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25.05.13

Prämierte Texte

Thomas Scheen „Aleksandr, der Bruchpilot

Dieser Text wurde mit dem Theodor-Wolff-Preis 2009 ausgezeichnet.

Thomas Scheen

Die Frage, ob man schon einmal auf einem Flugzeugträger gelandet sei, hätte skeptisch machen müssen. Das hatte Aleksandr wissen wollen, als er die zweimotorige Let 410 in den Himmel über Goma schraubte und Kurs auf Walikale nahm. In seinem zungenschweren Englisch hatte er etwas von "kontrolliertem Absturz" gemurmelt. Und dabei herzhaft gelacht.

Dreißig Minuten später, im Anflug auf Walikale, scheint dem Spaßvogel das Lachen allerdings vergangen zu sein. Denn die Let bockt in den Turbulenzen wie ein störrischer Esel. Mal sackt sie nach unten durch, dann wieder wird sie nach rechts gedrückt. Und immer wenn der schweißgebadete Aleksandr das Flugzeug auf Kurs zurückgebracht hat, trifft die nächste Bö und das Spiel mit Seitenruder, Steuerknüppel und Schubkraft beginnt von neuem, bis in der Cockpitscheibe ein Stück Asphalt aus dem immergrünen Urwald auftaucht: die Hauptstraße von Walikale, die gleichzeitig die Landebahn ist; 300 Meter lang, mit zahlreichen Schlaglöchern übersät und zudaem nicht vollständig einzusehen, weil sie eine Kurve beschreibt.

Walikale, das ist Synonym für alles, was schiefgeht in Kongo. Walikale ist die Welthauptstadt der Koltan- und Kasserit-Förderung, jener beiden sündhaft teuren Erze, die vor allem in Handys und Computer-Spielkonsolen Verwendung findet. Zehntausend Menschen graben in den Hügeln rund um den ostkongolesischen Weiler nach dem Erz. Walikale, das ist die kongolesische Variante des Clondike mit all seinen Nebenerscheinungen: dem Faustrecht, dem bewaffneten Gesindel und verwegenen Gestalten wie Aleksandr, dem Piloten aus Sewastopol am Schwarzen Meer.

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Thomas Scheen


Thomas Scheen, geboren 1965 im belgischen Eupen. Ab 1984 ausgedehnte Reisen durch Schwarzafrika sowie einige Jahre als Fernfahrer. 1990 Abitur über zweiten Bildungsweg, anschließend Studium der Germanistik und der Politischen Wissenschaften in Aachen. Parallel dazu freier Belgien-Korrespondent für deutsche Tageszeitungen. 1996 Volontariat bei der „Kölnischen Rundschau“, danach durch die lehrreiche Schule des Lokalredakteurs gegangen. Am 1. Januar 2000 Eintritt in die politische Nachrichtenredaktion der F.A.Z.. Seit November 2000 Korrespondent für Schwarzafrika mit Sitz in Abidjan. Nach vier Jahren im westafrikanischen Bürgerkriegsland Côte d’Ivoire berichtet tos. seit Anfang 2005 von Johannesburg in Südafrika aus.
Dokumente
Aleksandr, der Bruchpilot (PDF)

erschienen in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ),
am 02.05.2008

 

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