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29.05.16

Wie man's macht

Henning Sußebach „Wie finde ich ein Thema?

Muss in jeder guten Reportage mindestens eine Katastrophe vorkommen oder ein Prominenter? Für Henning Sußebach liegen die spannenden Themen vor der Haustür. Der „Zeit?-Reporter über seine neue Begeisterung für die Exotik des Alltäglichen.

„Wie finde ich ein Thema?? von Henning Sußebach


Wie ein Reporter zu seinem Thema kommt? Ehrlich gesagt: So genau weiß ich das auch nicht, was daran liegt, dass oftmals gar nicht der Reporter zum Thema kommt, sondern das Thema zum Reporter. Die daraus resultierende Geschichte ist meist die bessere, weil sie nichts Bemühtes hat.

Es gab sie ja schon ohne den Reporter.

Was aber, wenn da zwar ein Reporter ist, aber kein Thema? Hilft Reden? Spazierengehen? Gibt es einen Ausweg, womöglich einen mit Abkürzung?

Ich glaube, dass ein guter Reporter eher intuitiv zu seinen Themen kommt, vermutlich wiederum aus dem Grund, dass eine Reportage mit erzwungenem Zugang schnell leblos wirkt, und Leblosigkeit sollte nicht unbedingt das Wesen einer Reportage sein. Ob geplant oder intuitiv – mir fallen vier typische Zugänge zu einer Reportage ein, aber sicherlich gibt es mehr:

Da ist, erstens, das Drama, also eine Tat (wie ein Mord) oder eine Katastrophe (wie ein Erdbeben), deren Zustandekommen, Verlauf und Folgen man beschreibt.

Da ist, zweitens, die Prominenz einer Person, die bei Reportern und später bei Lesern schon allein so viel Interesse weckt, dass das Zugang genug ist für einen Text, der später meist Portrait wird.

Da ist dann, drittens, eine Art erklärendes Konstrukt, das in den vergangenen Jahren prägend war, weil der Journalismus sich die Aufgabe gestellt hat, die Globalisierung zu erklären – und die Globalisierung dabei auch den Journalismus erfasst hat: Ziel dieser Reportagen ist es, weltweite Zusammenhänge und deren Auswirkung auf den Einzelnen zu beschreiben, ob in Flüchtlingsgeschichten, Arbeitsplatzverlagerungsgeschichten oder in Geschichten, in denen der Reporter einem Altkleidungsstück folgt. Diese Reportagen werden meist am Schreibtisch ersonnen und werden dann mit Wirklichkeit gefüllt. Sie spielen an vielen Schauplätzen und haben mehrere Hauptdarsteller, in der Regel in verschiedenen Funktionen und aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Das hat zum Beispiel die „chinesische Näherin? Eingang ins deutsche Reportage-Genre verschafft.

Und viertens ist da noch ein Zugang, der neben der weltumspannenden Reportage mickrig und altbacken wirkt und für den ich kein treffendes Wort finde, obwohl ich ihn derzeit am meisten mag: Man könnte ihn Alltäglichkeit nennen. Oder Normalität. Oder die Suche nach dem Naheliegenden, über das man in den letzten Jahren so oft hinweg geblickt hat.

(...)


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Henning Sußebach


Henning Sußebach wurde geboren 1972 in Bochum. Studium der Journalistik an der Universität Dortmund, von 1995 bis 1997 Volontär bei der Berliner Zeitung, von 1998 bis 2001 Redakteur bei derselben. Seit 2001 Redakteur der ZEIT. 2006 und 2007 ausgezeichnet mit dem Henri Nannen Preis.
Dokumente
Wie finde ich ein Thema? (pdf)
Links
Reportage „Schulz zieht in den Krieg? (Die Zeit)
Reportage „Hoffmanns Blick auf die Welt? (Die Zeit)

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 01.10.2007

 

Kommentare

Palvi, 14.06.2013, 12:11 Uhr:

Your story was really infomratvie, thanks!

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