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Dieser Text wurde von den Vorjuroren für den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2009 vorgeschlagen.
Niklas Maak
Gerald Hass landet mit der Nachmittagsmaschine aus London in Berlin-Tegel. Es ist Sonntag, der 29. Juni 2008, Deutschland stand im Finale der Europameisterschaft. Am Flughafen laufen Männer mit Deutschlandfahnen an ihren Rollkoffern herum, und auf dem Parkplatz singen ein paar Leute "Deutsch-Laaand, Deutsch-Laand" zu einer Phantasiemelodie; sie waren gerade gelandet und sehr betrunken. Gerald Hass nimmt ein Taxi in die Stadt. Auf dem Weg gibt es einen Stau, im Radio melden sie, dass die Fanmeile vor dem Brandenburger Tor wegen Überfüllung geschlossen sei. Hass sieht ein Fahnenmeer, aufgeregt hupende Autos, johlende Menschen, die Türme des Potsdamer Platzes. Dann setzt ihn das Taxi vor einem Plattenbau in der Wilhelmstraße ab.
Als Hass zum letzten Mal in Berlin war, hatte der Reichstag eine andere Kuppel, in der Wilhelmstraße gab es keine Plattenbauten, und die Fahnen, die überall wehten, trugen schwarze Hakenkreuze. Als Hass das letzte Mal in Berlin war, das ist jetzt genau siebzig Jahre her.
Es war im Herbst 1938, als seine Mutter ihre drei Söhne in den Zug packte, nach Frankreich floh und von dort aus nach London fuhr. Es war der Herbst, in dem das Auswärtige Amt des Deutschen Reiches die vollständige Ausweisung aller Juden polnischer Staatsangehörigkeit verfügt hatte, als die Gestapo siebzehntausend jüdische Männer, Frauen und Kinder verhaftete und nach Polen deportierte, der Herbst der Reichspogromnacht. Hass weiß nicht mehr, ob sie davor oder danach geflohen sind; er war vier damals, und seitdem war er nicht mehr in Berlin.
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