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Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.
Jochen-Martin Gutsch
Es
ist schon Nacht, als der Mercedes-Offroader vor dem Hotel in
Stuttgart losfährt. Regen fällt, die Straßen glänzen schwarz.
Boris Becker schaltet das Navigationsgerät ein. Sie müssen nach
Zürich, das ist klar. Sie müssen zur Autobahn. Aber wo ist die
Autobahn?
Becker
schaut in den Rückspiegel. "Everything okay, baby?", fragt
er Richtung Rückbank, bekommt aber keine Antwort und widmet sich
wieder dem Navigationsgerät.
Auf
der Rückbank sitzt, liegt fast, Sharlely Becker, die Ehefrau, die
alle nur Lilly nennen. Sie telefoniert auf Niederländisch mit
jemandem in den Niederlanden. Sie trägt Jogginghosen, Sweatshirt und
an den Füßen Socken mit Gumminoppen, so, als säße sie nach
Feierabend in einer Altbauwohnung mit empfindlichem Parkett.
Die
Beckers haben einen normalen Tag hinter sich. Man könnte sagen,
einen Arbeitstag. Am Nachmittag hatte Boris Becker eine Partie Golf
gespielt, zusammen mit einigen Prominenten, zugunsten einer
Sportstiftung. Am Abend gingen die Beckers dann auf die Players Night
des Stuttgarter Tennisturniers, Sharlely Becker trug ein kurzes
apricotfarbenes Kleid, sie stellte sich auf zwölf Zentimeter hohen
Absätzen vor die Fotografen, sie umarmte kurz Axel Schulz, der einen
weißen Anzug trug, als wäre er Don Johnson in "Miami Vice",
sie umarmte Heiner Lauterbach, und dann war niemand mehr da, nur
unbekannte Stuttgarter High Society.
Vom
besten Tisch in der Mitte des Saals konnte sie beobachten, wie ihr
Mann, Boris Becker, vorn auf der Bühne eine kurze Rede hielt in
seiner Rolle als Chairman der "Laureus Sport for Good"-Stiftung
und anschließend die Fragen eines Moderators beantwortete in seiner
Rolle als Tennis-Denkmal. Begleitet wurde Becker, wie beinahe
täglich, von einer Handkamera des Internetsenders "Boris Becker
TV", den Becker im Frühjahr ins Leben rief, um zu zeigen, wie
Boris Becker lebt, arbeitet und "wer das ist, Boris Becker
2009". Was klingt, als wüsste er es im Moment selbst gerade
nicht so genau.
Noch
vor dem Dessert verließen die Beckers die Gala, wechselten die
Garderobe und stiegen in den silbernen Mercedes, der sie nun nach
Zürich bringen soll.
"A
81, Richtung Singen", murmelt Becker. Er tippt ein paarmal mit
dem Zeigefinger auf zwei Tasten des Navigationsgeräts, plus und
minus, wodurch sich die Umgebungskarte vergrößert oder verkleinert.
Tipp, tipp, tipp. Das Fahrtziel, Zürich, gibt er nicht ein, was
eigentlich das Einfachste wäre, um auch in Zürich anzukommen. Aber
Becker schüttelt den Kopf. "Für mich läuft es besser, nach
meiner eigenen Nase zu fahren."
Ein
paar Minuten später hält Becker an einer Tankstelle und fragt nach
dem Weg. Er tankt den Wagen voll, kauft ein paar Dosen Red Bull, und
die Verkäufer schauen ihm hinterher, als wäre er von einer
Titelseite ins wahre Leben hinabgestiegen.
"A
81 ist richtig", verkündet Becker im Auto. "Erst mal
Richtung Karlsruhe." Es geht auf Mitternacht zu, der Regen wird
stärker, Sharlely liest in einem Modemagazin, und Becker zündet
sich einen Zigarillo an, zieht genüsslich, Rauch fließt aus seinem
Mund. Die Richtungsfrage ist geklärt. Becker spricht jetzt über
seine Lebenskrise. Allerdings nur kurz. Denn wichtiger als die Krise
ist die gute Nachricht, dass die Krise auch schon wieder vorbei ist.
So hat Becker entschieden.
Sein
letztes Match als Profi spielte er vor gut zehn Jahren, im Juni 1999.
Er verlor das Achtelfinale von Wimbledon gegen den Australier Patrick
Rafter in drei Sätzen. Becker ging vom Platz als dreifacher
Wimbledon-Sieger, Daviscup-Gewinner, Olympiasieger, ehemalige Nummer
eins der Weltrangliste. Er war der größte deutsche Sportheld. Ein
Popstar. Wahrscheinlich war es nicht einfach, von dort oben in das
normale Leben hinabzusteigen.
Manche
Helden ertragen das nicht. Die Stille danach. Matti Nykänen, der
Skispringer, wurde Stripper, Popsänger, er saß im Gefängnis wegen
schwerer Körperverletzung und schrieb eine Autobiografie mit dem
Titel "Grüße aus der Hölle". Diego Maradona, der größte
aller Fußballer, schluckte Kokain, verfettete und stand bereits an
der Schwelle zum Tod. Womöglich rettete ihn nur der Job als
Nationaltrainer.
Becker
fiel nicht. Nicht auf diese Art. Becker kaufte Firmen und
Beteiligungen und verkaufte das meiste wieder. Er erfand das
Nutella-Messer, er drehte Werbespots, er war Daviscup-Teamchef, hatte
aber bald keine Lust mehr, er spielte Schaukämpfe gegen die alten
Gegner Henri Leconte und John McEnroe, er trennte sich von seiner
ersten Ehefrau, und es ist heute kaum noch vorstellbar, dass die
Anhörung vor Gericht in Miami damals live im deutschen Fernsehen
übertragen wurde. Becker wechselte die Berater, er wechselte die
Frauen, er stand in der Zeitung, er tauchte in Fernsehshows auf, er
schrieb seine Autobiografie, er schrieb ein Buch über
Kindererziehung, er machte viel, um nicht an Aufmerksamkeit zu
verlieren.
Und
jetzt?
Becker
ist 41 Jahre alt, ein Mann in der Mitte seines Lebens und gerade
dabei, sich noch einmal neu zu erfinden. Es ist noch nicht ganz klar,
wo es hingehen soll in Zukunft, aber irgendwie Richtung Seriosität,
Beständigkeit, Inhalt. Becker hat eine neue Ehefrau und neue
Berater. Das ist ein Anfang. Jetzt braucht er noch eine neue Rolle.
Am besten eine neue Aufgabe.
Was
will er eigentlich in Zürich?
"Geschäftstermine",
sagt Becker.
Welche
Geschäftstermine?
"Ein
Sporttag für Kinder. Von meiner Cleven-Becker-Stiftung. Ich werde
den Kindern etwas über Sport beibringen. Die richtige Einstellung,
Ernährung, Training."
Der
Scheibenwischer ratscht träge hin und her. "Ich muss relativ
viel im Büro arbeiten, das bekommt aber die Öffentlichkeit nicht
mit", sagt Becker.
Das
Letzte, womit man Boris Becker in Verbindung bringen würde, ist
vermutlich irgendeine Art von Büro. Es gibt keine Büro-Fotos von
ihm, keine Büro-Storys, man sieht ihn nie mit Büro-Tasche, und
alles, was man über ihn lesen konnte in den vergangenen Jahren,
spielte an bürofernen Orten wie Yachten, Golfplätzen, Casinos,
Fincas, Rennstrecken, Clubs, Fernsehstudios und zuletzt in einer
Kirche in St. Moritz, in der Becker im Juni Sharlely Kerssenberg
heiratete.
"Ich
sitze oft in meinem Büro und gehe meinen Aufgaben nach. Bei mehreren
Firmen und über 150 Angestellten ist es gar nicht anders machbar.
Gerade jetzt in der Wirtschaftskrise", sagt Becker.
Was
kann er da tun, in der Krise?
"Auch
ich versuche mit meinen Geschäftspartnern, Arbeitsplätze zu
sichern."
Becker
schaut in den Rückspiegel, die Krise verschwindet wieder aus seinem
Kopf, Beckers Stimme wird weich. "Baby, how are you doing?"
Aber Baby sagt nichts mehr. Baby schläft. Baby liegt ausgestreckt
auf der Rückbank. "Ich werde mich nie mehr von Lilly trennen",
sagt Becker plötzlich feierlich, als spräche er in eine
Fernsehkamera. "Das ist klar."
Den
Hochzeitstermin hatte Becker im Februar bei "Wetten, dass ...?"
verkündet. Anschließend war er durch ein brennendes Herz gesprungen
wie ein Zirkustier. Die Hochzeit im Juni verkaufte er an den
Fernsehsender RTL, und mit "Bild" hat er eine
Medienpartnerschaft geschlossen, was zur Folge hat, dass alles
Private auf die Titelseiten sickert, als wäre er der Star einer
ewigen Becker-Soap-Opera. Womöglich ist es auch das Einzige, was
Boris Becker im Moment wirklich anzubieten hat.
Sein
Leben.
Vor
ein paar Wochen setzte sich Peter Lauterbach in ein Flugzeug und flog
nach Mallorca, wo Boris Becker ein Golfturnier veranstaltete.
Lauterbach ist einer von Beckers neuen Beratern. Früher gab es Ion
Tiriac, einen schnauzbärtigen Rumänen. Jetzt gibt es Lauterbach, 32
Jahre alt und Formel-1-Moderator bei Premiere. Lauterbach saß am
Rande des Golfplatzes, und in der Pause führte er ein
RTL-Fernsehteam hinüber zu Becker, der schon bereitstand für ein
Interview, ein paar O-Töne über die Schwangerschaft von Lilly
Becker, die gerade bekanntgeworden war.
Becker
sagte ein paar Sachen über Bauchumfang, Vorfreude, Gottes Segen,
Schwangerschaftsmonat und dass er sich stündlich bemühe, ein guter
Vater zu sein, was erstaunlich schien, da das Kind noch gar nicht da
war. Becker stand dort in Golfspielerkleidung, er hatte Gras an der
Hose, vor ein paar Minuten noch war er durch ein Gebüsch gestiegen,
weil er seinen Golfball nicht finden konnte. Aber jetzt sprach er in
die Kamera und wirkte, als gäbe er eine Regierungserklärung von
großer Wichtigkeit ab. Und war es das nicht auch?
Reporter
waren ihm bis auf diesen mallorquinischen Golfplatz hinterhergereist.
Sie hatten gewartet. Einen Tag, zwei Tage. Nur für ein paar Sekunden
mit ihm. Für ein paar mehr oder weniger belanglose Sätze über
Vaterschaft und Schwangerschaft, so wie sie ihm früher
hinterhergereist waren, für ein paar Sätze über seinen
Rückhand-Slice. Musste das also nicht automatisch bedeutsam sein?
Seit
Ewigkeiten ist er Boris. Ein Vorname. Einer für alle. Deutsches
Gemeingut. Unser Boris. Nie gab es Distanz. Seit Ewigkeiten gibt es
Boris-Geschichten. Mit den Jahrzehnten wurden sie fast zu einem
eigenen Boulevard-Genre. Früher handelten sie von seinen Siegen,
seinen Niederlagen. Heute vom Bauch seiner Frau. Boris Becker ist ein
Held ohne Geschäftsbereich.
Becker
ließ die restlichen Reporter in der Mittagssonne stehen, widmete
sich wieder dem Golfspiel, und Lauterbach, der Berater, sah zufrieden
aus. Lauterbach möchte Beckers Image polieren. Die "Marke
Becker" neu auffüllen mit Werten.
Mit
welchen Werten?
Verlässlichkeit,
Ehrgeiz, Engagement, könnte sich Lauterbach vorstellen. Boris
Becker, der Familienvater, Boris Becker, der Geschäftsmann, Boris
Becker, der der Gesellschaft etwas zurückgibt.
Boris
Becker reloaded.
Lauterbach
hatte auch die Idee für "Boris Becker TV", Beckers
neuestes Geschäftsmodell. Eine Art Internetshow über sein Leben und
zugleich der Versuch, die Boulevard-Nachrichten zu steuern, indem man
die Beiträge RTL und "Bild" anbietet, den Medienpartnern.
In den vergangenen Jahren waren die Nachrichten eher negativ.
Besenkammer, Scheidung, Steuerhinterziehung, Sandy Meyer-Wölden.
Jetzt sollen sie positiv sein. "Boris Becker TV" zeigt
Becker im Urlaub, Vater Becker mit seinen Kindern, Becker verliebt in
Frankreich, Becker beim Friseur. Es wirkt wie die Umkehrung dessen,
was die meisten Stars unter großen Mühen versuchen: das Privatleben
privat zu halten.
In
einem Beitrag tritt Becker nach einer Fuß-OP mit Krücken auf. Er
steht dort wie ein hinkender, alter Rabe und zeigt seinen frisch
operierten Fuß in die Kamera.
Ein
rötlicher, geschwollener Klumpen.
In
solchen Momenten ahnt man, dass Becker nicht aufhören kann. Er tanzt
weiter, immer weiter. Vielleicht kann er die Stille nicht ertragen.
"Boris
Becker TV" sei ein Kommunikationsmittel in der Gesamtstrategie,
erläuterte Lauterbach kühl und schaute über den Golfplatz. Ein
Unterhaltungsportal, das gleichzeitig eine Marke ändere.
Aber
wäre die Marke nicht am leichtesten änderbar, indem man Boris
Becker eine neue Aufgabe gibt?
Lauterbach
nickte. Fernsehen wäre natürlich vorstellbar. Lauterbach hätte
auch schon Fernsehideen. Zum Beispiel Golfspielen in einem
entspannten Umfeld. Boris Becker zusammen mit deutschen
Wirtschaftsbossen. Beim Golf würden sie dann über gesellschaftliche
Themen reden. Sehr authentisch. Das sei Beckers Stärke. Oder: Boris
Becker hilft dem Sportnachwuchs. Talenten, die in eine Krise geraten
sind und den Weg zurück suchen. Da könnte Becker sein soziales
Engagement zeigen. Seine Nähe zu Kindern und Jugendlichen, erklärte
Lauterbach.
Fernsehen
hat den Vorteil, dass Becker direkt dort arbeiten könnte, wo er am
liebsten auftaucht. Eine Win-win-Situation sozusagen. Eine
Sportsendung würde ihm liegen, sagt Becker, lässt die
Fensterscheibe ein Stück runter, schnipst die Ziga-rillo-Kippe aus
dem Fenster, Regenluft schwappt in den Mercedes. Thomas Helmer, der
Ex-Fußballer, moderiert Sport. Kristin Otto, die Ex-Schwimmerin,
auch. Rudi Cerne, der Ex-Eiskunstläufer, hat es sogar bis zu
"Aktenzeichen XY ... ungelöst" geschafft. Und ist er,
Boris Becker, nicht immer noch die viel größere Nummer? Ein
Zugpferd? Becker erzählt von der BBC, für die er jedes Jahr das
Tennisturnier von Wimbledon kommentiert, von der englischen
Comedyshow "They think it's all over", bei der er
mitmachte, und dass die Briten seinen Humor mögen. Boris the funny
bone. In Deutschland werde er dagegen immer noch unterschätzt. Er
könnte sich ja nicht nur Sport vorstellen. Auch eine Sendung mit
allen möglichen Themen von Unterhaltung über Politik, Kultur, was
auch immer. Oder Interviews.
"Ich
arbeite gern mit einem Sidekick", blickt Becker schon mal
voraus. "Jemand, der mir ein paar Dinge abnimmt, so dass ich
mich auf meine Sache, das Wesentliche, konzentrieren kann."
Welche
Sache? "So zu sein, wie ich bin. Meine Persönlichkeit
einzubringen. Einfach Boris Becker zu sein."
Die
Frage ist, ob das reicht, aber erst mal steht Becker vor einem ganz
anderen Problem. Er hat sich verfahren. Die Autobahn ist
verschwunden. Der Mercedes steht auf der einen Seite des Bodensees.
Zürich liegt auf der anderen Seite. Becker schaut auf die Karte des
Navigationsgeräts, drückt plus und minus. Tipp. Tipp. Tipp.
Will
er jetzt nicht doch das Fahrtziel eingeben? "Ich fahre nur mit
dem Navi, wenn es unbedingt nötig ist", erklärt Becker, so,
als könnte das Gerät seine Seele rauben. "Sonst fahre ich
lieber nach meinem eigenen Kopf, auch im Auto bleibe ich lieber
unabhängig." Dann wendet er und fährt zurück zur Autobahn.
Eine
Zeitlang, es ist eine Weile her, war Boris Becker so etwas wie der
lässige Deutsche. Er trug bessere Frisuren als die meisten Sportler,
er hatte getönte Brillen, einen Ledermantel, seine Frau war farbig
und schön, er hatte ein Haus in Miami, er saß in amerikanischen
Talkshows, er spielte Tennis als Drama-Show, und es hieß, er sei mit
den Popstars Seal und Elton John befreundet. Er schien ein guter
Repräsentant zu sein, dort draußen in der Welt, so wie Jürgen
Klinsmann, der in London bei Tottenham Hotspur spielte, noch ein
Deutscher, den sogar die Briten mochten.
Herbert
Riehl-Heyse, der berühmte Autor der "Süddeutschen Zeitung",
beschrieb den Boris Becker jener Tage in einem Buch als einen der
"Leuchttürme im Ozean der Beliebigkeit", was heute
ironisch klingt und zeigt, wie verderblich Helden sind. Boris Becker,
das war klar, würde alle überragen. Schmeling, Beckenbauer,
Katarina Witt. Und das tat er auch, bis er sich in seinem Leben
verirrte.
Fragt
man Becker heute nach seinem Beruf, dann sagt er Geschäftsmann. Vor
allem aber ist er ein 41 Jahre altes Denkmal. Er lebt vom Ruhm und
Geld vergangener Tage, und manchmal spürt man, dass ihm das bewusst
ist. Dann kriecht die Furcht hervor, dass der Höhepunkt bereits
vorbei sein könnte. Ein junger, alter Mann. Ein Frührentner. Ein
Luxus-Arbeitsloser. Sporthelden verlieren nicht nur ihren Beruf, wenn
sie den Platz verlassen. Sie verlieren ihr einzigartiges Talent, ihre
Stellung, die sie weit abhob von allen anderen.
Ihr
erstes Leben.
Viele
der alten Rivalen hätten sich zurückgezogen nach der Helden-Zeit,
erzählt Becker. Ivan Lendl spiele Golf, habe ein sensationelles
Handicap und sei ansonsten Privatier. Stefan Edberg wohne wieder in
Schweden, in seiner kleinen Heimatstadt, von der aus er einst die
Weltrangliste stürmte. Aber Edberg sei auch ein ruhiger Typ. Ohne
große Ambitionen. So wie Steffi Graf. "Steffi ist sicher
glücklich in Las Vegas, mit ihren Kindern, mit Andre Agassi, aber es
kommen ja noch 30, 40 Jahre. Ich habe für mich einen bewegteren Weg
gewählt."
Becker
hat große Ambitionen. Das macht es ja so schwierig. Er war Boris
Becker. Er entschied über Siege, Einschaltquoten, Auflagen,
Unternehmensgewinne und zuweilen über die Euphorie oder die
Niedergeschlagenheit eines ganzen Landes. Heute ist er immer noch
Boris Becker. Aber wofür braucht man ihn jetzt?
In
den vergangenen Jahren war es schwer, in Becker noch den alten Helden
zu sehen. Er tanzte für den Boulevard. Er gab dort bereitwillig sein
Leben preis. Seine Affären, Trennungen, Verlobungen, Verwicklungen.
Alles. Er wurde zum Clown in einer Welt des Nichts.
Vielleicht
wäre Fußball eine Möglichkeit, ein Job im Management, im weitesten
Sinne. Der Bierhoff-Weg. "Klar", sagt Becker. "Das ist
mein großer Kindheitstraum. Eine Fußballmannschaft." Er sei
Bayern-Fan, aber er würde auch unten anfangen, in der 2. oder 3.
Liga. Mit Vertrauten habe er schon locker darüber gesprochen. Einen
Verein von unten nach oben zu holen. Der Hoffenheim-Weg. "Was
aufbauen", sagt Becker begeistert. "Ich brauchte dafür
natürlich ein paar gute Leute an meiner Seite." Bevor geklärt
werden kann, wie Beckers Rolle im deutschen Fußball aussehen könnte,
meldet sich eine Stimme von der Rückbank und zieht Becker in das
Hier und Jetzt zurück.
"Baby,
where are we? Already in Zurich? I'm tired and it's so uncomfortable
here", sagt Sharlely Becker, seine neue Ehefrau, verschlafen.
Sie liegt zusammengerollt auf der Rückbank. Ein Mädchen mit langen
Beinen und viel Brust.
"Baby,
I'm sorry. It's my fault", entschuldigt sich Boris Becker. "I
drove wrong for 20 minutes."
Sie
sind seit ein paar Wochen verheiratet. Es ist nicht ganz klar, was
sie zusammenhält, aber sie ziehen gemeinsam durchs Leben. Vor kurzem
erschien ein Interview mit Sharlely Becker in einem niederländischen
Magazin, in dem sie über ihr Liebesleben sprach. "Boris mag es,
wenn ich sexy Dessous trage. Er möchte oft, dass ich verschiedene
Sachen anziehe, oder bittet mich: Leg doch mal die Strapse an. Ich
bin seine Verführerin. Aber er fragt mich auch oft: Kannst du das?"
Becker
hat heute drei Kinder von zwei Frauen. Demnächst werden es vier
Kinder von drei Frauen sein, und all die Frauen leben mehr oder
weniger von ihm. Auch die schöne Sharlely hat eigentlich keinen
Beruf, sie arbeitete früher in Bars, war Mannequin, Croupier in
Spielcasinos und ist jetzt Frau Becker und bald Mutter Becker. Sie
ist mit Judith Kamps befreundet, der Tochter des Unternehmers und
früheren Großbäckers Heiner Kamps, und mit Estefania Küster,
einer Ex-Freundin von Dieter Bohlen, zwei Frauen aus der Welt der
Halbprominenz, in der die Frauen Schmuckdesignerin sind oder Erbin
oder Fernsehmoderatorin für irgendwas oder Ehefrau von irgendjemand.
Vor
kurzem kaufte Becker ein Haus in London, hundert Meter vom
Centrecourt von Wimbledon. Der alten Heldenstätte. In London wohnen
sie jetzt meist. Selten, wie Becker bedauert, schaffen sie es in die
Finca auf Mallorca, aber vor ein paar Wochen wurde dort plötzlich
das Wohnzimmer freigeräumt und ein schwerer Pokertisch vor den Kamin
gestellt. Gegenüber, in der offenen Küche, bauten schwitzende
Menschen Kameras auf, im Abwaschbecken und neben der Saftpresse
standen Monitore, und unter der Dunstabzugshaube tauchte eine Art
Regietisch auf. Zwei Tage lang war zudem ein mobiles
Übertragungsstudio erschaffen worden, zwei Tage, die die Beckers in
einem Hotel verbracht hatten, während 50 Leute der Firma Pokerstars
dabei waren, die Finca auf den Kopf zu stellen für eine Pokerpartie
in der Reihe "Beat the Stars at Home", die irgendwann im
DSF zu sehen sein würde. Ein Prominenten-Pokerspiel also.
Am
Pokertisch im Wohnzimmer saßen schließlich acht Spieler in
seltsamer Kombination: zwei Pokerprofis, drei Amateurspieler, die die
Partie mit Becker im Internet gewonnen hatten, natürlich Becker
selbst, Sharlely und ihre Freundin Judith Kamps, deren Ehemann, ein
kleiner korpulenter Mexikaner namens Luis Garcia Fanjul, der die
Partie vor einem Monitor verfolgte. Fanjul ist auch Beckers
Trauzeuge, ein schwerreicher Mann, im Zuckergeschäft tätig, also
ein Zuckermogul, wie Becker nicht ohne Stolz erzählte.
Poker
ist Beckers jüngste Leidenschaft. Er macht Werbung für Poker.
Vielleicht wird er jetzt sogar Pokerspieler, das ist nicht
ausgeschlossen. Pokerspieler ist neben Fernsehmoderator,
Geschäftsmann und Fußballmäzen eine weitere Karriereoption, seit
Becker bei einem Profi-Turnier in Monte Carlo überraschend den
siebten Platz belegte. "Da wurde mir klar: Ich kann wirklich
Poker spielen."
Währenddessen
lag der Mann, der Becker in die Pokerwelt eingeführt hatte, in einer
Hängematte im Garten der Finca, aufgespannt zwischen zwei
Olivenbäumen. Er heißt Sven Stiel, ist Marketingchef bei
Pokerstars, dem weltweit größten Anbieter für Online-Poker, sah
aber an diesem Tag in kurzen Hosen, T-Shirt und Turnschuhen aus wie
ein Student. Stiel hatte die Idee, Boris Becker als Werbefigur zu
gewinnen. Die alte, bekannte Marke Becker sollte Vertrauen schaffen
für das Glücksspiel Poker, das gerade hip wurde,
gesellschaftsfähig. "Und es passte", sagte Stiel. "Boris
nimmt man das ab. Er ist ein Spielertyp. Nicht glatt, sondern mit
Höhen und Tiefen. Boris hat werbemäßig absolut überperformt. Er
könnte eigentlich viel mehr Geld verlangen", sagte Stiel und
lachte. "Hoffentlich tut er das nicht."
Wenn
man anrufe, sagte Stiel, dann sei Boris meist schnell bereit. Er
setze sich wirklich sehr ein. Werbespots, Turniere, was auch immer.
"Das Gute ist ja: Boris ist kein aktiver Sportler mehr. Boris
hat Zeit."
Stiel
besorgte Becker einen Pokertrainer, der nach Miami flog und Becker
tagelang das Spiel erklärte. Regeln, Taktik, ein paar Kniffe. Becker
las Pokerbücher, Stiel nahm ihn mit auf Turniere, und Becker fand
gefallen an den Casinos, den Leuten und dem Kartenspiel, das ihn
seltsamerweise an Tennis erinnerte.
Ist
das vorstellbar, Becker als Pokerspieler? Als Profi gewissermaßen?
Stiel
schwang sanft in der Hängematte. "Warum nicht? Wenn Boris das
will. Ich denke, er kann gut um Geld spielen. Er hat doch beim Tennis
nichts anderes gemacht. Seit er 15 war, spielte er um Geld."
Im
Wohnzimmer, am Pokertisch, schied Sharlely Becker als Erste aus.
Später folgte Judith Kamps, die, vom mexikanischen Zuckermogul auf
ihre Fehler hingewiesen, in Tränen ausbrach, über den Innenhof der
Finca rannte und sich in ihr Auto einschloss, an dessen Scheibe der
Zuckermogul vergebens klopfte. Boris Becker aber gewann die Partie,
wie zum Beweis für seine Ambitionen. Anschließend setzte er sich
auf eine Ledercouch, lockerte seine Beine, trank etwas Wasser, er
wirkte für einen Moment wieder wie der Tennisspieler, der er einst
war. Becker analysierte sein Spiel, so wie er es im Stadion Roland
Garros oder in Flushing Meadows gemacht hatte, und träumte sich in
die Zukunft, die wie die eigene Vergangenheit aussah.
"Sicher
würde ich gern mehr Pokerturniere spielen wollen", sagte
Becker. Becker erzählte von Las Vegas, wo er im Bellagio 42 000
Dollar gewann, vom Turnier auf den Bahamas, von den Pokerjungs, die
ihn anfangs als Tennisspieler sahen, mittlerweile aber als
Pokerspieler akzeptieren würden, und überhaupt gefalle ihm die
Pokerwelt, die seiner alten vertrauten Welt sehr ähneln würde - der
Tenniswelt. Die gleichen Spielorte, sagte Becker. Die gleichen
Spielerhotels. Der gleiche Turnierrhythmus. Das alte Leben treffe das
neue Leben.
So
träumte er einen Augenblick, bis der junge Profi Benjamin Kang, den
Becker gerade besiegt hatte, in Badelatschen neben der Couch
auftauchte. "Hey Boris, ich würd mit meiner Freundin gern mal
in deinen Pool springen", sagte Kang. "Wo liegen denn die
Handtücher?"
Die
Heldenmacht zerfällt.
Sie
springen in seinen Swimmingpool, sie fragen ihn nach Handtüchern,
als wäre er hier der Bademeister. Ein Bademeister, der dreimal
Wimbledon gewann.
Kurz
vor zwei Uhr nachts überquert der silberne Mercedes die Grenze zur
Schweiz. "Baby, we're in Switzerland", ruft Becker. "We're
already there!" Um halb drei erreichen sie das Hotel in Zürich.
Becker
klingelt nach dem verschlafenen Nachtportier, wartet einen Augenblick
an der verlassenen Rezeption. "Ich habe einen Masterplan für
mein Leben", sagt Becker unvermittelt. "Den hatte ich
immer. Aber den Masterplan kenne nur ich."
Dann
dreht er sich um, geht zum Auto, nimmt Sharlely, die Frau, von der er
sich nie trennen wird, huckepack, trägt sie ein paar Meter durch den
Regen und verschwindet im Hotel.
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