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Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.
Es
wird ein Tag sein, wie alle ihre Tage waren, seit fünf Jahren. Es
wird diesen kurzen, glücklichen Moment nach dem Aufwachen geben,
wenn sie die Augen aufschlagen will, wenn sie glaubt, dass alles wie
früher sei. Aber die Dunkelheit weicht nicht, eine kurze Panik, ein
Gefühl von Verzweiflung, dann wird sie wieder wissen, was zu tun
ist.
Sie
wird nach dem schwarzen Umhang tasten und dem Kopftuch. Ein Taxi wird
sie ins Gefängnis fahren am Rande der Stadt. Man wird sie an sein
Bett führen. Sie wird sein Gesicht ertasten, mit ruhiger Hand die
Pipette halten. Sie wird ihn nicht sehen können, wie er vor ihr
liegt, festgeschnallt, betäubt, machtlos. Ob er leidet, wie sich die
Säure in seine Netzhaut frisst, ob er doch etwas spürt und zuckt
und strampelt. Sein Anblick wird ihr erspart bleiben, sie glaubt, das
werde ihr die Tat erleichtern.
Am
Ende des Tages wird sie ihr Buch vollenden, an dem sie seit Monaten
arbeitet. Ein Buch über das verwüstete Leben der Amene Bahrami.
Blinde, Rächerin, erst Opfer, dann Vollstreckerin. Das letzte
Kapitel ist noch ungeschrieben, es soll im Buch ganz am Anfang
stehen.
Wenn
sich Amene Bahrami den Tag ihrer Rache ausmalt, huscht ein flüchtiges
Lächeln über ihr Gesicht. Es ist das Lächeln in einer Fratze. Es
wächst kein Haar mehr in diesem Gesicht, die Haut ist bleich und zum
Reißen gespannt. Wie Kletterpflanzen an einer Hauswand im Winter
ziehen sich wulstige Narben über die Stirn, die Wangen, das Kinn,
den Hals. Dort, wo früher dunkle Augen unter sanft geschwungenen
Brauen lagen, klaffen jetzt Höhlen. Das linke Auge ist zugewachsen
mit Narbenhaut, das rechte ist aus Glas.
Tausende
Male hat Amene diesen Tag im Geiste geprobt, Tausende Male ihre
eigenen Lider mit den Fingern auseinandergezogen und vergebens
Medizin hineingeträufelt. Sie fühlt sich vorbereitet.
Wird
sie Frieden finden nach der Tat, wird die Tat ihr Leben retten? "Es
geht nicht um mich", sagt Amene, "mein Leben ist zerstört.
Ich will keine Rache, ich will den Männern in Iran eine Lehre
erteilen. Würde noch eine Frau mit Säure verätzt, könnte ich mir
das niemals verzeihen."
Amene
Bahrami ist 31 Jahre alt, eine stolze, tapfere Frau, keine Zauderin.
Sie hat sich entschieden, sie beharrt auf ihrem Recht auf Rache an
ihrem früheren Kommilitonen Madschid Mowahedi, der sie mit
Schwefelsäure übergoss, ihr Gesicht verwüstete, ihre Schönheit
hinrichtete. Er tat es aus verschmähter Liebe, damit kein anderer
Mann sie je besitzen werde. Er tat es vor fünf Jahren in Teheran, an
einem Herbsttag zur Fastenzeit.
Amene
darf, was sie plant, seit ihr der Oberste Gerichtshof in Teheran im
November 2008 das Recht auf Vergeltung zusprach. Sie hat es
schriftlich, ein 30-seitiges Urteil, von ihr selbst unterschrieben.
Sie hätte auch Blutgeld, eine Art Ausgleichszahlung, von 40 000 Euro
annehmen können, aber sie besteht auf dem Vollzug des islamischen
Scharia-Gesetzes. Sie darf Madschid Mowahedi dasselbe zufügen, was
er ihr angetan hat. Sie will ihn blenden, beidseitig. "Auge um
Auge, Zahn um Zahn", so steht es schon im Alten Testament. Nach
Teheran fliegt sie nur für diesen Tag, dann kehrt sie nach Spanien
zurück, ihre neue Heimat.
Es
ist ein milder Frühlingsmorgen, Amene sitzt in einem Straßencafé
im Hafenviertel von Barcelona. Sie hört das Meer, spürt die Brise,
riecht an einer Rose, die ihr jemand in die Hand gedrückt hat.
Menschen bleiben stehen und starren sie an. Nach Spanien kam sie vor
vier Jahren, 17 Operationen hat sie hinter sich. Seit fünf Jahren
gleicht ihr Leben einer Schussfahrt, es geht rasant bergab. Nichts,
so glaubt sie, verspreche Linderung, außer ihrer Rache.
Sie
verlässt das Café und tastet sich mit dem Blindenstock in einen
Supermarkt. In Barcelona kennt man ihre Geschichte, seit sie im
Fernsehen war, an der Kasse tätscheln ihr drei spanische Frauen die
Hand. Amene hört: "Zeig's dem Hurensohn, er hat es nicht anders
verdient!"
Amene
lächelt, sie zahlt. Sie steigt erhobenen Hauptes in einen Bus, zählt
die Haltestationen, steigt aus an einer Blindenschule, dort lernt sie
Blindenschrift. Ihre Lehrerin steht an der Klassentür, die Arme in
die Hüften gestemmt, sie verweigert ihr den Zutritt. Zwei Blinde
stehen sich gegenüber, ihre Köpfe irren umher, sie suchen ihr
Gegenüber, sie können sich nur hören und schreien sich an. Die
Lehrerin ist wütend, sie zischt, sie werde Amene nie wieder
unterrichten, wegen dieser entsetzlichen Sache, die sie vorhat in
Iran.
Menschen,
die Amene begegnen, haben Mitleid mit ihr, viele verurteilen sie
auch. Sie versuchen sich vorzustellen, was sie an ihrer Stelle täten.
Was sie täten, wäre Amene ihre Tochter. Wie lebt man mit dieser
Geschichte, mit dieser Fratze? Soll sie verzeihen, wäre das
gerechter?
Sie
erzählt ihre Geschichte mit trotziger Stimme, fast herrisch, sie
spricht nun Persisch, ihre Muttersprache, da kann sie sich besser
ausdrücken, jeder Satz, den sie sagt, wird wichtig sein. "Niemand
ist in meiner Lage. Ihr habt Gesichter, Arbeit, Zukunft. Ihr könnt
nicht wissen, was gut für mich ist", diese Sätze sagt sie oft.
Ihr
Handy steckt in ihrem BH, damit es jederzeit griffbereit ist und
Journalisten sie erreichen können. Sie geht hausieren mit ihrer
Geschichte. Sie macht es nicht nur wegen des Geldes, auf das sie
angewiesen ist, seit ihr die iranische Regierung den Unterhalt
gestrichen hat. Sie will, dass die Welt von ihrem Leid erfährt, sie
hat einen Auftrag. Es ist, als wolle sie ihrem Schicksal eine
Bedeutung beimessen, diese unfassbare Tat darf nicht umsonst gewesen
sein, sie muss sich wehren, muss warnen, nur das, glaubt sie, gebe
ihrem kaputten Leben einen Sinn. Ihr Schicksal hat sie stark werden
lassen, aber auch kalt. "Mein Herz", sagt sie, "ist
aus Stein."
Amene
hat sich entschieden. Sie wartet auf den Vollstreckungstermin, ganz
Teheran wartet auf diesen Termin. Dort kreisen zwei Familien
umeinander; Kisas, das Vergeltungsprinzip der islamischen
Rechtsprechung, steht zwischen ihnen. Auch sie gehen zugrunde an
dieser Geschichte, die voller Brutalität ist und Schuldzuweisungen,
voller Rückschläge, Widersprüche und ohne Gewissheiten. Sie spielt
zwischen Archaik und Moderne in der Hauptstadt Irans, eines
repressiven Landes.
Die
Bahramis, Familie des Opfers, leben in Teherans Nordwesten,
Kleine-Leute-Gegend, laut und trubelig. Amenes Mutter Schahin, 50,
ist klein und rundlich wie ihre Tochter, sie klagt jedem Taxifahrer
ihr Leid, sie läuft Anwaltsbüros ab und Richter und buhlt um
Verständnis im Namen der Tochter. Sie sitzt im Wohnzimmer und zeigt
Fotos. Ein hübsches Kind, verhätschelt, herausgeputzt als
Prinzessin. Schönheit, diesen Eindruck gewinnt man, ist wichtig in
dieser Familie.
Amene
wuchs zur stolzen Frau heran, studierte Elektrotechnik, für Frauen
in Iran damals eine ungewöhnliche Wahl. Später machte sie Karriere
in einem Ingenieurbüro für medizinische Geräte, verdiente mehr
Geld als ihr Vater, 200 Euro im Monat. In Wirklichkeit aber sei sie
traditionell, sagt Amene, sie habe nur studiert, weil alle es taten.
Sie träumte von der großen Liebe, dem perfekten Ehemann und fünf
Kindern.
Zwei
Tage vor der Tat habe er ihr wieder aufgelauert, so sagt es die
Mutter. Dieses Jüngelchen aus der Universität, das nicht begreifen
wollte, dass Amene auf einen Besseren wartete. Das sich an sie
drängelte im Labor und sein Bein an ihrem rieb. Dessen Mutter
anrief, Amene dabei prüfte wie einen Gaul auf dem Viehmarkt, von
Hochzeit faselte und Mitgift. Zwei Jahre ging das so, die
Belästigungen wurden immer dreister.
Amene
stellte ihn zur Rede. Sie sagt, es war das erste und letzte Mal, dass
sie miteinander gesprochen haben. "Ich habe einen Verlobten",
sagte sie. Es war eine Lüge. "Er ist sehr eifersüchtig,
verschwinde aus meinem Leben."
In
der Nacht vor der Tat habe sie einen Traum gehabt, sagt Amene.
Stockdunkle Nacht, sie stieg einen Berg hinauf und schaufelte Gräber.
Am 2. September 2004 saß sie im Büro über winzige Chips gebeugt,
sie brauchte gute Augen ihre Arbeit. Nach Feierabend wollte sie in
die Moschee, es war Fastenzeit, sie ging durch den Resalat-Park im
Norden der Stadt. Sie hörte Schritte hinter sich, hörte ihren
Namen. Sie drehte sich um. Madschid hatte eine rote Plastikkaraffe in
der Hand.
Der
Schmerz traf sie wie ein Feuerstrahl, als ob, sagt sie, "man
einen Wasserkessel auf eine glühende Herdplatte stellt und die
Tropfen tanzen drum herum". Sie riss sich den Tschador vom Leib,
ging in die Knie, sah ihn weglaufen, dann war es dunkel.
Ein
Passant stürzte herbei, übergoss sie mit Wasser, es vermischte sich
mit der Säure, lief die Arme herunter, drang in den Mund, verätzte
auch Zunge und Speiseröhre. Man schleppte sie in ein Krankenhaus,
dort wussten die Ärzte nicht, was sie tun sollten. Die Mutter zog
die brüllende Tochter in ein Taxi, sie fuhren ins nächste
Krankenhaus, ins übernächste, überall wurde Amene falsch
behandelt. Ihr Gesicht wurde schwarz durch die Verbrennungen, dann
rot, die Schmerzen waren unerträglich. "Die Säure frisst
weiter", sagten die Ärzte, "viele Jahre lang."
Tag
und Nacht wachten die Bahramis an ihrem Bett. Sie fragte oft: "Wie
sehe ich aus?" Sie sagten, bald sei alles überstanden, und
versteckten jeden Gegenstand, in dem sie sich hätte spiegeln können.
Irgendwann geschah es doch, Amene ging über den Flur und blickte in
einen Toilettenspiegel, in ihr zugeschwollenes Gesicht, die Haare
versengt, das linke Auge ein Krater. Sie erholte sich lange nicht von
diesem Schock. "Allah, was habe ich verbrochen, wofür strafst
du mich?", sagte sie und verstummte für Wochen.
Amenes
Fall sorgte für Aufsehen in Iran. Der damalige Staatspräsident
Mohammed Chatami war erschüttert, ließ ihr Hilfe zukommen, 18 000
Euro. Irgendwann war das Geld aufgebraucht. Irgendwann nähten Ärzte
Amenes Augen zu und entließen sie nach Hause. Sie fühlte sich
hässlich und ungeliebt, eine Bürde für die Familie.
Das
Schlimmste, sagt Amene, "Madschid hat sich nie bei mir
entschuldigt. Er wollte mich besitzen, ich war seine Trophäe".
Am Telefon habe seine Mutter gesagt, er sei ein Mann, was er sich in
den Kopf gesetzt habe, bekomme er auch. "Das darf ich doch nicht
zulassen!", sagt Amene.
Sie
weiß es nicht besser, vielleicht konnte sie Madschid auch nicht
sehen, sein Vater jedenfalls sagt, Madschid sei am Krankenbett
gewesen, fast täglich, er habe um Verzeihung gebeten. "Warum
behauptet sie etwas anderes, denkt sie, wir sind Ungeheuer?"
Die
Mowahedis, Familie des Täters, leben im Südwesten Teherans, auch
eine Kleine-Leute-Gegend, auch laut und trubelig. Auch diese Eltern
zeigen Fotos im Wohnzimmer, es sieht so aus wie das der Bahramis,
Sitzkissen auf billigen Perserteppichen. Auf einem Foto sieht man
einen Mann mit Jungsgesicht, kantiges Kinn, Brille, Student der
Elektrotechnik, fünf Jahre jünger als Amene. Der Vater ist
Taxifahrer. In seinem gelben Peugeot fährt er oft zum Haus von
Amenes Eltern, parkt gegenüber, sitzt einfach da und starrt vor sich
hin.
An
jenem Abend wirkte Madschid verstört, sagt der Vater, er stürmte in
sein Zimmer unter dem Dach, heute eine Abstellkammer, niemand hier
rechnet mehr mit seiner baldigen Rückkehr, er war wie von Sinnen,
sagt der Vater, aß nicht, mehrere Tage lang.
Ist
es wegen Amene?, fragten seine Eltern. Oft hatte er von diesem
stolzen Mädchen erzählt, wie hoffnungslos er in es verliebt sei.
Wie es ihn provozierte, ihm seine Telefonnummer zusteckte, mit seinen
Gefühlen spielte, so sagen es die Eltern. Dann habe Amene ihn fallen
lassen, er sei schrecklich gekränkt gewesen. "Sie hatte ein
Auge auf ihn geworfen, sie hat ihn verführt", sagt Madschids
Mutter.
"Er
ist verrückt", sagt Amene. "Wertlos, verzogen, ein Irrer,
gemeingefährlich."
"Die
Polizei fasste ihn nach zwei Wochen", sagt Amenes Mutter.
"Er
stellte sich nach drei Tagen", sagt Madschids Vater.
Die
Säure frisst, ein Leben lang.
Nach
der Tat offenbarte sich Madschid seiner Mutter. Er habe die Säure in
einer Drogerie gekauft, für drei Euro. Er habe die Wirkung
unterschätzt, obwohl er sie mit Wasser verdünnt habe. Die Idee,
sagte er, komme aus der Zeitung, assid paschi, Säureattentäter,
eine neue Form der Gewalt in Iran. Seine Mutter glaubte kein Wort,
bis er einen Zeitungsartikel hervorkramte mit einem Foto von Amene.
Die Mutter brach zusammen, sie flehte ihn an, sich zu stellen. Auf
der Polizei schlug ihm der Vater ins Gesicht, heute macht er sich
Vorwürfe. Madschids Schwester wusste von seinen Plänen, er hatte
damit gedroht, sie glaubte ihm nicht.
Als
Amene nach fünf Monaten in vier Teheraner Kliniken nach Spanien kam,
das Gesicht übersät mit eitrigen Wunden, die Augen zugenäht, gab
es plötzlich eine Chance auf Heilung. Im April 2005 operierten sie
die Netzhaut des rechten Auges. Als ihr Arzt Ramón Medel die
Verbände abnahm, sah sie seinen Kittel, sein Namensschild am Revers,
sie schrie vor Glück. 15 Monate lang konnte sie sehen, nicht viel
mehr als Licht und Schatten, aber immerhin. Sie holte ihre
Spiegelreflexkamera aus dem Koffer, eine Zenit 122, entdeckte die
schöne Stadt am Meer, knipste Surfer am Strand und Blumenhändler
auf den Ramblas. Genoss die Freiheit ohne Tschador und Sittenwächter,
lernte Spanisch, lernte ein selbständiges Leben.
Ihr
wuchsen Kräfte zu, von denen sie früher nichts geahnt hatte: Sie
begriff, Schönheit ist vergänglich, und leben ist besser als
sterben. Sie war wieder ausgelassen wie früher, war glücklich über
jeden Tag, dankbar für jede weitere Operation. Ihre Zuversicht hielt
nicht an, es gab kein Entrinnen aus der Finsternis.
Präsident
Ahmadinedschad hatte die Zahlungen an Amene eingestellt. In Barcelona
konnte sie ihre Miete nicht mehr zahlen, wurde verklagt, zog zu
Nonnen in ein Studentenwohnheim, flog auch dort raus. "Du kommst
aus einem reichen Land, wir haben hier kein Öl, wir können dich
nicht länger durchfüttern", sagte eine spanische
Sozialarbeiterin und dass sie jetzt etwas Passendes gefunden habe.
Amene zog ein weiteres Mal um, es roch nach Alkohol, Haschisch, Urin.
Mit angezogenen Beinen saß sie auf dem Bett, hörte, wie sie
lallten, randalierten, die ganze Nacht. Sie war im Obdachlosenheim,
sie verschwand am nächsten Morgen. Sie fand ein Zimmer bei einer
Spanierin, die spricht kaum ein Wort, liegt den ganzen Tag im Bett
und raucht. Dort lebt sie bis heute.
Ein
paar Tage nachdem sie eingezogen war, merkte Amene, wie warme, weiche
Flüssigkeit über ihre rechte Wange lief. Sie dachte, es sei die vom
Arzt verschriebene Fettcreme, sie tupfte sie ab mit einem
Taschentuch. Es war ihr rechter Augapfel. Er hatte sich entzündet.
Ein Infekt, eingefangen im Pennerasyl.
Dr.
Medel setzte ihr ein Glasauge ein. Er hatte kein schwarzes mehr,
Amene sagte, dann nehme ich Ihre Augenfarbe, Graublau. "Sitzt
mein Glasauge noch?", fragt sie oft, reibt daran und rückt es
gerade.
Sie
war jetzt völlig erblindet, es gab keine Hoffnung mehr. Ihre ältere
Schwester reiste aus Teheran an, sollte sie pflegen, amüsierte sich
lieber und ließ sie allein. Amene dachte viel nach, besprach
Kassetten, eine Art Tagebuch, die Grundlage für das Buch über ihr
Leben. Es sind mehrere Dutzend Kassetten, sie verwahrt sie in einem
Schränkchen zusammen mit dem Koran und Selbstporträts von früher.
Sie
hatte Barcelona gesehen, langsam verblassten die Bilder, sie ging
kaum noch vor die Tür. "Stellen Sie sich vor, ich lebe im
Paradies, ich weiß, wie schön es hier ist", sagt sie, "als
Blinde ist es die Hölle." Es muss in dieser Zeit gewesen sein,
als ihr Wunsch auf Rache reifte.
Im
März 2008 flog sie zurück nach Iran. In der 71. Kammer des
Strafgerichts wurde Madschid der Prozess gemacht. Er gab das trotzige
Kind, das auf den Boden stampfte und unfähig schien zur Reue. Seine
Familie wartete vor der Tür, wurde nicht mal verhört. Das Publikum
im Gerichtssaal lachte Madschid aus. Es weinte, als Amene ihre
Geschichte erzählte, mit fester Stimme, unter Tränen aus toten
Augen. Sie hatte das Mitleid auf ihrer Seite, wie sollte es auch
anders sein.
Am
Ende der Verhandlung wünschte sich Madschid den Tod: "Dann
hängt mich doch!" Das war der Moment, als sie sicher war. "Er
hat den Tod nicht verdient", sagt sie. "Er darf nicht
einfach weg sein. Er soll leiden wie ich."
Auf
Amenes ausdrücklichen Wunsch wurde ihr das Recht auf Vergeltung
eingeräumt. Der Fall ging um die Welt, er entspricht den üblichen
Klischees von Iran, der repressiven Republik. In westlichen Ländern
sind Körperstrafen abgeschafft, eine Vollstreckung durch das Opfer
ist ausgeschlossen. Hier jedoch will ein Opfer selbst Hand anlegen,
das mag man vielleicht sogar verstehen, aber darf ein moderner Staat
das zulassen?
Dieser
Staat lässt es zu, aber er unternimmt auch Versuche, Amene
umzustimmen. Die Entscheidung in letzter Instanz ließ vier Jahre auf
sich warten, sie ist umstritten, auch in Iran. Der mächtige
Justizchef Ajatollah Schahrudi empfing Amene und ihre Mutter. Er war
höflich, aber bestimmt, sagt die Mutter, er bat Amene, zu verzeihen
und das Geld anzunehmen. Auch eine Anwältin aus der Kanzlei von
Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi rief an, sie sagte, der Ruf
Irans stehe auf dem Spiel. Aber Amene ließ sich nicht erweichen.
Weil sie eine Frau ist, eine Frau in Iran, sind ihre beiden Augen nur
so viel wert wie eines von Madschid, sie beschloss, sein zweites Auge
dazuzukaufen, damit er wirklich blind sein wird wie sie.
Iran
hat ein drakonisches Rechtssystem. Es gibt hier Menschenrechtler und
Anwälte, die glauben, es sei kein Zufall, dass Amenes Wunsch gerade
jetzt entsprochen wurde. Seit die Fundamentalisten an der Macht sind,
sagen sie, gebe es wieder Richter aus reaktionären Religionsschulen,
die Opfer zur Gewalt überreden. Die es gern sähen, wenn Iraner an
diese falsch verstandene Gerechtigkeit glaubten. Kisas dient der
Disziplinierung der Gesellschaft. Diese Aktivisten kämpfen dagegen,
fordern eine Reform des Rechtssystems. Sie kämpfen noch gegen ganz
andere Strafmaßnahmen: Einkerkerung von Regimekritikern, Erhängen
Minderjähriger, Steinigung. Sie sagen: Rachejustiz sät Gewalt, sie
unterbindet sie nicht. Sie glauben, das Urteil sei politisch
motiviert. Sie glauben: Strenge Regeln und Verbote führen zu solchen
Taten, Verschleierung, Geschlechtertrennung, kein Sex vor der Ehe.
Sie haben viele Erklärungen für diesen Fall. Lösen kann ihn nur
Amene.
Sie
sieht sich als Kämpferin für die Rechte der Frauen. Sie ist es
leid, dass Männer ihr vorwerfen, sie sei schuld an der Tat. "Männer
wie Madschid müssen erzogen werden. Er ist ein Barbar, er versteht
nur die Sprache der Barbaren", sagt sie. Sie schadet uns Frauen,
sagt eine Anwältin aus dem Kreise Ebadis, am 12. Juni ist
Präsidentschaftswahl in Iran, erstmals sind Frauenrechte
Wahlkampfthema. Sie sagt, Amenes Rache sei kein Fortschritt, sondern
Rückschritt, ein falsches Zeichen, in der Sprache der Männer, des
Mittelalters. Amene sagt: "Da macht man einmal was Positives für
die Frauen in Iran, und alle regen sich auf."
Und
sie sagt auch: "Hätte er mich um Verzeihung gebeten, würde mir
seine Familie zwei Millionen Euro bieten, ich würde es mir
überlegen."
"Sie
will den Preis in die Höhe treiben, sie will mehr Blutgeld, deshalb
beharrt sie auf Kisas", sagt Madschid.
Seit
fünf Jahren lebt Madschid in einer Acht-Mann-Zelle im Gefängnis von
Karadsch, einem mächtigen Flachbau, umgeben von Stacheldraht. Seine
Mithäftlinge machen ihm das Leben unerträglich, sagen die Eltern,
er ist der assid paschi, Abschaum. Jeden Dienstag besuchen sie ihren
Sohn, sein Haar ist geschoren, sie sprechen durch eine Glaswand. An
diesem Dienstag kommen sie spät nach Hause, er hat ihnen einen
19-seitigen Brief mitgegeben, jede Seite musste genehmigt werden,
sein Fingerabdruck prangt unter vielen Stempeln. Es sind
Rechtfertigungen mit blauer Tinte, er zitiert Paragrafen, verweist
auf andere Säurefälle, die milder entschieden wurden, fleht die
Richter an, den Fall neu zu untersuchen. Es sind die trotzigen Worte
eines Jungen, der sich selbst als Opfer sieht.
Dann
klingelt das Telefon. Es ist Madschid, er will sich erklären, er
weiß, ausländische Journalisten sind bei seinen Eltern.
Er
hat eine leise, dünne Stimme, er sagt: Er habe Amene nur erschrecken
wollen. Er sagt, dass er eine Strafe verdient habe. Aber nicht diese
Strafe. Dann überschlägt sich seine Stimme, er verspielt seine
Glaubwürdigkeit, wie damals vor Gericht: "Sie kann sehen, sie
lügt, sie darf mich nicht blenden. Sie hat das Urteil
unterschrieben, wie kann sie das, ich denke, sie ist blind?"
Dann appelliert er an Amene, es klingt wie eine Drohung: "Ich
kenne sie, sie hat ein gutes Herz. Sie will es nicht wirklich tun,
wenn doch, dann gnade ihr Gott."
Die
Zeit ist um, ein Tuten, dann ist die Leitung tot. Madschids Eltern
weinen leise neben dem Telefon. Auch diese Familie ist verwüstet,
krank vor Angst um ihr verlorenes Kind. Sie brauchten psychologische
Hilfe und Geld für die Ausgleichszahlung, sie haben es nicht. Wie
Amenes Eltern haben auch sie früh geheiratet, im Alter von 13 und 15
Jahren, eine arrangierte Ehe. Sie wollten alles richtig machen, ihre
Kinder sollten studieren, selbst wählen, wie sie leben wollen.
Madschid war überfordert mit der Freiheit, und wahrscheinlich war er
unter Druck durch all die sexuellen Verbote. Man könnte sagen, auch
er ist ein Opfer der Zeit.
Am
Abend, als alles gesagt ist, machen die Mowahedis ein Angebot, eine
Art Ablasshandel, es klingt so irrwitzig wie die Tat. "Wenn es
stimmt, dass Amenes Familie sie als Last empfindet, dann würden wir
sie aufnehmen." Würde sie ihn blenden, wäre er frei, so lautet
das Gesetz. "Wir pflegen sie beide", sagen sie, "dann
könnten sie endlich heiraten."
Am
darauffolgenden Morgen betritt Amenes Mutter das Teheraner
Strafgericht, schummrige Flure, Verbrecher werden vorbeigeführt in
Handschellen. In Raum 108 hängen Bilder von Revolutionsführern,
eine blinde Justitia hält ihre Waagschalen. Darunter sitzt Amenes
Richter, westlicher Anzug, Sonnenbrille im Haar, auskunftsbereit.
Die
Mutter ist nicht zum ersten Mal hier, sie will wissen, wann der
Vollstreckungstermin ist. Sie sagt, sie habe den Eindruck, man halte
sie hin. Der Richter sagt, das werde dauern. Bisher habe sich kein
Arzt bereit erklärt, Madschid zu betäuben und die Blendung zu
beaufsichtigen.
Aber
das Urteil sei doch rechtskräftig, sagt die Mutter. Der Richter
zuckt mit den Schultern, Justizchef Schahrudi müsse es
unterzeichnen, noch zögere der. Er spricht von Blutgeld, er sagt:
"Überzeugen Sie Ihre Tochter, das Geld anzunehmen. Das wäre
die beste Lösung für alle." Bis zum letzten Moment könne sie
sich entscheiden, auch noch wenn Madschid betäubt vor ihr liege.
Amenes
Mutter nickt. Blutgeld, sie flüstert das Wort, sie schämt sich. Sie
sagt: "Meine Tochter ist fest entschlossen, wie soll ich sie
überzeugen, sie wird denken, ich hätte sie verraten."
Derweil
sehnt Amene in Barcelona den Tag der Vergeltung herbei. Vergangenen
Dienstag ist sie zum 18. Mal operiert worden. Sind die Wunden
verheilt, wird sie nach Teheran fliegen, sie rechnet mit September.
Seit sie blind ist, lebt sie nur noch für dieses eine Bild in ihrem
Kopf, Madschids Blendung, ihre Rache. Sie soll in dem Buch über ihr
Leben am Anfang stehen. Das böse Ende zuerst, aus dramaturgischen
Gründen.
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