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Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.
Marian Blasberg
Die
Sache mit B. kann ich nicht vollständig erzählen, denn ich war
nicht die ganze Zeit dabei.
Es
war eisig kalt an diesem Wintersonntag 18 Jahre nach der Wende, als
sich Karlheinz Schädlich mit einem Revolver in der Hand zu einer
Bank im schicken Ostberliner Bötzow-Viertel schleppte. Auf einem
Bolzplatz in der Nähe spielten Kinder, und durch die kahlen Äste
der Kastanien leuchtete der Abendhimmel. Man müsse den Revolver im
45-Grad-Winkel am Mund anlegen und auf den Gaumen zielen, hatte
Schädlich Freunden gegenüber mal erwähnt. Jetzt brabbelte er nur
noch wirres Zeug.
Um
kurz nach sechs hallte ein dumpfer Knall durch dieses Viertel, wo man
einen alten Mann wie ihn gewöhnlich übersieht.
Karlheinz
Schädlich starb am 16. Dezember 2007, noch bevor der
Rettungshelikopter landete, durch die Kugel einer Smith and Wesson.
In seinem Rücken stand ein öffentliches Klo.
"Der
Stasi-Mann, der Günter Grass verriet, tötete sich selbst auf einer
Parkbank", titelte am nächsten Tag der Boulevard.
Wenn
es nur Grass gewesen wäre.
14
Jahre lang hatte Schädlich, Deckname "Schäfer",
Registriernummer XV/7470/75, aus dem politischen Untergrund der DDR
berichtet. Er hatte sich in den Freundeskreis des eigenen Bruders
eingeschlichen, der ein bekannter Schriftsteller war, und hatte über
die Schwester ausgesagt. Er hatte seine Familie zerstört und sich
eine Verdienstmedaille des Ministeriums für Staatssicherheit
erworben, weil durch seinen "wesentlichen Beitrag" ein
"Operativvorgang zum Abschluß" gekommen war, die
Auszeichnung erfolgte durch Befehl Nr. K 4834/79. Geredet hatte
Schädlich darüber nie. Er war ein Leben lang ausgewichen. Jetzt
hatte er sich endgültig weggeduckt.
"Vielleicht
war es Scham", schrieb die Welt, aber eher wirkt Schädlichs
Schuss wie eine letzte Inszenierung. Wie ein Ausrufezeichen hinter
eine Diktatur, die ihre eigene Elite gebrochen hat.
Die
Polizei behandelte den Fall in ihrer Akte als "Bilanzsuizid".
Das war ein Schluss, den ein ratloser Beamter zog, nachdem er sich
mit Julia unterhalten hatte. Ihre Adresse stand auf einem Zettel, der
in Schädlichs Manteltasche steckte. Julia, die ihren Nachnamen nicht
in der Zeitung lesen möchte, war der Mensch, der ihm zuletzt am
nächsten war. Julia ist gerade einmal 33 Jahre alt.
An
einem regnerischen Montag Ende Januar stapft Julia mit gesenktem
Blick durch die voll besetzten Reihen einer Friedhofskapelle im
Prenzlauer Berg. Drei Männer spielen Swing, und vorn neben der Urne
duften Blumen. Als Julia an das Pult tritt, klammert sie sich mit den
Händen an ihr Redemanuskript. Sie schluckt. Dann hebt sie ihren Kopf
und sagt: "Gar nicht so einfach, über jemanden zu reden, den
ich nur so kurze Zeit begleiten durfte. Zehn von 76 Jahren, was ist
das schon?" Dann hält sie inne, räuspert sich, ihr Leben ist
gerade ziemlich aus den Fugen.
In
den Bänken hocken Menschen, von denen sie die meisten noch nie
gesehen hat, Schädlichs Schwester; seine Exfrau Lisa, die das
Moderessort der DDR-Zeitschrift Sibylle leitete; das Christianchen
ist gekommen, mit dem Schädlich mal eine gefährliche Affäre hatte;
der Historiker Fritz Klein, sein Vorgesetzter am Zentralhistorischen
Institut an der Akademie der Wissenschaften; und Joachim Jauer, der
lange das ZDF-Büro in Ost-Berlin geleitet hat.
Es
ist ein seltsames Ensemble, das sich in die Kapelle drückt. Da
sitzen Menschen, die man vor 30 Jahren in der Ständigen Vertretung
der Bundesrepublik in Ost-Berlin hätte treffen können. Angehörige
und Freunde, die betroffen waren vom Verrat, aber die Trauerworte
spricht eine junge Frau aus dem Westen, die diese Dinge nur vom
Hörensagen kennt. Er hat ihr nie davon erzählt.
"Wollen
Sie eigentlich, dass ich weiterspreche?", fragt Julia mit leiser
Stimme. Sie hat ein hübsches, zierliches Gesicht, die Haare trägt
sie kurz geschnitten. Draußen nieselt es.
Worüber
Julia sprechen kann, das ist nur die eine Hälfte seines
Doppellebens. Das ist der Kauz, der in der Jazzbar, wo sie damals
kellnerte, allabendlich im feinen Tweedjackett am Tresen stand und in
den Zeitungen des nächsten Tages blätterte. Der Geschichten zu
erzählen wusste wie kein anderer, über Geheimagenten, Trenchcoats,
über den schwulen Tänzer Rödel, der im Krieg bei seiner Familie
untergekommen war und ihm die BBC vorspielte.
Vorn
in der Kapelle, zwischen den Blumen, steht ein Ölgemälde. Es zeigt
Schädlich an einer Straßenecke, um seinen Hals baumelt ein
Fotoapparat, unter dem Arm klemmen ein Spiegel und eine Vogue, am
Rand eine Blondine, die sich nach ihm umdreht. Es ist ein Bild, das
Schädlich zeigt, wie er sich selber sah, ein Flaneur, weltoffen und
geistreich. " Die Geschichte", sagt Julia, "sah er als
eine Abfolge von Kriminalfällen", und man fragt sich, was sein
Bruder davon halten würde. Hans Joachim Schädlich fehlt an diesem
Tag. Er nimmt in Bremen einen Literaturpreis entgegen.
Solange
alles klar war, lernte ich von B., dass es Männer aus Schnee gibt,
woraus ein Drachen besteht, wie man nicht absäuft und wieso 6 durch
2 geteilt werden kann, schrieb Hans Joachim Schädlich Anfang der
Neunziger, kurz nachdem die Beziehung zu Karlheinz zerbrach, in
seiner Erzählung Die Sache mit B.
"B"
wie Bruder.
Am
Tag nach der Beerdigung geht Julia noch mal auf den Friedhof. An der
Stelle, wo Schädlich anonym bestattet wurde, steckt sie einen
Blumentrichter in den Matsch, damit sie dort im Frühling etwas
pflanzen kann. Sie zupft ein wenig an den Kranzschleifen herum. Am
Nachmittag sitzt sie, wie so oft in vergangenen Tagen, auf dieser
Bank im Bötzow-Viertel. Als würde ihr der Ort noch eine Antwort
schulden.
"Bilanzsuizid",
sagt sie. " Was weiß denn ich?" Julia weiß gerade gar
nichts mehr.
In
der Woche zuvor war sie fast jeden Tag in seiner Wohnung. Hat geputzt
und aufgeräumt und dabei einen Teil der Stasiakte aufgetan. Sie
blätterte darin, es ging um ein Privatbüro von Grass, vermerkt
waren die Öffnungszeiten, 10 bis 16 Uhr. Es sagte ihr nicht viel.
Später stieß sie auf zwei Briefe, adressiert an Grass und an den
Spiegel, darin die Wörter Angst, Verzweiflung, Reue. " Der
vertraute Freund", sagt sie, "wird langsam fremd."
Seitdem
er nicht mehr da ist, fragt Julia sich, wer dieser Mann war, den sie
an einem Abend vor zehn Jahren in der Jazzbar kennenlernte. Sie war
damals zum Studieren nach Berlin gezogen, und nach der Schicht saß
sie mit ihm noch auf ein Bier am Tresen. Sie erzählte ihm, dass sie
mit sieben angefangen hat zu rauchen. Dass sie mit elf gekifft hat
und mit zwölf ihr Kaff bei Wiesbaden verlassen hat, um nicht wie
ihre Freunde auf die schiefe Bahn zu kommen. Schädlich sagte ihr,
dass er es bewundere, wie mutig sie als Kind gehandelt habe. Möglich,
dass er etwas in ihr sah, was er nicht hatte.
Als
die Bar geschlossen wurde, trafen sie sich jede Woche im Café.
Schädlich genoss es, wenn die Leute dachten, Julia sei seine
Geliebte. Manchmal rief er an, um sie auf eine Fernsehsendung
hinzuweisen, er schickte Ausrisse aus der Titanic. Es schien, als ob
er die Wendejahre gut verkraftet hätte.
Seit
der Abwicklung des Instituts, an dem er über Englische Geschichte
forschte, verfasste er gelegentlich Artikel für das Neue
Deutschland, er schrieb über Kim Philby, der im Zweiten Weltkrieg
die Abteilung Auslandsspionage des britischen Geheimdiensts leitete,
obwohl er für die Russen spionierte, und über den Baron zu Putlitz,
der englischen Agenten Hitlers Aufmarschpläne steckte. Manchmal
begleitete ihn Julia zu Vortragsreisen nach Bad Saarow, in die
Uckermark, nach Hiddensee, und unterwegs nahm Schädlich sie dann mit
in seine Glitzerwelt. Erzählte ihr von seinen Nachmittagen beim
Baron zu Putlitz; von den Briefen, die er sich mit Philby schrieb;
von den Dissidenten Robert Havemann, Wolf Biermann, Manfred Krug, die
er persönlich kannte; von all den Mädchen, die er vom Bordstein weg
aufs Cover der Sibylle gebracht hatte. Julia glaubt, dass Schädlich
in der grauen DDR geschillert haben muss, doch jedes Mal, wenn sie
ihn drängte, das alles einmal aufzuschreiben, hat er abgewinkt.
"Dummer
alter Mann", sagt sie.
Julia
begreift erst jetzt, dass Schädlich eine Freundin brauchte, die
seine Vergangenheit nicht kannte. Neulich war sie mit seiner
Schwester aus. Beim Aufräumen der Wohnung hatten sie etwas Geld
gefunden, die Schwester sagte: "Jetzt lassen wir uns mal
zusammen von ihm einladen." In all den Jahren waren sie sich nie
begegnet. Schädlich schickte seine Schwester weg, wenn Julia kam,
doch jetzt, beim Inder, öffnete sie Julia das Tor zu einer Welt, das
er verschlossen gehalten hatte. Was sich auftat, war ein Abgrund.
Hannelore
Dege hat immer wieder den Kontakt zu ihrem Bruder gesucht. Die
Schwester, selbst verraten, war eine der wenigen, die ihn immer
wieder fragten, auch wenn ihn die Fragen quälten.
Bis
zu ihrer Pensionierung war Dege Anästhesistin. Sie lebt seit mehr
als 30 Jahren in einem gepflegten Plattenbau am Stadtrand von Berlin.
Wer sie dort besucht, trifft eine aufgeräumte Dame von 71 Jahren mit
Lockenkopf und einem sehr lebendigen Gesicht.
Es
hatte Monate gedauert, ehe Hannelore Dege in einer E-Mail schrieb,
dass sie genug Abstand habe, um mit einem Fremden ein Gespräch zu
führen. Der Tod des Bruders, sagt sie, habe vieles wieder
aufgewärmt, die Gespräche, die sie führte, mit seinen Freunden,
mit Julia, durch die sie nun erfuhr, wohin er all die Jahre
ausgewichen war, wenn sie sich auseinandersetzen wollte. " Wenn
man so will", sagt sie, "hat er ein doppeltes Doppelleben
geführt, eins vor der Wende und eins danach."
Dege
ist eine Frau, der es nicht leichtfällt, loszulassen. Viele ihrer
Möbel standen schon in ihrem Elternhaus, einer herrschaftlichen
Villa im vogtländischen Reichenbach. Vielleicht muss man dorthin
zurück, um zu verstehen, an den Anfang der Geschichte.
Karlheinz
wuchs als ältestes, Hannelore als jüngstes von vier Geschwistern
auf. Ihr Vater führte einen Wollhandel und starb früh. Niemand,
sagt Dege, habe darunter so gelitten wie Karlheinz. Plötzlich fehlte
ihm der Mensch, der ihn beschützte, der seine NSDAP-Kontakte spielen
ließ, damit der Junge nicht zum Jungvolk musste. Karlheinz hasste
es, die Hänseleien, die Geländespiele. Lieber las er Bücher über
Mode, spielte mit Kameras und ließ die kleine Schwester auf dem
Dachboden posieren. Die Mutter, überfordert mit dem alltäglichen
Kampf ums Überleben, wollte, dass er von der Schule geht und Geld
verdient. In diesen Jahren nach dem Krieg muss er sich selbst
verloren haben.
Schädlich
lebte rastlos. Acht Monate verkaufte er in Leipzig Lebensmittel, dann
war er Erntehelfer im Westen. Zog weiter, fand in Fürstenwalde eine
Anstellung im Reifenwerk, bewarb sich 1951, am Ende dieser Odyssee,
am Ostberliner Institut für Lehrerausbildung und schrieb sich für
ein Fernstudium im Fach Geschichte ein. Sein Staatsexamen machte er
fünf Jahre nach der Schwester. Da stand die Mauer schon vier Jahre.
Schädlich hatte nun etwas gefunden, wozu er sich berufen fühlte. Er
promovierte an der Akademie der Wissenschaften und stieg in
intellektuelle Kreise auf.
Das
Verhältnis zur Schwester war recht eng in dieser Zeit. Dege holt ein
Album aus dem Arbeitszimmer und zeigt Fotos, die er von ihr
aufgenommen hat. " Zu diesem Kurzhaarschnitt", sagt sie,
"hat er mich überredet." Den Nicki, den sie trägt, hat er
ihr mitgebracht, aus dem Westen, wie so vieles.
Schädlich
hat sie ausstaffiert, mit Büstenhaltern, Röcken, hat sie versorgt
mit Tonbändern von Biermann und einem Buch von Havemann. Er hat sie
überredet, trotz ihrer vielen Nachtdienste mit ihm auszugehen, ihn
zu Abendessen zu begleiten, zu denen auch Journalisten aus dem Westen
kamen. Es war aufregend, sagt Dege, Teil dieser Boheme zu sein. Und
manchmal gab ihr Bruder damit an, dass ihm Günter Gaus, der Ständige
Vertreter Bonns in Ost-Berlin, auf einem Empfang gesagt habe, er
könne sich auf ihn verlassen, wenn es Probleme gebe.
Es
hätte leicht Probleme geben können. Schädlich wusste das. So oft
hatte er auf die kleinbürgerlichen Verhältnisse in der DDR
geschimpft. Es war bekannt, dass er als Lehrer mit dem minderjährigen
Christianchen angebandelt hatte. Dem Zoll war aufgefallen, dass er
aus Polen Pelze in die DDR schmuggeln wollte. Als im August 1968 in
Prag russische Panzer auffuhren, hatte Schädlich eine Protestnote
unterschrieben, und seitdem er promovierte, gab es diesen
Briefwechsel mit Philby, den ihm der KGB schließlich verbot.
Schädlich
hätte wissen müssen, dass er sich erpressbar machte. Er hätte
ahnen können, dass sein Telefon abgehörte wurde, aber er sprach
darüber nicht. Vielleicht stand zu viel auf dem Spiel.
Schädlichs
Stelle war für ihn wie maßgeschneidert. Mehr Freiheit war in der
DDR kaum möglich. Er konnte sich in seine Forschungen vertiefen,
konnte nach Ungarn reisen, um Archive zu besuchen, er verdiente
überdurchschnittlich, und weil er in der Woche nur an zwei Tagen
Präsenzpflicht hatte, blieb genügend Zeit, um nebenbei in der
Sibylle über Tweedjacketts zu schreiben. In keinem anderen Land war
es so leicht zu schillern wie in dieser grauen DDR, so lange
jedenfalls, wie man sich an die Regeln hielt.
B.
interessierte sich angelegentlich und misstrauisch. Womöglich passt
es hierher: B. gehörte der staatlichen Partei an.
Schädlichs
Bruder Hans Joachim verließ die DDR 1977. Im Jahr zuvor hatte er
gegen die Ausweisung Wolf Biermanns protestiert und später seinen
Erzählband Versuchte Nähe im westdeutschen Rowohlt Verlag
veröffentlicht, woraufhin die Stasi aufmerksam notierte, dass Günter
Grass ihn während mehrerer Begegnungen dazu ermuntert habe, die
Verhältnisse im Land so schonungslos wie möglich bloßzustellen. Er
wurde jetzt, wie Grass, "operativ bearbeitet", wegen
"staatsfeindlicher Hetze". Er hatte seine Existenzgrundlage
in der DDR verloren.
Die
Brüder trafen sich fortan in Budapest, in Prag, in West-Berlin. Hans
Joachim war in Sorge, Karlheinz könne seinetwegen Probleme bekommen.
Man hatte ihn aus der Partei geworfen, weil er sich nicht vom Bruder
distanziert hatte, aber Karlheinz sagte, es erleichtere ihn. Er
wirkte unverdächtig, dem System zu nahe zu sein, auch deshalb machte
Hans Joachim ihn mit Grass bekannt.
Schädlich
besuchte Grass mehrmals in dessen Westberliner Büro, die
Öffnungszeiten: zwischen 10 und 16 Uhr. Der Schwester brachte er
eine Gesamtausgabe von Grass' Werken mit, und im Frühjahr 78 bat
Hannelore ihn, Grass zu fragen, ob der nicht im privaten Rahmen eine
Lesung halten wolle.
Grass
las damals oft in Ost-Berlin. Er hatte keinen Grund, misstrauisch zu
sein, als Schädlich ihn am frühen Abend des 16.Juni am Bahnhof
Friedrichstraße abholte. Sie fuhren in die Wohnung eines
Anästhesisten, wo 40 Gäste warteten, die meisten oppositionell
gesinnte Ärzte. Grass las eine Stunde aus dem Butt, und
währenddessen rutschte Schädlich so nervös auf seinem Stuhl herum,
dass seine Schwester glaubte, er habe irgendwas geschluckt.
Am
30. Oktober 1979 erhielt Schädlich aus der Hand von Erich Mielke die
Verdienstmedaille der NVA in Bronze.
Am
12. Dezember 1989, einen Monat nach dem Fall der Mauer, vermerkte
Major Salatzki, dass die "offene und ehrliche Zusammenarbeit
wegen Perspektivlosigkeit" abgebrochen werde.
Alles
war nun anders.
Ein
Dutzend Jahre nach meinem Verschwinden tauchte ich im ehemaligen
Einheimischen auf, weil es die Grenze plötzlich nicht mehr gab. Ach,
war das ein "Guten Tag! Wie geht's dir?" Ich war zwar ein
Auswärtiger, aber als ich B. traf, war mir fast heimisch zumute.
Nichts
war anders.
Zwei
Jahre hätte Schädlich Zeit gehabt, etwas zu sagen. Zwei Jahre, in
denen sich viele andere das Leben nahmen, weil sie ahnten, dass
irgendwann etwas ans Licht kommen würde. Schädlich schwieg und
lebte weiter, so als hätte es das alles nicht gegeben.
An
einem Winterabend 1992 klingelt bei Hannelore Dege das Telefon.
"Weißt
du noch?", fragt Hans Joachim, der gerade in der Gauck-Behörde
war, "wer in Budapest mit uns gefrühstückt hat?"
Dege
versucht sich zu erinnern. " War das nicht Karlheinz?"
"Wer
wusste, worüber wir in Prag gesprochen haben?"
"Karlheinz,
glaub ich, sonst niemand."
Jetzt
ist es raus.
"Warum?",
fragt ihn die Schwester ein paar Tage später, aber Schädlich blickt
nur stumm auf seinen Tisch. " War es deine Faszination für die
Geheimdienste? War's Neugier? Dein Prominentenwahn? War es das
Ambiente, in dem ihr euch getroffen habt?" Er hebt die
Schultern. Sein Verlag, brummt Schädlich irgendwann, habe ihm
gesagt, er solle gleich ein Buch über die Sache schreiben. Sie
hätten auch schon einen Titel: "Ich war ein Spitzel". Dege
ist außer sich. " Jetzt willst du auch noch Geld damit
verdienen, was?", sagt sie. " Und das, bevor du dich
erklärst!"
Ein
paar Tage darauf teilt Schädlich seiner Schwester schriftlich mit:
"Das Charakterbild von mir, das Du hier kürzlich mühelos
entworfen hast, trifft in allen Teilen zu." Er bittet sie, es
für ihn aufzuschreiben. Er könne es vielleicht gebrauchen, für
sein Buch.
Dege
zieht sich nun zurück. Sie schämt sich für den Bruder. Fühlt sich
mitschuldig. Sie sagt: "Es kommt mir heute vor, als hätte ich
mich damals wie ein Kind verhalten, das misshandelt wurde und den
Täter trotzdem in Schutz nimmt."
Sie
ruft die Ärzte an, die sie zur Lesung eingeladen hatte, versucht zu
erklären, wiedergutzumachen, irgendwie. Dem Gastgeber der Lesung,
der malt, hilft sie, einen Raum zu finden, wo er seine Bilder zeigen
kann. Sie kauft ihm eines ab, den Oderbruch in Öl, recht düster. Es
hängt heute versteckt hinter der Tür zum Arbeitszimmer.
Als
Dege ihre eigene Akte einsieht, muss sie erkennen, dass sie selbst
zwei Jahre lang im Visier der Stasi war. Einige der Ärzte waren aus
Neuruppin, das damals als ein Nest von Republikflüchtlingen galt,
zur Lesung angereist, und aufgrund der Aussage des Bruders
interessierte man sich nun dafür, ob sie mit diesen Dingen irgendwas
zu tun habe.
"Viel
schlimmer aber", sagt sie, "war, dass ich jetzt nicht mehr
wusste, wer ich all die Jahre für ihn war. Eine Statistin, in deren
Begleitung er sich unauffällig wähnte? Mit der er sich auf all den
Einladungen schmückte?"
Nach
Jahren sucht sie wieder den Kontakt. Schreibt ihm, dass sie nicht
einsieht, dass die Stasi ihr den Bruder nimmt. Will wissen, warum er
sich so eingesetzt hat für die Treffen mit Hans Joachim. Ob es sein
Auftrag war. " Gequirlte Kacke", schreibt Schädlich zurück
und geht wieder in Deckung. Ruft nur an, um Fernsehsendungen zu
empfehlen. Schickt Ausrisse aus der Titanic. Sagt, dass er die
Familie nicht brauche, und verschweigt, dass er längst eine neue
hat. Julia und ihre Freunde.
B.
wurde übel, er sagte: "Ja, es ist wahr. Was soll ich jetzt tun.
Du warst nicht der Einzige, über den ich geredet habe. Du warst
nicht einmal der Wichtigste." Ich sagte: "Das glaube ich,
ich habe es gesehen. Geh zu den anderen und sage ihnen: >Ja, es
ist wahr.<"
Karlheinz
Schädlich spricht mit Jauer. Er sagt ihm, er habe eigentlich nur
Gutes über ihn erzählt.
Schädlich
spricht auch noch mit anderen, doch was er sagt, bleibt vage. Es
klingt nach Ausrede, wenn er die Angst erwähnt, im Freundeskreis
verbrannt zu werden; wenn er beschreibt, wie hundeelend es ihm ging
vor dem Rapport. Einmal erzählt er der Schwester von den Treffen mit
Salatzki, seinem Führungsoffizier. Salatzki, ein Jurist, empfing ihn
jeden Monat in einer Villa. Er bot ihm Cognac an, und Schädlich
blieb einige Stunden. Kotzte sich aus. Konnte über alles reden, wie
damals mit dem Tänzer Rödel, wie mit Putlitz, wie mit seinem Vater,
der so früh verstarb. Danach war die Angst zwei Wochen weg. Es
scheint, als habe er sich mit dem Teufel eingelassen, um ihn
loszuwerden.
Es
ist nicht leicht, die Widersprüche zu entwirren, festzustellen, wie
sehr Schädlich Opfer war und wie sehr Täter. Auf vielen
Aktenblättern führt Salatzki die "belastenden Momente"
auf, die über Schädlich selbst gesammelt wurden, aber diese
Drohkulisse muss er beim Anwerbungsgespräch nicht anwenden. Salatzki
notiert, dass sich "Dr. Sch., ohne zu zögern, bereiterklärte,
mit dem MfS zusammenzuarbeiten", vermutlich weil er ahnt, dass
seine Stelle auf dem Spiel steht. Sie hängen ihm eine Medaille um,
weil durch seine Mithilfe angeblich ein Republikflüchtling enttarnt
und festgenommen wurde, und gleichzeitig bemängeln sie, dass er über
ein Buch des Bruders erst berichtet, als dieses schon erschienen ist.
Es heißt, er erfülle seine Aufgaben "ohne besondere
Initiative". Jetzt braucht Salatzki seine Drohkulisse.
Schädlich,
dem sonst so sehr daran gelegen war, sich abzuheben, handelte unter
den Bedingungen der Diktatur wie ein Durchschnittsspitzel. Es gab
andere, die mehr erzählten, und welche, die sich weigerten.
Schädlich hat versucht, sich durchzumogeln.
Zu
mir hat er gesagt: Was soll ich jetzt tun? Ich sagte: Ich weiß es
nicht.
Wenn
man Hannelore Dege auf ihren Bruder Hans Joachim anspricht, schweigt
sie. Man ahnt, dass er nicht versteht, dass sie es nicht aufgegeben
hat, Erklärungen zu fordern. " Karlheinz", sagt sie, "hat
noch immer etwas Trennendes, auch jetzt nach seinem Tod."
Für
Julia vermischen sich die Welten jetzt.
An
einem Tag im Mai ist sie wieder mal in Schädlichs alter Wohnung. Sie
räumt auf, weil bald ein Freund von ihr hier einzieht. In den engen
Räumen hängt noch der Geruch von Pfeifentabak, er hängt in den
Hemden, in den Mänteln, in den vergilbten Seiten seiner Bücher. 40
Jahre lang hat Schädlich hier gewohnt, er nannte es sein "Wohnklo".
Auf dem Küchentisch liegt noch der Tagesspiegel von dem Tag, an dem
er sich erschoss.
Julia
kramt in alten Kisten. Sie findet seine Pässe und wundert sich über
die vielen Visa aus dem Westen. Dann gräbt sie ein Tonband aus und
spielt es ab. Gloomy Sunday, das Lied der Selbstmörder. Dann
Schädlichs müde Stimme, die verkündet, dass er jetzt das
Telefonbuch vortrage, von A bis Z. Julia fängt an zu weinen.
Entlang
der Wände türmen sich die Bücherstapel: Brecht, Tucholsky und
Fontane, diverse Lexika, Geschichte, "Drittes Reich".
Zweitausend Bücher, aber keins von seinem Bruder, nichts über die
DDR, nichts über die Stasi. Als hätten dieses Land und seine
Spitzel niemals existiert.
Schädlich
hat es Julia erst gebeichtet, als es nicht mehr zu verdrängen war.
Ende 2006, ein Jahr vor seinem Tod, stand im Spiegel ein Artikel, in
dem die Rede war von neuen Dokumenten, die Aufschluss gäben über
die "Stasi-Jagd auf Günter Grass". Die Spitzel, hieß es,
hätten sich in einer geheimen Operation namens "Bolzen" an
Grass herangewanzt, und einer der erfolgreichsten sei ein gewisser
Schädlich gewesen. Der aber sei für eine Stellungnahme nicht
erreichbar gewesen.
Schädlich
war kurz zuvor in die Psychiatrie eingeliefert worden. Es hatte ernst
geklungen, als er davon sprach, sich umzubringen. Der Verfall des
Körpers hatte ihn depressiv gemacht. Er konnte kaum noch laufen,
seine Nieren schmerzten, und die Ohren hatten sich entzündet,
nachdem er gegen das Geschrei der Nachbarskinder Ohropax genommen
hatte.
Als
Julia ihn in der Klinik anrief, erzählte er von dem Artikel. "
Jetzt wissen Sie es also auch", krächzte Schädlich in den
Hörer. Julia versuchte, ihn zu beruhigen. " Herr Schädlich",
sagte sie, "ich mag Sie trotzdem. Wir alle machen Fehler."
Julia
hat nicht nachgefragt. Nie hatte sie nachgefragt. Sich immer nur
gewundert. An dem Tag, an dem er Egon Krenz im Bundesarchiv grüßte.
An dem Abend, als sie in der Jazzbar jemand fragte, ob der Mann am
Tresen nicht der "Schädling" sei. Jetzt fragt sie sich, ob
sie genauer hätte hinsehen müssen. Ob das nicht ihre Aufgabe als
Freundin gewesen wäre, viel mehr, als ihn zu trösten.
Möglich,
dass sie so überfordert war wie viele andere, deren Freund plötzlich
ein Spitzel war. Was wusste sie schon über die Stasi, über Grass?
Jetzt geht es Julia so, wie es der Schwester ging vor 15 Jahren. Auch
Julia ist sich nicht sicher, ob sie je mehr war als eine Statistin.
Ein Zeitvertreib, mit dem er seine Schuld verdrängte. " Hätte
ich Idiot mal nachgebohrt", sagt sie.
Die
Schwester hat gebohrt, auch im letzten Jahr. Nach dem
Klinikaufenthalt, als Schädlich klären wollte, ob aufgrund seiner
Berichte tatsächlich jemand festgenommen wurde, half sie ihm. Sie
recherchierte Telefonnummern, und Schädlich rief die Leute an, er
fragte: Warst du im Gefängnis? Es klärte sich nicht auf. Er rief
seinen Bruder an, um ihm nach 15 Jahren zum Geburtstag Glück zu
wünschen, aber sie redeten kaum eine Viertelstunde.
Schädlich
schrieb an Grass, acht Zeilen, und annähernd das Gleiche an den Mann
vom Spiegel, der ihn damals nicht erreichte: "Ich habe einen
langen Brief inzwischen auf die Hauptsache verkürzt: Ich bereue, was
ich getan habe, und schäme mich für meine Angst und Feigheit. Reue
ist das, was zu spät kommt, Wiedergutmachung geht nicht. Ich kann es
mir selbst kaum verzeihen."
Der
Brief wird niemals abgedruckt.
Vielleicht
war es zu spät, ein halbes Jahr nach dem Artikel. Vielleicht gab es
nach 18 Jahren keine Worte mehr, die angemessen gewesen wären.
Irgendwann war diese Sache viel zu groß für einen Mann, der über
alles reden konnte, nur nicht über sich.
"Er
sah wie ein Wrack aus", sagt Joachim Jauer, der ihn kurz vor
seinem Tod zuletzt getroffen hat. " Er wälzte sich im Dreck",
sagt Fritz Klein, sein Chef am Institut, den Schädlich bewunderte,
weil er sich gleich nach der Wende als IM geoutet hatte. " Er
wollte mit sich selbst nichts mehr zu tun haben", sagt seine
Schwester, die er darum bat, ihm einen Tablettencocktail zu besorgen.
Hannelore
Dege tat es nicht. Stattdessen suchte sie nach Haushaltshilfen, nach
mobilen Diensten und betreuten Wohnanlagen, aber Schädlich spottete
darüber nur, dass er die heldenhafte Schwester wohl enttäuschen
werde.
Am
Nachmittag des 16. Dezember 2007 ruft Schädlich Julia an und sagt,
dass er von seiner Beerdigung geträumt habe, von Jazzmusik und
Blumen. Danach wählt er die Nummer seines Zeitungsboten. Schädlich
bittet ihn, die Zeitungen vom nächsten Tag an durch den Türschlitz
zu stecken. Er sei jetzt eine Weile fort.
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