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Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.
Auf
der Roten Brücke am Roten Fluss, gesichert durch Wachtürme zu
beiden Seiten, lässt Mohammed Halim Fidai seinen Konvoi halten für
einen kurzen, demonstrativen Spaziergang durch Feindesland 50
Kilometer westlich von Kabul. Weit vorn stellen sich seine drei
Toyota-Pick-ups mit den aufmontierten Maschinengewehren quer und
blockieren Highway One, hinten rangieren drei weitere Toyotas in
verschneiter Landschaft. Polizisten mit Gewehren im Anschlag
schwärmen aus, sie schaffen einen Kordon um Fidai, er ist der
Gouverneur der Provinz Wardak, Zentralafghanistan, er geht herum in
dünnen Schuhen, die sich dunkel färben vom Schneematsch, und sagt:
"Sehen Sie, ich gehe, wohin ich will, ich kann mich hier überall
problemlos bewegen. Das Gerede von den Taliban, die alles
kontrollieren, ist Unfug."
Fidai
fährt aus, um einen Mekka-Pilger im Dorf Badam zu besuchen. Es geht
bald abseits des Highway über vereiste Schotterpisten und marode
Brücken, der Marktflecken liegt zersiedelt im Bezirk Nirkh und ist
oft beschrieben worden als eine Hochburg der Taliban. Es soll derer
viele geben in Fidais Provinz, sechs der acht Bezirke in Wardak
stehen angeblich unter ihrer Kontrolle. Lehmhäuser sind in die weite
Hochebene gewürfelt, Bauernhöfe, Hütten, Scheunen. Die Berge
füllen den Horizont aus wie eine Wand, Ausläufer des Hindukusch,
vier-, fünftausend Meter hoch und ihre Gipfel so zahlreich, dass die
meisten keinen Namen haben.
Das
Haus des heimgekehrten Pilgers in Badam wird von Menschen belagert;
Nachbarn, Freunden, die zum Gratulieren gekommen sind. Sie trinken
aus kleinen Gläsern Wasser aus dem heiligen Land, nehmen Geschenke
des Pilgers in Empfang. Kinder stehen barfuß im Schnee, Männer
ziehen sich Turbanschals gegen die Kälte vors Gesicht. Der Konvoi
des Gouverneurs wird lächelnd empfangen. Es gibt Tee und gute Worte,
man umarmt sich, und Fidai nickt beifällig herüber, und dieses
Nicken soll sagen: Ich gehe, wohin ich will, sehen Sie, die Taliban,
das ist alles nur Gerede.
Es
ist ein lautes, anschwellendes Gerede, dem sich der tapfere
Gouverneur entgegenstemmt. Seit zwei Jahren mindestens macht der
Feind wieder Boden gut in Afghanistan; im Süden, im Osten und im
Westen regiert er ohnehin, aber nun hat er im Zentrum wieder Fuß
gefasst, in Wardak, in Logar, in Paktia, in den Provinzen südlich
und westlich von Kabul, nicht weit von der Hauptstadt entfernt.
Interne
Berichte der Nato-geführten Isaf-Truppe, Rapporte der afghanischen
Uno-Mission Unama malen dunkle Lagebilder, US-Generäle sagen über
Wardak, sie sähen sich dort einer "signifikanten
Herausforderung durch Aufständische" ausgesetzt, und ihr neuer
Befehlshaber, der US-Präsident persönlich, Barack Obama, hat auf
die Frage, ob dieser Krieg in diesen Wochen und Monaten gewonnen
werde, gerade mit einem schlichten "Nein" geantwortet.
Wardak
und die anderen Provinzen in Zentralafghanistan, die lange als
vergleichsweise ruhig, vergleichsweise friedlich galten, werden als
Aufmarschgebiet des Widerstands beschrieben, als neue Machtbasis
alter Tyrannen, als Basislager für den Sturm auf Kabul. Und Highway
One, die Schlagader des Nord-Süd-Verkehrs zwischen Kabul und
Kandahar, ist durch die Umtriebe auf voller Länge zu einer der
gefährlichsten Straßen der Welt geworden.
Es
liegen verkohlte Wracks von Lastern und Tankwagen entlang der
schmalen zweispurigen Autobahn, getroffen im Jahresverlauf 2008 von
ferngezündeten Bomben. "Im vergangenen Monat haben wir 32
Sprengsätze gefunden", sagt Gouverneur Fidai, er hält das für
eine gute Nachricht, zumal die Funde auf Hinweisen aus der
Bevölkerung beruhten. "In drei Dörfern hier", sagt er, es
gibt in seiner Provinz 2235 Dörfer, "in drei Dörfern hier sind
die Leute aufgestanden gegen die Taliban und haben sie vertrieben.
Das sind die Nachrichten, die die Welt nicht hört."
Die
Welt ist taub geworden für gute Nachrichten aus Afghanistan, und sie
ist der schlechten lange überdrüssig. Das Interesse an den
Vorgängen im Land wird mit jedem Attentat geringer, weltweit
wünschen sich Mehrheiten ein baldiges Ende der Operation, die
Heimkehr der Truppen, und tatsächlich ist der Mangel an guten
Nachrichten nach sieben Jahren großer Anstrengungen frustrierend.
Das
Uno-Hochkommissariat für Flüchtlinge stuft die Situation in 26 der
34 afghanischen Provinzen als "unsicher" ein, und dafür
sind nicht nur Terroristen verantwortlich. Die Welt macht es sich zu
leicht damit, alle Verhinderer einer guten Entwicklung Afghanistans
im Begriff "Taliban" zu verstauen, sie sind doch nur eine
von vielen Parteien, die um politische und militärische Macht im
Land kämpfen.
Die
Radikalen der Hisb-i-Islami-Gruppe sind nicht weniger aktiv, das
Hakkani-Terrornetzwerk und al-Qaida nicht weniger gefährlich. Es
werden jetzt schon tschetschenische, jemenitische Gotteskrieger im
Land aufgegriffen, umgeleitet womöglich aus dem Irak, und zu ihrem
Terror gesellen sich alle Sorten von Kriminellen, lokale Warlords,
Stammesführer und ihre Milizen, Bezirksgouverneure und ihre
korrupten Polizeien, Drogenbarone und ihre Handlanger, die sich die
Menschen ihres Beritts systematisch untertan machen. Morde und
Morddrohungen, Folter, Entführungen, Vergewaltigungen sind die
Mittel in diesem wirren Krieg, der längst keine klaren Fronten mehr
kennt, in dem jeder gegen jeden zu kämpfen scheint, und sicher ist
nur, dass immer häufiger "asymmetrische" Attacken
ausgeführt werden, mit ferngezündeten Autobomben, vergrabenen
Sprengminen oder durch Selbstmordattentäter, die ihre "weichen
Ziele" jetzt in Schulen, Krankenhäusern, Moscheen, Kindergärten
und auf Märkten finden. Die Zahl der "Zwischenfälle"
durch IEDs, "improvised explosive devices", am Wegrand
vergrabene Sprengsätze, stieg von 1931 im Jahr 2006 auf 2615 im Jahr
2007 auf 3295 im Jahr 2008, unter den Augen der Nato.
Statt
Fortschritten muss sie immerfort Rückschritte vermelden, selbst auf
Feldern, die mit der Entmachtung der Taliban-Diktatur im Herbst 2001
zum Guten bestellt schienen. Die Gewalt gegen Frauen bleibt eine
Plage der afghanischen Gesellschaft, die Zeitungen sind voll mit
schauerlichen, gleichwohl wahren Geschichten über Männer, die ihre
Frauen verhungern lassen, über zwangsverheiratete Kinder, über
Abtreibungen mit Messer und Schere, vollzogen an Mädchen, die von
ihren Vergewaltigern geschwängert wurden.
Auf
den vermeintlichen militärischen Sieg gegen die Taliban vor über
sieben Jahren will kein Friede folgen. In den Hauptstädten der Welt
muss jetzt die furchtbare Möglichkeit des Scheiterns erwogen werden,
die Wahrscheinlichkeit einer Niederlage von Nato, Uno, EU, USA, die
Aussicht auf eine Kapitulation von 41 Staaten, deren Koalition einst
angetreten war, ein neues Afghanistan zu schaffen. In dieser
Situation ist das Interview, das US-Präsident Obama der "New
York Times" in der vorvergangenen Woche gab, ein dramatisches
Zeitdokument.
Obamas
Ankündigung, von nun an mit "gemäßigten" Taliban
verhandeln zu wollen, sieht aus wie die Bewegung eines Kriegsherrn,
der an den Sieg nicht mehr glaubt. Es sind Worte eines Anführers,
der seine Stellung so geschwächt sieht, dass er dem Gegner
Zugeständnisse machen muss. Und sie liefern den Beweis dafür, dass
die Welt über die Situation in Afghanistan jahrelang in die Irre
geführt wurde.
Was
aus Obamas Vorschlag in der afghanischen Wirklichkeit werden kann,
ist völlig offen, bislang haben sich die Taliban hochrangigen
Kontakten immer verweigert. Aber für den Moment beendet Obamas
Vorstoß den Reigen gegenseitiger Schuldzuweisungen, der sich zuvor
monatelang abgespielt hatte. Die Führer der erfolglosen Schutzmacht
Nato kritisierten die Schwäche und Korruptheit der erfolglosen
afghanischen Führung, und die ihrerseits schob die Schuld an der
Misere auf die verfehlten Strategien der Entwicklungshelfer und die
Brutalität vor allem des US-Militärs.
Aber
im Jahr acht des Afghanistan-Einsatzes, am Beginn dieses afghanischen
Wahljahrs, das im Sommer vielleicht das Ende der Regierung von
Präsident Hamid Karzai besiegeln wird, sind noch viele schlimme
Fragen mehr zu stellen: Wofür kämpfen die über 60 000 Mann der
internationalen Truppe, wenn Afghanistan trotz ihrer Präsenz im
Transparency-Index der korruptesten Länder innerhalb von drei Jahren
um 59 Plätze auf Rang 176 von 180 abrutscht? Wie ist es möglich,
dass der Opium-Ausstoß Afghanistans in den Jahren der Nato-Präsenz
nicht kleiner, sondern immer größer geworden ist, so dass jetzt 92
Prozent der weltweiten Opium-Produktion aus Afghanistan stammen?
Es
sind die kalten Wochen am Beginn des Jahres; in der Nähe der
deutschen Botschaft in Kabul, im Zentrum der Stadt, explodiert eine
Bombe, bald wird ein Todeskommando das Regierungsviertel überfallen
und in wilder, stundenlanger Schießerei 27 Menschen ums Leben
bringen. Bald wird Pakistans Regierung vor den Taliban im Grenzgebiet
zu Afghanistan kapitulieren und versprechen, sie nicht mehr zu
verfolgen und die Einführung der Scharia in ihren Regionen zu
tolerieren.
Tag
für Tag fallen ausländische Soldaten, Tag für Tag werden
einheimische Polizisten ermordet, Tag für Tag ist das Leben von
Präsident Karzai in Gefahr, dessen Konvoi sich mittlerweile nur noch
unter dem Feuerschutz zweier "Apache"-Kampfhubschrauber auf
die Straßen außerhalb der Kabuler Palastmauern wagt. Ist
Afghanistan verloren? Ein gescheiterter Staat? Ein misslungenes
Experiment einer der größten Staatenkoalitionen, die jemals am Werk
waren? Ist es das Ende der Weltordnung, deren herausragende Mächte
die USA, die Uno, die Nato waren? Und wie stark sind die Taliban
wirklich?
Wer
sich auf solche Fragen Antworten erhofft, muss viele Gespräche
suchen. Der Weg führt zu amerikanischen Militärbefehlshabern und
Uno-Sondergesandten, in ausländische Botschaften, afghanische
Ministerien, an Restauranttische im Kabuler "Boccaccio", wo
sich die Mächtigen, Einflussreichen und Halbseidenen abends gern zum
Essen versammeln.
Große
alte Männer der afghanischen Politik sind anzuhören, Gesandte des
Aga Khan, Bürgermeister in der Provinz, Parlamentsabgeordnete und
türkische Aufbauhelfer, Mikro-Banker und Telekom-Unternehmer,
Wahlbeobachter, Bodyguards, Schuldirektoren und die Betreiberin des
Schönheitssalons "Humaira Aria", wo sich reiche Kabuler
Mädchen für ihre Hochzeit rüsten. Ihre Reden fügen sich zum
Befund, dass Afghanistan am Abgrund steht, dass die
Weltöffentlichkeit mit Durchhalteparolen abgespeist wird und dass
dieses Jahr 2009 das Jahr der Entscheidung ist.
Zur
letzten Schlacht rücken die ersten der neuen US-Einheiten ins Land
ein, sie kommen zuerst nach Wardak, 2500, vielleicht 3500 Mann,
Gebirgsjäger und eine Luftlandebrigade, die sich mit 120
Hubschraubern in ihr neues Einsatzgebiet verlegt. Sie ersetzen das
Fähnlein der 250 US-Soldaten, die bis dahin mehr symbolisch als
tatsächlich die Stellung halten mussten in der Bergwelt von Wardak,
einer Provinz mehr als dreimal so groß wie das Saarland.
Gouverneur
Fidai verspricht sich wiederholt, wenn er sagt, "in den
vergangenen eineinhalb Jahren" sei doch in Wardak gar nicht mehr
viel geschehen, keine Attacken, keine großen Angriffe. Er meint
tatsächlich die vergangenen eineinhalb Monate, aber er sagt, wieder
und wieder: eineinhalb Jahre. Der Irrtum muss einer Sehnsucht nach
Fortschritt entspringen, dem Willen, vorzeigbare Ergebnisse zu
präsentieren. Der Gouverneur ist überzeugt davon, dass die Welt
keine Ahnung hat von Afghanistan. Er ist überzeugt davon, oder er
will es unbedingt glauben, dass es um seine Heimat besser steht, als
alle annehmen.
Fidai
sitzt im Fond seines überheizten Geländewagens, über den
Kopfstützen vorn hängen automatische Pistolen in Holstern, der
Gouverneur verschickt Textnachrichten mit dem Telefon. Die Fahrt geht
durch Maydan Shahr, seine kleine Provinzhauptstadt, 2200 Meter über
dem Meer. Fidai übertreibt, wenn er sagt, dass hier 15 000 Menschen
leben. Vielleicht sind es 5000, vielleicht ein paar mehr, auch nach
Wardak kehren Flüchtlinge zurück, aus Iran, aus Pakistan, aber
niemand hat verlässliche Zahlen. "Alles was Sie hier sehen",
sagt Fidai und macht ungenaue Kopfbewegungen zum Autofenster hinaus,
"war vor einem Jahr noch nicht da. Die Tankstelle da drüben ist
neu, und da hinten, die Landwirtschaftsschule, ist neu. Gestern habe
ich das neue Postamt eingeweiht und den Grundstein für eine
Technische Schule gelegt."
Neben,
zwischen den Neubauten ist die alte Wirtschaft Afghanistans am Werk.
Händler haben verrostete Cargo-Container in Läden verwandelt, sie
verkaufen aus den Schlünden der Frachtkisten die Basisprodukte des
Lebens - Kohleöfen, Rohre, Mehl. Fidai sagt: "Alle reden immer
nur von Sicherheit, von den Taliban, und natürlich fallen hier
manchmal zwei, drei Schüsse, aber ist das so ein Drama?"
Mohammed
Hamil Fidai ist Afghanistans jüngster Gouverneur, 38 Jahre alt und
erst seit Juli 2008 im Amt. Er ist ein charmanter Mensch, seine
Blicke und Gesten wirken manchmal wie aus Hollywood-Filmen
abgekupfert, er hat vier Kinder im Alter von 13, 11, 9 und 6 Jahren
"und eine aufgeklärte Frau", sagt er. Wie so viele
Afghanen flohen auch Fidais Eltern erst vor den Sowjets, dann vor den
Taliban nach Pakistan, und ihr Sohn hatte das Glück, sagt er, dass
sein Vater ihn nicht in den heiligen Krieg, sondern in die Schule
geschickt habe.
Nach
dem Sturz der Taliban-Diktatur arbeitete er als Journalist in Kabul,
gründete eine Journalistengewerkschaft, leitete Talkshows im lokalen
Fernsehen. Er war eine kleine Berühmtheit, als ihn Karzais Ruf
ereilte, und nein zu sagen wäre unmöglich gewesen. Es war eine
Frage der Ehre, eine Berufung zu einer historischen Aufgabe.
Jetzt,
als Politiker, steckt Fidai in der Klemme. Wenn die Welt auf Wardak
nur als ein gefährliches, unordentliches Kriegsgebiet schaut, dann
bleibt die Welt weg, es geht keine Entwicklung voran, der Geldfluss
reißt ab, und Wardak könnte noch gefährlicher und noch
unordentlicher werden, das ungefähr ist seine Sicht der Dinge, und
deshalb auch redet er alles gnadenlos schön.
Der
Gouverneur glaubt nicht, dass es erst Sicherheit und dann Entwicklung
geben könnte, er glaubt, umgekehrt, dass nur Entwicklung,
wirtschaftlicher Erfolg den Frieden bringe. Aber dafür müssen
Investoren kommen, Entwicklungshelfer. Und für sie braucht er gute
Nachrichten. Er kann mitreden, wenn es um Krieg und Frieden geht. In
den 38 Jahren seines Lebens befand sich Afghanistan fast 30 Jahre
lang im Kriegszustand.
"Wissen
Sie", sagt er, "wir haben ja eigentlich alles, wir haben
die Menschen, die Felder, wir haben Mineralien, 28 Bergwerke, die
brachliegen, die Äpfel aus Wardak sind im ganzen Land berühmt. Nur
unsere Hände", er sucht nach dem passenden Wort, "sind
verkrüppelt, wir können die Schätze nicht heben, wir haben von
allem zu wenig."
Es
schneit seit dem Morgen, im Lauf des Tages werden 30, 40 Zentimeter
Neuschnee fallen, Fidai schaut hinaus und sagt: "Bei diesem
Wetter beispielsweise, wenn ein Unfall passiert in einem der Dörfer
da draußen - soll ich die Polizei hinschicken? Aber wie denn? Wir
brauchten Hubschrauber, um in die Berge zu kommen. Aber wir haben
natürlich keine."
Wardak
ist, wie das ganze Land, ein rechtsfreier Raum aus Geldnot. Die
Provinz verfügt über 456 Polizisten, eine verwegene Truppe in
vielfarbigen Anoraks. Sie tragen Kalaschnikows, an den Füßen
Stiefel oder Turnschuhe, viele von ihnen können weder lesen oder
schreiben, sie alle verdienen kaum das Geld für den Reis.
Diese
456 Mann, ohne Ausrüstung, Fuhrpark, ohne Computer, Funkgeräte,
sollen für Sicherheit und Strafverfolgung sorgen in einem
Landstrich, der sich von Ost nach West 120 und von Nord nach Süd 100
Kilometer hinstreckt, darin über 2000 Dörfer, zahllose Berge,
Höhlen und Schluchten, in denen sich ein unheimlicher Feind
versteckt.
Niemand
weiß, wie viele bewaffnete Kämpfer in Wardak operieren und wie sie
sich organisieren. Vielleicht sind es nur ein paar hundert, wie Fidai
behauptet, deren Macht vor allem in der Kommunikation und der
PR-Arbeit liegt. "Wenn hier ein Laster in den Graben fährt,
einfach weil der Fahrer nicht aufgepasst hat, weil ein Unfall
passiert, behaupten die Taliban hinterher, sie hätten einen
Uno-Konvoi überfallen", sagt Fidai. "Es ist ein Wahnsinn.
Und so steht es dann in der Zeitung."
Nun
rücken US-Soldaten in seine Provinz ein, und der Gouverneur sagt
vorgestanzte Sätze dazu, wie: "Wir begrüßen unsere
ausländischen Freunde", "Wir hoffen, sie werden beitragen
zu unser aller Sicherheit". Aber hinter solchen Sätzen flackert
die Angst, dass die neuen Soldaten zuerst Unruhe bringen werden. Dass
über die Dörfer, die befreit werden sollen, zuerst der heiße Krieg
kommen wird.
Aber
zeigt der US-Aufmarsch nicht, dass seine Provinz in Problemen steckt?
Dass alle außer ihm selbst davon ausgehen, Wardak sei in die Hand
der Feinde gefallen? "Ich habe nie gesagt", antwortet
Fidai, "dass wir keine Probleme hätten. Ich sage nur, dass
alles maßlos übertrieben wird. Und dass es für Fremde schwer ist,
unser Land zu verstehen."
In
seinem Amtssitz, einem ungeheizten Herrenhaus hinter Mauern und
Stacheldraht in Maydan Shahr, wedelt der Gouverneur mit einem dicken
Papierpacken, um dessen Inhalt gerade seine Tage kreisen. Vor dem
Schreibtisch stehen mächtige kupferfarbene Polstermöbel im
Rechteck, Glastische, deren Füße an geschliffene Likörflaschen
erinnern. Ein Diener bringt einen Laptop wie eine Kostbarkeit, es ist
einer der sieben Computer der gesamten Provinzverwaltung. An diesem
Computer hat Fidai sein Grundlagenpapier über die Provinz Wardak
verfasst.
Fidai
hebt den Packen Papiere hoch, sie enthalten Straßen- und
Staudammpläne, Bauprojekte für die Landwirtschaft, für die
Polizei, für Krankenhäuser, er sitzt da in seinem Wintermantel, er
sagt: "Das ist die Zukunft." Er ruft seinen Kabinettschef,
um alle Zahlen wirklich richtig zu entziffern, dann haben sie es:
"Für das Jahr 2009 brauchten wir 234 Millionen 662 tausend 344
Dollar."
Er
sagt das genau so, exakt, aber offenkundig nicht, um schlau zu
wirken, um eine Pointe zu setzen, er wiederholt vielmehr die Zahl,
dreimal, viermal, so, als wollte er keinen Fehler machen, als wollte
er zeigen, dass er nicht irgendwelche Zahlen ausbreitet, sondern dass
alles genau gerechnet ist. Er sagt 234 Millionen 662 tausend 344
Dollar, weil es in Wardak wirklich um jeden Dollar geht, um jeden
Cent.
Gäbe
es ordentliche Straßen, würde sich die Fahrt aus dem Bezirk Markazi
Bihsud in die Provinzhauptstadt von jetzt zwölf auf vier Stunden
verkürzen. Es könnten Dörfer mit Marktplätzen verbunden werden,
Häuser in der Einöde mit der Welt. Gäbe es neue Staudämme und
eine Wasserversorgung, könnte die andauernde Dürre bekämpft
werden, Aprikosenhaine und Kartoffelfelder wären zu bewässern, und
die Bauern könnten viel mehr als die 130 000 Tonnen Äpfel ernten,
die sie jedes Jahr in Wardak einfahren.
Mit
den Millionen könnten 1000 Polizisten zusätzlich ausgebildet und
bezahlt werden, jede Familie könnte zwei, drei Nutztiere bekommen
und Saatgut für Krokusse, um eines Tages Safran zu verkaufen. Für
60 000 Kinder, die in Wardak in Scheunen oder im Freien unterrichtet
werden, könnten Schulhäuser gebaut werden. Es ist ein Traum.
Papier. Es ist Fidais Vision.
Die
Wirklichkeit schreibt kleinere Zahlen. Das für Wardak zuständige
türkische Wiederaufbauteam hat in den vergangenen drei Jahren für
51 Projekte 20 Millionen Dollar ausgegeben, und die amerikanische
Hilfsorganisation USAID hat in den zurückliegenden sieben Jahren
knapp 88 Millionen Dollar in Wardak investiert.
Dafür
wurden ein paar Schulen gebaut, es wurden ein paar Kilometer Straße
repariert, und 48 Ladenbesitzer wurden in Hygiene geschult.
Zehn
Wassermühlen sind renoviert worden, Brunnen und Sportplätze, es
wurde eine Bankfiliale eingerichtet, und es wurden Minen geräumt
entlang des Highway One. Berater waren da, um Provinzoffizielle zu
unterweisen, Stadträte zu trainieren, sieben Apotheker und sieben
Richter fortzubilden; aber während all dies geschah, während die
Helfer ihre vielen Erfolge nach Hause meldeten, brach die zivile
Ordnung in Wardak zusammen, Stück für Stück, Dorf für Dorf. Der
Gegner übernahm das Ruder, er strafte alles Gerede von Entwicklung
Lügen, und er widerlegt das beharrliche Hoffen des tapferen
Gouverneurs Fidai.
Er
fährt durch seine Provinz, tagein, tagaus, auch in diesen Wochen, in
denen für Afghanistan das Jahr der Entscheidung beginnt. Präsident
Obama hat die Operation am Hindukusch gleich zu Beginn seiner
Amtszeit zur Priorität erklärt, im Februar genehmigte er 17 000
Mann Verstärkung, bis Ende des Jahres könnten insgesamt 30 000
US-Soldaten zusätzlich nach Afghanistan abrücken. Die ausländischen
Truppen stünden dann mit rund 90 000 Soldaten im Land, zwei Drittel
davon Amerikaner.
Sie
werden ihr angestammtes Einsatzgebiet im Osten ausweiten und dann
auch im Süden operieren, in Kandahar, in Helmand, in Uruzgan, im
Herzen der Finsternis, Seite an Seite mit Briten, Kanadiern,
Niederländern. Aber sie kommen nicht, um diesen Krieg zu gewinnen.
Sie kommen, um die Wahlen im Sommer zu sichern.
Die
große, vom Westen angeführte Koalition braucht diese Wahlen, sie
braucht sie fast dringender als Afghanistan selbst, denn wenn im
Sommer ein neuer oder alter, jedenfalls regulär gewählter Präsident
gefeiert werden kann, beruhigt das die Lage an der Heimatfront.
Dieser Gedanke beherrscht längst das Handeln in der Betonfestung des
Isaf-Hauptquartiers in Kabul, dem polyglotten Heerlager, wo zur
Mittagszeit Neuseeländer, Deutsche, Italiener, Australier, Polen,
Kroaten, Tschechen, Franzosen ums Essen anstehen.
Ihren
Generälen geht es darum, irgendeinen Status quo herzustellen. Mit
den Wahlen einen symbolischen Erfolg zu liefern, etwas, das nach Sieg
aussieht. Es gehe darum "zu liefern", sagt Generalmajor
Michael S. Tucker, er ist ein dünner grauer Mann mit einem kleinen
Büro im Isaf-Hauptquartier, einem Steinhaus inmitten einer Stadt aus
Militärbaracken.
Tucker
ist der fürs Tagesgeschäft und die Operationen zuständige
Isaf-Kommandeur, zweiter Mann hinter Oberbefehlshaber David
McKiernan, auf seinem Schreibtisch zeigt ein digitaler Bilderrahmen
alle fünf Sekunden ein neues Foto von der Hochzeit seiner Tochter.
Tucker schläft nicht viel, er ist um die Augen blass, ständig muss
er an Videokonferenzen mit dem Pentagon teilnehmen, die nachts um
zwei Uhr beginnen. Trotzdem müht er sich, Optimismus und Tatkraft zu
versprühen.
"Wir
müssen dieses Land mit Kompetenz überfluten", sagt er, "die
Leute hungern danach, sie sehnen sich nach guter Regierung, in jedem
Dorf." Tucker zählt zum neuen Typ amerikanischer Offiziere, für
die ziviler Aufbau und soziales Bewusstsein nicht Mädchenkram sind,
sondern wesentlicher Teil moderner Kriegführung.
Seine
Vokabeln sind die von Stadträten oder Uno-Arbeitsgruppen, seine
tägliche Arbeit hat manchmal so viel mit Brunnen und
Getreidespeichern zu tun wie mit Truppenbewegungen und Luftschlägen.
Aber der Gegner lässt in der Weite des Landes nicht viel ziviles
Engagement zu.
"Unsere
Lage ist", sagt Tucker, "dass wir überall hier den Feind,
die Taliban, wen auch immer, vertreiben können, das ist überhaupt
kein Problem. Aber wir können die eroberten Gebiete nicht halten.
Und das ist ein Problem."
Im
Land hat das in den vergangenen Jahren regelmäßig dazu geführt,
dass Schulen zwar gebaut, aber nach Abzug der Isaf sofort wieder
geschlossen oder gleich niedergebrannt wurden. Es werden
Stromgeneratoren unter dem Schutz von Soldaten installiert, aber
sofort demoliert, wenn die Ausländer weiterziehen, und dasselbe galt
und gilt für Krankenhäuser, Tierarztpraxen, Markthallen. Die
internationale Truppe kam, sah und siegte immer wieder - aber es
waren und sind immer nur Siege auf Zeit.
Seit
gut sieben Jahren geht das so, für die Einheimischen sieht es aus
wie sinnloses Gefuchtel, über dem manchmal furchtbar die Bomber
dröhnen, die Ratlosigkeit der Besatzer zeigt Wirkung. Parolen der
Nato-Gegner finden offene Ohren, Dorfbewohner, die in der Regel nicht
lesen und schreiben können, lassen sich leicht die Frage
einflüstern, was all die Besatzer im Land eigentlich zu suchen
haben. Weil so wenige vom Aufbruch in eine neue Zeit profitieren,
viele aber noch schlechter leben als je zuvor, verfallen sie nun in
Massen auf den naheliegenden Gedanken, dass die Taliban-Herrschaft,
die immerhin für Ruhe, Zucht und Ordnung sorgte, so schlecht am Ende
nicht gewesen sei.
Man
spürt bei Tucker die Frustration darüber, dass der Kampf um die
Herzen und Hirne nicht gewonnen wird, man spürt sie, als er ein
abfälliges Lachen nicht kontrollieren kann, wenn die Sprache auf die
Uno kommt. Aber er ist der tatkräftige Typ, er sagt, dass jetzt
alles anders werde, dass die Probleme erkannt und die Lösungen auf
dem Weg seien.
"Operation
Tolo" nennen die Militärs das Großprojekt, das nun in immerhin
60 von rund 400 afghanischen Bezirken für nachhaltige, konzertierte
Anstrengungen sorgen soll. SCHB ist das Kürzel, das ungefähr für
Planen, Erobern, Halten, Aufbauen steht, und es bedeutet, sagt
Tucker, dass nun "Inseln" entstehen werden, in denen die
Dinge wirklich und dauerhaft vorankommen. "Leicht wird es
nicht", sagt der Generalmajor, er spricht überhaupt viel zu
viel über Probleme. Und dabei erwähnt er noch nicht einmal die
größten.
Im
Osten, entlang den Nachschubrouten im afghanisch-pakistanischen
Grenzgebiet, werden ständig Brücken gesprengt und Wege verschüttet,
es werden Konvois überfallen oder schon auf pakistanischem Boden vom
Gegner vernichtet. Der strategisch entscheidende Khyber-Pass und eine
südlichere Nachschubroute sind wegen andauernder Angriffe nur noch
wenige Stunden am Tag überhaupt offen zu halten.
Tucker
sagt trotzdem, ohne jeden Zweifel in Stimme und Gesten, dass alle
Befürchtungen, der Gegner könnte die Lebenslinien der
Isaf-Operation zerschneiden, nur lachhaft seien. Er greift in eine
Tupperbox mit Süßigkeiten vor sich auf dem Tisch, darin 30, 40
Zuckerringe, 30, 40 Pralinen Marke "Hershey's Kisses", er
nimmt eine davon in die Hand und macht wichtige Augen.
"Wenn
ich diese eine Praline hier aus der Box nehme, was denken Sie: Haben
wir beide dann noch genug Süßigkeiten hier?" Tucker macht eine
theatralische Pause. "Genauso relevant sind die Schläge des
Feindes gegen unseren Nachschub", sagt er, "sie haben keine
Chance. Wir werden diesen Kampf ohne jede Frage gewinnen."
Das
Isaf-Hauptquartier liegt in direkter Nachbarschaft zu Karzais
Amtssitz im Zentrum Kabuls, zu vielen Botschaften, die Gegend gleicht
in diesen Wochen immer mehr der Green Zone von Bagdad zu schlimmsten
Zeiten. Die leeren Straßen sind mit Checkpoints verstellt und von
Betonwällen und Mauern aus Sandsäcken gesäumt, es ist eine ungute
Aufrüstung in Gang. Wer es sich als Privatmann leisten kann, bekrönt
die Mauern um sein Haus mit Girlanden aus Stacheldraht und stellt
sich bewaffnete Wachtrupps vor die Tür.
Die
Bilder gleichen sich, überall: Auch vor dem Haus von Burhanuddin
Rabbani, in einer ohnehin für die Öffentlichkeit gesperrten Straße
gelegen, schaut der Besucher zuerst in Gewehrläufe. Rabbani, der
lange Zeit Afghanistans Präsident war, ist ein charismatischer
Mensch wie ein geistliches Oberhaupt, mit gepflegtem Bart und Turban.
Er war der Führer der Allianz, die sich im Norden auch gegen die
Taliban halten konnte, und bis zu ihrem Sturz blieb seine Regierung
die von den Vereinten Nationen offiziell anerkannte.
Im
heutigen Afghanistan hat Rabbani keine amtliche, aber viel weiche
Macht. Er ist eine der wenigen nationalen Figuren, im ganzen Land
respektiert, er kann Politik machen, ohne zu regieren. Er lädt zur
Privataudienz in sein Haus, und obwohl er das Englische beherrscht,
lässt er sich alles übersetzen, der zuständige Sekretär spricht
von ihm nur als "Seine Exzellenz". Er ist ein Mann präziser
Antworten.
Rabbani
war immer für Verhandlungen mit den Taliban, und damit war er
keineswegs allein. Lange bevor sich die US-Regierung Gespräche mit
der zum Todfeind gestempelten Truppe vorstellen konnte, diskutierten
die Zirkel und Grüppchen schon darüber, wie die Radikalen ins Spiel
um Macht und Einfluss einzubinden wären.
Aus
afghanischer Sicht waren sie nie einfach der innere Feind, nie nur
ein übler Terroristenhaufen, wie im Westen stets zu hören war. Aus
afghanischer Sicht gehörten die Taliban und ihre Weltsicht immer ins
Spektrum akzeptabler Meinungsfreiheit. Sie mögen die radikalsten der
Radikalen sein, lupenreine Islamisten, aber Afghanistan ist per
Verfassung eine Islamische Republik, und Rabbani sagt: "Wir
dürfen sie nicht weiter ausschließen. Das Kämpfen muss aufhören."
Im
Gespräch steigert er langsam die Brutalität seiner Attacken gegen
einen ganz anderen Gegner, gegen Karzais Regierung, redet über deren
Fehlentscheidungen von Beginn an, über ihre Irrtümer in Sachen
Antidrogenpolitik und Korruption. Rabbani sagt: "Die Regierung
hat keine Strategie, sie ist ohne Programm. Der Präsident hat alle
Macht, aber er agiert nicht, wir haben auf keinem einzigen Feld
nennenswerte Fortschritte erzielt."
Es
sind die kalten Wochen am Beginn des Jahres, die Provinz Wardak liegt
unter Schnee, und ihre kleine Hauptstadt Maydan Shahr bekommt viel
Besuch. Minister und andere Regierungsleute kommen häufig vorbei,
der Ort liegt günstig zu Kabul, bei gutem Wetter ist die Fahrt in
40, 45 Minuten über Highway One zu schaffen.
Diesmal
ist der Bildungsminister da, er heißt wie die Provinz, aus der er
selbst stammt, Ghulam Wardak, ein breiter, sprudelnder Mann, der
größte Saal der Stadt ist reserviert, ein flacher Zweckbau 500
Meter vom Gouverneurspalast entfernt. Am Morgen rollen die Konvois
an, und die Gegend füllt sich mit Gewehren.
Im
Saal versammeln sich Abgeordnete aus allen Bezirken Wardaks, sie
haben teils zwölfstündige Anreisen hinter sich, über Bergpässe,
eisige Pisten. Trotz Schneefalls kommen sie alle pünktlich,
Dorfälteste, Abgeordnete, Imame, Lehrer. 500 Männer und 8 Frauen
sitzen am Ende da, für westliche Augen ist es eine Szene wie aus
einem exotischen Roman, ein schöner Tanz der vielen afghanischen
Kopfbedeckungen, prachtvolle Turbane sind zu sehen und das weiche
afghanische Barett mit dem Wulst, Pakul genannt, darunter uralte
Gesichter von Bergmenschen, imposante Bärte, fremde Gesichter, die
nie zeigen, was in den Köpfen vorgeht.
Das
Thema ist ernst. Minister Wardak redet darüber, dass es so wie
bisher nicht weitergehen könne. Er redet darüber, dass die Taliban
versuchten, ins neue Bildungssystem einzudringen, dass sie Lehrer
einschüchterten, dass sie ihre eigenen Leute an Schulen plazierten.
"Ich würde gern die Politik aus der Bildung herausnehmen",
ruft Wardak, er ist ein guter Redner, er hat die ganze Konzentration
des Publikums, "die Schulen Afghanistans sind nicht dazu da,
Afghanistan schlechtzumachen."
Vor
der Tür draußen lungert das Heer der Sicherheitsleute, Soldaten,
Polizisten, türkische Sondereinheiten, auch Ahmed I. steht vor der
Tür, um zu rauchen, er ist ein Bürgermeister, und um ihn zu
schützen, ist es besser, seinen Namen zu verschleiern.
Er
hat eine Stellung in einer amerikanischen Sicherheitsfirma
aufgegeben, 3000 Dollar im Monat, weil er das Gefühl hatte, für
sein Land aktiv werden zu müssen, aus Pflichtgefühl. Aber als er
den Posten antrat, gratulierten ihm Freunde schon hämisch dazu, dass
er sich jetzt endlich zu den ganz großen Fleischtöpfen
vorgearbeitet habe. Und als er die Arbeit begann, wusste er bald,
wovon sie redeten. Wenn I. den Verkauf eines Grundstücks registriert
oder wenn er eine Baugenehmigung vergibt, bekommt er wie automatisch
Erpresserbriefe von Leuten, die ihn selbstverständlich für korrupt
halten und sich die Beute teilen wollen. "Es ist", sagt der
Bürgermeister, "ein unfassbarer Kreislauf von Schmiergeld im
Gang, in allen Branchen, auf allen Ebenen."
Tatsächlich
gab es schon glaubhafte Berichte, dass man sich in Afghanistan für
20 000 Dollar zum Polizeichef eines Bezirks hochschmieren kann, dass
Sitze im Nationalparlament käuflich seien, Gouverneursposten,
Richterstellen, und der SPIEGEL brachte in Erfahrung, dass im Kabuler
Parlament auch Mehrheiten käuflich sind, die bei wichtigen
Abstimmungen rund eine Million Dollar kosten.
In
Wardak geht es um kleinere Beträge, um das Verteilen der spärlichen
Entwicklungshilfe. Bürgermeister I. sagt, dass er selbst sich nicht
bediene, vielleicht stimmt das, glaubhaft wirkt er durch sein offenes
Reden, und er warnt davor, die Sache mit den Taliban immer nur als
eine Frage von Krieg oder Frieden zu verstehen. "Die Taliban
sind überall", sagt er, "sie kämpfen nicht nur. Sie
sitzen in meiner Verwaltung, sie tragen Verantwortung in Dörfern,
sie sind mitten unter uns."
Nicht
viel anderes redet Minister Wardak drinnen im Saal, und er ist schon
einen Schritt weiter. "Ich will wissen, was die Mullahs wollen,
was die Taliban wollen", ruft er in den Saal, "und ich bin
zu vielem bereit. Von mir aus können sie selbst als Lehrer an die
Schulen kommen, wenn sie die Lehrpläne respektieren. Und meinetwegen
kann die Schule auch in der Moschee stattfinden. Aber warum brennen
sie die Schulhäuser nieder? Was haben sie davon? Was haben wir alle
davon?" Am Ende seiner Rede erhält Wardak als Einziger während
des ganzen Vormittags Applaus. Die Kappen, die Barette wogen. Der
Minister hat gut gesprochen.
Und
er hört auch beim Essen noch nicht damit auf. Im Gouverneurspalast
gibt es Schüsseln mit Salat, mit Lammhaxen und Huhn, es gibt
Pepsi-Cola und Mirinda. Wardak sitzt neben Gouverneur Fidai, beide im
Mantel, am Kopf einer Tafel, um die sich 50, 60 Ehrengäste
versammeln.
Der
Minister kennt seine Zahlen, er spult sie ab wie ein Automat, er
sagt: "Im Jahr 2001 hatten wir weniger als eine Million Kinder
in den Schulen, jetzt sind es 6,35 Millionen. Im Jahr 2001 hatten wir
3400 Schulen, jetzt sind es 11 600. Im Jahr 2001 hatten wir 20 000
Lehrer, jetzt sind es 167 000. Sie wollen über Fortschritte reden?",
sagt Wardak und fischt nach einem Stück Lammhaxe, "bitte sehr,
sind das keine Fortschritte?"
Fortschritte,
auch Adrian Edwards kann sie herbeten, er ist Sprecher des
Uno-Sondergesandten Kai Eide, bei einem Vorgespräch zum Interview
mit seinem Chef gibt er trotzdem zu, dass es "nicht viel Frieden
im Land" gebe. Forderungen nach einer neuen Debatte über das
Wie und Wohin für Afghanistan seien aber unsinnig, sagt Edwards.
"Die Strategien sind alle da", sagt er, "die Prozesse
alle hundertmal diskutiert, wir brauchen keine Debatten mehr, wir
brauchen Aktionen."
Edwards
ist ein blasser, ruhiger Medienprofi, der zuverlässig jede E-Mail
beantwortet, Kritik an der Uno-Mission kontert er so: "Unser
größter Fehler war die Annahme, dass wir hier mit wenig Mitteln
viel erreichen können", sagt er. "Die Uno-Mitglieder
wollten es so. Und so haben wir uns von Anfang an nicht zu viel,
sondern viel zu wenig engagiert."
Für
die Operation Osttimor, sagt Edwards, hatte die Uno einen Etat
achtmal größer als in Afghanistan. "In Darfur", sagt er,
"arbeiten in der Pressestelle 112 Leute. Hier bei mir sind es
3." Einer von ihnen klopft an die Tür und tritt ein. Er sagt:
"Alles abspeichern, Adrian. In einer Dreiviertelstunde gibt es
keinen Strom mehr."
Immer
wenn die Nacht fällt in Kabul, beginnt in den Restaurants das
Ballett der Internationalen und der Mächtigen, sie fahren in dicken
Geländewagen vor, rangieren um das "Bella Italia", die
"Gandamak Lodge" und das "Boccaccio", wo
russische Kellnerinnen schwere T-Bone-Steaks aus Nebraska zu noch
schwererem Rotwein aus Sizilien servieren.
Man
kennt sich hier, und wer sich nicht kennt, wird bald eingeführt in
die Cliquen, die in der Hauptstadt Fäden ziehen und Gerüchte
verwalten. Ministermitarbeiter kungeln mit Uno-Leuten,
Geheimdienstler führen Botschafter aus, afghanische Parlamentarier,
die im Land als die frommsten Muslime bekannt sind, trinken Grappa
und ordern Zigarren. Wer das Glück hat, am Tisch neben Aly Mawji zu
sitzen, dem Afghanistan-Chef der Aga-Khan-Stiftung für Entwicklung,
erfährt zum Dessert viel über die Lage im Land.
Mawji
ist ein Ismailit aus England mit vorzüglichen Manieren und
ebensolchen Anzügen, er ist der Herr über 3500 Beschäftigte und
steht der größten Entwicklungsagentur vor, die in Afghanistan
arbeitet. 750 Millionen Dollar hat die Aga-Khan-Stiftung seit 2001 im
Land investiert, so viel wie sonst niemand, es wurde die erfolgreiche
Telekom-Gesellschaft Roshan aus dem Boden gestampft, es wird eine
Bank für Mikrokredite betrieben, der Aga Khan saniert ganze
Innenstädte, und Kabul baute er das Fünfsternehotel "Serena".
Aber auch sein Vertreter vor Ort, Aly Mawji, ist beunruhigt. Er hält
die Taliban für die erfolgreichste Graswurzelorganisation im Land,
eine Truppe, die überall, mit und ohne Zwang, Kontakt zu den Leuten
hat und die Macht über den Alltag in Händen hält, die Regierung
sei dagegen ein Nichts, eingeigelt in ihrer Hauptstadt, für die
Leute in der Fläche unsichtbar und deshalb so gut wie
handlungsunfähig.
Es
sind die kalten Wochen am Beginn des Jahres, in Afghanistan beginnt
das Jahr der Entscheidung, <<die letzte Schlacht vielleicht.
"Haben Sie schon die Nachrichten gehört?", fragt
Gouverneur Fidai, er ist wieder unterwegs in seine Provinz, im
gepanzerten Geländewagen. Am Morgen haben US-Soldaten in Wardak
einen Selbstmordattentäter aus dem Verkehr gezogen. "Ein
Einzelfall", sagt Fidai. Er telefoniert.
Über
Wardak, Maydan Shahr, liegt noch das Morgengrauen, Highway One führt
durch den Ort, um diese Stunde fahren turmhoch bepackte Reisebusse
mit alten deutschen Schriftzügen auf den Flanken Richtung Kabul. Für
kurze Zeit gab es einmal eine Highway-Polizei hier, eine Sondertruppe
nur für die Autobahn, aber sie wurde wieder aufgelöst, nachdem die
Polizisten angefangen hatten, durchreisende Fahrer an den Checkpoints
abzukassieren.
Auf
Fidai wartet nur Tagesarbeit. In seinem Büro ist es so kalt, dass
der Atem vor dem Mund steht, der Kabinettschef bringt
Unterschriftenmappen, er hat seine Augen mit Kajalstift schwarz
gerändert. Fidai schreibt seinen Namen 20-, 30-mal unter Papiere, er
erhöht Straßenarbeitern den Lohn, sie bekommen jetzt pro Monat 50
Afghani mehr, einen Dollar, das ist ordentliches Geld in Wardak.
Als
der Tee kommt, es gibt immer Tee in Afghanistan, grün und dampfend,
sagt Fidai, was er die ganze Zeit schon gesagt hat, er hängt sehr an
diesem Satz: "In drei Dörfern hier sind die Leute aufgestanden
gegen die Taliban und haben sie vertrieben." Aber es gibt in
seiner Provinz 2235 Dörfer. Und es gibt in Afghanistan 34 Provinzen.
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