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Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.
Guido Mingels
Ich beziehe mich auf
Ihre Anfrage, in welcher Sie über mein Leben schreiben wollen. Im
Grundsatz bin ich nicht abgeneigt. Wenn Sie mich besuchen möchten,
sollten Sie vorgängig bei der Kanzlei der Anstalten Thorberg während
der Bürozeiten das Besuchsformular verlangen und dieses mindestens 3
Tage vor dem Besuch an die Kanzlei zurücksenden. Monatlich stehen
mir maximal 5 Stunden Besuchszeit zur Verfügung. Ich hoffe, diese
bürokratischen Hürden sind für Sie kein Hindernis, und es würde
mich freuen, bald wieder etwas von Ihnen zu hören. Mit freundlichen
Grüssen,R. Hagen
Hagen
Rolf, geb. am 05. 11. 1971, von Winterthur, Maler, später
Berufsunteroffizier der Schweizer Armee, wird schuldig erklärt des
vollendeten Mordes, begangen am 12. Juli 2004 in Donauwörth,
Deutschland, zum Nachteil des Yildiz Murat, geb. 18. 06. 1989, 15
Jahre alt, Schüler, deutscher Staatsangehöriger; sowie des
versuchten Mordes zum Nachteil des Wernicke Ramon, 14 Jahre alt,
Schüler; sowie der strafbaren Vorbereitungshandlungen zu Mord;
Hagen
Rolf wird in Anwendung der Art. 6 Ziff. 1, 11, 21 Abs. 1, 43 Ziff. 1
Abs. 2, 46 Ziff. 2, 63, 65, 66, 68 Ziff. 1, 69, 112, 260bis Abs. 1
StGB, Art. 386 Abs. 1, 396 Abs. 1 StrV
verurteilt
zu
lebenslänglichem Zuchthaus, wo- bei die Sicherheitsverwahrung
angeord-net wird und eine psychotherapeutische Behandlung
durchzuführen ist. Hagen Rolf kehrt unter Annahme von Fluchtge-fahr
zurück in den vorzeitigen Strafvollzug in die Anstalten Thorberg.
Hinter
Mauern
Der
Thorberg ist ein Hügel aus Sandstein am Rande der Gemeinde
Krauchthal, nahe Bern. Eine Strasse voller Kurven führt hinauf. Aus
der Ferne sieht das Gefängnis aus wie eine mittelalterliche Burg.
Die alten Mauern von neuen umgeben, alles mit Nato-Draht bewehrt. Ein
erstes stählernes Gitter, eine Gegensprechanlage, bitte in die
Kamera blicken. Mit einem Surren springt die mächtige Tür auf. In
der Eingangsschleuse zwei Polizisten hinter Glas, Ausweis bitte. Was
nicht benötigt wird ins Schliessfach, Handy, Portemonnaie,
Schlüsselbund, Tasche. Ein Metalldetektor wie am Flughafen, es
piepst. Schuhe ausziehen bitte. Es piepst. Gürtel ausziehen bitte.
Besucher-Badge gut sichtbar montieren. Herr Aufdermaur wird Sie in
den Besucherraum begleiten. Kopfsteinpflaster im Innenhof,
Bohrgeräusche aus der Anstaltsschreinerei. Ein paar Stufen runter,
ein Zimmer mit fünf Tischen. In einer Holzkiste in der Ecke liegen
Plüschtiere, falls Kinder zu Besuch kommen.
An
der hinteren Wand sitzt ein Mann, mit offenem Mund. Er erhebt sich
und streckt die Hand zum Gruss.
«Haben
Sie den Weg gut gefunden?»
Rolf
Hagen kommt in Winterthur zur Welt, der Vater ist Betriebsdisponent
bei den SBB, die Mutter, eine gelernte Coiffeuse, führt den
Haushalt. Es gibt eine ältere Schwester. Er besucht die
Volksschulen, Lieblingsfächer Werken und Sprachen, er macht bei den
Pfadfindern und den Verkehrskadetten mit. Der Vater verlässt die
Familie, als Rolf zehn Jahre alt ist. Nach einer Malerlehre arbeitet
er fast zehn Jahre als Nachtwächter bei der Securitas. Nach der RS
macht er weiter bei der Armee, bringt es zum technischen Feldweibel.
Erste eigene Wohnung in Winterthur, dann Umzug nach Hofstetten, aufs
Land, weil es dort besser ist für seinen belgischen Schäferhund,
Sascha. Später Umzug nach Heimberg bei Thun, in die Nähe der
Kaserne Jassbach, die Armee will ihn behalten, er wird Berufssoldat.
Instruktor bei den Übermittlungstruppen, ein Experte für die
Störung feindlichen Funkverkehrs. Dann fährt Rolf Hagen eines
Montags im Jahr 2004 mit seinem Landrover Discovery nach Deutschland,
um gemeinsam mit einem Mittäter einen 15-jährigen Jungen
hinzurichten.
«Mein
Leben», sagt Hagen, «hat auf einer halben Seite Platz.»
Er
hat ein Gesicht, das man sich nicht merken kann. Die leichten
Hängelider verleihen seinem Blick etwas Schläfriges. Der Bart um
die jungenhaft runden Wangen ist erst im Gefängnis gewachsen und
passt nicht zu ihm. Wenn er lacht, was er manchmal grundlos tut,
bilden sich Fältchen auf seinen Schläfen und in der unteren
Zahnreihe zeigt sich ein schief stehender Schneidezahn. Er trägt die
braune Anstaltshose und über einem alten Pullover eine Sportjacke
mit einem Aufnäher, BUSA, Berufsunteroffiziersschule der Armee,
Herisau. Er ist gross und füllig, die Stimme tief und melodielos,
sein Händedruck ist unbegreiflich warm und schwer.
«Worüber
wollen wir reden?»
Eine
Gruppe von Reitern findet Murat Yildiz, 15 Jahre, aus
Asbach-Bäumenheim, am Freitag, dem 16. Juli 2004, im Waldstück
Enderlesholz bei Donauwörth-Wörnitzstein. Die Gerichtsmediziner
beschreiben auf 35 Seiten die Leiche eines Jugendlichen,
Körpergewicht 66 Kilo, Körperlänge 166 Zentimeter. Sie zählen und
nummerieren dreissig Stichwunden, dem Opfer zugefügt durch ein
Bajonett der Schweizer Armee, verteilt auf Hals, Brust, Bauch,
Genitalregion und Rücken. Der Stichkanal von Wunde Nr. 24 ist von
der Hautdecke bis zu den Lungenverletzungen 13 Zentimeter lang,
vierzehnmal wurde in dieselbe Wunde nachgestochen. Sie notieren
«Hautrötungslinien am Hals mit perlschnurartiger Kontur wie von
einer Halskette»: Spuren des Erdrosselns. Sie finden 1,2 Liter Blut
im Brustraum rechts und 0,7 Liter im Brustraum links. Sie vermerken
Hinweise für eine Fesselung. Sie übergeben den Ohrring vom linken
Ohr dem anwesenden Kriminalbeamten und messen das Gewicht des
Herzens: 333 Gramm.
Sechs
Wochen nach der Tat, am 27. August 2004, wird Hagen in der Kaserne
Herisau festgenommen, seither befindet er sich in Haft, im April 2006
ergeht das Urteil. In den vier Jahren seit seiner Verhaftung ist
dieser Mann, der sich in seinem ganzen Leben kaum je einen Gedanken
über sich selbst gemacht hat, bis ins Innerste durchleuchtet worden.
Dutzenden Polizisten, Ermittlern, Anwälten und Richtern erzählt er
seine Geschichte. Er unterhält sich während mehr als hundert
Therapiestunden mit mehreren Fachleuten und Professoren des
forensisch-psychiatrischen Dienstes der Universität Bern.
Psychologen testen seine Denk- und Abstraktionsfähigkeit, sie messen
seine Depressivität, seine empirisch abgrenzbaren
Persönlichkeitsmerkmale, seine sozial rele- vanten
Verhaltensbereitschaften, seine Konfliktbewältigungsstrategien. Sie
wollen herausfinden, wie es Rolf Hagen möglich war, eine Tat zu
begehen, welche die Richter in ihrer Urteilsbegründung als
«heimtückisch, listig, skrupellos», «äusserst verwerflich» und
«unvorstellbar grausam» bezeichnen.
Hagen
sieht dem Besucher unablässig in die Augen. Er sagt: «Ja, es war
schon ziemlich extrem, das stimmt. Es war schon sehr rabiat.»
Der
Einzelgänger
Von
Anfang an gesteht Rolf Hagen alles, verschweigt nichts. Jeder, der
mit ihm zu tun hat, ist irritiert durch die Offenheit, mit der er
über seine Tat spricht – schonungslos gegen das Opfer und
schonungslos gegen sich selbst. Sein Anwalt sagt, dass ihn die
«Teilnahmslosigkeit» dieses Mandanten «tief erschreckt» habe.
Sein Therapeut erlebt in Gesprächen «seine emotionslose
Detailliertheit». Der Sachbearbeiter vom Dezernat Leib und Leben
vermerkt die «erschreckende Genauigkeit» seiner Aussagen und die
«völlig anteillosen Ausführungen zur Tat». Vor den Richtern auf
Schloss Thun steht Hagen frei von Kalkül und belastet sich selbst
durch ebenso präzise wie kalte Auskünfte, seine Worte empfindet das
Gericht als «distanziert, monoton, ohne jede Gefühlsäusserung».
Die forensische Gutachterin beschreibt Hagens Deliktarbeit als
«konstruktiv, offen und authentisch, wenn auch, seiner
Persönlichkeit entsprechend, ohne tiefere Beteiligung». Das Gericht
kann bei diesem Angeklagten «kein Mitgefühl und keine Reue
erkennen» und konstatiert eine «komplette Geringschätzung
menschlichen Lebens».
An
einem Nebentisch im Raum hat eine junge Familie Platz genommen, der
Vater, Häftling wie Hagen, erhält Besuch von Frau und Kind. Hagen
sagt: «Dieser Junge – wie soll ich es sagen. Er war einfach ein
Mittel zum Zweck. Wie ein Gegenstand. Ich kann es nicht anders
sagen.»
Rolf
Hagen ist zeitlebens ein konsequenter Einzelgänger, nahe an der
sozialen Unsichtbarkeit. Ohne dass ihn das stören würde. Bis zu
seiner Tat nimmt kaum jemand nachhaltig Notiz von ihm, nicht einmal
seine Familie. Seine Schwester sagt, sie habe noch nie viel mit ihrem
Bruder gesprochen. Sie habe ihre Welt gehabt und der Bruder die
seine. Ihr Bruder habe sich den ganzen Lebensweg allein erarbeiten
müssen, er habe niemanden gehabt auf der Welt, weder die Eltern noch
einen Götti oder eine Gotte, die ihm den Weg aufgezeigt hätten. Sie
könne nicht sagen, gesteht die Schwester, welche Interessen ihr
Bruder gehabt habe. Auch der Vater, der seine Kinder nach der
Trennung von der Familie ab und zu bei sich hat, weiss wenig über
seinen Sohn zu berichten und gibt bei der Befragung an, nicht gewusst
zu haben, dass sein Sohn homosexuell ist. Mit der Tat des Sohnes
konfrontiert, gibt der Vater nur zu Protokoll, ihm «so etwas sicher
nie zugetraut» zu haben. Die Mutter, an Alzheimer erkrankt, kann
nicht befragt werden. Der Kommandant der Berufsunteroffiziersschule
bezeichnet Hagen nach dessen Verhaftung als «auffällig
unauffällig».
Die
Ellbogen auf der Tischplatte, greifen Hagens grosse Hände ineinander
wie zum Gebet. «Das Ganze hat wohl noch so einige aus den Socken
gehauen. Wer mich kannte, wie ich draussen war, konnte sich bestimmt
nicht ausmalen, dass der Hagen so etwas tut.» Jetzt steht,
ungewollt, ein Lachen in seinem Gesicht, der Gedanke an die
schockierten Bekannten amüsiert ihn.
Zwischen
zwanzig und dreissig, zehn Jahre lang, marschiert und fährt Rolf
Hagen als Nachtwächter durch die Quartiere Zürichs, allein.
Objektschutz und Revierdienst bei der Securitas, ein Job, der ihm
gefällt. Seine Schwester glaubt, die Uniform habe ihn beeindruckt –
wie damals bei den Kadetten, wie bei den Pfadfindern, wie in der
Armee. Rolf Hagen erzählt, dass er gerne durch die leeren Hallen der
Fabriken ging, durch die leeren Büroräume der Firmen, durch die
leeren Gärten der Villen an der Goldküste, «und man weiss, man ist
völlig alleine hier, keine Menschenseele weit und breit». Er sitzt
nachts um vier in der Portierloge der Midor AG in Meilen, er umrundet
im Dunkeln immer wieder das Gymnasium Rämibühl und beobachtet die
Fuchsfamilie, die dort unter einer Baracke in ihrem Bau wohnt.
Überhaupt, die Wildtiere in der Stadt faszinieren ihn, die Rehe in
Hottingen, die Eulen in Wipkingen, und die Igel, überall Igel. Er
vermisst die Menschen nicht. Am liebsten ist ihm der Dienst im
Zoologischen Garten. «Das war ein Gaudi, man hatte den ganzen Zoo
für sich, und die Viecher kamen zu einem hin, weil sie dachten, wer
kommt denn jetzt noch um diese Zeit.» Hagen lächelt, er geniesst
die Erinnerung. Ein Vorteil seines Arbeitsrhythmus sei gewesen, sagt
er, dass er jeweils nachmittags, wenn er frei hatte, einkaufen gehen
konnte, «denn dann sind nur ganz wenige Leute in den Läden».
Nicht
dass er Angst oder Scheu hätte vor den Mitmenschen: Sie
interessieren ihn einfach nicht. Er ist sich selbst genug. Dr. med.
Ralph U. Aschwanden, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und
Hagens Therapeut, benutzt ein Bild, um seinen Patienten zu erklären:
«Stellen Sie sich einen Alpöhi vor, das ganze Leben auf der Alp.
Allein, aber nicht einsam, in seiner Welt und nach seinen Regeln
lebend. Mit wenigen Bedürfnissen, aber dennoch zufrieden.» Der
Therapeut zieht ein Buch aus einer Schublade, Internationale
Klassifikation psychischer Störungen, und schlägt das Kapitel F60.1
auf, schizoide Persönlichkeitsstörung, vulgo Einzelgänger-Syndrom.
Merkmale: 1. Wenn überhaupt, dann bereiten nur wenige Tätigkeiten
Freude. 2. Emotionale Kühle, Distanziertheit oder abgeflachter
Affekt. 3. Reduzierte Fähigkeit, warme, zärtliche Gefühle für
andere oder Ärger auszudrücken. 4. Erscheint gleichgültig
gegenüber Lob oder Kritik von anderen. 5. Fast immer Bevorzugung von
Aktivitäten, die alleine durchzuführen sind. 6. Übermässige
Inanspruchnahme durch Fantasien und Introvertiertheit. 7. Hat keine
oder wünscht keine engen Freunde oder vertrauensvollen Beziehungen.
8. Mangelhaftes Gespür für geltende soziale Normen und
Konventionen. «Auf Hagen», so der Therapeut, «treffen sämtliche
Kriterien zu.»
Verdikt
der Gutachter: Der Explorand leidet an einer schizoiden
Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen und zwanghaften Zügen
sowie an einer Störung der Sexualpräferenz durch pädophil-sexuellen
Sadismus. Das Leben anderer bedeutet ihm nicht viel, und das Töten
erregt ihn. Diese Kombination macht ihn gefährlich.
Bereits
im Alter von zwölf Jahren, so erzählt Hagen seinen Analytikern,
fühlte er sich angeregt durch Filme mit Kampfszenen zwischen
Männern. Aus dieser Zeit ist ihm eine Sequenz aus einem
Winnetou-Film, während der eine Kamera über tote Indianerleiber
fährt, in angenehmer Erinnerung. Es sind die ältesten erregenden
Bilder in Hagens Kopf, in dem sich mit den Jahren immer radikalere
Fantasien einrichten. Der Tod, in Verbindung mit Zärtlichkeit, zieht
ihn an; er denkt sich nichts dabei. Als er 1993 seine erste eigene
Wohnung bezieht, beginnt er, sich Pornovideos auszuleihen. Der
Sexualakt selber interessiert ihn dabei nicht sehr, er bevorzugt
Filme mit Handlung, in denen Liebkosungen ausgetauscht werden oder in
denen gekämpft wird. Er sagt aus, dass er sich schon immer daran
störte, dass im Fernsehen viel mehr Frauen- als Männerleichen zu
sehen sind. Im Alter von zwanzig Jahren interessiert er sich konkret
für den Beruf des Leichenbestatters, er erkundigt sich nach
Ausbildungsmöglichkeiten, man bescheidet ihm, er sei zu jung.
Hat
er nie den Gedanken gehabt, dass er psychisch krank sein könnte?
«Ich fühlte mich gesund. Ich hatte nie das Bedürfnis, zum Arzt zu
gehen oder so, wegen meinen Fantasien. Sie waren ja etwas Angenehmes
für mich.»
Es
gibt ein paar zufällige Versuche, Liebesbeziehungen zu Männern
aufzubauen, aber Hagen merkt jedes Mal rasch, dass er nicht findet,
was er sucht. Oder er weiss noch nicht, wonach er suchen soll. Er
fühlt sich bei diesen Kontakten gehemmt und blockiert, ist zum Teil
impotent. Erst hinterher, wenn er allein ist, sich die Treffen zu
Hause in Erinnerung ruft und sie mit seinen Fantasien ergänzt,
erregen sie ihn.
Präzise
Perversion
An
seinen freien Nachmittagen geht Rolf Hagen oft mit seinem Hund Sascha
spazieren. Geht in Hofstetten bei Elgg dem Farenbach entlang oder
steigt am Wochenende auf den nahen Schauenberg, 894 Meter über Meer,
beliebter Aussichtspunkt. Der Hund, sagt die Schwester, sei sein
bester Freund gewesen. Hagen nimmt ihn mit zur Arbeit, zieht wegen
ihm aufs Land, sechs Jahre lang ist das Tier sein treuer Begleiter.
Doch es kommt zu Zwischenfällen, der Schäfer, so die Schwester,
«entwickelte sich zum Angstbeisser». Einmal rastet der Hund in
einem Tierheim aus, einmal verbeisst er sich in den Labrador der
Schwester. «Da musste er halt abgetan werden», sagt Hagen. Aus
Zeitmangel bittet er einen Bekannten, den Hund zum Einschläfern
wegzubringen. Am Abend, als er von der Arbeit kommt, ist nur noch die
Leine und das Halsband da. «Das war kurz ein komisches Gefühl, aber
nicht gross.» Rolf Hagen geht am nächsten Tag wieder zur Arbeit,
«und das wars dann».
Im
Jahr 2000 legt er sich einen Internetanschluss zu, gerne sucht er
nach Fotos von jungen Männern mit Verletzungen im Bereich des
Brustkorbes. Seine Wünsche gewinnen nun an Präzision. Ihm gefallen
halbwüchsige Knaben mit hübschen Gesichtern und nacktem Oberkörper,
aber lieber mit Badehose als völlig unbekleidet. Seine liebste
Vorstellung ist es, einen jungen Mann kennenzulernen, mit diesem in
einen Wald zu gehen, ihn zu berühren und zu streicheln, um ihn dann
plötzlich zu würgen und zu erstechen. Es stört sein Idealbild,
wenn der Begehrte sich wehrt. Er entdeckt irgendwann, dass es
Genre-Filme gibt, die seiner Sehnsucht entsprechen, Pornofilme, in
denen Männer Männer lieben und töten. Er stösst im Internet auf
anonyme Chatrooms, in denen andere Männer an dieselben Dinge denken
wie er, er merkt, dass er nicht der Einzige ist. Manchmal, selten,
kommt ihm der Gedanke, dass seine Wünsche nicht gesund sind, doch er
glaubt, sie mithilfe des Internets abreagieren und kontrollieren zu
können. Auf seiner Festplatte befinden sich am Ende mehrere Hundert
Fotos und Filmsequenzen mit Tötungsszenen. Er onaniert jeden Tag vor
dem Computer, um Ruhe zu finden. Daneben meistert er sein Leben. Es
funktioniert. Falls er jemals wusste, dass etwas nicht stimmt mit
ihm, so hat er es irgendwann einfach vergessen.
Mittäter
Mathias B.
Seine
frühste Kindheitserinnerung beschreibt Hagen gegenüber seinen
Gutachtern so: Er sitzt auf einem Korpus und sagt zu seinen Eltern,
«ich werde nie heiraten». Zur Trennung der Eltern befragt, sagt er,
dass ihm «gar nicht gross aufgefallen» sei, dass der Vater
plötzlich weg war. Die Mutter beginnt Anfang der Achtzigerjahre,
psychisch kranke ältere Menschen im 9-Zimmer-Haus der Familie in
Winterthur aufzunehmen. Sie machen mit im Haushalt, sie sitzen mit am
Mittagstisch, sie sind am Weihnachtsabend mit dabei. Hagen beschreibt
die Mitbewohner in der Erinnerung als «lästig». Seine Mutter,
glaubt er, habe ein Helfer-Syndrom gehabt – er dagegen sei eher
«der schadenfreudige Typ, der lacht, wenn andere auf die Schnauze
fallen». Die Stimmung in seiner Familie bezeichnet er als «kalt und
distanziert», beeilt sich dann aber, jeden Verdacht auszuräumen, er
wolle seine Tat mit einer verpatzten Kindheit entschuldigen. «Den
Punkt mit der Familie kann ich nicht bringen. Das habe ich auch
meinem Anwalt gesagt. Ich bin selber verantwortlich für das, was ich
getan habe.» Kein Trauma, keine massiven Gewalterlebnisse, kein
eigener sexueller Missbrauch – Rolf Hagen verneint gegenüber
Richtern und Gutachtern alles, was das Gewicht seiner Schuld mindern
könnte.
Als
ein Wachmann in der Tür des Besucherraums erscheint, schreckt Hagen
ruckartig vom Stuhl hoch, sofort bereit, einem möglichen Befehl zu
folgen. Die Anstaltsleitung beschreibt den Gefangenen Hagen als
vorbildlich. Er selbst sagt, er schätze die klare Tagesstruktur im
Gefängnis, dass man ihm jederzeit sagt, was er zu tun hat. «Noch 15
Minuten», sagt der Wachmann.
Ende
Juni 2004 beginnt in einem Internetforum der Kontakt zwischen Hagen
und dem späteren Mittäter, dem Deutschen Mathias B. Mit
zunehmender Erregung stellen die beiden bald darauf in langen
E-Mail-Dialogen fest, dass sich ihre Begierden gleichen. Am 2. Juli
2004 schreibt hagen93@bluewin.ch an mathias29@gmx.ch: «eine andere
fantasie von mir ist, dass ich ne horde boys durch erschiessen mit
pfeilen erledige. oder mit einem gewehr. alle jungs tragen nur
badeslips und sonst nichts. was sagst du dazu?» B. antwortet: «ja,
die jungs sind etwa 14-16 jahre alt, manche auch jünger. deine ideen
sind nicht schlecht, aber ich stehe mehr auf würgen und
strangulieren.»
Am
5. Juli 2004 fährt Hagen ein erstes Mal nach Donauwörth, um
gemeinsam mit Mathias B. nach einem Mittel zu suchen für ihre
Zwecke. Noch gehen sie relativ planlos vor. Der 14-jährige Ramon
Wernicke*, dem die beiden spätnachts die Mitfahrt in ihrem Auto
anbieten, kann sich, als die Täter ihn auf einem Feldweg gemeinsam
packen, um ihn umzubringen, aus seiner Jacke winden und wegrennen.
Hagen sagt später in der Hauptverhandlung aus, wäre dieser Junge
nicht entkommen, wäre er jetzt vermutlich tot, Punkt 2 der Anklage:
versuchter Mord. Am 6. Juli 2004, nach der Heimfahrt in die Schweiz,
schreibt Hagen ermunternde Vorschläge an seinen Freund, wie man es
das nächste Mal besser anstellen könnte beim Töten. «ist wie beim
skifahren, fällt man um, muss man sofort wieder aufstehen und weiter
üben bis mans kann.»
Der
12. Juli 2004
Bevor
er losfährt, packt Rolf Hagen seine Sachen. Ein Paar OP-Handschuhe
aus Gummi, eine Wäscheleine aus Nylon, ein weisses Frotteetuch, eine
rot-schwarz-weiss karierte Picknickdecke, ein Bajonett zum
Sturmgewehr 57. Er legt alles in seinen Landrover Discovery,
Kennzeichen BE 334 495, und macht sich auf den Weg. Von Heimberg bei
Thun über Bern, Zürich, Bregenz und Stuttgart bis zum Bahnhof des
Örtchens Donauwörth nahe Augsburg, wo er sich mit Mathias B.
treffen will. Er und sein Mittäter sind übereingekommen, nicht noch
einmal dieselben Fehler zu machen wie beim ersten Mal. Sie wollen
«die Sache diesmal feiner angehen und nicht mehr so plump», wie
Hagen später aussagt. Noch während der Fahrt erhält Hagen ein SMS
von B., er habe nun jemanden gefunden, der «hinhalten» würde.
Mathias B. hat in einem Internetforum eine Annonce für ein Blinddate
platziert, der 15-jährige Murat Yildiz hat geantwortet, man trifft
sich in der Pizzeria beim Bahnhof. Der Jugendliche zeigt sich bereit,
gegen einen Lohn von 150 Euro pro Person, für sexuelle Spiele mit
Würgen zur Verfügung zu stehen. Murat Yildiz, Schüler, weist die
beiden noch darauf hin, dass er um 22 Uhr zu Hause sein müsse.
«Was
mich selber erschreckt hat», sagt Hagen im Besucherraum der
Anstalten Thorberg, «war, dass ich danach rein gar nichts empfand.
Wir haben den umgebracht und sind dann in einer Beiz einen Schnaps
trinken gegangen. Danach bin ich losgefahren und habe in einem
Autobahnhotel übernachtet. Ich habe tief und fest geschlafen.»
Montag,
12. Juli 2004, kurz vor neun Uhr abends, Hagen, B. und Murat fahren
los und erreichen bald das vorgesehene Waldstück. Hagen breitet
seine Picknickdecke aus. Er trägt Latexhandschuhe, sein Mittäter
Lederhandschuhe. Sie ziehen Murat bis auf T-Shirt, Slip und Socken
aus, sie streicheln ihn. B. beginnt, den Jungen sanft zu würgen,
lockert den Würgegriff immer wieder, drückt jedes Mal etwas stärker
zu. Irgendwann beginnt Murat zu «hyperventilieren», sie lassen von
ihm ab. Murat sagt, ihm sei kalt, sie geben ihm die Hose, alle drei
setzen sich auf die Rückbank ins Auto, wo es wärmer ist. Wieder
streicheln die beiden Männer den Jungen, und er streichelt seine
Mörder. Murat sagt, er müsse nun langsam nach Hause. Die Täter
steigen aus. Hagen sagt zu B., dass er den Jungen auch noch würgen
möchte. Und dass man es dann «zu Ende bringen» solle. Sie sind
sich einig. Nur noch zehn Minuten, bitten sie Murat. Der ist
einverstanden, sich noch einmal strangulieren, sich mit Handschellen
fesseln zu lassen. Hagen nimmt ihn nun «in den Schwitzkasten», B.
hält seine Beine fest, damit er nicht strampeln kann. Murat wird
ohnmächtig, sie ziehen ihm alles aus ausser das T-Shirt, Hagen
verstaut die Kleider im Kofferraum. Murat kommt zu sich, er stöhnt,
Hagen würgt ihn erneut bis zur Bewusstlosigkeit. Sie tragen ihn in
den angrenzenden Wald, er gleitet ihnen aus den Händen, noch immer
bewegt er sich. Hagen würgt ihn erst mit den Händen, dann drückt
er einen Holzstock auf seinen Kehlkopf. Er dreht ihn auf den Bauch
und presst sein Gesicht zu Boden, Mittäter B. wartet beim Auto.
Murat kommt immer wieder zu sich, Hagen holt eine Hundeleine aus dem
Auto, um «mehr Kraft» zu haben, würgt sein Opfer damit, bis er
denkt, es sei «nun endlich tot». Er ruft den Mittäter, um den
Jungen weiter in den Wald zu tragen. Murat gibt wieder Atemgeräusche
von sich, Murat lebt. Hagen wird «wütend», geht zum Auto, holt das
Bajonett aus dem Kofferraum. Er dreht Murat auf den Bauch und sticht
ihn in den Nacken, Wunde Nr. 1, in die Schulter, Wunde Nr. 2. Noch
immer hört er ein Stöhnen, noch immer hört er ihn leben, es macht
ihn «rasend», Wunden Nr. 3, 4, 5. Laut eigenen Aussagen sagt er
dann, «der Typ stirbt einfach nicht». Jetzt dreht er Murat auf den
Rücken, stösst den Dolch in Hals, Brust, Bauch, «unzählige Male»,
wie er später den Ermittlern sagt, Wunden Nr. 6 bis 30. «Dann
dachte ich, so jetzt reicht es. Es ist vorbei.»
Keine
Menschenseele. Weit und breit.
Mittäter
Mathias B. ist am 25. Juli 2005 vom Landgericht Augsburg zu einer
lebenslangen Freiheitsstrafe und zur Sicherungsverwahrung verurteilt
worden, der höchsten Strafe, die das deutsche Recht kennt.
Haben
Sie noch Ziele, Rolf Hagen? «Mein grosses Ziel ist es, irgendwann
wieder hier rauszukommen. Dass ich irgendwann sagen kann, ‹Ciao
Thorberg›. Vielleicht in 15, vielleicht in 25 Jahren.»
Am
27. März dieses Jahres hat das Kreisgericht Thun die Verwahrung von
Rolf Hagen, die es zwei Jahre zuvor selbst verhängte, aufgehoben und
in eine stationäre therapeutische Massnahme umgewandelt.
Entscheidend für den neuen Richtspruch war, dass Rolf Hagen im
Herbst letzten Jahres eingewilligt hat, sich einer Hormontherapie zu
unterziehen, bei der die Bildung des Sexualhormons Testosteron
unterdrückt wird. Das Verfahren ist auch als «chemische Kastration»
bekannt. Die Experten des forensisch-psychiatrischen Dienstes haben
die Erfolgsaussichten der Therapie als «tendenziell positiv»
beurteilt. Rolf Hagen, so sagt sein Therapeut, sei nun dabei «vom
Mann zum Mensch zu werden».
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Patrick, 08.01.2011, 23:56 Uhr:
Ich hab den bericht damals auf einer andren seite gelesen und ich fande es ja ich kanns net ausdrücken... wie kann man nur son typen in schutz nehmen und schreiben ja es tut mir leid für den armen jungen und so... ich kannte ihn... sehr gut sogar und ich muss sagen man müsste diese leutz mitm tode bestrafen doch da ich weis das uns das selbst zu mördern machen würde vergas ichs obwohl sies verdient haben... doch eines tages wird ihnen noch die gerechte strafe kommen brettschneider und hagen... und ich hoffe das sie es aufs tiefste bereuen ihn umgebracht zu haben ich weis wie sich seine mutter fühlte wie sich unsere mitschüler und freunde fühlten selbst meine freunde fühlen mit die die ihn nicht kannten... und das will was heißen
ali, 23.11.2010, 09:50 Uhr:
wie kann ein gericht die sicherheits verwahrung auf heben .ein mörder pleipt ein mörder wen man sagt das ist gerecht dan bin schockiert über solche lage. auch der richter und die sichologen tragen eine mietschuld des verbrechen den sie gehen richtig gegen solche verbrecher vor mann solte solche verbrecher für immer weg speren für die ewig keit
David, 30.09.2010, 01:55 Uhr:
Mit größtem Abscheu und Wut las ich von diesem grausamen Mord an Murat.
Seine Mörder sind perverse abscheuliche Psychopathen,die sollten lebenslänglich in der Psychiatrie eingesperrt bleiben;
ansonsten wird in 20 jahren wieder ein armer Junge als
Mordopfer enden!
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