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Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.
Was
hatten sie sich nur von dieser Konfrontation versprochen? Antworten?
Anteilnahme? Frieden gar? Beide hatten eine Tochter verloren. Die
eine war zufällig da gewesen, als die andere sich in die Luft
sprengte. Nun saßen ihre Mütter, taub vor Schmerz beide, vor je
einer Kamera, und jede suchte im Gesicht der anderen - ja was?
"Ich
habe lange auf dieses Gespräch gewartet", sagte Avigail Levy
schließlich in das Bildtelefon. " Ich bin sehr aufgeregt. Dies
ist eine Sache zwischen uns beiden, zwischen zwei Müttern. Ich will,
dass du mir zuhörst!" - " Ich verstehe dich",
erwiderte Um Ayat, und für einen kurzen Moment lächelte sie
unsicher. " Du bist eine Mutter und ich auch", fuhr sie
fort. " Wir beide haben einen Verlust erlitten. Aber du lebst
nicht unter Besatzung. Du bist der Besatzer."
Avigail
Levy hatte viel über diese andere Frau nachgedacht, und sie hatte
wenig geschlafen in der Nacht zuvor. Lange hatte sie nach den
richtigen Worten gesucht. Und wie oft hat sie in all den Jahren das
Foto mit dem Gesicht von Um Ayats Tochter betrachtet, das sie
sorgfältig aufbewahrt hatte.
An
dem Tag, der das Leben der beiden Mütter für immer verbinden
sollte, hatte sich Um Ayats Tochter auf den Weg von Bethlehem nach
Jerusalem gemacht, in ihrer Handtasche zehn Kilo Sprengstoff,
gespickt mit Nägeln und Schrauben. Zur gleichen Zeit brach in
Jerusalem Avigails Tochter zum Supermarkt auf, um noch ein paar
Zutaten für das Abendessen zu kaufen. Als beide gemeinsam die
Eingangstür erreichten, rief ein Wachmann: "Wartet!"
Sekundenbruchteile
später erschütterte eine Explosion den Supermarkt. Als der Rauch
sich verzog, waren beide Mädchen und der Wachmann tot. Sieben
Stunden dauerte es, bis geklärt war, welcher Körperteil zu wem
gehörte.
George
W. Bush äußerte in den Nachrichten seine Betroffenheit, am nächsten
Tag drängten mehrere Hundert Menschen zur Beerdigung von Rachel
Levy, dem 456. israelischen Opfer der zweiten Intifada. Zehn
Kilometer entfernt wurde ein leerer Sarg in einem Triumphzug durch
die Gassen des Flüchtlingslagers Deheische getragen, geschmückt mit
der palästinensischen Flagge und dem Foto der 17-jährigen Ayat
Al-Akhras.
Es
ist ein kalter Januartag in Jerusalem, sechs Jahre später, als
Avigail Levy zum Supermarkt Supersol fährt. " Ich spüre sie
hier", sagt sie. Es ist wie ein Sog. Vor drei Jahren ist sie in
die Nähe gezogen. Am Eingang hängt eine schlichte Gedenktafel:
Rachel Levy - 29.3.2002.
Rachel
hätte in diesem Jahr ihre Schule beendet, sagt Avigail, sie freute
sich auf ihren Armeedienst. " Mama, mir passiert nichts",
habe Rachel immer gesagt. Wenn das Radio einen Anschlag meldete,
drehte sie den Ton ab. Designerin wollte sie vielleicht werden, und
kurz vor dem Attentat stellte sie in der Schule Fotos aus,
Wasseraufnahmen. Avigail redet langsam über Rachel, leise, als würde
das den Schmerz dämpfen. Sie ist eine kräftige Frau mit langen
dunklen Haaren und bestimmtem Auftreten. Die Sicherheitsleute am
Eingang begrüßen sie wie eine alte Bekannte.
Avigail
lächelt. Rachels Berühmtheit ist ihr ein Trost. Immer wieder hat
sie mit Reportern geredet, saß sie in Talkshows. Sie sprach vor dem
israelischen Parlament, dem Europäischen Gerichtshof für
Menschenrechte. " Wir werden dich nie vergessen", hatte sie
in Rachels Grabstein gravieren lassen.
Avigail
erinnert sich, wie es war, als sie die andere zum ersten Mal sah. Sie
selbst hatte sich nach dem Attentat in ihrer Wohnung eingeschlossen,
brüllend vor Ohnmacht, als plötzlich diese Frau im Fernsehen
erschien. Festlich gekleidet, verteilte sie in ihrem Trauerzelt
Bonbons. Ein halbes Jahr später tat Avigail etwas Unerhörtes - alle
Freunde hatten versucht, es ihr auszureden. Sie wählte die Nummer
des Parents Forum, einer Organisation für die Eltern von
Intifada-Opfern. " Hier ist Avigail Levy", sagte sie. "
Ich möchte die Mutter der Mörderin meiner Tochter kennenlernen."
Um
Ayat war aufgeregt, als sie davon hörte. Sie hatte, genau wie
Avigail, oft an diese andere Frau gedacht, an deren hübsche Tochter.
Sie hatte, wie Avigail, eine Fotocollage ihrer beiden Mädchen aus
der Newsweek ausgeschnitten - hätten sie in einem anderen Land nicht
Freundinnen sein können?
Um
Ayat sitzt auf dem Sofa in ihrem kleinen Wohnzimmer im
Flüchtlingslager Deheische und schenkt Tee ein, durch die
Mauerritzen zieht schneidende Winterluft. Es gab so vieles, sagt sie,
was sie der anderen erklären wollte: das Elend der Besatzung, das
Unrecht, das ihnen täglich angetan wird. Ihr Mann Mohammed war
skeptisch. Die Nachbarn würden reden, sagte er, aber Um Ayat setzte
sich durch.
Seit
dem Attentat sitzt sie oft einfach nur da und lässt die Zeit
verstreichen, dann stellt sie sich vor, dass Ayat kommt und ihre
Wange streichelt. Bis heute hat sie die Sachen ihrer Tochter
verwahrt, eingewickelt in Nylon: ihre liebsten Pullover und Röcke.
Das Poster mit dem blonden Paar auf einer Harley Davidson, die
Eistee-Dose, in die Ayat ihre Puderquaste steckte.
Bis
heute hätten sie Ayat nicht beerdigen können, weil die Israelis
ihre Überreste festhielten, sagt Um Ayat mit scharfer Stimme. Sie
ist eine kleine runde Frau. Ihr kirschrotes Kleid reicht bis zum
Boden, aus den Pantoffeln lugen ihre nackten Füße. Erst seit Ayats
Tat wird sie Um Ayat gerufen, Mutter von Ayat, denn Ayat ist berühmt
in Deheische. An den Mauern des Lagers klebt ihr ausgeblichenes Foto.
Im Flur hängt Ayat, skizziert mit Kohle, im Wohnzimmer Ayat, gemalt
in Öl. Um das Bild hat Um Ayat eine Lichterkette drapiert. "
Ich liebe es, ihr Gesicht anzuschauen", sagt sie. Die gezupften
Brauen, der entschlossene Blick.
Sie
trauert, aber sie ist auch stolz auf die Tat ihrer Tochter. Es sei
Allahs Wille gewesen. Sie liebe alle ihre elf Kinder, doch Ayat sei
besonders gewesen. Immer wenn sie diskutierten, musste sie das letzte
Wort haben. Sie wollte Journalistin werden und der Welt von der
palästinensischen Unterdrückung berichten.
Ayat
wuchs in Deheische auf, einem Betonslum bei Bethlehem, ein Gewirr von
Häusern aus Schlackenstein, mit Abfall übersäten Gassen und
offenen Abwasserkanälen, 13000 Menschen auf einem Quadratkilometer.
Ihr Vater war Polier bei einer israelischen Baufirma, er baute seiner
Familie ein Haus. Es ging ihnen besser als anderen, Ayats Schwestern
studierten, und 1993, als Arafat und Rabin den Friedensnobelpreis
erhielten, taufte Um Ayat ihr damals jüngstes Kind Salaam.
"Salaam",
sagt sie, "heißt Frieden."
Scharon
sei schuld an Ayats Tod, fährt sie fort. Als er 2000 die zweite
Intifada auslöste, seien ihre Hoffnungen zerstört worden. Seitdem
habe Ayat sich verändert.
Im
Sommer wollte Ayat Shadi heiraten, einen Nachbarjungen, sie waren
seit Monaten unzertrennlich, aber Ayat wurde immer ernster und
stiller. Um das Lager patrouillierten nun Panzer, auf der Matratze
vor dem Fernseher sah Ayat stündlich die Nachrichten.
Sie
war jetzt 16, besessen von Politik, und die Gewalt kam näher. Immer
wieder schlugen Raketen ein, durchkämmten Soldaten die Gassen. Einer
ihrer Brüder wurde angeschossen, und als ihre Cousine heiratete und
mit Juwelen beschenkt wurde, sagte Ayat voller Verachtung: "Mutter,
wie können wir uns über Gold und Silber freuen, wenn nur die
Europäer in der Al-Aksa-Moschee beten können?" - " Du
machst dir zu viele Gedanken", erwiderte Um Ayat. " Wir
haben al-Aksa vor vielen Jahren verloren."
Es
war im Januar, zwei Monate vor ihrem Attentat, als Ayat bei ihrem
Nachbarn vor dem Fernseher saß und der Schuss eines israelischen
Soldaten das Fenster durchschlug. Ein Querschläger. Der Nachbar, der
gerade mit seiner Tochter Lego gespielt hatte, ging zu Boden. Wenig
später starb er in Ayats Armen.
Danach
sei sie nicht mehr dieselbe gewesen, sagt Um Ayat. Einmal saß Ayat
vor dem Fernseher und rief: "Mama, komm her, die Frauen sind auf
dem Schlachtfeld!" Es war der Tag, als Arafat die Finger zum
Victory-Zeichen gespreizt hatte und Tausenden Frauen zurief: "Ihr
seid meine Armee der Rosen. Ihr werdet die israelischen Panzer
vernichten!" Stunden später betrat Wafa Idris, 26, ein
Schuhgeschäft in der Jerusalemer Jaffa Road und sprengte sich in die
Luft. Sie war die erste weibliche "Märtyrerin", die erste
Shahida. " Endlich wehren wir uns", sagte Ayat. Sie glühte
vor Stolz.
Avigail:
"Um Ayat, wusstest du, wo Ayat an jenem Tag hinging? Was sie
vorhatte?"
Um
Ayat: "Nein, ich wusste es nicht. Keine Mutter würde ihrer
Tochter erlauben, so etwas zu tun. Sie ging zur Schule. Wir haben es
aus dem Fernsehen erfahren, wie du."
Avigail:
"Du willst mir erzählen, dass sie ganz allein entschied, nach
Jerusalem zu fahren und sich selbst zu töten?"
Um
Ayat: "Sie war eine reife Frau, fast 18. Sie hat ihren eigenen
Weg gewählt."
Avigail:
"Ich werde dir etwas sehr Hartes erzählen: Deine Tochter und
meine Tochter sind für nichts ermordet worden."
Um
Ayat: "Für dich war es nichts - aber für unsere Sache bedeutet
es etwas. Du hast nicht das durchgemacht, was sie durchgemacht hat.
Wir leben in einem Flüchtlingslager. Unser Fenster öffnet sich in
das Fenster unseres Nachbarn - eine Straße ist einen Meter breit."
In
der Nacht vor dem Tag, an dem Rachel starb, war Avigail
schweißgebadet aufgewacht. Sie hatte geträumt, sie sei in Amerika,
allein, ohne ihre drei Kinder. Es jagte ihr Angst ein. 1993 war sie
mit ihrer Familie aus Los Angeles nach Israel zurückgekehrt. Wenig
später war ihre Ehe am Ende. Avigail zog mit Rachel und ihrem
jüngsten Sohn Kobi in eine kleine Wohnung. Rachel half ihr sehr, sie
kaufte ein, brachte den kleinen Kobi zu Bett, badete ihn und las ihm
Gute-Nacht-Geschichten vor.
Als
Avigail an diesem Morgen in die Küche kam, kochte Rachel Tee.
Schwarz mit Milch, sie mochte ihn englisch. Es regnete, und sie
beredeten, was sie abends essen wollten. Rachel schlug Fisch vor.
Wenn sie Fisch wolle, sagte Avigail, müsse sie ihn noch kaufen. Auch
Koriander fehlte. Rachel warf sich in ihren neuen schwarzen
Wintermantel. Es war zwanzig nach eins.
Um
Ayat hatte unruhig geschlafen in der Nacht, weil Mohammed bis vier
Uhr früh Fernsehen geschaut hatte, Liveberichte über eine
"Operation", wie sie es nennen. Ein Palästinenser war in
eine jüdische Siedlung eingedrungen, hatte eine vierköpfige Familie
hingerichtet, ehe er selbst von israelischen Soldaten erschossen
wurde. Auch Ayat hatte lange das Licht brennen lassen, sie lerne wohl
noch, dachte Um Ayat - für ihren Test in Geschichte an diesem Tag.
Morgens
um sieben war Ayat wie immer zur Schule nach Bethlehem aufgebrochen,
erinnert sich Um Ayat, eine halbe Stunde Fußweg. Ayat war zur Tür
gehastet und hatte ihrer Mutter gewinkt: "Wünsch mir viel Glück
bei der Prüfung heute!"
"Viel
Glück!", rief Um Ayat.
Nachdem
Ayat den Test in Geschichte geschrieben hatte, umarmte sie ihre beste
Freundin. Dann lief sie zur Straße, die nach Jerusalem führt. Dort
wartete der Mann, der sie zu ihrem Einsatzort fahren sollte.
Rachel
war jetzt seit etwa 50 Minuten fort. Avigail wurde unruhig, als sie
Sirenen hörte. Ambulanz. Polizei. Ein vertrautes Geräusch in dieser
Stadt, wo der Terror Alltag ist, doch an diesem Tag entfernten sie
sich nicht wie sonst. Sie hörte sie näher kommen.
Der
kleine Gemüsehändler nebenan hatte nicht gehabt, was Rachel suchte,
also war sie mit dem Bus zum Supermarkt gefahren. Im Supersol-Markt
füllten die Kunden ihre Einkaufswagen für den bevorstehenden
Sabbat; die Brotregale waren schon fast leer.
In
dem Moment, als Rachel beim Supermarkt ankam, näherte sich auch
Ayat. Sie scheuchte noch schnell die beiden arabischen
Obstverkäuferinnen vor dem Eingang mit einer kleinen Handbewegung
weg. Der Manager des Marktes erzählte später der Presse, dass er
die beiden Mädchen kommen sah, dunkelhaarig beide und attraktiv.
Beschwingt wie Freundinnen oder Schwestern, die gemeinsam shoppen.
Gleichzeitig erreichten sie die gläserne Doppeltür.
Keine
zehn Kilometer entfernt versammelte sich die Familie Al-Akhras zum
Mittagessen, im Hintergrund lief der Fernseher. Es war ungewöhnlich,
dass Ayat sich verspätete. Sie warteten, dann begannen sie mit dem
Essen. Am Spätnachmittag wurde das Programm für eine Sondermeldung
unterbrochen: ein Selbstmordanschlag in Jerusalem. Sie drehten den
Ton lauter. Ayat könnte ja nach der Schule mit einer Freundin nach
Jerusalem gefahren sein - womöglich war sie in das Chaos nach dem
Anschlag geraten.
Avigail
hatte jetzt Angst. Ihre Schwester hatte angerufen, dass es im
Supermarkt ein Selbstmordattentat gegeben habe. Sie fuhren sofort
hin. Es regnete in Strömen, der Markt war ein Schlachtfeld: Die
Decke eingestürzt, Regale zerborsten, überall Scherben und Blut,
Polizisten sicherten Spuren. Man ließ Avigail nicht durch, aber man
versicherte ihr, dass es nur ein Opfer gegeben habe, den Wachmann.
Avigail
und ihr Bruder fuhren die Krankenhäuser ab, die Nachbarschaft, den
Weg vom Supermarkt zu ihrer Wohnung. Es war früher Abend, als das
Telefon klingelte, es waren Beamte. Welche Kleidung Rachel an diesem
Tag trug, wollten sie wissen.
Auch
in Deheische klingelte das Telefon, und eines von Um Ayats Kindern
nahm den Hörer ab. " Es war deine Schwester", sagte jemand
und legte auf. Vor dem Fenster in der Gasse feuerten jetzt Kämpfer
der Al-Aksa-Brigaden mit ihren Gewehren in die Luft, und in den
20-Uhr-Nachrichten erschien auf dem Bildschirm Ayats Gesicht: Diese
Frau habe sich selbst und zwei andere getötet, 28 weitere verletzt.
Später strahlten sie ein Video aus, das Ayat vor ihrer Tat
aufgenommen hatte: Ayat, blass, fast emotionslos, trägt einen
Revolver in der Hand und das schwarz-weiße Palästinensertuch um
Kopf und Schultern. Sie gibt sich als Mitglied der
Al-Aksa-Märtyrer-Brigaden zu erkennen.
"Im
Namen Allahs, des Barmherzigen! Ich, lebende Märtyrerin, Ayat
Al-Akhras, führe meine Mission allein für ihn durch. Allah ist
größer als die Unterdrücker! Lasst dies einen Aufstand sein bis zu
unserem Sieg! Den arabischen Führern sage ich: Genug geschlafen!
Genug Betrug und genug Versagen, eure Pflicht für Palästina zu tun,
während ihr jungen Frauen beim Kämpfen zuseht!"
Um
Ayat konnte sich nicht bewegen. Hatte ihr Mädchen nicht zur Schule
gewollt? Hatte es nicht heiraten wollen? Nachbarn und Wildfremde
strömten jetzt in ihr Haus. Ein Hamas-Führer und der Bürgermeister
von Bethlehem kondolierten. Sie waren ehrfürchtig, manche fast
hysterisch, weil sie sich im Haus einer echten Märtyrerin befanden.
Mechanisch verteilte Um Ayat Kaffee.
Avigail:
"Um Ayat, selbst wenn ich meine Tochter hätte zwingen wollen,
jemanden zu töten, wäre sie nicht dazu imstande gewesen. Weil sie
wusste, dass Töten falsch ist."
Um
Ayat: "Weil deine Tochter alles hatte und nicht unter Besatzung
gelebt hat. Du redest von einer sehr komfortablen Warte aus."
Avigail:
"Du machst die Besatzung für alles verantwortlich. Aber um das
Problem zu lösen, müsstest du bei dir selbst anfangen!"
Um
Ayat: "Ich gebe dir recht. Aber unsere Lebensrealitäten sind
sehr verschieden. Die Verbrechen sind nicht zu beschreiben! Morde -
Bombardements - Zerstörungen! Das hat Ayat verrückt werden lassen!"
Avigail:
"Du hast viel Hass in dir."
Um
Ayat: "Wie kann ich dich lieben, wenn du mir mein Land gestohlen
hast, meine Heimat? Du musst begreifen: Wo Besatzung ist, ist auch
Widerstand!"
Avigail:
"Das verstehe ich nicht. Kein Widerstand, nichts ist wichtiger
als das Leben."
Um
Ayat: "Sollen wir der Besatzung entgegentreten mit einem
Rosenbouquet? Vielleicht auf einem Tablett aus Gold?"
Avigail
Levy hat sich eine eigene Theorie zurechtgelegt, warum Ayat zur
Mörderin wurde. Vor einer Weile hat sie einen Palästinenser
getroffen, er war zufällig aus Deheische. Er erzählte ihr von dem
Gerücht, Ayat könnte einen Geliebten gehabt haben, einen
verheirateten Anführer der Al-Aksa-Brigaden.
Ayat
war ein Opfer, sagt Avigail. In ihrem Alter denke man nicht an
Politik, man denke an Jungs und an Zukunft. Erst habe man ihr den
Hass ins Herz gepflanzt, dann sei sie von den Männern benutzt
worden.
Sechs
Jahre ist es her, dass Avigails Leben in der Obduktionshalle des
Jerusalemer Krankenhauses zum Stillstand kam, als sie tief einatmete
und nie wieder ausatmen wollte. Sie lebt mit ihrem 13-jährigen Sohn
im Süden Jerusalems von 1000 Dollar Opfer-Unterstützung im Monat
und ihrem schmalen Gehalt von der Stadtverwaltung. Den Fernseher
braucht sie zum Einschlafen.
Wie
ein schweres, melancholisches Parfum hängt die Erinnerung an ihre
Tochter in den Räumen. Nichts hat sie weggeworfen: nicht Rachels
"Tommy Girl", nicht ihre Teddys, nicht ihren Schmuck. Hätte
sie das Geld, würde sie eine größere Wohnung mieten, sagt Avigail.
Mit einem Zimmer nur für Rachel. Jeden Freitag fährt Avigail zu
Rachels Grab. An dem glatten, weißen Stein hat sie einen Text von
ihr angebracht. " Ich bin auf einer einsamen Insel", hatte
Rachel eine Woche vor ihrem Tod in ihr Schulheft geschrieben, "weit
weg von der Stadt und dem Lärm, den Kriegen, den Menschen. Die Sonne
scheint immer, der Sand ist weich. Ich schwimme im tiefen, blauen
Wasser und vergesse, dass noch andere Menschen auf der Erde sind."
Nach
Rachels Tod hatte Avigail alle von sich gestoßen. Sie ertrug es
nicht, zu sehen, wie das Leben der anderen weiterging. Sie hasste das
Mitleid. Morgens und abends nahm sie eine Pille Clonex, dreimal
Prozac, zum Schlafen Stilnox. Du musst loslassen, sagten ihre
Freunde. Aber Avigail konnte nicht loslassen.
Sie
verwandelte ihre Trauer in eine rastlose Suche. Sie ging zum Prozess
eines Tansim-Milizionärs, der mehrere Selbstmordattentate zu
verantworten hatte. Sie besuchte gescheiterte Attentäterinnen im
Gefängnis. " Hat dich jemand gezwungen?", fragte sie ein
Mädchen, dessen Bombe nicht gezündet hatte.
"Nein,
niemand."
"Bereust
du, was du getan hast?"
Sie
schüttelte nur den Kopf.
Avigail
fuhr drei Stunden mit dem Auto zu einem Gefängnis im Norden, um den
Mann zu treffen, der Ayat zum Supersol-Markt gefahren hatte. Ob sie
miteinander gesprochen hätten, fragte sie ihn. Der Mann lächelte.
Er habe Ayat angeboten umzukehren, doch sie habe gesagt: "Nein,
ich will töten."
In
Avigails Kopf rotierten Fragen. Warum sprengt sich eine 17-Jährige
in die Luft? Warum hassen sie uns so? Sie dachte an die andere
Mutter. Sie wollte sie treffen, in ihre Augen sehen.
Es
war ein strahlender Spätsommertag, als es endlich so weit war.
Avigail saß nervös vor dem Bildschirm in ihrem Wohnzimmer, sie trug
ihr Haar offen, frisch frisiert, und ein grünes T-Shirt. Zur selben
Zeit steuerten Um Ayat und Mohammed ihren Wagen zum Gemeindezentrum
in Bethlehem. Normalerweise finden dort Hochzeiten und Englischkurse
statt, jetzt wurde Um Ayat verkabelt, um über ein Satellitentelefon
mit Avigail zu sprechen.
Vier
Jahre waren inzwischen vergangen und alle Versuche, sich zu treffen,
gescheitert. Um Ayat und Mohammed durften nicht nach Israel
einreisen, und als Avigail sich eines Tages auf den Weg nach
Deheische gemacht hatte, überkam sie die Angst. Sie kehrte um.
Schließlich hatte die Dokumentarfilmerin Hilla Medalia die Idee, sie
via Bildtelefon zu verbinden. Das Gespräch der beiden Mütter ist
der Höhepunkt ihres Films To Die In Jerusalem.
Um
Ayat nahm zögernd in dem Raum Platz, sie war ganz in Schwarz
gekleidet, ihre Augen blickten ernst hinter ihrer schmalen Brille.
Dann erschien vor ihnen auf dem Bildschirm Avigail.
Avigail:
"Um Ayat, denkst du manchmal an meine Tochter? Siehst du sie im
Traum wie ich deine?"
Um
Ayat: "Sehr oft." (Sie schluckt.) " Aber ich will dich
fragen: Wie können wir Frieden bekommen?"
Avigail:
"Geh als Mutter ins Fernsehen und sage allen palästinensischen
Müttern, dass das, was deine Tochter getan hat, der falsche Weg ist.
Dass alles, was davon übrig blieb, ein Loch in deinem Herzen ist."
Um
Ayat: "Wenn wir unsere Rechte zurückbekommen haben und unsere
Kinder aus den Gefängnissen freigelassen werden, wenn unsere Häuser
wieder aufgebaut werden, dann würde ich das tun."
Avigail:
"Weißt du, ich bin so enttäuscht von dir. Alles, was du
aussendest, sind Signale des Hasses."
Um
Ayat: "Sei nicht enttäuscht. Ich bin nur ehrlich. Ich fordere
Frieden, aber das palästinensische Volk wird niemals kapitulieren!
Und auch wenn Ayat tot ist, es wird noch Millionen von Ayats geben!"
Avigail:
"Um Ayat, es tut mir leid, dass es so endet. Wenn ich dir
zuhöre, verliere ich jeden Optimismus."
Um
Ayat und Avigail hatten Tränen in den Augen, sie rangen miteinander,
schrien sich an, und manchmal wirkte es, als offenbarten sie in ihrem
Ringen die ganze Geschichte dieses Konflikts, die Unfähigkeit zweier
Völker, aufeinander zuzugehen.
Es
war ein Versuch, das Unmögliche zu tun, die Trauer zu teilen, aber
im Film sieht man, wie sie daran scheitern, die jeweils andere zu
verstehen. Fast vier Stunden sollte ihr Gespräch dauern, keine von
ihnen wollte es beenden. Schließlich versagte die Technik.
"Wie
geht es ihr?", erkundigt sich Um Ayat zwei Jahre später in
ihrem Wohnzimmer. " Weint sie viel?" Seit damals haben sie
nichts voneinander gehört. Um Ayat sagt, sie habe nicht erwartet,
dass Avigail so fanatisch sei. Diese Frau wirke traurig, aber sie sei
auch so selbstgewiss. Sie habe nichts verstanden.
Ob
sie sich irgendwann bei Avigail Levy entschuldigen möchte?
"Sie
ist ein Opfer wie ich", sagt Um Ayat, und es sind fast dieselben
Worte, die Avigail wählen würde. Dann macht Um Ayat eine Pause und
flieht in die Politik. " Sie hätte mit ihren Kindern nicht
herkommen sollen nach Jerusalem. Es ist nicht ihr Land."
Um
Ayats Augen sind von Schatten umrandet. Aber ihr Lächeln hat fast
etwas Jugendliches. 25 Enkel hat sie, die drei jüngsten heißen
Ayat. Wie ein dämpfendes Polster hat sie einen Sinn um Ayats Tod
konstruiert: Ayat ist im Kampf für die palästinensische Sache
gefallen. Wenn die Zweifel drängender werden, betet sie. " Es
war nicht leicht", sagt sie. Israelische Zeitungen schrieben,
Ayats Eltern hätten sie in den Tod geschickt, damit sie ihnen Ruhm
und Reichtum bringe, Ayat sei schwanger gewesen, Ayat sei feige.
Seit
Ayats Tod macht Mohammeds Herz Probleme. Die israelische Baufirma hat
ihn entlassen. Ihre Tochter Senat musste ihr Jurastudium abbrechen,
ihre Söhne dürfen die Palästinensergebiete nicht mehr verlassen.
Oft haben die israelischen Soldaten ihnen mit der Sprengung ihres
Hauses gedroht. Zuletzt trieben sie die Familie mitten in der Nacht
auf die Straße. " Wer sich bewegt, wird erschossen!",
brüllten sie. " Der Hass pflanzt sich fort", sagt Um Ayat,
streift den Gebetsschleier über und geht nach nebenan.
Es
war alles umsonst, sagt Avigail Levy. Nicht eine einzige Antwort hat
sie gefunden. Sie wollte von Mutter zu Mutter reden, aber Um Ayat sah
in ihr nur Israel. Avigail schüttelt den Kopf. " Sie war
eiskalt."
Avigail
ist unendlich müde. Sie meidet heute die Palästinenser und zwingt
sich, nach vorn zu schauen. Sie sagt, sie wolle Rachel nun ruhen
lassen, endlich weiterleben für ihre anderen Kinder. Vor einer Weile
hat sie von Rachel geträumt. " Ich weiß doch, dass du mich nie
vergessen wirst", hat sie gesagt, "geh schlafen, Mama, ich
bin okay." Seitdem hat Avigail das Amulett mit Rachels Bild, das
sie jede Sekunde um den Hals trug, sorgfältig in einer Schublade
verstaut. Vor sechs Monaten hat sie ihre Therapie abgeschlossen.
"Wir
machen Fortschritte", sagt Avigail. Im Sommer will ihr ältester
Sohn Guy heiraten. Er hat ihr Enkelkinder versprochen. Und vor ein
paar Wochen war Kobis Bar-Mizwa-Feier. Nur einmal hat sie Rachel in
ihrer Ansprache kurz erwähnt.
Als
Avigail am nächsten Tag ihre Angehörigengruppe von Intifada-Opfern
besucht, haben sie ein neues Mitglied. Ein Israeli, der seine
schwangere Frau und seine drei Kinder verloren hat. Ein Palästinenser
hat ihren Wagen im Gaza-Streifen angehalten, dann hat er sie
erschossen, einfach so.
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