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30.06.16

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Klaus Jarchow „Kisch und die Wahrheit

Egon Erwin Kisch, schreibt Klaus Jarchow, "steht für den Sieg des Rechercheurs und Reporters über den Feuilletonisten, der zuvor in den Redaktionen die höchste Gunst des Verlegers genoss." Er propagierte unbedingte Wahrhaftigkeit - hielt sich selbst aber nicht an dieses Gebot:

"Wieder und wieder hat Kisch seine Geschichten für die Buchausgaben umgeschrieben, bis kein Stein mehr auf dem anderen stand. Seine Sozialreportagen wurden so lange glatt recherchiert, bis hinten mit tödlicher Sicherheit der siegreiche Kommunismus herauskam. Und auch die Figur des ‘rasenden Reporters’, der rastlos durch die Straßen schleicht, immer auf der Jagd nach der Geschichte, die ist schlicht ein Märchen. Denn Kisch war in Wirklichkeit der Typus des bequemen, sinnenfrohen, leicht korpulenten Genussmenschen, der fünfe gerne gerade sein ließ. Er war nun mal kein abgehetztes HDA-Kind auf Ritalin. Schreiben allerdings, schreiben konnte der Mann …"

Der Artikel wurde zuerst publiziert in dem - inzwischen eingestellten - Schweizer Blog Medienlese.

Henri Nannen rief den Egon-Erwin-Kisch-Preis im Jahr 1977 ins Leben, mitten im „deutschen Herbst‟. Einige Jahre nach Nannens Tod, im Jahr 2005, konnte die deutsche Publizistik dann endlich den Skandal beenden, dass nämlich der wichtigste deutsche Journalistik-Preis von einem allzu sprachversessenen und unverantwortlichen Stern-Verleger auf den Namen eines waschechten Kommunisten und DDR-Apologeten getauft worden war. Der Hofsänger des Neopatriotismus Matthias Matussek als Träger des Egon-Erwin-Kisch-Preises - das klang für viele Ohren wirklich putzig.

Seither jedenfalls trägt die ideologisch entschärfte Auszeichnung den Namen ihres Gründers: Henri-Nannen-Preis (vormals Egon-Erwin-Kisch-Preis). Mit anderen Worten: Die Geschichte der Publizistik steckt voller Ironie.

Egon Erwin Kisch allerdings steht für weit mehr, als das Etikett „Kommunist‟ preisgibt: Publizistisch steht er für den Sieg des Rechercheurs und Reporters über den Feuilletonisten, der zuvor in den Redaktionen die höchste Gunst des Verlegers genoss. Die Geschichten kamen jetzt von der Straße, sie wurden auf alltäglichen Schauplätzen aufgelesen, im Journalismus kam es plötzlich auf das Auge, auf die Perspektive und auf das Vor-Ort-Sein an - und das Resultat wurde noch dampfend den Lesern serviert. Anstelle gut abgehangener und verdauungsförderlicher Betrachtungen bspw. über den „Wandel des liberalen Gedankens als Folge der Marokkokrise‟. Nun dominierten für einige Jahre in allen Redaktionen die „Pflastertreter‟ über die „Sesselpuper‟ - auch wenn das besagte Pflastertreten heutzutage oft genug darin besteht, als braver Pudel politischer Interessen sich im Café Einstein mit jenen mundgerechten Info-Häppchen füttern zu lassen, die man später in die Tastatur erbricht.

Kisch entwickelte sein Verfahren - so die Legende - als in Prag die Schittkauer Mühlen brannten. Eine Geschichte die bis heute in jedem Journalistik-Seminar verwurstet wird, wenn es um das Thema publizistischer Wahrheit und Verantwortung geht. Kisch ist damals Volontär bei der „Bohemia„, noch ein wenig feucht hinter den Ohren, er wird wegen seines Stils aber schon von „den Frankfurtern‟ gelobt, also von der „Brandstwiete‟ jener Zeit, was ihm den blanken Neid seiner Prager Kollegen einträgt. Die lassen ihn daher gnadenlos auflaufen, als er verspätet am Brandort eintrifft. “Irgendwelche Details“, fragt er naiverweise einen anderen Reporter. Der zeigt auf die Flammen und sagt: “Es brennt“.

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Klaus Jarchow


Klaus Jarchow (Jg. 1953), promovierter Germanist und Historiker, Journalist, dann Pressesprecher für Fraktion und Landesverband Die Grünen in Bremen, daraufhin Leiter des EU-Modellprojektes "Ausbildung zum PR-Berater", seither selbständig als freier Werbetexter. Als Schreiber eher auf den 'Langstrecken' unterwegs, also Kundenzeitschriften, Reden, Broschüren, Netzauftritte etc. Im Web für etwa ein Jahr Schreiber für die Schweizer 'medienlese', private Blogs von eher experimentellem Charakter finden sich unter www.stilstand.de und www.chatakins.blogger.de .
Dokumente
Klaus Jarchow über Egon Erwin Kisch (pdf)

erschienen in:
Medienlese-Blog,
am 23.12.2008

 

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