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Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.
Heike Faller
Wann
hat der Herr Janssen denn mal Zeit für mich?", schrieb Paula
aus der 9.3 dann schließlich an Paul aus der 9.5, damals vor
dreieinhalb Monaten, nachdem Paul ihr in den Hofpausen und im
Schulbus immer laaaaange Blicke zugeworfen hatte.
"Hab.
Ich. Nicht", sagt Paul. "Paula hat mit mir geflirtet."
"Ich
habe nicht mit dir geflirtet", sagt Paula. "Du hast mich
die ganze Zeit so angeguckt und angezwinkert."
"Gezwinkert?
Hä?" Und dann, bevor Paula den Mund aufmachen kann, um zu
widersprechen: "Wir haben uns beide immer so angeguckt."
Paula beugt sich über den Tisch. Kussi.
Paul
Janssen, die Schultern noch schmal, die Brust schon breit, das Kinn
noch rund, die Gesten leicht ungelenk, als könne er mit den
Zauberkräften, die ihm gerade zuwachsen, noch nicht umgehen. Vor
einem Jahr war er zehn Zentimeter kleiner. Wenn er sich aus dem Stuhl
stemmt, wundert man sich, dass er Paula um einen halben Kopf
überragt. An seinen Waden kräuseln sich blonde Härchen, aber sein
Gesicht ist glatt wie ein Pfirsich. Man erkennt den Jungen, der er
gerade noch war, aber noch nicht den Mann, der er bald sein wird.
Paula
hingegen hat schon ihr Erwachsenengesicht bekommen. Und einen Körper,
an dem alles genau zusammenpasst. Sie könnte sich an jedem Türsteher
Berlins vorbeischlängeln, vorausgesetzt, sie ließe beim Lächeln
ihre Zahnspange nicht aufblitzen. Ebenso gut kann man sie sich auf
dem Beifahrersitz eines Autos vorstellen, einen 21-jährigen Angeber
neben sich. Aber nein. Paul sollte es sein. Paul aus der
Parallelklasse. Dass ein Mädchen ihres Alters sich einen
gleichaltrigen Jungen sucht, hat die statistische Wahrscheinlichkeit
eines Meteoriteneinschlags.
Paul
bemerkte an Paula zuerst ihr Lächeln, das meistens glücklich
wirkte, wenn die anderen morgens um halb acht im Schulbus noch
apathisch in den Sitzen hingen. Im Winter erkundigte er sich bei
ihrer Freundin nach ihr und erfuhr: Paula glaubt nicht an
Schulbeziehungen. Weil man sich, wenn man jeden Tag
aufeinanderglucke, bald annerve, sich nichts mehr zu sagen habe und
so weiter. Daraufhin stellte Paul bei seinem Profil bei Jappy, der
Internet-Community, bei der die meisten aus ihrer Schule angemeldet
sind, unter der Rubrik "Status" ein gebrochenes Herz ein.
Was Paula nicht entging, natürlich ohne dass sie es weiter ernst
nahm.
Bis
zu jenem Tag im Februar, als sie mit ihrer Freundin in der Pause das
Schulgelände verließ. Paul stand mit seinen Kumpels bei Kaiser's an
der Ecke, und sie bemerkte zum ersten Mal, wie gut er aussah mit der
Schiebermütze, die er in diesem Winter immer aufhatte. Sie sah seine
langen Haare, länger als die der anderen Jungs, die ihm in die Augen
fielen, in denen sie wiederum eine Verschmitztheit erkannte, die sie
geheimnisvoll fand.
Herr
Janssen konsultierte, wie er sich ausdrückte, also seinen
Terminkalender, und er sah, dass er Zeit hatte. Samstag. Kino.
Lichtenberg. Paula trug Lederstiefel und eine enge schwarze Jeans
sowie eine taillierte schwarze Jacke mit hohem Kragen, von der sie
hoffte, dass sie "weiblich-attraktiv" wirken würde.
Darunter eine graue Strickjacke, die Lässigkeit ausstrahlen sollte.
Weil: Sicher war sie sich da noch nicht. Erst mal sehen, wie er so
ist, dachte sie. Ob man sich mit ihm unterhalten kann. Ihn gerne
küssen würde. FALLS es so weit kommen sollte, zu einer Beziehung.
Was
dachte Paul? "Ich freu mich aufs Popcorn."
Der
Film mit Jennifer Aniston und Owen Wilson handelte von einem jungen
Pärchen, das sich, als Generalprobe fürs Familienleben, einen Hund
anschafft, der sich als so wild und unkontrollierbar entpuppt wie das
Leben selbst - und der sie mehrere Kinder und Krisen später daran
erinnert, worauf es im Leben wirklich ankommt. Paula drehte sich zu
Paul. "Wir schaffen uns später auch mal einen Hund an",
sagte sie leise.
"Hund
find ich gut", sagte Paul.
Nach
dem Film begleitete er sie zur Tram. An der Haltestelle öffnete er
langsam seinen Gürtel. Und er bekam zu sehen, was er sehen wollte:
Paulas schreckgeweitete Augen. Dann machte er den Gürtel wieder zu.
Und fing an zu lachen.
Eine
Woche später standen sie wieder an der Haltestelle. Es war
Samstagnachmittag. Paula wollte ihn auf die linke Wange, Paul sie auf
die rechte Wange küssen. Sie trafen sich versehentlich in der Mitte.
Am
Sonntagabend standen sie unter einer Laterne. Paula fand, dass jetzt
ein guter Zeitpunkt gekommen sei. Er hatte Sprüche gemacht,
"Andeutungen sexueller Natur" , sagt Paula. Dass er sie
zurückweisen würde, erschien ihr nach menschlichem Ermessen
unwahrscheinlich.
"Zweimal",
sagt Paul.
Und
dann, mit geschlossenen Augen und einem breiten Lächeln, wie ein
Kind, das vom Vergnügungspark erzählt: "Das war schön."
Als
Paula später zu Hause vor dem Fernseher saß, schickte er eine SMS:
"Und, wie war dein Abend?" - "War super. Ich war mit
nem attraktiven Jungen unterwegs." Ein paar Minuten später: "Ab
heute bist du meiner." Für den Fall, dass er nicht mitbekommen
hätte, dass sie jetzt zusammen waren.
Wäre
ihre Geschichte ein Film, sähe man in dieser Szene ein Mädchen, das
in einer Altbauwohnung in Berlin-Karlshorst in Jogginghose und
Fleecejacke vor dem Fernseher sitzt und glücklich lächelt. Dann
würde die Kamera sich in den Nachthimmel erheben und über dunkle,
baumbestandene Vorortstraßen fahren, um zwei Kilometer weiter das
große Fenster einer zweistöckigen Dachgeschosswohnung in den Blick
zu nehmen, wo ein Junge sitzt, ebenfalls allein vor dem Fernseher,
ebenfalls lächelnd, weil er zum ersten Mal in seinem Leben dabei
ist, in Liebe zu fallen.
Vom
nächsten Tag an liefen die beiden immer gemeinsam von der
Bushaltestelle zur Schule. Nach zwei Wochen fragten ihre Freunde,
wann sie es denn offiziell machen wollten, und nach zweieinhalb
Wochen sagte Pauls 13-jährige Schwester Luca beim Abendessen mit den
Eltern: "Paul hat jetzt eine Freundin, hähä."
Paul
und Paula glauben, dass eine Beziehung Regeln braucht. Bislang gibt
es nur eine Regel: dass Paul sich nicht alleine mit einem Mädchen
treffen darf und Paula sich nicht mit einem Jungen. Die Idee kam von
Paula. Denn Paul würde es nichts ausmachen, wenn Paula
beispielsweise im Schwimmbad wäre und sein Freund Tom käme dazu.
Aber er hat eingewilligt, sich daran zu halten, weil es Paula wichtig
ist und weil er sowieso nicht wüsste, was er mit einem anderen
Mädchen alleine anfangen sollte, und nun gilt die Regel für beide.
Paul und Paula glauben, dass man für die schönen Seiten einer
Beziehung auch Nachteile in Kauf nehmen muss, zum Beispiel, dass man
weniger Freiheiten hat, seine Freunde weniger sieht oder sich ab und
zu nicht versteht. Sie wissen von ihren Eltern, dass man sich
streiten kann und trotzdem zusammenhalten - auch wenn Paulas Eltern
vor einem Jahr in getrennte Wohnungen gezogen sind. Paula und Paul
glauben, dass ihre Eltern sich noch lieben. Dass ihre Deutschlehrerin
immer von "modernen Patchworkfamilien" redet, wundert sie.
In ihrer Welt, die sich vom Berliner Ostbahnhof bis nach Köpenick
erstreckt, sind die meisten Eltern noch zusammen.
Paulas
Vater ist, ebenso wie der von Paul, Tischlermeister mit eigenem
Betrieb, ihre Mutter hat drei, Pauls Mutter zwei Kinder großgezogen,
und beide haben immer nebenher gearbeitet. Dass es ihre Mütter sind,
die den Haushalt über Wasser halten, erscheint ihnen angesichts der
Tatsache, dass ihre Väter ein kleines Unternehmen schmeißen, zwar
asymmetrisch, aber nicht ungerecht.
Familien,
in denen die Frau zu Hause ist und nur der Mann arbeitet, kennen sie
so gut wie nicht. Sie müssen lange nachdenken, bis ihnen eine Mutter
einfällt, die sie als "Hausfrau" bezeichnen würden.
Dafür
fällt ihnen eine Mutter ein, die von ihrer Tochter auf einer
Internetseite namens my-steel.de erwischt wurde, auf der
Keuschheitsgürtel aus Edelstahl vertrieben werden, und ein Vater,
der nach Angaben seines Sohnes einen Latexanzug in seinem
Kleiderschrank verwahrt. Paul und Paula sind in diesen Dingen
laisser-faire, sie gönnen allen ihren Spaß, sogar den Erwachsenen.
Dabei
sind sie es, die in den Augen der Älteren der "Generation
Porno" angehören, die schon mit elf oder zwölf Dinge sieht,
die die meisten Menschen, die je auf dieser Erde gewandelt sind, spät
oder nie zu Gesicht bekamen. Bilder, von denen die Erwachsenen
fürchten, dass sie die Jüngeren womöglich auf Sex fixieren könnten
als eine Choreografie aufeinander einhämmernder Körper der
Kategorien Amateur, Asian und Mothers I'd Love to Fuck (MILFs).
Paul
und Paula wussten schon vor ihrem ersten Kuss, auf wie viele Arten
eine Frau und ein Mann sich ineinanderstecken können, oder eine Frau
und drei Männer, oder eine Frau und ein Pferd, sowie Pferde, Hunde
und Goldfische jeweils untereinander, wobei die "Tierpornos",
die per Email verschickt werden, der Belustigung dienen und nicht der
Erregung, was auch für die "Oma-Pornos" gilt, die
bisweilen in den Pausen ihres Lichtenberger Gymnasiums auf
Schülerhandys herumgezeigt werden und in denen es Leute über
siebzig miteinander tun. Ihre Eltern haben sie darüber aufgeklärt,
dass keine dieser Spielarten irgendetwas mit der zärtlichen
Begegnung zu tun habe, mit der zwei Menschen ihre seelische Nähe
auch körperlich ausleben. Oder so ähnlich.
"Wir
verwechseln das aber nicht", sagt Paula. Riesenpenisse und
harten Gruppensex hat sie in dem Bereich ihres Gehirns gespeichert,
in dem sich auch jenes MASTURBIERENDE KÄTZCHEN befindet, das neulich
in Internet-Gästebüchern die Runde machte: ins Reich der Fantasie.
Jugendliche, die das für "die Realität" halten, kennen
sie nur aus Fernsehreportagen, in denen tiefe Männerstimmen,
unterlegt von Weltuntergangsmusik, fragen, was die Flut von Bildern
anrichten mag in den formbaren Gehirnen junger Menschen, vor allem:
Männer.
Paula
hat in diesem Zusammenhang das Wort "frauenverachtend"
gehört. "Also dass einem nur gezeigt wird, was Männer wollen,
und dass Frauen denken, dass sie sich daran orientieren müssen",
ergänzt sie.
"Das
sind dann ja auch die Frauen, die auf so was stehen", glaubt
Paul.
"Nein,
dass die Frauen meinen, sie müssten so was erfüllen", sagt
Paula.
"Welche
Frau ist so dumm und verkleidet sich, weil ihr Typ das will?",
ruft Paul. "Die drei Frauen in Deutschland, die so was machen,
um den Männern zu gefallen - glückliche Männer!"
"Ja.
Erklär mir die Welt, Paul", sagt Paula. Bernt, Pauls Vater, hat
ihr jedenfalls gesagt, sie solle ihm Bescheid geben, falls sein Sohn
mal nicht nett zu ihr sein sollte.
Als
die beiden zwei Wochen zusammen waren, entdeckte Paula auf dem
Jappy-Profil von Pauls Ex-ex-ex-Freundin (nichts Ernstes) einen
Kommentar, den dieser dort gerade erst hinterlassen hatte. "Sehr
sexy ;-)", stand unter einem Foto, auf dem die Ex mit
Riesenausschnitt zu sehen war.
Paula
hatte bei ihrem ersten Freund, der tatsächlich ein paar Jahre älter
war, erlebt, wie der sich plötzlich für Mädchen interessierte, die
im Gegensatz zu ihr schon in die Disco durften, und sie hatte sich
vorgenommen, nie wieder auf einen "krassen Player"
hereinzufallen, wie offenbar Paul, wie ihr mit einem Mal klar wurde,
einer war. Paul loggte sich gerade ein, ahnungslos, als Paula ihm
eine wütende Nachricht schickte, um dann offline zu gehen, ohne auf
seine Antwort zu warten.
Minuten
später eine SMS von Paul:
Ich
liebe dich, das war doch nur so dahingesagt.
Eine
Entschuldigung nützt mir nichts, das bringt mich nicht weiter.
Es
hatte nichts zu bedeuten, ich kann mich gar nicht mehr dran erinnern,
weil es so nebensächlich für mich war.
Warum
machst du so was, wenn du in einer Beziehung bist?
Na,
weil das Bild gut aussah.
Keine
Antwort.
Eine
halbe Stunde später rief Paul an. "Es tut mir leid, bitte sei
nicht so, nicht so böse, ich kann sonst nicht einschlafen."
Paula war gerührt, aber trotzdem konnte sie in dieser Situation
nicht einfach sagen: Ja, Schatz, ich liebe dich auch. Am nächsten
Tag entschuldigte Paul sich noch mal, aber Paula blieb stur.
"Stur
und bockig und zickig", sagt Paul. "Bei so was!"
Am
zweiten Tag war es ihm irgendwann egal, denn: Mehr als hundertmal
entschuldigen konnte er sich nicht.
"Vielleicht
hab ich ja auch überreagiert", sagt Paula.
"Hast
du auch", sagt Paul.
"Aber
wenigstens seh ich es auch ein."
"Für
Paula war es halt irgendwie ein großes Ding", sagt Paul. "Paula
macht sich sowieso immer über irgendwelche Sachen einen Kopf."
Sie
schaut unglücklich, unglücklich über sich selbst, und plötzlich
ist klar, dass dieses Mädchen und dieser Junge, die man auf den
ersten Blick für eine unbeschwerte Schülerliebe halten könnte,
schon längst die Kraft haben, sich gegenseitig schwer zu verletzen.
Paulas
Mutter hat ihr eingeschärft, sie dürfe Paul nicht zu sehr einengen.
Vielleicht gibt es doch eine zweite Regel, die in den dreieinhalb
Monaten, in denen sie jetzt zusammen sind, dazugekommen ist, aber
lernen muss sie vor allem Paula: "Wenn du jemanden liebst, lass
ihn frei", murmelt sie.
Natürlich
wollen alle immer von ihnen wissen, egal ob sie jetzt fragen oder ob
sie sie nur auf eine bestimmte Weise anschauen: Habt ihr schon? Oder
habt ihr noch nicht?
Die
größte Fehlannahme der Erwachsenen über die Jugend von heute, sagt
Paula, sei die, dass die Jugendlichen, nur weil sie wüssten, wie es
aussieht, es auch sofort nachmachen würden. Dass sie Sex nicht ernst
nähmen. Natürlich warteten die meisten Mädchen auf den Richtigen,
einen, der zärtlich sei, der perfekt aussehe, immer mit einem
zusammenbleiben wolle. Als empfohlene Mindestwartezeit fürs erste
Mal gelten derzeit drei bis sechs Monate nach dem ersten Kuss.
Paul
und Paula sind jetzt seit dreieinhalb Monaten zusammen.
Mehr
wollen sie nicht verraten.
"Schreiben
Sie: Kein Kommentar. Zwinker, zwinker", sagt Paul.
Die
zweite große Fehlannahme, die Erwachsene über die Jugend hätten,
sagt Paula, sei die, dass zwei Leute, nur weil sie sich total jung
kennengelernt hätten, nicht für immer zusammenbleiben könnten.
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cingulum, 07.12.2009, 16:04 Uhr:
"Die Keenies sind ein auf dem Dimensionsfahrstuhl Pthor beheimatetes Volk.
Sie sind absolut terranerähnlich und haben eine schwarzblaue Hautfarbe.
Sie leben auf einer primitiven Zivilisationsstufe, vergleichbar mit der terranischen Antike bzw. afrikanischen Eingeborenenstämmen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Sie haben keine nennenswerte Technologie entwickelt..."
http://www.perrypedia.proc.org/wiki/Keenies
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