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01.07.16

Prämierte Texte

Heike Faller „Die Liebe von Paul und Paula

Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.

Wann hat der Herr Janssen denn mal Zeit für mich?", schrieb Paula aus der 9.3 dann schließlich an Paul aus der 9.5, damals vor dreieinhalb Monaten, nachdem Paul ihr in den Hofpausen und im Schulbus immer laaaaange Blicke zugeworfen hatte.

"Hab. Ich. Nicht", sagt Paul. "Paula hat mit mir geflirtet."

"Ich habe nicht mit dir geflirtet", sagt Paula. "Du hast mich die ganze Zeit so angeguckt und angezwinkert."

"Gezwinkert? Hä?" Und dann, bevor Paula den Mund aufmachen kann, um zu widersprechen: "Wir haben uns beide immer so angeguckt." Paula beugt sich über den Tisch. Kussi.

Paul Janssen, die Schultern noch schmal, die Brust schon breit, das Kinn noch rund, die Gesten leicht ungelenk, als könne er mit den Zauberkräften, die ihm gerade zuwachsen, noch nicht umgehen. Vor einem Jahr war er zehn Zentimeter kleiner. Wenn er sich aus dem Stuhl stemmt, wundert man sich, dass er Paula um einen halben Kopf überragt. An seinen Waden kräuseln sich blonde Härchen, aber sein Gesicht ist glatt wie ein Pfirsich. Man erkennt den Jungen, der er gerade noch war, aber noch nicht den Mann, der er bald sein wird.

Paula hingegen hat schon ihr Erwachsenengesicht bekommen. Und einen Körper, an dem alles genau zusammenpasst. Sie könnte sich an jedem Türsteher Berlins vorbeischlängeln, vorausgesetzt, sie ließe beim Lächeln ihre Zahnspange nicht aufblitzen. Ebenso gut kann man sie sich auf dem Beifahrersitz eines Autos vorstellen, einen 21-jährigen Angeber neben sich. Aber nein. Paul sollte es sein. Paul aus der Parallelklasse. Dass ein Mädchen ihres Alters sich einen gleichaltrigen Jungen sucht, hat die statistische Wahrscheinlichkeit eines Meteoriteneinschlags.

Paul bemerkte an Paula zuerst ihr Lächeln, das meistens glücklich wirkte, wenn die anderen morgens um halb acht im Schulbus noch apathisch in den Sitzen hingen. Im Winter erkundigte er sich bei ihrer Freundin nach ihr und erfuhr: Paula glaubt nicht an Schulbeziehungen. Weil man sich, wenn man jeden Tag aufeinanderglucke, bald annerve, sich nichts mehr zu sagen habe und so weiter. Daraufhin stellte Paul bei seinem Profil bei Jappy, der Internet-Community, bei der die meisten aus ihrer Schule angemeldet sind, unter der Rubrik "Status" ein gebrochenes Herz ein. Was Paula nicht entging, natürlich ohne dass sie es weiter ernst nahm.

Bis zu jenem Tag im Februar, als sie mit ihrer Freundin in der Pause das Schulgelände verließ. Paul stand mit seinen Kumpels bei Kaiser's an der Ecke, und sie bemerkte zum ersten Mal, wie gut er aussah mit der Schiebermütze, die er in diesem Winter immer aufhatte. Sie sah seine langen Haare, länger als die der anderen Jungs, die ihm in die Augen fielen, in denen sie wiederum eine Verschmitztheit erkannte, die sie geheimnisvoll fand.

Herr Janssen konsultierte, wie er sich ausdrückte, also seinen Terminkalender, und er sah, dass er Zeit hatte. Samstag. Kino. Lichtenberg. Paula trug Lederstiefel und eine enge schwarze Jeans sowie eine taillierte schwarze Jacke mit hohem Kragen, von der sie hoffte, dass sie "weiblich-attraktiv" wirken würde. Darunter eine graue Strickjacke, die Lässigkeit ausstrahlen sollte. Weil: Sicher war sie sich da noch nicht. Erst mal sehen, wie er so ist, dachte sie. Ob man sich mit ihm unterhalten kann. Ihn gerne küssen würde. FALLS es so weit kommen sollte, zu einer Beziehung.

Was dachte Paul? "Ich freu mich aufs Popcorn."

Der Film mit Jennifer Aniston und Owen Wilson handelte von einem jungen Pärchen, das sich, als Generalprobe fürs Familienleben, einen Hund anschafft, der sich als so wild und unkontrollierbar entpuppt wie das Leben selbst - und der sie mehrere Kinder und Krisen später daran erinnert, worauf es im Leben wirklich ankommt. Paula drehte sich zu Paul. "Wir schaffen uns später auch mal einen Hund an", sagte sie leise.

"Hund find ich gut", sagte Paul.

Nach dem Film begleitete er sie zur Tram. An der Haltestelle öffnete er langsam seinen Gürtel. Und er bekam zu sehen, was er sehen wollte: Paulas schreckgeweitete Augen. Dann machte er den Gürtel wieder zu. Und fing an zu lachen.

Eine Woche später standen sie wieder an der Haltestelle. Es war Samstagnachmittag. Paula wollte ihn auf die linke Wange, Paul sie auf die rechte Wange küssen. Sie trafen sich versehentlich in der Mitte.

Am Sonntagabend standen sie unter einer Laterne. Paula fand, dass jetzt ein guter Zeitpunkt gekommen sei. Er hatte Sprüche gemacht, "Andeutungen sexueller Natur" , sagt Paula. Dass er sie zurückweisen würde, erschien ihr nach menschlichem Ermessen unwahrscheinlich.

"Zweimal", sagt Paul.

Und dann, mit geschlossenen Augen und einem breiten Lächeln, wie ein Kind, das vom Vergnügungspark erzählt: "Das war schön."

Als Paula später zu Hause vor dem Fernseher saß, schickte er eine SMS: "Und, wie war dein Abend?" - "War super. Ich war mit nem attraktiven Jungen unterwegs." Ein paar Minuten später: "Ab heute bist du meiner." Für den Fall, dass er nicht mitbekommen hätte, dass sie jetzt zusammen waren.

Wäre ihre Geschichte ein Film, sähe man in dieser Szene ein Mädchen, das in einer Altbauwohnung in Berlin-Karlshorst in Jogginghose und Fleecejacke vor dem Fernseher sitzt und glücklich lächelt. Dann würde die Kamera sich in den Nachthimmel erheben und über dunkle, baumbestandene Vorortstraßen fahren, um zwei Kilometer weiter das große Fenster einer zweistöckigen Dachgeschosswohnung in den Blick zu nehmen, wo ein Junge sitzt, ebenfalls allein vor dem Fernseher, ebenfalls lächelnd, weil er zum ersten Mal in seinem Leben dabei ist, in Liebe zu fallen.

Vom nächsten Tag an liefen die beiden immer gemeinsam von der Bushaltestelle zur Schule. Nach zwei Wochen fragten ihre Freunde, wann sie es denn offiziell machen wollten, und nach zweieinhalb Wochen sagte Pauls 13-jährige Schwester Luca beim Abendessen mit den Eltern: "Paul hat jetzt eine Freundin, hähä."

Paul und Paula glauben, dass eine Beziehung Regeln braucht. Bislang gibt es nur eine Regel: dass Paul sich nicht alleine mit einem Mädchen treffen darf und Paula sich nicht mit einem Jungen. Die Idee kam von Paula. Denn Paul würde es nichts ausmachen, wenn Paula beispielsweise im Schwimmbad wäre und sein Freund Tom käme dazu. Aber er hat eingewilligt, sich daran zu halten, weil es Paula wichtig ist und weil er sowieso nicht wüsste, was er mit einem anderen Mädchen alleine anfangen sollte, und nun gilt die Regel für beide. Paul und Paula glauben, dass man für die schönen Seiten einer Beziehung auch Nachteile in Kauf nehmen muss, zum Beispiel, dass man weniger Freiheiten hat, seine Freunde weniger sieht oder sich ab und zu nicht versteht. Sie wissen von ihren Eltern, dass man sich streiten kann und trotzdem zusammenhalten - auch wenn Paulas Eltern vor einem Jahr in getrennte Wohnungen gezogen sind. Paula und Paul glauben, dass ihre Eltern sich noch lieben. Dass ihre Deutschlehrerin immer von "modernen Patchworkfamilien" redet, wundert sie. In ihrer Welt, die sich vom Berliner Ostbahnhof bis nach Köpenick erstreckt, sind die meisten Eltern noch zusammen.

Paulas Vater ist, ebenso wie der von Paul, Tischlermeister mit eigenem Betrieb, ihre Mutter hat drei, Pauls Mutter zwei Kinder großgezogen, und beide haben immer nebenher gearbeitet. Dass es ihre Mütter sind, die den Haushalt über Wasser halten, erscheint ihnen angesichts der Tatsache, dass ihre Väter ein kleines Unternehmen schmeißen, zwar asymmetrisch, aber nicht ungerecht.

Familien, in denen die Frau zu Hause ist und nur der Mann arbeitet, kennen sie so gut wie nicht. Sie müssen lange nachdenken, bis ihnen eine Mutter einfällt, die sie als "Hausfrau" bezeichnen würden.

Dafür fällt ihnen eine Mutter ein, die von ihrer Tochter auf einer Internetseite namens my-steel.de erwischt wurde, auf der Keuschheitsgürtel aus Edelstahl vertrieben werden, und ein Vater, der nach Angaben seines Sohnes einen Latexanzug in seinem Kleiderschrank verwahrt. Paul und Paula sind in diesen Dingen laisser-faire, sie gönnen allen ihren Spaß, sogar den Erwachsenen.

Dabei sind sie es, die in den Augen der Älteren der "Generation Porno" angehören, die schon mit elf oder zwölf Dinge sieht, die die meisten Menschen, die je auf dieser Erde gewandelt sind, spät oder nie zu Gesicht bekamen. Bilder, von denen die Erwachsenen fürchten, dass sie die Jüngeren womöglich auf Sex fixieren könnten als eine Choreografie aufeinander einhämmernder Körper der Kategorien Amateur, Asian und Mothers I'd Love to Fuck (MILFs).

Paul und Paula wussten schon vor ihrem ersten Kuss, auf wie viele Arten eine Frau und ein Mann sich ineinanderstecken können, oder eine Frau und drei Männer, oder eine Frau und ein Pferd, sowie Pferde, Hunde und Goldfische jeweils untereinander, wobei die "Tierpornos", die per Email verschickt werden, der Belustigung dienen und nicht der Erregung, was auch für die "Oma-Pornos" gilt, die bisweilen in den Pausen ihres Lichtenberger Gymnasiums auf Schülerhandys herumgezeigt werden und in denen es Leute über siebzig miteinander tun. Ihre Eltern haben sie darüber aufgeklärt, dass keine dieser Spielarten irgendetwas mit der zärtlichen Begegnung zu tun habe, mit der zwei Menschen ihre seelische Nähe auch körperlich ausleben. Oder so ähnlich.

"Wir verwechseln das aber nicht", sagt Paula. Riesenpenisse und harten Gruppensex hat sie in dem Bereich ihres Gehirns gespeichert, in dem sich auch jenes MASTURBIERENDE KÄTZCHEN befindet, das neulich in Internet-Gästebüchern die Runde machte: ins Reich der Fantasie. Jugendliche, die das für "die Realität" halten, kennen sie nur aus Fernsehreportagen, in denen tiefe Männerstimmen, unterlegt von Weltuntergangsmusik, fragen, was die Flut von Bildern anrichten mag in den formbaren Gehirnen junger Menschen, vor allem: Männer.

Paula hat in diesem Zusammenhang das Wort "frauenverachtend" gehört. "Also dass einem nur gezeigt wird, was Männer wollen, und dass Frauen denken, dass sie sich daran orientieren müssen", ergänzt sie.

"Das sind dann ja auch die Frauen, die auf so was stehen", glaubt Paul.

"Nein, dass die Frauen meinen, sie müssten so was erfüllen", sagt Paula.

"Welche Frau ist so dumm und verkleidet sich, weil ihr Typ das will?", ruft Paul. "Die drei Frauen in Deutschland, die so was machen, um den Männern zu gefallen - glückliche Männer!"

"Ja. Erklär mir die Welt, Paul", sagt Paula. Bernt, Pauls Vater, hat ihr jedenfalls gesagt, sie solle ihm Bescheid geben, falls sein Sohn mal nicht nett zu ihr sein sollte.

Als die beiden zwei Wochen zusammen waren, entdeckte Paula auf dem Jappy-Profil von Pauls Ex-ex-ex-Freundin (nichts Ernstes) einen Kommentar, den dieser dort gerade erst hinterlassen hatte. "Sehr sexy ;-)", stand unter einem Foto, auf dem die Ex mit Riesenausschnitt zu sehen war.

Paula hatte bei ihrem ersten Freund, der tatsächlich ein paar Jahre älter war, erlebt, wie der sich plötzlich für Mädchen interessierte, die im Gegensatz zu ihr schon in die Disco durften, und sie hatte sich vorgenommen, nie wieder auf einen "krassen Player" hereinzufallen, wie offenbar Paul, wie ihr mit einem Mal klar wurde, einer war. Paul loggte sich gerade ein, ahnungslos, als Paula ihm eine wütende Nachricht schickte, um dann offline zu gehen, ohne auf seine Antwort zu warten.

Minuten später eine SMS von Paul:

Ich liebe dich, das war doch nur so dahingesagt.

Eine Entschuldigung nützt mir nichts, das bringt mich nicht weiter.

Es hatte nichts zu bedeuten, ich kann mich gar nicht mehr dran erinnern, weil es so nebensächlich für mich war.

Warum machst du so was, wenn du in einer Beziehung bist?

Na, weil das Bild gut aussah.

Keine Antwort.

Eine halbe Stunde später rief Paul an. "Es tut mir leid, bitte sei nicht so, nicht so böse, ich kann sonst nicht einschlafen." Paula war gerührt, aber trotzdem konnte sie in dieser Situation nicht einfach sagen: Ja, Schatz, ich liebe dich auch. Am nächsten Tag entschuldigte Paul sich noch mal, aber Paula blieb stur.

"Stur und bockig und zickig", sagt Paul. "Bei so was!"

Am zweiten Tag war es ihm irgendwann egal, denn: Mehr als hundertmal entschuldigen konnte er sich nicht.

"Vielleicht hab ich ja auch überreagiert", sagt Paula.

"Hast du auch", sagt Paul.

"Aber wenigstens seh ich es auch ein."

"Für Paula war es halt irgendwie ein großes Ding", sagt Paul. "Paula macht sich sowieso immer über irgendwelche Sachen einen Kopf."

Sie schaut unglücklich, unglücklich über sich selbst, und plötzlich ist klar, dass dieses Mädchen und dieser Junge, die man auf den ersten Blick für eine unbeschwerte Schülerliebe halten könnte, schon längst die Kraft haben, sich gegenseitig schwer zu verletzen.

Paulas Mutter hat ihr eingeschärft, sie dürfe Paul nicht zu sehr einengen. Vielleicht gibt es doch eine zweite Regel, die in den dreieinhalb Monaten, in denen sie jetzt zusammen sind, dazugekommen ist, aber lernen muss sie vor allem Paula: "Wenn du jemanden liebst, lass ihn frei", murmelt sie.

Natürlich wollen alle immer von ihnen wissen, egal ob sie jetzt fragen oder ob sie sie nur auf eine bestimmte Weise anschauen: Habt ihr schon? Oder habt ihr noch nicht?

Die größte Fehlannahme der Erwachsenen über die Jugend von heute, sagt Paula, sei die, dass die Jugendlichen, nur weil sie wüssten, wie es aussieht, es auch sofort nachmachen würden. Dass sie Sex nicht ernst nähmen. Natürlich warteten die meisten Mädchen auf den Richtigen, einen, der zärtlich sei, der perfekt aussehe, immer mit einem zusammenbleiben wolle. Als empfohlene Mindestwartezeit fürs erste Mal gelten derzeit drei bis sechs Monate nach dem ersten Kuss.

Paul und Paula sind jetzt seit dreieinhalb Monaten zusammen.

Mehr wollen sie nicht verraten.

"Schreiben Sie: Kein Kommentar. Zwinker, zwinker", sagt Paul.

Die zweite große Fehlannahme, die Erwachsene über die Jugend hätten, sagt Paula, sei die, dass zwei Leute, nur weil sie sich total jung kennengelernt hätten, nicht für immer zusammenbleiben könnten.

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Heike Faller


Heike Faller, 37, ist seit 1999 Redakteurin bei der Zeit. Davor freie Journalistin für SZ-Magazin, Brigitte, Geo Saison, sowie Studium der Ethnologie und Germanistik in Hamburg.
Dokumente
Die Liebe von Paul und Paula (PDF)

erschienen in:
ZEITmagazin,
am 16.07.2009

 

Kommentare

Staysha, 25.04.2016, 03:00 Uhr:

Great thkignni! That really breaks the mold!

cingulum, 07.12.2009, 16:04 Uhr:

"Die Keenies sind ein auf dem Dimensionsfahrstuhl Pthor beheimatetes Volk.
Sie sind absolut terranerähnlich und haben eine schwarzblaue Hautfarbe.

Sie leben auf einer primitiven Zivilisationsstufe, vergleichbar mit der terranischen Antike bzw. afrikanischen Eingeborenenstämmen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Sie haben keine nennenswerte Technologie entwickelt..."

http://www.perrypedia.proc.org/wiki/Keenies

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