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Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.
Juan Moreno
Der
Mann, der den Regenwald retten soll, trägt ein weites, kurzärmeliges
Hemd, das wenig knittert. Er fährt einen Kleinwagen und hält einen
braunen Aktenkoffer fest, in dem er sauber beschriftete Mappen
aufbewahrt. Die Schuhe des Mannes sind geputzt, die Bügelfalten
seiner Stoffhosen makellos. Der Mann, der den Regenwald retten soll,
könnte auch Haushaltswaren an deutschen Wohnungstüren verkaufen.
Roberto
José Scarpari hat seinen grauen VW Fox auf dem Vorhof der
Ibama-Zentrale geparkt, der Umweltschutzbehörde in Brasilien. Um
neun beginnt sein Dienst. Scarpari ist pünktlich. Er ist immer
pünktlich, ein freundlicher Herr mit unreiner, heller Haut und
kleinen, wachen Augen. Der Hof der Ibama ist vollgestellt mit
Holzstämmen, Holzbohlen und Brettern verschiedener Größe. Es gibt
kaum freie Stellen. Alles, was hier steht, ist konfisziert, alles
illegal geschlagenes Edelholz. Scarpari hat viel gearbeitet in den
vergangenen Wochen.
Heute
früh hat er einen Tipp bekommen. Eine Gruppe Männer soll in der
Gegend Harthölzer schlagen. Scarpari sagt, er werde zwei, vielleicht
drei Tage brauchen, um sie zu finden. Er wartet auf die Männer, die
ihn begleiten sollen, auf Verbündete.
Auf
dem Hof stehen bisher aber nur Gegner. Waldarbeiter, die an diesem
Tag gekommen sind, um sich Abholzgenehmigungen zu holen. Ein
kräftiger, bulliger Mann, dem zwei Schneidezähne fehlen, schaut
Scarpari an wie einen Eindringling. Umweltbeamte im Amazonas-Gebiet,
die ihre Arbeit ernst nehmen, sind in einer Gegend, in der die
Menschen vom Holz leben, nicht sehr beliebt, und Scarpari wird
gehasst.
Roberto
José Scarpari hat die Aufgabe, Brasiliens Holzmafia zu jagen. Er
soll die Banden aufhalten, die mit Kettensägen und Bulldozern den
Regenwald zerstören. Dafür hat ihn die Umweltschutzbehörde hierhin
versetzt. Seit anderthalb Jahren ist Scarpari in Altamira, das im
Bundesstaat Pará liegt, mitten im brasilianischen Regenwald.
Wahrscheinlich
ist es einer der miesesten Jobs, den die Leute aus Brasília zu
vergeben haben. Pará, zweitgrößter Bundesstaat Brasiliens, zweimal
so groß wie Frankreich, wird "terra sem lei" genannt, Land
ohne Gesetz. 40 Prozent der Holzproduktion, 60 Prozent des
Holzexports Amazoniens stammen von hier. Nirgendwo sonst ist in den
vergangenen Jahren so viel Regenwald zerstört worden, meistens
illegal. In Pará treffen schwerbewaffnete Holzdiebe auf Gesetze, die
niemand durchsetzt.
Scarpari
ist nicht nur für Altamira zuständig, dessen Gemeindegebiet größer
ist als England. Er soll, darüber hinaus, über eine Region von 250
000 Quadratkilometern wachen. Über eine Fläche, in die dreimal
Österreich passen würde.
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Beamte, drei Geländewagen und bei Bedarf einen Hubschrauber hatte
man Scarpari versprochen, als er den Job antrat. Es hörte sich gut
an. Die Wirklichkeit ist, dass mittlerweile sechs seiner Mitarbeiter
wegen Korruptionsverdachts vor Gericht stehen, zusammen mit seinem
Vorgänger, dem ehemaligen Ibama-Chef von Altamira. Außerdem ist
einer der Geländewagen meistens kaputt, und den Hubschrauber sieht
Scarpari nur, wenn jemand aus der Hauptstadt Brasília einfliegt.
Brasilien
soll etwas tun gegen die Abholzung. Die Welt appelliert an die
Verantwortung des Landes für das Weltklima, vor allem Europa, das
seine Urwälder schon vor Jahrhunderten abgeholzt hat.
Zur
Beruhigung des globalen Umweltbewusstseins sendet Brasiliens
Regierung immer mal wieder kämpferische Nachrichten in die Welt;
schnürt Maßnahmenpakete, wenn der Druck wächst; oder lässt, wie
im vergangenen Jahr, Hunderte Polizisten in den Regenwald los, die
dann in Operationen mit entschlossenen Namen ("Feuerring")
für Recht und Ordnung sorgen, angeblich.
Die
Wirklichkeit wird eher von Zahlen abgebildet: 20 Prozent des
brasilianischen Regenwalds sind unwiederbringlich weg, weitere 20
Prozent sind durch Einschlag schwer beschädigt. Es sind Zahlen, die
für Anarchie sprechen. Wenn man Roberto José Scarpari ein paar Tage
lang bei der Arbeit begleitet, bekommt man ein Bild davon, wie die
Kräfteverhältnisse wirklich sind am Amazonas, ob der Regenwald eine
Chance hat oder nicht.
Scarpari
hat auf einem großen Tisch Frachtpapiere ausgelegt, die er vor ein
paar Tagen bei einer Kontrolle auf der Transamazônica eingesammelt
hat, der staubigen Fernstraße, die sich durch das Amazonas-Gebiet
zieht. Scarpari zeigt auf ein Papier und sagt: "Eigentlich gut
gemacht." Ein weißer Bogen mit Stempeln, Wappen und
Unterschriften. Er ist für das Fahrzeugmodell XR 250 ausgestellt,
angeblich ein Lastwagen mit 18 Tonnen Zuladung. Ein XR 250 ist aber
kein Lastwagen, sondern ein Geländemotorrad von Honda.
So
wie die Holzdiebe Frachtpapiere nachmachen, fälschen sie auch
Eigentumsurkunden. Manche legen sie in Kisten mit Heuschrecken, um
sie älter aussehen zu lassen. Es dauert Monate, manchmal Jahre, bis
eine Behörde geprüft hat, ob die Papiere echt sind. Und falls sich
die Urkunden als Fälschung herausstellen, klagt der Holzfäller. Bis
ein Gericht entschieden hat, ist jeder Kubikmeter Holz, der sich auf
dem Land zu Geld machen lässt, fort. Wer sollte das verhindern?
Scarpari und die anderen neun?
Scarpari
ist Agraringenieur, er stammt nicht aus der Gegend. Er will Karriere
machen in der Umweltbehörde. In Altamira aufgeräumt zu haben kann
gut für die Karriere sein. Es dauerte ein bisschen, bis Scarpari
merkte, dass es schwierig werden könnte. Bis er merkte, wie viele
Gegner er haben würde.
José
Belarmino di Souza nennt Scarpari "einen verdammten Hurensohn".
Berlarmino ist Vater von drei Kindern, zwei von ihnen sitzen hinter
ihm auf der weißen Honda, er bringt sie gerade zur Schule. Am Lenker
hängt eine Krücke. Belarmino hat nur ein Bein. Vor acht Jahren
verlor er das andere beim Entladen eines Holzlasters, die Stämme
waren schlecht gesichert, einer löste sich. Es musste knapp über
dem Knie amputiert werden. Auto kann Belarmino nicht mehr fahren,
Motorrad geht.
Belarmino
trägt ein beigefarbenes T-Shirt und eine dunkle Hose, die ihm seine
Frau umgenäht hat, damit man den Beinstumpf nicht sieht. Er ist 35
Jahre alt, ein herrischer, lauter Mann, dessen Hände beim Sprechen
nur selten stillstehen. Seit 26 Jahren arbeitet er für seinen Chef.
Belarmino hat nie etwas anderes gemacht, als mit illegal geschlagenem
Holz zu arbeiten. Das Dorf hätte keine Straße, wenn es seinen Chef
nicht gäbe, sagt er.
Vor
einem halben Jahr machte Scarpari das Sägewerk dicht, in dem
Belarmino arbeitete. Es liegt in Pontau, einem winzigen Dorf, hundert
Kilometer nördlich der Transamazônica, mehrere Autostunden von der
Zentrale der Umweltschutzbehörde entfernt. Pontau besteht aus ein
paar Hütten, es gibt keinen Strom, keinen Arzt, nicht mal eine
öffentliche Straße, die meisten Kinder im Dorf haben Malaria. Es
gibt nur einen illegalen Pfad, den Belarminos Chef in den Urwald
geschlagen hat.
Bäumeabholzen
ist die einzige Arbeit, die es in Pontau gibt. Die Menschen hier
würden ohne Arbeit nicht verhungern, Maniok, Pfeffer, Kakao, Mango,
sogar Kaffee wächst, der Fluss ist voller Fische. Aber sie wollen
Kühlschränke, Videorecorder, einen Arzt, der sich um die Kinder
kümmert, die Malaria haben.
"Am
Tag, an dem dieser verfluchte Hurensohn das Sägewerk zugemacht hat,
habe ich kein Geld verdient", sagt José Belarmino di Souza.
Es
war nur ein einziger Tag, aber Belarmino hat ihn nicht vergessen.
Kurz nachdem Scarpari weg war, wurde das Sägewerk wieder in Betrieb
genommen, es arbeitete einfach weiter, so wie es acht Jahre lang
gearbeitet hatte. In der Regenzeit ist das Werk von der Außenwelt
abgeschnitten, Scarpari kann es gar nicht kontrollieren. Seit acht
Jahren wird hier illegales Holz zugeschnitten.
"Was
sollen wir denn sonst tun?", fragt Belarmino, der sich an das
Motorrad gelehnt hat. "Gibt mir Ibama Arbeit, tut Ibama das?"
Belarmino schlägt mit der Krücke auf den Boden. "Hurensöhne,
verfluchte."
Roberto
José Scarpari steht inzwischen mit vier Militärpolizisten und
seinem Ibama-Kollegen Pedro Mesquita auf einem Parkplatz in Anapu.
José, Sebastião, Aldimir und Wester, die vier Polizisten, tragen
grüne Uniformen, dazu schusssichere Westen und Schnürstiefel. Sie
schwitzen, es ist ein heißer, schwüler Tag. An Scarparis Gürtel
pendelt eine 38er. Die Polizisten halten ihre israelischen
Maschinenpistolen im Anschlag.
Zwei
bis drei Tage werde es dauern, hatte Scarpari gesagt. Sie gehen
Holzdiebe jagen.
Das
Dorf Anapu besteht aus einem kurzen Streifen asphaltierter
Transamazônica, heruntergekommenen Häusern, Lkw-Werkstätten und
wenig mehr. Die Bank, die es mal gab, wurde 2006 ausgeraubt und nie
wieder eröffnet. Am Anfang des Dorfes steht eine Tankstelle.
Tagsüber parken 12, 14, manchmal mehr Lastwagen auf dem Gelände.
Alle unbeladen. Scarpari sagt: "Die fahren das Holz nur noch
nachts."
Es
klingt nach einem kleinen Sieg. Früher wurde auch am Tag
transportiert. Es interessierte niemanden. Seit Scarpari da ist,
haben sich die Arbeitszeiten für Lkw-Fahrer in Altamira geändert.
Die
Gruppe steigt in die Wagen. Kurz nach Anapu steigen zwei junge Männer
ein. Sie kennen den genauen Ort der Rodung. Sie arbeiten für einen
Großgrundbesitzer, dem das Land rechtmäßig gehört. Da, wo gerade
das Holz geschlagen wird, darf nicht mal der Eigentümer Bäume
fällen.
"Wie
viele sind es?", fragt Sebastião. Er ist seit fünf Jahren bei
der Militärpolizei.
"Sie
wüten schon seit ein paar Monaten und schaffen jede Nacht riesige
Baumstämme raus. Dutzende Lastwagen, Tag für Tag", sagt einer
der beiden.
"Wie
viele?"
"Über
30. Schwerbewaffnet, Pistolen, Gewehre, alles Mögliche."
Sebastião
sortiert seine Munition. José, sein dünner Kollege, der bisher
kubanische Revolutionslieder gehört hatte, steckt die Kopfhörer
weg. Sebastião hat drei Magazine mit jeweils 30 Schuss. José zwei
Magazine. Die anderen beiden in dem zweiten Wagen vermutlich noch mal
so viel. "Und Scarpari hat nur die 38er?", fragt Sebastião.
Sein
Kollege José nickt.
Sebastião
zählt die Munition erneut. Die anderen sind über 30 und
schwerbewaffnet, sie sind zu viert und haben ziemlich genau 306
Schuss.
"Das
ist zu wenig."
Seit
Anfang der siebziger Jahre sind fast 800 Menschen in Pará, dem Land
ohne Gesetz, von der Holzmafia oder Großgrundbesitzern ermordet
worden; Menschenrechtler, Umweltaktivisten, Landarbeiter, Geistliche.
In all den Jahren kam es zu genau drei Verurteilungen.
Eigentlich
haben die Männer im Wald kein Interesse daran, jemanden wie Scarpari
zu erschießen. Ihre Waffen tragen sie eher zum Schutz gegen andere
Banden oder um die Eigentümer der Bäume zu bedrohen. Scarpari ist
ein Bundesbeamter. Das wagen sie nicht, hatte Scarpari auf dem
Parkplatz gesagt.
Scarpari
und die Männer verlassen die Transamazônica. Ein schmaler Weg
windet sich Richtung Norden durch Weideflächen. Es ist schwer zu
glauben, dass hier mal Regenwald stand. Auf den Kuppen der Hügel
erkennt man noch große, verkohlte Paranussbäume, die nicht
umgefallen sind. Einige der Flächen brennen noch immer. Feuer ist
die schnellste Art, Land zu roden. In einiger Entfernung grasen
indische Kühe. Sie vertragen die Hitze im Amazonas-Gebiet besser als
argentinische Angus-Rinder. Man sieht keine Menschen.
Sebastião
schaut aus dem Fenster. "Wer hier als Fremder ohne Waffe
aussteigt, begeht hundertprozentig Selbstmord." In der Gegend
möge man keine Fremden. Fremde machen Scherereien.
Ein
paar Minuten später stehen die zwei Autos vor einem verlassenen
Lastwagen, einem alten Mercedes-Fabrikat. Er hat drei riesige
Holzstämme geladen, je zwölf Meter lang. Brasilianische Zeder, ein
Angelim Pedra und ein Massaranduba. Wert: 3500 Reais, schätzt
Scarpari, über 1000 Euro. Aber er kennt die europäischen Preise
nicht. Schlagzeugsticks aus Massaranduba-Holz kosten in Deutschland
rund 40 Euro. Man kann sehr viele solcher Sticks aus einem zwölf
Meter langen Stamm machen.
"Die
können noch nicht weit sein. Der Motor ist noch warm", sagt
Scarpari. Er läuft um den Lastwagen, auf dem Boden entdeckt er eine
zertrümmerte Autobatterie. Offenbar hat der Fahrer den Lastwagen
verlassen. Wer mit illegalem Holz erwischt wird und das Pech hat, an
einen Beamten zu geraten, der sich ans Gesetz hält, muss seinen
Lastwagen abgeben. Gesetz Nummer 9.605/98.
Scarpari
hatte niemandem am Morgen gesagt, wohin sie fahren würden. Nicht den
vier Polizisten, nicht seinem Kollegen Pedro. "Vielleicht hat
uns jemand während der Pause in Anapu gesehen", sagt Pedro.
Scarpari
fotografiert das Nummernschild, die Fahrzeugnummer und reißt einige
Kabel aus dem Motorraum. Falls der Fahrer mit einer neuen
Autobatterie zurückkommt, soll er nicht gleich losfahren können.
"Der
Lastwagen ist illegal. Das Holz, das er transportiert, ist illegal.
Die Wiesen hier dürfte es nicht geben, die Brandrodung vorhin war
illegal, die Kühe sind illegal, sogar der verdammte Weg, auf dem wir
stehen, ist illegal. Hier ist alles illegal", sagt Scarpari.
Der
Pfad wird immer schmaler, die Autos kommen nur im Schritttempo voran.
Nach 50 Kilometern kehrt langsam der Regenwald zurück. Man hört
Affen und Vögel, die Baumkronen halten die Sonnenstrahlen ab. Immer
wieder liegen kurz zuvor gefällte Stämme quer über dem Weg.
Irgendjemand möchte nicht, dass die Männer weiterfahren.
Die
Autos umkurven die Hindernisse, so lange, bis nach zwei Stunden ein
Stamm den Pfad blockiert, der sich weder umfahren noch bewegen lässt.
Der Stamm liegt da wie eine letzte Warnung. Es ist kurz vor sechs,
langsam wird es dunkel. "Wir kommen morgen mit Kettensägen
wieder", beschließt Scarpari. Der Baumstamm liegt da noch nicht
lange. Die 30 Holzdiebe müssen in der Nähe sein. Nachts sollte man
nicht in einer Gegend mit Holzdieben sein, nicht mit 306 Schuss.
Sie
setzen zurück und fahren denselben Pfad zurück. José hört wieder
Revolutionslieder, Sebastião denkt laut darüber nach, was wohl der
Fußballer Ronaldo mit drei Transvestiten im Zimmer wollte, und die
beiden Angestellten des Großgrundbesitzers dösen, es sieht aus wie
die gemütliche Heimfahrt in den Feierabend. Aber es gibt keinen
Feierabend im Land ohne Gesetz.
Die
Geländewagen bremsen vor dem Lastwagen mit den drei Holzstämmen.
Zwei Männer liegen darunter, mit Werkzeug in den Händen. José und
Sebastião springen aus dem Auto, sie richten die Waffen auf die
Männer und sehen nicht aus, als würden sie zögern zu schießen.
"Eure
Hände will ich sehen", brüllt Scarpari. "Eure Hände!"
Sebastiãos
Kollegen suchen die umliegenden Büsche nach Waffen ab.
Die
beiden Holzdiebe erkennen, dass sie verloren haben. Sie legen ihre
Hände auf den Kopf und stellen sich an den Laster.
Patrick
ist 19 Jahre alt, Martin 22. Ein Mann habe sie angerufen und sie
gebeten, den Lastwagen zu reparieren, sagen sie.
"Name
des Mannes?", fragt Scarpari.
"Matacavalo
oder so."
Der
Pferdetöter?
"Das
ist ein Spitzname."
"Ich
kenne den Mann nicht. Ich bin nur ein Mechaniker, und das ist mein
Lehrling."
Patrick
und Martin sind aus Paracajá, einem kleinen Nest, zwei Stunden von
hier. Natürlich wissen sie, wem der Lastwagen gehört, er gehört
ihrem Chef. Sie sagen es nicht.
"Festnehmen",
sagt Scarpari müde.
Mittlerweile
ist es kurz nach zehn, und die Bilanz des Tages heißt: zwei
Gefangene und ein Lastwagen Holz. Ein guter Tag für den Regenwald,
ein schlechter Tag für Scarpari. Er weiß nicht, was er mit alldem
machen soll. Der Lastwagen fährt nicht, ein Gefängnis, in das er
die Jungs sperren könnte, gibt es hier nicht. Bis zur Zentrale nach
Altamira sind es mindestens vier Stunden, und morgen will er
eigentlich noch mal zu der Stelle mit dem großen umgefallenen Baum,
obwohl er weiß, dass die Männer dann fort sein werden. Scarpari
beschließt, Patrick und Martin in ein Sägewerk zu bringen, das er
vor ein paar Monaten stillgelegt hat.
Er
weiß, natürlich, dass er sie nie wiedersehen wird, aber irgendwie
muss er sie bestrafen. Er ist das Gesetz, und wenn das Gesetz nicht
richtig handeln kann, dann will es wenigstens so tun. Verbrecher in
den Busch zu fahren und einfach auszusetzen ist besser, als
Verbrecher einfach laufenzulassen, in dieser Logik denkt Scarpari.
Als er im Sägewerk ankommt, sieht er, dass hier weiterhin illegales
Holz verarbeitet wird.
Es
ist jetzt mitten in der Nacht. Er lässt die beiden Verbrecher frei,
er muss jetzt schlafen.
Wenn
man Roberto José Scarpari eine Weile begleitet, wundert man sich
nicht, dass sein Vorgänger im Gefängnis landete. Scarpari verbringt
seine Nächte häufig in Hängematten, im Urwald, umgeben von
Malariamücken und Holzbanden, die ihn am liebsten erschießen
würden. Er müsste das nicht machen. Er könnte einfach in seinem
Büro bleiben und nichts tun. Und nichts würde passieren. Die Leute
wären wieder freundlich zu ihm. Und einige würden ihn sogar gut
dafür bezahlen.
José
Biancardi hat Scarparis Vorgänger gut gekannt. Die beiden Männer
sind immer miteinander ausgekommen. Dann kam Scarpari und schloss das
Sägewerk von Biancardi. Weil darin illegales Holz verarbeitet wurde.
Weil Arbeiter beschäftigt wurden, die keinerlei Schutzkleidung
trugen, die in Sandalen und kurzen Hosen an der riesigen Kreissäge
standen.
Biancardi
ist der Chef von José Belarmino, dem Einbeinigen.
Er
hat tiefe Augenhöhlen, ein markiges Kinn. Nächstes Jahr wird er 50.
Er sieht älter aus. Ein drahtiger Mann, der einen Satz flüsternd
beginnen und brüllend beenden kann.
Er
ist bekannt in Altamira. In einem Bericht, den Greenpeace Brasil
einmal über die Abholzung in Pará verfasst hat, steht, dass
Biancardi zu "hundert Prozent mit illegalem Holz" arbeite.
Die Zeitung "O Liberal" aus Belém, der Hauptstadt Parás,
wirft Biancardi vor, in den Mord an einem Umweltaktivisten verwickelt
gewesen zu sein. Es hat wenig Sinn, Biancardi danach zu fragen, wie
er seine Geschäfte macht.
"Alles,
was ich mache, ist legal. Für mich arbeiten 400 Männer, alle
legal." Er erzählt gern Geschichten darüber, was ein
Habenichts aus Espiritu Santo, nördlich von Rio, in Amazonien
erreichen kann, wenn er sich nicht zu schade ist für harte Arbeit.
"100 Lastwagen, 30 000 Rinder. Nur mit dieser Hände Arbeit",
sagt er.
Biancardi
ist der Sohn italienischer Einwanderer, der viel darüber redet,
woher er stammt. Er wohnt in einem sehr einfachen Haus in Altamira,
nur ein paar Straßenkreuzungen von Scarparis Büro entfernt. Er
trägt ein schmutziges Hemd, und für das Gespräch setzt er sich auf
die Straße.
"Die
sollten uns in Amazonien ein Denkmal setzen, stattdessen behandeln
sie uns wie Dreck und stecken Millionen in die Repression", sagt
Biancardi. "Die" sind die Regierung in Brasília, Ibama,
Scarpari, eigentlich jeder, der fragt, woher er das Holz hat. "Wir",
das sind Männer wie er, Patrioten, Unternehmer. Männer, die
Amazonien aufbauen.
Was
ist mit den ganzen illegalen Geschäften?
"Alles
gelogen."
"Haben
Sie Männer mit Waffen?"
"Nein,
wozu sollte ich die brauchen?"
"Um
die Menschen in Pontau zu bedrohen, wenn sie aufmucken."
"Das
tue ich nicht. Ich kümmere mich um die Menschen dort. Fragen Sie die
Leute, wer die Straße gebaut hat."
"Um
das Holz zu transportieren."
"Um
alles zu transportieren, auch Kranke. Wo ist der Staat?, frage ich.
Wo? Er schickt Beamte, die mein Sägewerk zumachen, aber schickt er
auch Ärzte? Nein. Der Staat existiert hier nicht."
Ein
Mann wie José Biancardi ist das, was am Amazonas an vielen Orten
einem Staat am ähnlichsten kommt. Wenn es einen richtigen Staat
gäbe, wäre Biancardi kein reicher Mann. Aber es gibt in weiten
Teilen Amazoniens keinen Staat, kein Gesetz. In Pontau gibt es nur
einen Mann, der die Straße gebaut hat, Aspirin aus der Stadt
mitbringt, einen Krüppel in seinem Sägewerk weiterbeschäftigt und
deswegen die Regeln aufstellt. Und das ist er, José Biancardi.
Der
Dieb bringt Arbeit, der Staat macht Ärger, vielleicht ist das das
einzige Gesetz am Amazonas, das immer gilt.
Zwei
Tage nach seiner Jagd auf die Holzdiebe sitzt Scarpari wieder in
seinem Büro.
Die
30 Männer, die er vorgestern gesucht hatte, waren am folgenden
Morgen natürlich weg. Er hat ein paar Kettensägen, etwas Benzin,
ziemlich viel Cachaça, den brasilianischen Zuckerrohrschnaps, und
eine Lichtung in der Größe eines Fußballfelds gefunden, die völlig
verwüstet war.
Heute
Morgen hat Scarpari erfahren, dass der Lastwagen mit dem illegalen
Holz einem gewissen Antonio Mares Perreira gehört, Ausweisnummer:
318995522-00.
Senhor
Mares Perreira ist ein sehr bekannter Mann. Es gibt in der Gegend
Straßen, die nach ihm benannt sind. Bei den vorigen Kommunalwahlen
ist Senhor Mares Perreira zum Stadtrat gewählt worden.
Roberto
José Scarpari sagt, dass er mit so etwas gerechnet habe. "So
war das immer, so wird das immer sein."
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