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Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.
Heikos
Augen kreisen wie irr und leer, nichts hält sie. Was mögen sie
wahrnehmen? Seine Hände krampfen, ihre Gelenke sind über 90 Grad
geknickt. Die Mutter hat Waschlappen aufgerollt und sie ihm unter die
Finger geklemmt, damit er sich nicht die Nägel in die Haut bohrt.
Was mag er spüren? Der Vater schaltet Bayern 3 an. Er sagt, das sei
ein Sender für junge Leute. Doch was kann Heiko hören?
Vor
drei Jahren kommt Heiko übers Wochenende zu Besuch. Die Eltern
freuen sich. Sie sind stolz auf ihren Sohn. Er ist groß und
sportlich, hat Physio- und Ergotherapeut gelernt und absolviert
gerade eine Ausbildung zum Heilpraktiker. Fürs Alter hat er den
Eltern versprochen: Ich werde euch schon schaukeln. Nach dem
Frühstück geht er ins Bad, die Mutter räumt im Keller. Als sie
wieder die Treppe hochsteigt, ist es still im Haus. Erst denkt sie:
Jetzt wird er doch mal fertig sein! Dann: Ist er schon los zum
Wertstoffhof? Aber vor dem Fenster sieht sie seinen Wagen stehen. Sie
ruft nach ihrem Sohn, sucht ihn. Und findet ihn. Kopfüber in der
Badewanne, die gefüllt ist mit dem Wasser vom Vortag, umweltbewusst
aufgespart zum Putzen und Spülen. Es ist Samstag, der 10. Dezember
2005, 9.30 Uhr.
Vielleicht
ist Heiko ausgerutscht auf dem Läufer im Badezimmer, vielleicht ist
er mit dem Kopf gegen die Armatur geschlagen, vielleicht war er für
einen Moment ohnmächtig.
Die
Mutter zieht Heiko aus der Wanne. Sein Gesicht ist blau, er atmet
nicht mehr. Sie wählt sofort die Notrufnummer und alarmiert ihren
Mann im Büro. Ein Sanitäter aus dem Dorf erreicht ihr Haus als
Erster. 20 Minuten lang versucht er, Heiko wiederzubeleben. Dann
kommen zeitgleich der Vater und der Notarzt aus der Stadt. Der Arzt
rennt gar nicht, wie die Ärzte im Film es tun. Routiniert beginnt er
mit seinen Maßnahmen. Die Mutter schreit und schreit. Nach mehr als
einer Viertelstunde lässt der Arzt Heiko in den Krankenwagen laden.
Den Eltern, die allein zurückbleiben, sagt er einen Satz, der sie
bis heute quält: Das Herz schlägt wieder, aber im Kopf wird es böse
aussehen.
Wenn
er das wusste, fragt die Mutter, warum hat er Heiko nicht sterben
lassen? Warum hat er das uns und unserem Sohn angetan? Und sie hadert
mit dem Arzt, den sie gerufen hat und der seinen Job erledigt hat,
als wäre er das Schicksal.
Tausendfach
produziert die moderne Medizin Fälle wie Heiko. Fälle, in denen es
Rettungswesen und Intensivstationen gelingt, einen Menschen am Leben,
aber nicht bei Bewusstsein zu halten. Unfallopfer mit dramatischen
Verletzungen am Kopf, schwerste Schlaganfälle, Ertrunkene,
Erstickte, nach Herzstillstand Reanimierte, Menschen, die sich töten
wollten, aber sich zu wenig Insulin gespritzt haben.
Die
Eltern lernen den Begriff "apallisches Syndrom" kennen.
Damit beschreiben Mediziner den Ausfall des Großhirns, jener Region,
in der Geist und Wille wohnen. Der lange Sauerstoffmangel beschädigte
dort Heikos Nervenzellen und kappte die Verbindungen zu den noch
intakten Bereichen des Klein- und Zwischenhirns, die zuständig sind
für das Vegetative.
Als
Körper funktioniert Heiko noch. Sein Herz schlägt, seine Lunge holt
Luft, sein Darm kann die Nahrung verdauen, die ihm über eine in
seinen Magen operierte Sonde zufließt. Er liegt auf einem Pflegebett
im ehemaligen Schlafzimmer der Eltern. Würde sein Gehirn optische
Reize verarbeiten, könnte er hinaussehen in den Garten, der
vollgepflanzt ist mit Koniferen, als wollten die Eltern sich und ihr
kleines Haus verstecken.
Heikos
Mundwinkel zuckt, sämiger Speichel fließt auf einen Latz. Er
röchelt leise. Die Mutter legt ihre Hand auf seine Stirn. Heiko
atmet über einen Schlauch, der aus seinem Hals ragt. Die Ärzte
haben die Trachealkanüle implantiert, damit er sich nicht
verschluckt und erstickt.
Der
Schleim, der sich in der Lunge ansammelt, bahnt sich manchmal in
wilden Spasmen und Explosionen seinen Weg nach draußen. Fontänen
aus Blut und Sekret schießen durch das Zimmer, bis an die Decke. Die
Eltern haben einen Baldachin aus himmelblauem und gelbem Stoff über
dem Bett angebracht. Den Stoff kann man waschen.
Heiko
wollte so nicht leben.
Oft
hat er mit der Mutter über das Sterben gesprochen. Oft hat er
gesagt: Ich will nicht an Apparaten hängen. Schon mit 28
unterschrieb er eine Patientenverfügung, die ihn vor unnötiger
Leidensverlängerung schützen sollte. Als er einen Mann behandelte,
der nach einem Unfall an Armen und Beinen gelähmt war, meinte er,
für ihn wäre das kein Leben. Dann lieber sterben, sagte er. Den
Eltern gab er die Vorsorgevollmacht. Sie sollten seinen Willen
umsetzen.
Am
Abend vor dem Unfall saß Heiko mit der Mutter in der Küche. Sie buk
Weihnachtsplätzchen, und wieder sprach er vom Tod. Er fragte nach
dem Onkel, der mit 32 Jahren im Krieg gefallen war, und sagte: Den
habe ich ja schon um ein Jahr überlebt. Er drängte die Mutter, die
Grabstellen der Großeltern zu verlängern. Wo soll ich denn hin,
fragte er. Heute erscheint das der Mutter unheimlich.
Heute
bringen die Eltern es nicht über sich, Heiko sterben zu lassen. Man
fühlt sich als Kindsmörder, sagt der Vater. Wer lässt das zu,
fragt er, dass das eigene Kind stirbt? Er habe nie hinhören wollen,
wenn seine Frau und sein Sohn den Tod zum Thema hatten. Schon als
Kind habe er den Gedanken ans Sterben nicht ertragen können. Ein
Schock sei es gewesen, als er im Schauhaus die Leiche eines
Ertrunkenen gesehen habe. Es sei stets schrecklich für ihn gewesen,
kranke Katzen einschläfern zu lassen. Er habe den Tod immer
verdrängt. Und jetzt wohnt er mit ihm in einem Haus.
Der
Vater ist ein großer Mann, dessen Schlaksigkeit allmählich die
Schwere und Träge des Alters annimmt. Weiße Haare umkränzen seinen
kahlen Schädel. Er schläft in Heikos altem Jugendzimmer, wo in
Kisten die Bücher und Ordner für die Ausbildung des Sohnes
aufbewahrt sind, wo an der Wand die Fotos aus seiner Bundeswehrzeit
hängen und im Schrank noch all seine Kleider, die er nie wieder
tragen wird. Gelegentlich zieht nun der Vater die geliebten
Sweatshirts des Sohnes an.
Ein
lebender Leichnam sei sein Sohn, sagt der Vater. Es komme keine
Reaktion, kein Erkennen, kein Lächeln. Und doch erzählt er ihm
stets, wie Bayern und Dortmund gespielt haben. Manchmal scheint es
dem Vater, als könne sich Heiko über sein Pulsoximeter mitteilen.
Als würden Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung steigen, sobald er
den Raum betritt. Gibt es nicht Untersuchungen aus England, die
gezeigt haben, dass Wachkomapatienten noch vieles mitbekommen?
Keiner
weiß, sagt der Vater, in welcher Welt Heiko lebt.
Nachdem
sein Sohn aus der Reha angeliefert wurde, "entlassen zur Pflege
nach Hause", hob der Vater Lieblingshund Charlie hoch an das
Pflegebett. Er sagte: Schau, da ist der Heiko wieder. Aber Charlie
drehte den Kopf weg. Katze Lea hingegen springt gern auf das Bett und
scheint sich bei Heikos starren Füßen wohlzufühlen.
Bis
vor wenigen Monaten arbeitete der Vater beim Zoll als
Abfertigungsleiter Ausfuhr im gehobenen Dienst. 45 Jahre lang hat er
das Gesetz vertreten. Es gab immer klare Regeln, ein Richtig und ein
Falsch, ein Legal und ein Illegal und manchmal einen kleinen
Ermessensspielraum. Gefühle spielten keine Rolle.
Jetzt
aber ist seine Lage äußerst unklar. Statt eines Gesetzes existiert
in Deutschland in der Frage des Sterbens und Sterbenlassens eine
Grauzone. Groß scheint das Ermessen. Jede Überlegung ist beladen
mit Gefühlen.
Die
künstliche Ernährung einzustellen, ist das aktiv oder passiv? Wenn
Heiko dann allmählich verhungert, ist das ein natürlicher Tod oder
eine Tötung? Ist Heiko ein Sterbender, der nur mit Hilfe von Technik
am Leben gehalten wird? Oder ist er ein geistig und körperlich
Behinderter, der Unterstützung braucht? Hat der Heiko von einst ein
Recht auf seinen Tod? Oder hat der Heiko von heute, sein Körper, ein
Recht auf Leben? Verwehrt man dem einen ein würdevolles Ende, oder
beraubt man den anderen der Würde des Daseins?
Muss
da nicht, fragt der Vater, eine Ethikkommission entscheiden? Ein
Richter? Rechtfertigt Heikos Patientenverfügung überhaupt das
Stoppen der Nahrungszufuhr? Er möchte, so unterschrieb Heiko damals,
keine lebensverlängernden Maßnahmen, wenn es zu einem nicht
behebbaren Ausfall lebenswichtiger Funktionen seines Körpers kommt,
der zum Tod führt. Ist das Großhirn lebenswichtig? Die von der
katholischen und evangelischen Kirche formulierte Verfügung enthält
eine gewisse Tücke. Sie erlaubt das Sterben, wenn man stirbt.
Situationen wie das Wachkoma erfasst sie nicht.
Darf
Heiko sterben? Oder muss er leben? Darf er leben? Oder muss er
sterben?
Tun
Sie es nicht, warnte der katholische Priester die Eltern. Tun Sie es
nicht.
Die
Mutter sagt: Ich weiß, dass ich Heiko gehen lassen muss, aber ich
würde mich dann auch umbringen. Er ist ja warm, wenn man ihn
streichelt. Er ist mein Sohn! Die Mutter ist klein und kräftig. Ihre
Haare trägt sie kurz und gesträhnt. Feine rote Äderchen
durchziehen ihre Wangen. Nach Heikos Unfall erlitt sie einen
Hörsturz. Auch Riechen könne sie seitdem nicht mehr so gut, aber
das erleichtere die Pflege. Sie sagt von sich: Ich bin ein hartes
Leben gewohnt. Aufgewachsen ist sie auf einem Einödhof, ohne Strom
und Telefon. Die Böden des Vaters waren wenig fruchtbar, er hielt
ein paar Tiere, sie half im Stall. Sie lernte Krankenschwester in
einer Zeit, in der Kliniken noch wie Kasernen geführt wurden. Sie
zog die Kinder groß. Nun hat sie ihr großes Kind wieder.
Oft
stehen Tränen in ihren Augen. Oft sagt sie: dieses Scheißleben.
Niemals, sagt die Mutter, könne sie Heiko in ein Heim geben. Dort
bekäme er keine Liebe, keine Aufmerksamkeit, niemand würde mit ihm
sprechen. Sie hat die vielen wunden Stellen an seinem Körper
gesehen, als er im Bett der Reha-Station lag. Dieses Leid wolle sie
ihm ersparen. Heiko ist vollkommen hilflos, sagt sie. Hilfloser als
ein Neugeborenes. Er könne nicht einmal schreien.
Die
Mutter pflegt Heiko perfekt. Sie pumpt Sekret ab, sie cremt seine
Haut ein, sie richtet die Dampfwolke des Inhalators auf die
Trachealkanüle, um die Lunge zu befeuchten. Ein Arzt meinte, so
könnte Heiko noch gut und gerne 20 Jahre leben. Der Gedanke machte
die Mutter stolz, aber vor allem machte er ihr Angst. Was, wenn Heiko
sie überlebt? Wie lange können wir das noch, fragt sie. Ich möchte
nicht, dass er da bleibt, wenn wir nicht mehr sind.
Wie
zwei Gefangene leben die Eltern in ihrem Haus. Gefangene ihrer Angst,
ihrer Gefühle der Schuld und der Verantwortung. Als Gehilfen eines
pflegebedürftigen Körpers, mit dem sie allein gelassen sind. Von
den alten Freunden kommt Mitleid, aber wenig Unterstützung. Der
Hausarzt macht keine Visiten mehr. Er sagt, es übersteige sein
Budget. Auch Heikos Schwester meldet sich selten. Sie sei Lehrerin,
sie habe selbst Kinder und ihr eigenes Leben, sagen die Eltern und
nehmen ihre Tochter in Schutz, so wie Eltern ihre erwachsenen Kinder
in Schutz nehmen vor ihrer heimlichen Sehnsucht nach mehr Nähe.
Nie
unternimmt das Ehepaar etwas gemeinsam. Weil immer einer bei Heiko
bleiben muss. Und weil ihnen ja unterwegs etwas zustoßen könnte.
Die Eltern wagen auch nicht, Heiko in einen Rollstuhl zu schnallen
und mit ihm einen Spaziergang zu unternehmen durch die Siedlung oder
hinaus auf die Felder. Der Sohn ist schwer, sie bräuchten Hilfe,
spätestens für die Treppen im Garten. Und die Leute würden gaffen.
Ich würde auf sie losgehen, sagt die Mutter. Ich würde das nicht
aushalten.
Nachts
terrorisiert sie der Alarm. In einem schrillen Stakkato schlägt das
Messgerät an, sobald Heikos Puls unter 45 Schläge oder seine
Sauerstoffsättigung unter 85 Prozent fällt. Meist stehen die Eltern
mehrmals auf, schütteln und rütteln ihren Sohn, betten ihn um oder
nehmen ihm den Filter der Trachealkanüle ab, seine künstliche Nase.
Oft scheint es der Mutter, als habe Heiko Schmerzen. Dann gibt sie
ihm Valium, nur wenig, denn das Mittel könnte seine Lunge lähmen.
Ich
glaube, dass der Zustand für ihn eine Qual ist, sagt die Mutter. Wir
halten das seelisch nicht aus. Wir sind so im Zwiespalt. Und dann
sagt sie: Das ist ja kein Leben mehr. Und sie lässt es offen, ob sie
von Heiko oder von sich spricht.
Die
schlimmste aller Ängste der Eltern ist, Heiko könnte tatsächlich
noch einmal zu sich kommen. Er würde aufwachen, begreifen, wie es um
ihn steht, und seinen Eltern vorwerfen: Warum habt ihr mich nicht
sterben lassen?
Morgens
kommt Hilfe, bezahlt von der Pflegekasse. Eine resolute
Physiotherapeutin, ihren eigenen Bandscheibenvorfall ignorierend,
beugt und streckt Heikos Arme und Beine, damit seine Gelenke nicht
versteifen. Nach links, Heiko! Nach rechts! Bravo! Eine
Krankenschwester wäscht ihn mit kräftigen, schnellen Bewegungen.
Ihr Handy ist ihre Stechuhr. Abrechnen muss sie nach Minuten.
Schließlich kommt Krankenschwester Claudia zum Haareschneiden. Im
Salon ihres Vaters war Heiko schon als Kind ein Kunde. Zur Begrüßung
fragt sie: Bist es noch Heiko, bist es noch? Und sie scherzt: Ein
Dreitage-bart! Ein kleiner Rambo. Schaut doch verwegen aus. Die
Mutter sagt: verwegen mit Windeln.
Als
die Haare geschnitten sind, nach einem langen, anstrengenden
Vormittag, scheint Heiko unruhig zu werden. Sein Körper beginnt zu
zittern. Er kriegt einen Anfall, ruft die Mutter. Heiko, Heiko
entspann dich, sagt die Krankenschwester und hält seine Arme fest.
Der Vater drückt mit seinen Fingern auf zwei Punkte der Stirn,
Akupressur, wie es ihm sein Sohn vor Jahren einmal beigebracht hat.
Nervös schaut er auf das Messgerät. Heiko krampft, er vibriert,
seine Haut wird blass. So stark können seine Spasmen werden, dass
seine Sehnen reißen. Seine Atmung könnte aussetzen. Die Mutter
greift nach dem Valium und träufelt ihrem Sohn ein wenig in den
Mund. Heiko, es ist alles gut, sagt sie.
Gut,
dass es vorbei ist, sagt die Krankenschwester nach einer Weile. Ja
und nein, sagt die Mutter. Die Schwester schaut etwas irritiert und
meint: Ich hätte den Arzt gerufen. Die Mutter entgegnet: Ich nicht.
So weit bin ich. Dann wäre ich rausgegangen,beharrt die Schwester,
und hätte ihn mit dem Handy geholt.
Die
Eltern hoffen auf einen zweiten Schlag des Schicksals, auf eine
höhere Macht. Auf eine Lungenentzündung vielleicht, an der Heiko
sterben und die ihnen ihre unendlich schwere Entscheidung abnehmen
würde. Auf einen zweiten, diesmal gnädigen Tod. Die Eltern würden
in ein Loch fallen, den Mittelpunkt ihres Lebens verlieren. Aber sie
könnten Abschied nehmen, und sie könnten vielleicht einen Traum
verwirklichen, den sie hegten, als die Welt für sie noch in Ordnung
war. Auf dem Gehöft, in dem die Mutter aufgewachsen ist, wollten sie
einen Gnadenhof einrichten für alte Haus- und Nutztiere.
Ich
wünsche mir, dass Heiko erlöst wird, sagt der Vater, dann sind auch
wir erlöst.
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