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Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.
Es
ist ein grauer, trüber Tag, als es bei Philipp Mißfelder zu einer
Entladung kommt. Der Vorsitzende der Jungen Union besucht die
Baustelle für den Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven und langweilt
sich bald. Ein Rundgang, ein Aussichtsturm, er sieht nur Schlamm und
graues Meer.
Mißfelder
macht diesen Termin gemeinsam mit Otto Wulff, dem Vorsitzenden der
Senioren-Union. Sie flachsen herum, und dann erzählen sie von einer
Telefonkonferenz der CDU-Spitze zum Gesundheitsfonds. Sie waren
gemeinsam in Friedrichsruh, am Grab Bismarcks, als das Kanzleramt
anrief. Angela Merkel fragte ab, wer alles zugeschaltet sei, und
vermisste ihre Vertraute Hildegard Müller.
"Hildegard?",
fragt Mißfelder am Jade-Weser-Port mit einer hohen, kieksigen
Stimme, die die Stimme Merkels sein soll.
Von
der Nordsee drückt der Wind, und plötzlich lachen die beiden, der
Alte und der Junge. Sie lachen sich in einen Rausch hinein.
"Hildegard?
Hildegard?", kräht Wulff.
"Hildegard?
Hildegard?", kräht Mißfelder.
Tränen.
Sie kringeln, krümmen sich, prusten, glucksen. Nichts kann sie so
amüsieren wie eine hilflos suchende Kanzlerin. Sie werden zu einer
lachenden Einheit, die Gesichter alterslos in der fröhlichen
Verzerrung. Sie sind frei in diesem Moment, frei von der Anpassung,
die das politische System von ihnen verlangt, frei von der
Unterwerfung, frei von den vielen Demütigungen durch Angela Merkel,
frei von der Scham, die sie deshalb manchmal empfinden.
Das
Lachen verebbt, sie kehren zurück in ihr Alter, ihr Leben, ihre
Rollen. Bald sitzt Mißfelder wieder im Auto, aus dem Radio tönt
Merkels echte Stimme, ihre Ansprache vor den Mitarbeitern von Opel
wird live übertragen. Er hat mit seinen Handys zu tun.
Es
geht jetzt um Philipp Mißfelder, es geht um den Zustand des Menschen
in der Politik. Bislang hat Mißfelder sich besonders gut im
politischen System zurechtgefunden. Niemand hat so schnell Karriere
in der CDU gemacht wie er. Mißfelder ist Vorsitzender der Jungen
Union, er sitzt im Bundestag und im Präsidium der CDU, dem obersten
Machtzirkel der Partei. Er wird oft mit Helmut Kohl verglichen.
Mißfelder könnte eines Tages Bundeskanzler sein, sagen die einen.
Andere lachen darüber.
Oft
sieht man ihn quer über den Pariser Platz gehen. Er kommt vom
Reichstag und schlendert zu seinem Büro. Bei schlechtem Wetter trägt
er einen schwarzen Mantel, einen Regenschirm und eine braune
Aktentasche. Er geht mit langen, trägen Schritten, sein Kopf ist
gebeugt. Aus der Ferne könnte man ihn für einen alten Mann halten.
Er
ist 29 Jahre alt und hat 16 Jahre Politik auf dem Buckel. Was macht
das mit einem Menschen?
Philipp
Mißfelder hat in den vergangenen zwei Jahren bei einem Dutzend
Treffen weitgehend ungeschützt über sich und seine Rolle geredet.
Das ist selten in der Politik, wo nichts so behütet wird wie das
eigene Wort. Deshalb ist dies auch eine Geschichte über Worte, wie
sie geschluckt und frisiert werden, wie sie Karrieren dienen und
Karrieren schaden. Es ist eine Geschichte über Anpassung und
Auflehnung, denn dies ist der große innere Kampf des Philipp
Mißfelder. Und es ist eine Geschichte über sein Verhältnis zu
Angela Merkel, deren Schattenmann er ist, die er unablässig
beobachtet und belauert, die ihn glücklich und traurig machen kann.
Philipp Mißfelders Geschichte ist eine Geschichte über den
Extremberuf Politiker.
18.
Dezember 2007, Abendessen im Restaurant "Die Eselin von A."
in Berlin. Mißfelder ist dünn geworden, wiegt 98 Kilogramm statt
110. Das Kohlsche, diese fast bedrohliche Massigkeit, ist aus seinem
Gesicht verschwunden. Dick wirkte er alt, dünn wirkt er bübchenhaft
und naseweis. Er ist ein Typ, der in seinem eigenen Alter nicht
ankommen kann.
Schmale
Augen, große Ohren, kurzes Haar, ordentlich, glatt, nur ein bisschen
Gekräusel über der Stirn. Er ist freundlich, umgänglich, lacht
viel, spottet gern, auch über sich selbst. Er ist wie ein König,
der mit seinem Narren verwachsen ist.
Ob
er dereinst Bundeskanzler sein wird? "Vom Legoland", sagt
Mißfelder, "Machtergreifung im Legoland." Er grinst, aber
wie so oft bei ihm ist dies ein Grinsen, das irgendwie steckenbleibt,
sich nicht rundet, sondern unvermittelt in eine harte, lauernde Miene
übergeht.
Er
verzichtet auf eine Vorspeise und isst Fisch als Hauptgang. Ein Glas
Wein, mehr nicht. Das politische Leben mache dick, sagt er, "überall
'ne Wurst, überall ein Bier, in Niedersachsen überall auch einen
Schnaps", er will das nicht mehr mitmachen.
Ihm
ist langweilig. Merkel macht sozialdemokratische Reformen mit der
SPD, Mindestlöhne, verlängertes Arbeitslosengeld I, und die Union
hält zähneknirschend still. Fraktionschef Volker Kauder schwört
seine Leute auf totale Loyalität ein, und Mißfelder ärgert sich
über dessen liebedienerische Art. Angela, wir danken dir, dass du so
oft bei uns bist, habe Kauder in der Fraktion gesagt. "Ich spüre
keine besondere Dankbarkeit", sagt Mißfelder.
Dann
die Weihnachtsfeier, "O du fröhliche" hätten Merkel und
Kauder angestimmt. "Alle haben mitgesungen", sagt Mißfelder
verächtlich, als hätte Schweigen der Beginn einer Rebellion sein
können.
Hat
er auch gesungen? "Klar", sagt er.
Für
ihn ist das ein besonderes Problem. Die Junge Union war begeistert
von Merkels Leipziger Reformthesen, die nun nicht mehr gelten.
Niemand erwartet einen offenen Aufstand vom Vorsitzenden der Jungen
Union, aber gemäßigte Aufmüpfigkeit wäre schon willkommen.
Mißfelder hat das so gelöst, dass er gegen Merkels verkorkste
Gesundheitsreform gestimmt hat, sich jedoch sonst still verhält,
kein Lob, aber auch keine Kritik.
Die
"Bild"-Zeitung habe ihn angerufen, sie brauchten was
Reißerisches. Hat er nicht gemacht. Mißfelder weiß, dass gesagt
wird, die Junge Union sei zahmer geworden unter ihm. "Es stimmt
ja auch", sagt er. "Soll ich mir die Zugänge versperren?"
Er
hat es schon schwer genug mit der Parteivorsitzenden und
Bundeskanzlerin. "Es kann sein, dass sie wortlos an mir
vorbeirauscht", sagt Mißfelder. Es gab lange keinen Termin mehr
bei Merkel, und er würde sich so gern mit ihr hinsetzen und reden.
Über was? "Über die Einschätzung von Leuten", sagt er.
"Sie erzählt mir, was sie von jemandem denkt, ich erzähle ihr,
was ich denke." Dies ist Mißfelders Vorstellung von einem guten
politischen Gespräch.
Ein
halbes Jahr später sitzt er in einem Mini und fährt von
Recklinghausen nach Waltrop, als ihn die Nachricht erreicht, dass das
ZDF gern ein paar Sätze zur Pendlerpauschale hätte. Es ist zu
dieser Zeit ein umstrittenes Thema, die CSU will, dass sie wieder
eingeführt wird, Merkel will das erst einmal nicht. Mißfelder will
ins Fernsehen, aber er will sich mit niemandem anlegen.
Was
jetzt passiert, ist ein Beispiel zeitgemäßer politischer
Kommunikation. Der Mini rauscht über die Landstraße, während
Mißfelder über das Headset eines seiner Handys mit der
Geschäftsstelle der Jungen Union in Berlin telefoniert. Er lässt
sich über den aktuellen Stand der Debatte unterrichten. "Was
hat die Kanzlerin gesagt?", fragt er. Das zweite Handy hält er
in der rechten Hand und checkt die Nachrichten der Agenturen. Er
fährt 120 km/h, weil er die fünf Minuten rausholen muss für das
ZDF-Team, das schon am Zielort wartet. Weil er nur mit links lenkt,
schlingert der Mini über die Landstraße. Sichere Worte sind ihm
jetzt wichtiger als sichere Leben.
Es
geht gut. Mißfelder sagt dem ZDF unter dem sonnigen Himmel von
Waltrop Sätze, die so abgeklopft, abgezirkelt, abgewogen sind, dass
sich niemand darüber aufregen kann, außer vielleicht der eine oder
andere Zuschauer, dem seine Lebenszeit viel bedeutet und der nicht
eine halbe Minute lang das absolute Nichts hören will.
Er
hat noch ein drittes Handy. Wenn er gefahren wird, hantiert er mit
allen dreien. Er kommuniziert über Telefon, SMS, Twitter, E-Mail,
Facebook, studiVZ et cetera. Es ist gerade eine neue Stufe erreicht
im Strukturwandel der Öffentlichkeit. Mißfelder kommuniziert
praktisch pausenlos, er nimmt Informationen über die Worte anderer
fast in Echtzeit auf und gibt seine Worte zu den Ereignissen in
kurzer Frist weiter.
Die
Folge ist, dass Zeit in der Politik kaum noch als Strecke
wahrgenommen wird, sondern nur noch als Reihung von Momenten. Sobald
Mißfelders Handy vibriert, hat er eine neue Lage, auf die er
reagieren muss. Da das Handy ständig vibriert, fehlt die Zeit zur
Besinnung, zum Nachdenken, Politik wird zum Minutenereignis. So etwas
wie eine Linie wird undenkbar. Aber es ist nicht so, dass Mißfelder
dies vermissen würde.
Nachdem
er dem ZDF seine nichtssagenden Sätze gesagt hat, geht er über die
Straße in das Gasthaus "Kranefoer", wo er die Festrede
hält zum Jubiläum des 20-jährigen Bestehens der Senioren-Union
Waltrop. Dort sitzen die Grauen, mümmeln Schwarzwälder Kirschtorte,
trinken Filterkaffee und sind froh über die verrinnenden Stunden.
Sie starren ihn an wie einen Henker, der nun selbst vor Gericht
erschienen ist.
Mißfelder
reist seit Jahren von Altentreffen zu Altentreffen, um gegen ein Wort
anzukämpfen, ein eigenes Wort. "Ich bin der mit der Hüfte",
eröffnet er manchmal seinen Vortrag. Prothesenlachen, Grienen. Am 3.
August 2003 erschien der Berliner "Tagesspiegel" mit einem
Interview, in dem Mißfelder sagt, dass es nicht nachvollziehbar sei,
"wenn 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der
Solidargemeinschaft bekommen". Früher seien "die Leute
auch auf Krücken gelaufen".
Es
sind die Worte seines Lebens. Damit ist er da, Deutschland nimmt
wahr, dass es einen Mann namens Philipp Mißfelder gibt. Ihm wird
deshalb gern Kalkül unterstellt. Er selbst sagt, dass er den Satz
lieber nicht gesagt hätte, auch wenn er wahr sei. Es gab
Morddrohungen, die Altenrepublik blies zur Attacke auf Mißfelder,
ausgerechnet der wachsende Teil der Wählerschaft, die Macht von
morgen. Er hat sich entschuldigt.
Aber
das reicht ihm nicht. Seit sechs Jahren sitzt er auf den Podien,
schaut auf die langen Reihen mit Schwarzwälder Kirsch, schaut auf
die Kaffeekännchen, und dann steht er auf, knöpft sein Sakko zu und
sagt, dass er sich mit seinen Großeltern immer besser verstanden
habe als mit seinen Eltern.
Nach
seiner Rede hört er bei der Fragerunde das große Altenlied über
die Jungen, die weder ordentlich arbeiten wollten noch ordentlich
vögeln, sonst gebe es ja mehr Kinder, er hört von den Sorgen um
Kuranträge und den Entzug von Führerscheinen bei Sehschwäche.
Meist
ist auch Otto Wulff dabei, der Vorsitzende der Senioren-Union, mit
dem er sich verbündet hat, ein mächtiger Feind weniger, und Otto
Wulff redet immer so leidenschaftlich und emphatisch, dass Mißfelder
in seiner Trägheit wirkt wie der eigentlich Alte, und damit niemand
einen Scherz darüber macht, macht er ihn selbst: "Eigentlich
müsste der Otto Wulff ja Vorsitzender der Jungen Union sein",
sagt er vor den Senioren in Langen.
Es
geht ihm nicht gut nach diesen Terminen. "Warum fragt nie einer
nach der Wirtschaftskrise?", fragt er nach einem Auftritt vor
den Alten von Aschendorf-Hümmling. "Immer nur Kuranträge und
Führerscheine." Es ist, als lebten die Alten auf einem eigenen
Planeten, den Mißfelder als ewiger Raumschiffpilot Major Tom in
persönlichen Friedensmissionen anfliegt, damit sie ihn leben lassen.
Als
die Große Koalition vor einem Jahr den demografischen Faktor der
Rentenformel außer Kraft setzte, um den Alten etwas Gutes zu tun,
wäre dies seine Stunde gewesen. Als Chef der Jungen Union hätte er
sagen müssen, dass dies ein übler Deal zu Lasten der Jungen sei.
Aber es gab kein Funksignal, drei tote Handys. Philipp Mißfelder saß
stumm in seiner Raumkapsel und flog seinen fatalen Worten von 2003
nach. Heute die Alten von Waltrop, morgen die Alten von Münster.
Jens
Spahn, ein junger Abgeordneter der CDU im Bundestag, hat stattdessen
den Protest gegen die geänderte Rentenformel gewagt. Nun bekam er
die Morddrohungen.
27.
November 2008, Café "Einstein" in Berlin. Mißfelder isst
zum Frühstück einen Schinken-Käse-Toast mit Ketchup. Bald ist
Parteitag der CDU, und er ist für einen Sitz im Präsidium
vorgeschlagen, gegen den Willen von Angela Merkel. Aber Jürgen
Rüttgers, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, der gern
das tut, was Merkel nicht passt, hat ihn durchgesetzt, mit Hilfe der
Senioren-Union. Einen Gegenkandidaten gibt es nicht, Mißfelder
fürchtet aber ein schlechtes Ergebnis. Er ist nervös und verzieht
sein Gesicht zu Masken der Bedenklichkeit.
Beim
Rausgehen sieht er Claus Strunz, den Chefredakteur vom "Hamburger
Abendblatt", an einem Tisch sitzen. "Der hat gerade ein
Interview mit mir nicht gedruckt", sagt Mißfelder. "Es
stand auch nichts drin." Er lacht. Nichts drin, heißt im
Medienbetrieb: keine Kritik an der Kanzlerin, sondern Lob.
Er
denkt, dass seine Wahlchancen besser sind, wenn er als kanzlertreu
dasteht. Also lobt er jetzt Merkel, wo er nur kann.
Und
wie fühlt er sich damit?
"Wie
ein Clown", ruft er auf der Straße vor dem Einstein. "Wie
der Pofalla." Er lacht ein fürchterliches Lachen und sieht
dabei kein bisschen belustigt aus. Ronald Pofalla ist Generalsekretär
der CDU und damit zum unermüdlichen Loben der Kanzlerin verdammt.
22.
Januar 2009, wieder das Café Einstein, wieder ein
Schinken-Käse-Toast mit Ketchup. Es geht ihm gut, sehr gut.
Vorgestern hatte er einen Termin bei der Kanzlerin. Weil er im
Präsidium ist, braucht sie ihn jetzt mehr als vorher. Sie hat mit
Mißfelder das gemacht, was er so sehr ersehnt hat: Sie hat mit ihm
über die Einschätzung von Leuten geredet, vor allem von
Journalisten, auch vom SPIEGEL, wie er genüsslich erzählt.
Mißfelder ist jetzt loderndes Glück.
"Mein
Merkel-Bild ist positiver geworden", sagt er. "Ich finde
die Art und Weise, wie sie das macht, sehr respektabel." Das ist
ein kleiner, mieser Politikersatz, wie man ihn oft hört von Leuten,
die sich nichts verderben wollen, und Mißfelder sagt ihn ohne sein
Grinsen, ohne sein Lachen, als glaubte er das so.
Aber
es gibt kein stabiles Glück in der Politik. Als der Präsident des
Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Ludwig Georg Braun,
verabschiedet wird, steht Philipp Mißfelder im Foyer und schaut, wer
so kommt. Eigentlich will er eher gesehen werden. Er hat noch einen
Termin, aber wenn er jetzt hier steht, registriert jeder, dass
Philipp Mißfelder da war. Es ist nicht ganz unwichtig für ihn, sich
mit Wirtschaftskreisen gutzustellen.
Gleich
kommt Merkel, und Mißfelders Kalkül geht jetzt so: Wenn sie ihn
freudig begrüßt, steigt sein Ansehen in der CDU. Wenn sie wieder an
ihm vorbeirauscht, ist er blamiert. Merkel ist unberechenbar, und
deshalb geht er lieber zu seinem Platz in der letzten Reihe im Saal.
Die
Bundeskanzlerin kommt herein, und alle stehen auf und klatschen, auch
Mißfelder. "Gucken Sie, ich klatsche", sagt er. Mißfelder
spielt jetzt Angepasstheit als Zeichen von Unangepasstheit.
"Mißfelder
klatscht frenetisch", sagt Mißfelder. Seine Hände schlagen
lahm gegeneinander, fast lautlos. Nach fünf Minuten verlässt er den
Saal. Es war ein mittelmäßiger Termin für ihn: von einflussreichen
Leuten gesehen worden, aber keine Merkel-Punkte gesammelt.
Philipp
Mißfelder ist in Bochum-Wattenscheid aufgewachsen, sein Vater war
Stahlfacharbeiter. Politik hat ihn fasziniert, als er begriff, dass
da jemand war, der den Weg zur deutschen Einheit gestaltet hat:
Helmut Kohl. Er trat in die Schüler Union ein und war bald deren
Bundesvorsit-zender. Er studierte Geschichte, aber sein Leben war
getaktet von Wahlkämpfen, für den nächsten eigenen Posten, für
Kohl, für Merkel. Er las nichts lieber als politische Biografien. Er
ist verheiratet und wird bald Vater. Seinem Kind wird er womöglich
keine anderen Erfahrungen vermitteln können als die eines
totalpolitischen Lebens.
Wenn
man ihn fragt, wie er so schnell Karriere machen konnte, sagt er nur
ein Wort: "Fleiß." Ähnlich wie Kohl beackert er seine
Organisation unermüdlich. In einer C-Klasse von Mercedes spult er
jährlich Zehntausende Kilometer ab. Es fährt meist sein Mitarbeiter
von der Geschäftsstelle der Jungen Union, Tempo 180. Schwere
Rasierwasser mischen sich zu einem betäubenden Äther, Mißfelder
schreibt SMS, liest Nachrichten. An den Zielorten treffen sie auf
adrette Mädels und alerte Bürschchen, von denen viele wirken, als
seien sie direkt in die Arriviertheit hineingeboren. Wenn sich das
Röten der Ohren beim Reden legt, haben sie alle Möglichkeiten.
Mißfelder muss sie manchmal ermahnen, ihn nicht zu siezen, weil doch
das Du verabredet wurde in der Jungen Union, und ärgerlich ist
natürlich auch, dass er regelmäßig mit seinem Assistenten
verwechselt wird.
"Ich
gehe gern auf Parteiveranstaltungen", sagt Mißfelder. Aber
dahinter steht nicht der Wunsch, dass irgendetwas besser werden muss
in Deutschland oder der Welt. Mißfelder hat bei einem Dutzend
Gesprächen für diese Geschichte nicht einmal eine inhaltliche Frage
angesprochen. Er war immer schnell bei der Einschätzung von Leuten,
lästerte über Pofalla, arbeitete sich an der Kanzlerin ab. "Ich
habe kein Programm, keine Visionen", hat er einmal gesagt. Ein
andermal: "Ich habe nie gesagt, dass ich die Welt verbessern
will." Vor den Rentnern in Langen: "Ich schließe nicht
aus, dass sich irgendwann mein Aufgabenspektrum deutlich erweitert."
Bei einem Abendessen: "Ich bin Machtpolitiker."
Es
gibt wohl keinen Politiker, der sich so schamlos zu seiner
Inhaltsleere und seinen Machtträumen bekennt wie Philipp Mißfelder.
Er ist Spezialist für Kommunikation, für nichts anderes. Inhalte
sind seiner Ansicht nach für hinterbänklerische Spezialisten, für
Beamte. Diese Arbeitsteilung gibt es schon länger, in Mißfelder
findet sie ihre Zuspitzung.
Die
Leere des Menschen könnte bald zu einer Voraussetzung für den
Erfolg in der Politik werden. Wer viel weiß, neigt zu Überzeugungen,
zu Festlegungen, zu Worten mit Anspruch auf Gültigkeit. Der
Machtpolitiker jedoch braucht undeutliche Worte, Worte, die er
abschütteln kann, sonst muss er ihnen ständig nacharbeiten wie
Mißfelder dem Wort "Hüfte" oder Merkel ihren Leipziger
Worten.
Eine
weitere Eigenart von Mißfelder ist, dass er Machtpolitiker ohne
Machtaura ist. Wenn er am Zielort aus dem Mercedes steigt, gerät
sein Auftritt zumeist recht wattig. Er bewegt sich schwerfällig in
die Empfangsgruppe hinein, spricht leise und zunächst wenig. Später
dominiert er dann, aber er muss das nicht jederzeit, und das ist sein
strategischer Vorteil. Er kann sich, anders als die meisten
Spitzenpolitiker, zurücknehmen und weiß, dass es ein Vorteil sein
kann, wenn nicht er redet, sondern andere. Weil er dann etwas
erfährt, das ihm nützt. Er ist Aufsauger, nicht Präger. Er sammelt
Informationen und betreibt damit den Maschinenraum seiner
Machtwünsche.
12.
März 2009, Restaurant "Horvath" in Berlin. Mißfelder hat
Hunger, er stürzt sich auf den Brotkorb und bestreicht seine Beute
dick mit Butter. Gestern hat er Helmut Kohl in Oggersheim besucht.
Duzen sie sich eigentlich? "Um Gottes willen, ich duze doch
nicht den Kanzler der deutschen Einheit."
Er
hat seine ersten Sitzungen im Präsidium der CDU hinter sich und ist
gleich zum Bauern geworden bei Merkels Machtschach. Sie hat, unter
dem Druck der SPD, die Runde gefragt, ob man sich eine Abwrackprämie
für Autos vorstellen könne. Fraktionschef Volker Kauder sagt, das
würden die Abgeordneten nicht mitmachen. Fragen wir doch mal Herrn
Mißfelder, sagt Merkel, der ist ja auch in der Fraktion. Was werden
die Abgeordneten machen? Am Ende werden sie dafür stimmen, sagt
treuherzig Philipp Mißfelder. Merkel grinst Kauder an. So, so.
Das
war nicht sehr brüderlich, zischt Kauder beim Hinausgehen Mißfelder
zu. Die Abwrackprämie geht problemlos durch die Fraktion.
"Ich
habe das nicht sofort kapiert", sagt er, "aber ich lerne
daraus." Er redet nicht viel im Präsidium. Was er sieht und
hört, ist ein großes Ringen um Worte. Merkel will bei den
westdeutschen Ministerpräsidenten der Union, deren Stichelneigung
sie kennt, Festlegungen auf Positionen, ohne sich selbst frühzeitig
auf eine eigene Position festzulegen. Sie fragt die Herren einzeln
ab, die Herren winden sich, und jeder verschickt unzählige SMS, um
seine Deutung der Ereignisse rasch in die Medien zu speisen.
Mißfelder
saugt. Er nimmt jede Geste der Kanzlerin wahr, jedes Lächeln, jedes
Zeichen von Unmut, jeden Griff zum Handy, und er sucht nach Deutungen
für jedes ihrer Worte. So saugt er Kanzlerkompetenz auf.
Er
hat auch Widerspruch getestet. Bei einer Diskussion über Opel gab er
zu erkennen, dass er sich Staatshilfen vorstellen könne. Merkel ist
da skeptisch. Nach der Sitzung treffen sie sich zufällig im Aufzug.
Mißfelder erzählt die Begegnung so:
Hallo,
Herr Opel, sagt die Bundeskanzlerin.
Mißfelder
grinst.
Aber
dann mit Ordnungspolitik kommen, sagt Merkel.
Das
stimmt nicht, das habe ich nie gemacht, sagt Mißfelder. Merkel winkt
ab, der Aufzug hält, sie steigt aus. Er hat ihr schon schlechte
Ordnungspolitik vorgeworfen, sie weiß das.
"Wir
werden keine Freunde, das ist so", sagt Mißfelder im Horvath.
Sie hat ihn nicht mehr ins Kanzleramt eingeladen, keine Gespräche,
keine Einschätzungen von Leuten. "Es wird von mir erwartet,
dass ich nicht querschlage", sagt er, "aber ich werde nicht
eingebunden."
Irgendwie
hat er erfahren, dass er nicht damit rechnen kann, nach der Wahl
Bundesminister zu werden. "Das ist nicht drin", sagt er und
gibt sich den Anschein, als mache ihm das nichts aus. Er sei ja noch
jung, könne vier weitere Jahre warten. Er hofft aber, dass er sich
aussuchen kann, in welchen Parlamentsausschuss er geht. In welchen
will er? "Das hängt davon ab, welches Ministerium schwach
besetzt wird, wo ich mich mehr profilieren kann als der Amtsinhaber."
Das ist sein Plan: schauen, wer schwach ist, den dann triezen, in
seiner Schwäche entlarven, um ihn nach vier Jahren ablösen zu
können. Es gibt nettere Pläne. Aber Mißfelder dürfte nicht der
Einzige sein, der mit einem solchen Kalkül durch das Berliner
Regierungsviertel läuft.
Doch
er ist der Einzige, der offen darüber redet. Das ist das Seltsame an
Philipp Mißfelder. Er ist den ganzen Tag damit befasst, die
richtigen Worte für seine Karriere zu suchen, aber er neigt auch zur
Anarchie gegen die eigenen Ambitionen und plaudert haltlos daher.
Es
ist wieder passiert. Er hat sich wieder Morddrohungen eingefangen. In
Haltern hat er Mitte Februar bei einer Veranstaltung gesagt, höhere
Hartz-IV-Bezüge für Kinder seien "ein Anschub für die Tabak-
und Spirituosenindustrie". Sofort setzte sich die Medienmaschine
in Gang, es wurden alle Leute angerufen, die sich über diese Aussage
empören können. Ein Fernsehreporter der "Aktuellen Stunde"
des WDR lauerte Mißfelder bei einer Karnevalsparty in Recklinghausen
auf und machte einen kleinen Film daraus.
Er
ist als Micky Maus verkleidet, er hat gewaltige schwarze Ohren und
eine schwarze Nase und einen aufgemalten Schnurrbart, er trägt rote
Hosenträger und eine silberne Fliege am Hals. Er sieht aus wie eine
Micky Maus, in die viel Luft gepumpt wurde, damit sie als Werbeballon
über einem Disneyland schweben kann. Er will nichts sagen. Keine
Worte nach den starken Worten.
Die
Frage ist, ob er bald im Raumschiff sitzt, um den Planeten Hartz IV
anzufliegen, aber es kommt nicht so. Die Empörung verebbt, die
Hartz-IV-Lobby ist nicht so kraftvoll wie die Renterlobby. Und als
Wählergruppe sind die Gestrandeten ohnehin nicht erreichbar für
Philipp Mißfelder. Er kann es sich leisten, diese Worte so
stehenzulassen.
30.
März 2009, Restaurant "Trio" in Bremerhaven. Mißfelder
ist schwermütig. Politik ist gerade ein herzloses Geschäft für
ihn. Er sagt: "'Wir machen dann mal was zusammen, dann bringen
Sie Ihre Frau mit': Wie oft habe ich das von einem Spitzenpolitiker
gehört, aber nie gab es eine Einladung." Er lacht. Er sagt:
"Ich soll die Junge Union ruhighalten, aber es gibt keinen Dank
dafür. Frau Merkel hält das für eine Selbstverständlichkeit. Nie
würde sie zu mir sagen, Herr Mißfelder, das haben Sie gut gemacht."
Es
sagt auch etwas über die Bundeskanzlerin, dass sie es nicht
geschafft hat, diesen sehnsüchtigen Menschen für sich zu gewinnen.
Sie hat nicht viele, die unbedingt zu ihr halten. Mit ihm wäre es so
leicht gewesen, er wartet nur darauf. Aber sie hat seit Wochen nicht
mit ihm geredet, und jetzt sitzt er hinter einem Glas schweren
Rotweins und denkt zurück an den Tag, als er bei ihr im Kanzleramt
saß und sie Einschätzungen von Leuten ausgetauscht haben. Für ihn
sah das nach Nähe aus. Er winkt ab. "Ist doch alles Theater",
sagt er maunzig.
"Die
Aufmerksamkeit der Spitzenpolitiker ist unsere Währung", sagt
Mißfelder und erzählt, wie die Sekunden und Minuten, die Merkel
einem Politiker widmet, gezählt und bewertet würden. Er nennt das
"Hofschranzentum", meint aber nicht sich damit. Am Ende des
Abends, nach einem Grappa, sagt er, dass er einen Termin bei Merkel
nicht mehr wolle. "Was soll ich eine Stunde lang mit ihr
besprechen?"
4.
Mai, Restaurant "Maxwell" in Berlin. Er bestellt sofort ein
Bier, "manche Probleme kann man nur mit Alkohol lösen",
sagt er. Vorspeise, Hauptspeise, dazu zwei Flaschen Wein. Er ist
wieder füllig geworden, da ist wieder Helmut Kohl in seinem Gesicht,
107 Kilogramm.
Heute
hat er ein paar Anrufe von Journalisten abgewimmelt, sie wollten was
Reißerisches gegen die Kanzlerin, aber er hat nichts gesagt.
"Wahlkampf", sagt er, "wir sind ja jetzt Freunde, bis
zur Wahl." Er hat mit Merkel reden können, ein paar Minuten am
Rande von Sitzungen. Es sind nur ein paar Groschen der
Aufmerksamkeitswährung in seinen Hut geklimpert, aber er kann eine
Weile davon zehren.
Er
lästert über "Querschläger", die nicht verstünden, dass
es im Wahlkampf um Geschlossenheit gehe. Einer ist wieder Jens Spahn,
der sich öffentlich darüber geärgert hat, dass es eine neue
Rentenregel geben soll: nie mehr sinkende Renten. Der
stellvertretende Vorsitzende der Senioren-Union, Leonhard Kuckart,
hat daraufhin gesagt, er hoffe, dass die CDU Spahn "ungespitzt
in den Boden rammt". Kein Wort dazu aus Mißfelders Raumkapsel.
Das heißt, die Kanzlerin hat ihn auf einer Vorstandssitzung gefragt,
ob er etwas gegen die neue Rentenregel unternehmen werde. Klares
Nein. So erzählt er es fröhlich im Maxwell.
Jens
Spahn traut sich aber was, Herr Mißfelder.
"Und
fliegen ihm die Herzen zu?"
Nein,
aber ...
"Fragen
Sie mal Kauder und Merkel, wie die das finden."
Mißfelder
ist gerade im Modus der Totalanpassung, und vor zwei Wochen gab es
bei einer Fraktionssitzung die passende Szene dazu. Es ging um
Biodiesel, und 30, 40 Abgeordnete wollten der Kanzlerin nicht folgen,
dicke Luft. Gegen 17 Uhr, kurz vor der Abstimmung, steht Mißfelder
auf, um rauszugehen.
Wo
wollen Sie hin?, fragt Merkel.
Ich
habe einen Termin.
Setzen
Sie sich hin.
Sie
zeigt mit dem Finger auf seinen Platz. Sie braucht seine Stimme bei
der Abstimmung, und sie bekommt seine Stimme. Danach bedeutet sie ihm
mit dem Finger, dass er gehen kann. Er geht.
Er
bestellt ein Schokotörtchen mit Erdbeeren und Pfeffer und einen
Schnaps. "Ich hatte gar keinen Termin", sagt er grinsend,
als könne ihm das einen Rest von Ehre retten. Ein paar Leute aus der
Jungen Union haben ihm gesagt, er könne sich das nicht bieten
lassen, aber die wissen nicht, was er sich so denkt. Er hat sich so
oft in die Bundeskanzlerin reingedacht, dass er sie gut verstehen
kann. Wenn es um Merkel gegen Mißfelder geht, kann es Mißfelder
passieren, dass er auf Seiten Merkels steht.
Der
Zustand des Menschen in der Politik? Bei einem der Gespräche ist
Mißfelder in einer Stimmung, als könnte er das alles nicht mehr
aushalten. Er sagt: "Alle denken, ich bin wie Roland Koch, aber
ich bin nicht so. Alle denken, ich hätte dessen Stehkräfte, aber
das stimmt nicht."
Für
eine halbe Stunde wirkt es, als wäre er überfordert von diesem
großen Tanz auf einer Wanderdüne, die von einer Luftspiegelung zur
nächsten rieselt, wo es keinen Halt gibt, keine Stabilität, wo kein
Wort das meint, was es sagt. Er duckt sich über seinen Teller, sein
Hals ist verschwunden, Philipp Mißfelder kann sehr klein wirken.
Er
sagt, dass er gern ein Intellektueller wäre, ein Schriftsteller. Ein
Liebesroman, ach, das könnte ihn glücklich machen. "Aber mir
fällt nur die eine oder andere gute Redewendung ein."
Es
ist da schon zu viel. Er steckt schon in der nächsten Inszenierung
drin, und logischerweise wird ihm die bald langweilig, und er lästert
ein bisschen über Pofalla, zum Warmwerden. Seine Welt hat ihn
wieder.
Nicht
alle in dieser Welt sind wie Philipp Mißfelder. Aber in allen steckt
etwas von ihm. Es ist die Zuspitzung, die Verdichtung des politischen
Systems.
Eines
Tages im Herbst 2008 bekommt er eine SMS von Merkel. Die Junge Union
soll für sie und den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy
eine Kundgebung auf dem Potsdamer Platz veranstalten. Er organisiert
das, und am 10. Mai steht er hinter dem Sony Center und wartet auf
Merkel. Er ist jetzt zu jeder Heuchelei bereit.
Sie
kommt, großes Lächeln, fester Händedruck, kleine Plauderei. Dann
trifft Sarkozy ein, und sofort hat Merkel nur noch Augen für ihn.
Sie vergisst, dass Mißfelder auch auf das Foto gehört, als
Gastgeber. Erst später bekommt er einen Platz am Rand. Er lächelt,
als könnte er zufriedener nicht sein.
Beim
Gang zur Bühne wird er bald abgedrängt, und Merkel fällt es nicht
ein, auf ihn zu warten. Er drängelt, kämpft, bis er wieder hinter
ihr ist. Er ist viel größer als Merkel und Sarkozy und könnte der
Leibwächter sein, wenn er nicht so unermüdlich lächeln würde.
Leibwächter tun das nicht.
Dann
redet Mißfelder. "Während andere noch über das Programm
diskutieren", mache die Junge Union schon Wahlkampf für die
Bundeskanzlerin. Es ist der Gipfel der Anbiederung: andere
angeschwärzt, sich selbst zum Muster an Folgsamkeit erklärt. Merkel
redet, Mißfelder klatscht frenetisch.
Am
Tag danach taucht er auf einem kleinen Fest in Berlin auf. "Die
Kanzlerin hat mich heute im Präsidium gelobt", sagt er sofort,
"sie hat mich richtig viel gelobt. Wie gut wir das organisiert
haben, wie toll das alles geklappt hat."
Er
strahlt wie ein Mond in wolkenloser Nacht, es geht ihm gerade sehr
gut mit seinem Beruf.
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