diesem Ziel sind wir ein
gutes Stück nähergekommen."
Von
den verbliebenen Besitzern erwartet das Landratsamt eine Auskunft,
wie sie ihre Waffen aufbewahren. Mehr als zwei Drittel der
Angeschriebenen haben bis Ende August reagiert. Die übrigen wurden
Anfang September in einem deutlicher formulierten Schreiben auf ihre
Pflicht hingewiesen, Fragen nach der Aufbewahrung zu beantworten und
Kaufbelege für Waffenschränke oder Bilder von Prüfzertifikaten
vorzulegen. Diese Daten bilden die Basis für unangemeldete
Vor-Ort-Kontrollen, die demnächst beginnen.
Für
diese zusätzliche Aufgabe hat der Kreistag der Schaffung einer neuen
Stelle in der Waffenbehörde zugestimmt. Seit Anfang August ist sie
besetzt.
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